Der Glaube ist privat ... Debatte

     

Meinen Blog "Der Glaube ist privat, und das Private politisch" hat mein Historiker-Kollege Dr. Martin Fröhlich nicht unwidersprochen hingenommen. Seine beiden Entgegnungen sind derart bereichernd an Fakten und Argumenten, dass ich sie meinen Blog-Lesern/innen nicht vorenthalten möchte. Mit seiner Erlaubnis veröffentliche ich hier unseren kleinen Disput ohne jede Veränderung. 




14.12.2012   Dr. Martin Fröhlich

Lieber Fausi,

Du hast wiederum eine gute Analsye geschrieben. Ich bin aber nicht ganz einverstanden mit Dir, obwohl ich bezüglich Ägypten und der islamischen Religion nicht über Dein Wissen verfüge.

Geht der Vergleich zwischen christlich und islamisch geprägten Gesellschafts- und Staatsformen auf? Mit dieser Frage will ich niemandem zunahe treten. Ich stelle sie einfach einmal in den Raum.

 

Ich hole etwas aus:

 

Soviel ich weiss, hat der Islam nie die gedankliche Trennung zwischen Religion und Staat vollzogen. Seit Augustiuns sein de civitate dei (410 n.Chr.) verfasst hat, gibt es im Christentum so etwas wie eine gedankliche Trennung zwischen Religion und Staat. In der Aufklärung wurde dieser Gedanke verstärkt. Die Idee von Gleichheit, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit sowie der Gedanke der Demokratie konnten meiner Meinung nach nur in einem Staat entstehen, der über der Religion steht - einem säkularisierten Staat.

 

So, zurück zur eingangs gestellten Frage: Kann der Islam - der meiner Meinung nach die Trennung zwischen Staat und Religion nie vollzogen hat - Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit erlauben, seine eigene Wahrheit also relativieren? Kann eine Religion - egal ob Islam oder Christentum -, die normalerweise die eigene Wahrheit als absolut erkennt neben sich etwas anderes dulden? Kann eine Religion, die selber ein vollumfängliches Rechtssystem für die Gesellschaft (Scharia) verlangt und damit die Aufgaben des Staates wahrnimmt, neben sich etwas anderes dulden?

 

In Europa hat man Erfahrung: Noch vor 500 Jahren hat eine Exkommunikation - von der Kurie nach Kirchenrecht ausgesprochen - die kaiserliche Reichsacht nach sich gezogen. Martin Luther als Andersdenkender hat nur mit Unterstützung seines Landesherrn überlebt...

 

Ich denke, der Weg der Muslimbrüder und Ägyptens ist noch weit...

 

Mit herzlichen Grüssen
Martin

 

15.12.2012   Fausi Marti

Lieber Martin
 
Vielen Dank für deinen kritischen Anstoss, das Thema wäre ein Seminar wert! Wenn ich einmal in der Lage bin, kurz und verständlich (für meine paar treuen Blog-Leser) zu antworten, dann werde ich die Frage im Blog explizit ansprechen. Bis dahin werde ich dort "Geschichten erzählen", wie das der Basler Geschichtsprofessor Herbert Lüthi vor Jahrzehnten formulierte.
 
Hier eine Antwortskizze (ich schicke sie auch meinem irakischen Freund Usama in Frauenfeld, der von islamisch-arabischer Kultur ungleich viel mehr versteht als ich):
 
Deiner Darstellung der westeuropäischen Entwicklung kann ich nur zustimmen. Da gab es die christliche Kirche, die sich zu Augustins Zeiten auf eine vom Staat unabhängige Entfaltung besann und später zu einer Macht wurde, die die weltliche Herrschaft geradezu zu einem "Showdown" zwang. Es ist die Hälfte der Erfolgsgeschichte des Westens, dass die Kirche daran gehindert wurde, die entstehenden modernen Werte (Individualismus, Menschenrechte) ihrem vormodernen Wertekanon zu unterwerfen. Die Methode: weitgehende Trennung von Kirche und Staat. Säkularismus und moderne Demokratie scheinen also Zwillinge zu sein. Wobei: Vom französischen "Culte de la Raison et de l'Être Suprême" bis zu Hitler-Deutschland und Stalin-Sowjeunion zieht sich eine breite Blutspur säkularer Herrschaften, die man in das Deutungsschema "einbauen" müsste...
 
Zur anderen Hälfte der Erfolgsgeschichte führt uns z.B. Willy Brandt: “Die Demokratie ist keine Frage der Zweckmäßigkeit, sondern der Sittlichkeit.” Eine moderne Demokratie ist darauf angewiesen, dass in der Zivilgesellschaft und im Nachgang auch im Staat ein Wertekorpus, ein "Narrativ" entsteht, in dem die individuellen Deutungen möglichst gut aufgehoben sind und das staatlichem Handeln Legitimität verleiht. Dieses Korpus stammt in Westeuropa - wen wunderts? - wesentlich aus der christlichen Ethik. Inzwischen haben alle grossen christlichen Strömungen ihr Wertekorpus modernisiert, deshalb ist auch der Ruf nach einer Vollendung der (z.B. in der Schweiz sehr partiellen) Trennung von Kirche und Staat erloschen.
 
