Monica Corrado: Mit Tradition in die Zukunft

    

     

        

Unter dem Titel "Mit Tradition in die Zukunft: Der tagdid-Diskurs in der Azhar und ihrem Umfeld" hat die Islamwissenschaftlerin Monica Corrado 2011 ihre Dissertation veröffentlicht.

     

       

        

Die hier wiedergegebene Rezension habe ich der NZZ zugeschickt, die aber das Thema als "zu speziell" erachtet hat, was nicht ganz falsch ist. Ich habe die Rezension schliesslich zur Buchanzeige bei amazon.de gelegt - und hier auf meine Website.

Regsame Gelehrte - Dissertation zur islamischen Reformdebatte (Mai 2012)

     

Von Fausi Marti

     

Die Medien haben Monica Corrados Dissertation nur wenig gewürdigt. Wer diese hochinteressante Forschungsarbeit verstehen will, braucht tatsächlich Vorkenntnisse und ein Mass Geduld. Aber es lohnt sich, und vielleicht macht die folgende Rezension Lust zu diesem Wagnis.

   

"Die religiöse Kultur des Korans verhindert die Entwicklung moderner Gesellschaften", meint der Publizist Frank A. Meyer (Sonntagsblick 5.9.2004). Und im Untertitel seiner Studie "Versiegelte Zeit" (2005) spricht der Religionswissenschaftler Dan Diner laut Untertitel "über den Stillstand in der islamischen Welt". Auch im politischen Diskurs erscheint der Islam oft als rückständig und als Bedrohung für die freie Welt. Wie wenig passt zu diesem Bild der "arabische Frühling"!
Es ist verdienstvoll, dass die Islamwissenschaftlerin Monica Corrado (Universität Bern) das allzu statische Bild vom "Stillstand in der islamischen Welt" in ihrer Dissertation korrigiert. Es geht ihr, wie der Untertitel sagt, um die Diskussion über die islamische Erneuerung, arabisch tagdid. Die Autorin verfolgt diesen Diskurs, wie er in den letzten 80 Jahren in der Azhar-Universität in Kairo stattfand. Die Azhar ist die weltweit einflussreichste Stätte islamischen Denkens. In Ägypten spielt die Azhar eine wichtige und auch problematische Rolle im politischen Alltagsleben. Zu ihrem Umfeld gehört das Ministerium für Stiftungen mit seinem "Höchsten Rat für Islamische Angelegenheiten".

    

Tagdid (Erneuerung) ist ein Begriff aus der Prophetentradition, er hat also theologisches Bedeutung. In der Prophetentradition ist überliefert, es werde in jedem Jahrhundert jemand kommen, um den islamischen Glauben zu erneuern. Viele Muslime - islamistische und reformorientierte - sehen darin eine Aufforderung zur ständigen Erneuerung des Glaubens. Für reformorientierte Gelehrte geht es um die Anpassung der Religionspraxis an die Erfordernisse der Zeit, ohne dabei die Grundwerte des Islams in Frage zu stellen. Damit setzen sich die Gelehrten ab von der verbreiteten westlichen Vorstellung, dass Tradition ein Hindernis für den Fortschritt sei. Ebenso gut könne nämlich - so zitiert die Autorin Richard von Dülmen - Tradition ein Handlungsrahmen sein, "der von den Betroffenen mit Leben und Sinn erfüllt wird, der aus der Vergangenheit stammt, aber sich durchaus dynamisch verhält und sich keineswegs der Moderne verschliesst.'

    

Methodisch stützt sich die Autorin auf die Diskursanalyse im Sinne des französischen Philosophen Michel Foucault. Es geht Monica Corrado darum, das 'reziproke Verhältnis von Text und Kontext, von Sprache und Gesellschaft' (Achim Landwehr) freizulegen. Sie will also die ausgewählten gedruckten Texte nicht nur textimmanent, sondern auch in ihrem gesellschaftlichen Kontext untersuchen - es geht mit ihren Worten um eine Verbindung des "philologisch-ideengeschichtlichen" mit dem "sozialgeschichtlich-funktionalen" Ansatz.

