Der Glaube ist privat, und das Private politisch

      

  

Die Wortschlachten in den ägyptischen Strassen setzen sich in der Familie fort. Bei einem Streit schleuderte einer meiner ägyptischen Neffen den anwesenden islamistischen Onkeln entgegen, die Muslimbrüder und die Salafisten seien allesamt "Scheisse". Immerhin: Der Streit artete nicht in Handgreiflichkeiten aus. Am Schluss wurde auch ich zur Parteinahme gedrängt. „Sind die Muslimbrüder Scheisse - ja oder nein?“

  

Ein tiefer Graben zieht sich durch Ägypten. Da sind die Frommen, die der Brutalität, der Korruption und der Armut das reine "Wort Gottes" entgegenhalten und den Islam zur politischen Ordnung machen möchten. Und da sind die Säkularen, welche die Religion als grösstes Hindernis auf dem Weg zu einer vollendeten Moderne sehen und sie gerne in die privaten vier Wände verbannen würden. Keine der beiden Haltungen verdient das Prädikat, das mein Neffe gegeben hat, aber beide greifen zu kurz.

 

Das Private ist politisch

In der westlichen Welt hat sich im 20. Jahrhundert der Begriff der „öffentlichen Ordnung“ etabliert. Diese ist eine wesentliche Schnittstelle zwischen der Zivilgesellschaft und dem Staat. Grundsätzlich ist das Private privat. Wo sich aber private Einstellungen und Praktiken zu ungeschriebenen Normen, zu einem unbestrittenen „Narrativ“  entwickeln, werden sie zu einem Teil der öffentlichen Ordnung und damit politisch. Die öffentliche Ordnung ändert mit dem „Zeitgeist“, und dieser Änderung hat der Staat rechtlich und administrativ Rechnung zu tragen. Bewährt sich der Staat im Schützen der öffentlichen Ordnung, dann kann er auch der Zustimmung und Gesetzestreue der Bürger sicher sein.

  

Ein Beispiel: Der Schutz der Ehe und der Familie erforderte in der Mitte des 20. Jahrhunderts nach allgemeinem Empfinden auch ein Verbot von Konkubinaten, was der Staat rechtlich und administrativ regelte. In meiner Jugend war das Konkubinat noch immer verboten, der Zeitgeist war aber liberaler geworden, und deshalb intervenierte die Polizei nur widerwillig. Heute ist das Konkubinats-Verbot auch aus den Gesetzen verschwunden. Der Staat hat sein Verhalten geändert, weil sich die „öffentliche Ordnung“ entwickelt hat.  

 

Der Glaube ist privat

Der Glaube ist für viele eine der wichtigsten Sphären der Privatheit. Aber auch der Glaube kann – ohne Teil des Staates zu werden – politische Wirkung entfalten. Ohne die christliche Tradition wäre die Verrechtlichung des Ehe- und Familienschutzes kaum vorstellbar, auch das Konkubinats-Verbot ist letztlich kaum anders als durch den ausser-rechtlichen Begriff der „Sünde“ zu begründen. Genauso trägt der Staat der „privaten“ Bedeutung der Landeskirchen Rechnung und gewährt ihnen einen privilegierten, öffentlich-rechtlichen Status. Kirche und Staat sind zwar weitgehend getrennt, aber trotzdem ist das Religiöse im politischen Raum präsent.

  

Der Staat bezieht seine Glaubwürdigkeit nicht zuletzt dadurch, dass er sich auf die gelebten Deutungsmuster (die „Narrative“) in der Öffentlichkeit stützt und diese rechtlich-administrativ nachvollzieht. Solange Religion ein breit akzeptiertes Deutungsangebot ist, bildet sie auch einen Teil der „Narrative“, in einzelnen westlichen Staaten sogar einen dominanten.

  

Der positive Blick auf die gesellschaftliche Bedeutung der Religion ist den Europäern im 19. Jahrhundert allerdings abhanden gekommen, nach dem berühmten Diktum von Nietzsche: „Gott ist tot“. Jedoch – so betont der spanisch-amerikanische Religionssoziologe Jose Casanova – lasse sich die Moderne sowohl mit einer religiös geprägten Kultur (wie in den USA) wie mit einem strengen Säkularismus (wie in Frankreich) verbinden:

  

"Warum sind wir in Europa (…) so säkular: Nicht weil wir modern sind! Wir könnten auch modern sein und religiös, aber de facto sind wir in Europa säkular und nicht religiös. (…) Und das ist für mich die Funktion meiner Kritik: diese Übereinstimmung von Moderne und Säkularität in Frage zu stellen. Die Leute in Europa sollten sich bewusst sein, dass religiös oder säkular eine Option ist, die man frei wählen kann."

