SEKEM-Berufsbildung I

 

Wer dem Verkehrsinferno Kairos entkommen ist und auf der SEKEM-Farm bei Belbeis eintrifft, wird aufatmen: Vogelgezwitscher, Menschenstimmen aus den Feldern, Farben soweit das Auge reicht, helles Licht, saubere Luft. Mitten im riesigen Landwirtschaftsbetrieb liegt das Berufsbildungszentrum, dessen Schreinerei Thema der nächsten Blogbeiträge ist. Anlass ist ein Besuch der Lehrwerkstätte. Drei Porträts sowie Fotos und Hintergrundinformationen sollen ein Bild vermitteln, wie sich die Schreinerei in den letzten Jahren entwickelt hat. Zu Beginn des Lehrwerkstätten-Projekts 2012 galt es als normal, dass sich nur Jungs für die Ausbildung anmelden. Seit einem Jahr sind auch Mädchen dabei, und diese fügen sich gut in den Betrieb ein - mehr noch: Sie verbessern das Arbeitsklima. Das erste Porträt gilt der Auszubildenden Amani, das zweite dem Ausbildungschef Mohamed. 

 

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Farben soweit das Auge reicht, helles Licht, saubere Luft

 

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Das Berufsbildungszentrum von SEKEM

 

Der Link zur Vorgeschichte: Blog "Nächste Ausfahrt Beruf" von 2015 

 

  

Amani

Amani ist 16 Jahre alt und steht im ersten Lehrjahr. Sie wohnt in einem kleinen Dorf in der Nähe der Farm und kommt täglich (ausser Freitag) in einem SEKEM-Bus in die Farm, zweimal in die Berufsschule und viermal in die Schreinereiwerkstatt. Für sie ist sogar die ländliche SEKEM-Farm ein Teil der grossen Welt, ein neuer Horizont. Dementsprechend wirkt sie trotz ihrer klaren Ansichten zurückhaltend und wortkarg, manchmal fast scheu.

 

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Amani beim Interview

 

Amani, wie bist du auf die Schreinerausbildung gekommen und warum hast du sie gewählt?

 

Sie haben im Dorf Informationen verteilt. SEKEM kannte ich bereits, da meine Schwester hier zur Schule geht. Bei mir im Dorf gibt es kaum Schreiner, und schon gar keine Mädchen im Schreinerberuf. Auch sonst sind die Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten sehr begrenzt. Da wollte ich etwas Ungewöhnliches wagen: Ich möchte Schreinerin werden und dabei besser sein als die Jungs!

 

Wie empfindest du denn das Klima in der Ausbildung zusammen mit Jungs?

 

Sie sind ok, wie Brüder. Eigentlich benehmen sie sich gut. Sie versuchen zu zeigen, was sie können, aber wir Mädchen tun das auch.

 

Waren deine Eltern begeistert von deinem Berufswunsch, haben sie dich unterstützt?

 

Na ja, sie waren auf jeden Fall nicht wütend auf mich. Sie waren zufrieden, dass ich eine Lehrstelle gefunden hatte und haben mir freie Hand gelassen.

 

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Amani und andere junge Frauen in der Ausbildung

 

Hast du nach einem halben Jahr Lehre das Gefühl, du hättest schon etwas gelernt?

 

Auf jeden Fall! Ich habe viel gelernt, und ich wende das Gelernte auch an. Zu Hause gibt es manchmal Reparaturen, da gehe ich ran.

 

Du hast zwei Tage Theorieunterricht und stehst vier Tage in der Werkstatt für praktische Arbeit. Was gefällt dir mehr?

 

Auf jeden Fall die praktische Arbeit. Die Theorie ist natürlich auch nötig, aber ich arbeite eben gerne mit den Händen. Der Theorieunterricht (Berufskunde und Allgemeinbildung, F.M.) liegt mir weniger, da gefällt mir am besten die Islamkunde.

 

Wo siehst du dich, Amani, in zehn Jahren, wenn du 26 bist?

 

Ich möchte auf jeden Fall nach dem Lehrabschluss weiterlernen, vielleicht an einer höheren Fachschule im Bereich Schreinerei. Und in den Ferien immer wieder als Schreinerin in der SEKEM-Schreinerei arbeiten. Wenn ich die höhere Ausbildung abgeschlossen habe, möchte ich definitiv zu SEKEM kommen. Ich könnte mir auch vorstellen, einmal Ausbildungsleiterin zu werden.

 

 

Mohamed

Mohamed ist sozusagen auf der SEKEM-Farm gross geworden. 1999 begann er die Lehre als Schreiner bei SEKEM, blieb nach dem Abschluss dabei und wurde 2010 Ausbildungsleiter. Der Vater von drei Kindern wohnt in der Nähe der Farm kommt jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit, eine seiner Töchter hinten auf einem gepolsterten Gepäckträger. 