     

Es debattieren und streiten also Gelehrte im Bereich der Azhar um die Erneuerung des Glaubens. Wer sind diese Gelehrten? Es sind Männer wie zum Beispiel Amin al-Khuli (1895 bis 1966), der als Begründer der literaturwissenschaftlichen Koranexegese gilt. Das heilige Buch der Muslime Islam mit literaturwissenschaftlichen Mitteln deuten, damit hat al-Khuli unter konservativen Gelehrten für Unmut und Aufruhr gesorgt. Oder Männer wie Mahmud Hamdi Zaqzuq, geboren 1933. Zaqzuq hat in den 50er Jahren an der Azhar studiert und danach in München eine philosophische Dissertation geschrieben. 1996 wurde er Minister für Stiftungen. Von diesem Amt trat er nach der Revolution von 2011 zurück.

    

Monica Corrados Analyse hat viele interessante und neue Erkenntnisse zu Tage gefördert. Zwar ist der ganze Diskurs, so Corrado, ein "Eliten- oder Spezialdiskurs, der sich mehrheitlich selbst reproduziert". Sozusagen eine akademische Spielwiese, die sich von der Azhar-Universität bis zum Ministerium für Stiftungen erstreckt. Andererseits aber, so zeigt sie auf, ist der Erneuerungsdiskurs im letzten Jahrzehnt stark versachlicht worden. Nicht mehr die Person, sondern das Gedankengebäude steht im Vordergrund - ein Fortschritt. Zudem ist das Interesse an der Erneuerung des Glaubens in den letzten Jahren stark gestiegen, und zwar nicht nur in Ägypten, sondern auch in der übrigen islamischen Welt, wie sie mit Texten aus Indonesien, Tansania und Saudi-Arabien belegt.

    

Als Grund für das zunehmende Interesse ortet die Autorin eine verbreitete Krisenwahrnehmung in der islamischen Welt, die die Globalisierung als Herausforderung oder sogar als Gefahr sieht. "Der Erneuerungsdiskurs besitzt daher eine inner- wie ausserislamische Orientierung", es gehe nicht mehr nur um gelehrte theologische Debatten, in vielen Texten sei "eine sozialreformerische Tendenz auszumachen, die in der Auseinandersetzung mit konkreten Problemen ihren Niederschlag findet". Deutlich ist dieser Aspekt beim erwähnten Minister Zaqzuq. Laut ihm müssten die Muslime in einer interdependenten Welt ihr Leben erneuern und eine Position finden zu Fragen wie Klonen, Organtransplantation und In-Vitro-Fertilisation.

     

Die Diesseitsorientierung der Azhar ist auch eine Folge ihrer institutionellen Bedrohung. Seit bald 100 Jahren erfolgt eine langsame Anbindung an den Staat - unterdessen stehen die Azhar-Gelehrten im Sold der Regierung. Zudem sind viele frühere Zuständigkeiten der Azhar an die säkulare Herrschaft übergegangen: das Bildungswesen, das Rechtswesen, die mächtigen Wohlfahrts-Stiftungen. Angesichts ihrer Abhängigkeit vom Staat ist der Azhar längst eine mächtige Konkurrenz durch Laienpriester erwachsen, die ihre unabhängigen und "wahren" Botschaften unter das Volk bringen - im Internet-Zeitalter mit ganz neuer Intensität. Die Azhar muss also ihren Geltungsanspruch gegenüber den Gläubigen in Ägypten und der islamischen Welt immer wieder neu legitimieren.

     