  

Dass Verständigung auch zwischen den Extremen möglich ist, zeigt das Gespräch zwischen dem säkularen Philosophen Jürgen Habermas und dem späteren katholischen Oberhirten Ratzinger. Ratzinger zitiert Habermas:

  

„Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden.“

 

Auch in Ägypten

Es sollte nicht vergessen gehen, dass die Werte, die Habermas und Ratzinger dem Christentum zuschreiben, sehr ähnlich auch im Islam zu finden sind und von vielen Muslimen seit Generationen getragen werden. In der Ära Mubarak haben zudem Millionen von Menschen durch die Tätigkeit von Muslimbrüdern und Salafisten Solidarität erfahren, die sich abhob vom abstrakten Menschenrechtsdiskurs der Regierung und der säkularen Opposition. Wie das christliche Erbe zu Europa, so gehört auch das islamische Erbe zu Ägypten.

 

Dass die Forderung nach einem Scharia-Staat überhaupt Gehör findet, daran sind nicht unwesentlich die säkularen Kräfte und ihre Verbündeten in der westlichen Welt schuld. Ein einflussreicher islamischer Prediger sagte letzthin: "Die Scharia kommt von Gott, und Gott weiss sehr wohl, was Menschenrechte sind." Langer Bart, kurzer Gedanke. Von der Scharia existiert nur ein Korpus von Aussagen, deren Deutung über die Jahrhunderte immer wieder geändert hat. Das „Gottes-Wort“ geht also zwingend durch die menschliche Vernunft und ist damit dem (menschlichen) Irrtum unterworfen.

  

Vor bald 100 Jahren hat der ägyptische Philosoph Ali Abd al-Raziq vom Dilemma des menschenvermittelten „Gottes-Wortes“ auf die Notwendigkeit der Demokratie geschlossen: Wenn Gott nicht direkt spricht – so Raziq –, dann muss der Mensch Gottes Willen selber ermitteln. Da jeder Mensch Gottes Geschöpf ist, müssen alle Menschen einen Weg finden, ihre Deutungen miteinander auszutauschen und daraus das richtige Handeln abzuleiten. Und das ist die Demokratie, alles schon da! Ägypten hat eine Zukunft als modern-religiöser Staat oder als modern-säkularer Staat, beide Modelle haben ihre Vorkämpfer, und zwischen beiden sollte die Gesellschaft – wie in Europa oder den USA – frei wählen können.  

Wie stark die Religion in das politische Leben hineinragen kann, ist eine Verhandlungssache. In Frankreich weigert sich der Staat die Religionszugehörigkeit der Bürger zu erfassen, er ist ja schliesslich säkular. In England beten die Parlamentsabgeordneten vor Sessionsbeginn. In den USA wäre Obama nicht wiedergewählt worden, wenn die Republikaner hätten nachweisen können, dass er als Dreijähriger in einer Moschee gebetet hat. Alle diese Länder sind gleichermassen modern, unterschiedlich ist die Mischung von Säkularismus und Religion in der politischen Sphäre. Diese Mischung muss auch in Ägypten ausgehandelt werden.

 

Leider ist Ägypten im Augenblick weit entfernt von einer schöpferischen Aneignung des islamischen Erbes. Selbstverständlich gehört der Verfassungsentwurf in den nächsten Shredder, die Verfassungsdiskussion gehört neu aufgegleist. Ist aber wieder Ruhe eingekehrt, dann müssen sich die beiden unversöhnlichen Lager gegenseitig in die Pflicht nehmen.

  

Die Islamisten müssen glaubwürdig den modernen Kanon der Freiheits- und Menschenrechte anerkennen und die Organisation der Muslim-Bruderschaft auf eine klare rechtliche Grundlage stellen. Sie müssen der säkular gesinnten Öffentlichkeit beweisen, dass auch Nicht-Muslime in der angestrebten Gesellschaft in Frieden leben können. Und die Säkularisten müssen aufhören, sogar in Harmlosigkeiten wie einer Partei mit religiösem Namen (in der Schweiz CVP oder EVP) ein rotes Tuch zu sehen und ständig die Islamisten pauschal als rückwärtsgewandte Anti-Demokraten zu brandmarken. Sie müssen der islamischen Bevölkerung beweisen, dass in ihrer angestrebten Gesellschaft die islamischen sozialen Werte und die Religionsfreiheit am besten aufgehoben sind.

 

Nein, die Muslimbrüder sind nicht „Scheisse“, ich habe einige unsägliche und einige nette und kluge kennengelernt. Dialogbereitschaft gekoppelt mit kritischer Distanz, daran führt kein Weg vorbei. Der Westen hat hier wieder eine Chance, auf eine günstige Entwicklung hinzuwirken. Als Ausgleich für die verheerende Nahostpolitik der vergangenen Jahrzehnte…

 

Erwähnte Quellen

Jose Casanova: Nur Pluralismus hilft weiter (Interview), Deutschlandfunk, 29.8.2012
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/tagfuertag/1851626/

    

Jürgen Habermas, Joseph Ratzinger: Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 2005

 

3920 Views
Kommentare
()
Einen neuen Kommentar hinzufügenEine neue Antwort hinzufügen
Ich stimme zu, dass meine Angaben gespeichert und verarbeitet werden dürfen gemäß der Datenschutzerklärung.*
Abbrechen
Antwort abschicken
Kommentar abschicken
Weitere laden