 

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Ausbildungsleiter Mohamed beim Interview

 

Mohamed, wie bist du auf die Möglichkeit gekommen, bei SEKEM die Schreinerei zu erlernen?

 

In meinem Dorf fuhr ein Megaphon-Auto durch, das auf die neue Ausbildung hinwies. Ich habe mich gleich gemeldet und wurde zu einem Eintrittstest eingeladen. Dabei habe ich offenbar gut abgeschnitten. Ich hatte keine Mühe mit dem Lesen von Plänen und dem Zeichnen, überhaupt mit der räumlichen Vorstellung.

 

Nun bist du verantwortlich für die Ausbildung der zukünftigen Schreinerinnen und Schreiner. Findest du das Konzept der dualen Ausbildung - in Ägypten „Mubarak-Kohl-Initiative“ genannt - gut?

 

Es ist auf jeden Fall sinnvoll, zwei Tage Theorie zu unterrichten. Die zwei Tage sind sogar sehr knapp. Wir verwenden daher einen der vier Werkstatt-Tage dazu, die Praxis gezielt mit der Theorie zu unterlegen.

 

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Im Büro des Ausbildungsleiters

 

Die Werkstatt ist eine Lehrwerkstatt, die aber zunehmend auch Produktionsaufträge übernimmt. Steigt da nicht der Druck zur Serienarbeit auf Kosten der Ausbildung?

 

Es gibt tatsächlich Phasen, wo wir unter Produktionsdruck stehen, wenn zum Beispiel mehrere Dutzend Türen, Fenster, Pulte oder Stühle bestellt werden. Aber bis jetzt ist es uns gut gelungen, in ruhigen Phasen wieder die Ausbildung ins Zentrum zu rücken. Zudem sind Aufträge ja auch gut für das Bewusstsein, dass wir sinnvolle Gegenstände herstellen und gleichzeitig wirtschaftlich arbeiten müssen.

 

Seit anderthalb Jahren lernen neben den Jungs auch Mädchen. Inwiefern hat dies das Klima verändert?

 

Das Klima hat sich sehr verbessert, es ist viel angenehmer geworden. Die Jungs strengen sich an, um den Mädchen zu imponieren, und sie sind auch weniger grob als früher. Und auch die Mädchen wollen zeigen, was sie können.

 

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Sie wollen zeigen, was sie können

 

Wie geht ihr mit besonders talentierten Auszubildenden um?

 

Es gibt tatsächlich immer wieder Lehrlinge, die herausstechen. Einer hat nach dem Lehrabschluss sofort eine eigene Werkstatt eröffnet und will uns nun eine Maschine abkaufen. Wir geben solchen Auszubildenden erweiterte Aufgaben, indem wir sie zum Beispiel am Zeichnen neuer Möbel beteiligen, während die anderen nur nach Zeichnung ausführen. Ferner beteiligen wir sie, wenn Privataufträge hineinkommen, was ihnen einen besonderen Anreiz gibt.

 

Die Statistik zeigt, dass von den letzten 30 Absolventen nur gerade 4 im Schreinerberuf arbeiten. Wie erklärst du dir das?

 

Es gibt sehr wohl Stellen im Bereich Schreinerei. Aber für viele ist es nicht erste Priorität, im erlernten Beruf zu arbeiten. Für sie ist die Lehre auch eine Chance, mehr Bildung, mehr Reife und einen Abschluss zu erhalten. Wer spezifisch als Schreiner arbeiten möchte, wird auch eine Stelle finden. Die übrigen entscheiden sich anders: Sie wählen die bestbezahlte Stelle, oder sie arbeiten im Betrieb des Vaters, oder sie müssen ins Militär. Aber das kann sich auch ändern.

 

Die Schreinerei arbeitet vor allem für SEKEM, Aufträge von aussen sind selten. Was tut ihr, um die Sichtbarkeit nach aussen zu verbessern?

 

Wir haben durchaus viele kleine Aufträge nach aussen, allerdings über das Beziehungsnetz von SEKEM, nicht über den Markt. Wir fertigen auf Mass Schränke, Tische, Stühle und rüsten ganze Kinderzimmer oder ganze Ferienhäuser aus oder wir übernehmen die Wartung der Möbel in Firmen. Unsere Schreinerei hat noch kein Konzept, wie wir einen Markt für unsere Produkte schaffen. Wir stehen da am Anfang, das ist eine nächste Aufgabe, die wir gemeinsam angehen wollen!

 

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Gemeinsam in die Zukunft, mit etwas deutscher und schweizerischer Unterstützung

 

 

Im nächsten Blog-Beitrag wird Francis, der Schreiner aus der Schweiz, zu Wort kommen.

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