"Mit Tradition in die Zukunft" - die Dissertation weist analytisch präzis, detailreich und farbig nach, dass ein Erneuerungsdiskurs in der wichtigsten "Denkfabrik" der islamischen Welt stattfindet. Dieser Diskurs hat schon längst die "islamischen" Grenzen überschritten und thematisiert konkrete Alltagsfragen. Zur Illustration geht Monica Corrado auf den Erneuerungs-Kongress ein, der 2001 in Kairo stattfand. Dabei wird auch sichtbar, wie sich die Erneuerung manchmal noch schwer tut, auf Fragen der Zeit einzugehen. Dies zeigt sie am Beispiel der aktuellen ägyptischen Verfassung, die einen islamischen Staat begründet, dessen hauptsächliche Rechtsquelle die islamische Scharia ist. Die Gelehrten hielten diesen Verfassungsartikel - so Corrado - nur dann für praktikabel, wenn es gelinge, mittels igtihad (selbständige Rechtsfindung) all jede Fragen zu regeln, zu denen weder der Koran noch die Prophetentradition Stellung beziehen (z.B. Klonen, künstliche Befruchtung). Ausserdem müssten die neuen Anordnungen in Gesetze gegossen werden. Und dazu bräuchte es spezialisierte juristische Akademien, "die neben Rechtsgelehrten auch Experten für gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Fragen einbeziehen'. Faktisch plädierten die Gelehrten, so Corrado nach einer Formulierung von Alexander Flores, für die 'Geltung positiven Rechts unter mehr oder weniger fiktiver Berücksichtigung von Erwägungen, die sich auf die Scharia gründen'. Der Scharia-Artikel muss also bleiben, der Rest darf ruhig säkular sein!

    

Was aber hat der "Elitendiskurs" mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun? Hier beschränkt sich die Autorin auf die Feststellung eben dieses Elitecharakters. Und die politische Weltfremdheit der führenden Azhariten illustriert sie mit einem Aufruhr, den 2004 die Regierung und die Azhar hervorgerufen haben. Es ging um die Vereinheitlichung der Gebetsrufe, die der alltäglichen Kakophonie in Kairo ein Ende setzen sollte. Obwohl vom Grossmufti bis zu allen grossen Azhar-Gelehrten das ganze "Establishment" dafür war, widersetzte sich die Bevölkerung dem Vorhaben. Sie sah die Massnahme - sicher nicht zu Unrecht - als Schritt zur Disziplinierung der zahlreichen privaten Moscheen, und die Azhar als Transmissionsriemen der Regierung Mubarak.

   

Die meisten Ägypterinnen und Ägypter - die aufständische Jugend eingeschlossen - betrachten und bekennen sich als Muslime. Trotzdem ertönte im Volksaufstand vom Januar 2011 nicht der Ruf nach Hilfe durch eine islamische Institution, weder der Azhar noch der Muslimbrüder. Und tatsächlich hat der Rektor der Azhar, Grossscheich Ahmed al-Tayyib, 2011 angesichts der revolutionären Ereignisse nicht agiert, sondern nur reagiert: zuerst als Fürsprecher seines Brotgebers Mubarak, dann durch Aufrufe zur Ruhe, und erst nach erfolgtem Umsturz zeigte er Bereitschaft zum Dialog mit den Aktivisten. Es stellen sich also Fragen: Ist die staatlich besoldete Azhar mit ihrem "Elitendiskurs" ein Transmissionsriemen des politischen Establishments oder kann sie ihre Rolle als geistige Autorität zum Nutzen der Gläubigen wahrnehmen? Wie sähe die Analyse aus, wenn man die Äusserungen der Azhariten systematisch an Kernbegriffen der Moderne (Menschenrechte, Demokratie, Religionsfreiheit, Minderheitenschutz usw.) messen würde? Dass es offene Fragen gibt, anerkennt Monica Corrado unumwunden, wenn sie zum Beispiel schreibt: "Eine Studie, welche die Rezeption von Spezial- und Elitendiskursen auf der Ebene der Bevölkerung oder der Medien untersuchen würde, stellt daher sicherlich ein Desiderat dar." Sozialwissenschaftlich orientierte Untersuchungen auf diesem Gebiet wären also wünschenswert.

   

Ganz so versteinert ist der islamische Diskurs also nicht. Und zusammen mit den neuesten politischen Ereignissen erweist es sich, dass Entwicklungen möglich sind und der Westen schlecht beraten ist, wenn er der islamischen Kultur jede Entwicklungsfähigkeit abspricht. Sicher wäre es sinnvoll und möglich gewesen, die Dissertation für die Publikation stilistisch zu überarbeiten und damit einem breiteren Publikum den Einstieg zu erleichtern. Als Vorbild hätte Corrados Doktorvater Professor Reinhard Schulze dienen können, der in Fernseh- und Radio-Debatten immer wieder zeigt, dass wissenschaftlicher Anspruch und einfache, prägnante Sprache einander nicht widersprechen müssen. Aber alles in allem gilt: Monica Corrados Dissertation ist lesenswert!