Ist nun die "westliche" Erfolgs-Geschichte auch ein exportfähiges Erfolgs-Modell? Da bin ich zunehmend skeptisch. Ich denke, die moderne Demokratie ist unverzichtbar und hat auch in den arabischen Ländern viele Vorkämpfer, allerdings oft den Staat gegen sich (und dahinter nicht selten den Westen). Der Säkularismus hingegen ist eine Option, die die Sache einfacher macht oder vielleicht nicht.
 
Zur ersten Hälfte: Wo soll es in der islamischen Welt (Iran einmal ausgenommen) je einen "Investiturstreit" gegeben haben, der zur Ausmarchung zwischen weltlichen und religiösen Autoritäten führte? Es ist ja bekanntlich nie eine islamische "Kirche" entstanden als institutioneller Gegenpol zur weltlichen Herrschaft. Das Kalifat weltlicher und religiöser Herrschaft in Personalunion ist dem Selbstverständnis der mittelalterlichen "höchst christlichen" Herrscher nicht so unähnlich. Es wurde bald an den Rand gedrängt durch die "weltlichen" Sultane und schliesslich 1924 abgeschafft. Die höchste Autorität im Mehrheits-Islam (Sunna), die Azhar-Moschee in Kairo, weigerte sich schon immer und auch jetzt angesichts der lärmenden Salafisten, irgendeine institutionelle Rolle in einem
hypothetischen Scharia-Staat zu übernehmen. Sie hat und will weniger Macht/Einfluss als z.B. die orthodoxe Kirche im modernen Russland. In Ägypten ist der Islam zwar mit dem Staat und seiner Verfassung verbunden, es haben sich viele interessante Kooperationen entwickelt (da möchte ich ein, zwei "Geschichten" dazu erzählen). Aber das Primat liegt immer beim Staat, institutionell und prozedural. Was also soll da staatlich-institutionell getrennt werden?
 
Zur zweiten Hälfte: Moderne Demokratie muss im Schoss der Gesellschaft wachsen. Man kann nicht einfach ein Modell "aufpfropfen", das haben die Amerikaner in Irak und anderswo lernen müssen. Die ägyptische Bevölkerung  lehnt noch heute alles reflexartig ab, was nach "Import" aussieht und die islamische Identität zu bedrohen scheint. Handkehrum sind die Menschen und die islamischen Institutionen in der Lage, viele moderne Werte als vereinbar mit dem islamischen Selbstverständnis zu erkennen und damit zu akzeptieren. Sogar das Wort Demokratie ist als Fremdwort unterdessen selbstverständlich im islamischen Diskurs präsent. Warum geht dieser Prozess so langsam? Ich behaupte: Das hat keine theologischen Ursachen, sondern handfeste politische. 30 Jahre säkulare Mubarak-Herrschaft unter dem westlichen Schutzschild und eine ineffiziente und volksferne säkulare Opposition haben die Moderne zu einer Nonvaleur gemacht. Auch das aktuelle Schariastaat-Gebrüll ist keine Besinnung auf "echte" islamische Werte und wird von den meisten islamischen Gelehrten kategorisch abgelehnt. Das Gebrüll ist ein Produkt der Moderne, hergestellt von jenen, die sich als deren Verlierer sehen.
 
Das ist jetzt - wie befürchtet - etwas länger geworden und dabei unanschaulich geblieben. Aber ein Historiker wie du - lieber Martin - wird diese Brocken deuten können. Noch einmal vielen Dank für deinen Input, er hat mich gehörig zum Nachdenken gebracht, und das brauche ich!
 
Schönes Wochenende und glückliche Festtage!
Fausi

17.12.2012   Dr. Martin Fröhlich

Lieber Fausi,

 

Deine Analyse ist wie immer messerscharf, mein Kompliment! Was die islamische Welt – speziell Ägypten – angeht, so gebe ich Dir Recht. Die gegenwärtigen Probleme in Ägypten sind weniger theologischer denn politischer Natur. Auch dass Demokratie kein allgemeingültiges „Erfolgsmodell“ ist, gebe ich Dir Recht. Schon Montesquieu hat in seinem „De l’esprit des lois“ geschrieben, dass es kein bestes Staatsmodell geben kann, sondern nur optimale Lösungen für spezifische Gegebenheiten.

 

Du hinterfragst zudem die Trennung zwischen „Religion“ und „säkularisiertem Staat“ und weist darauf hin, dass die westliche Demokratie notwendigerweise eines Sammelsuriums an Werten bedarf, welche aus der christlichen Ethik stammen. Da gebe ich Dir Recht. Dann schreibst Du, dass es mit der Säkularisierung als „Modernisierungsmotor“ bis hin zur Demokratie nicht weit her sei, wenn man die Französische Revolution, Hitlerdeutschland und die stalinistische Sowjetunion betrachte.

 

Hier nun möchte ich inne halten. Denn genau da scheint mir Deine Argumentation zu hinken. Die Grenzen zwischen „Politik“ und „Religion“ sind meiner Meinung nach fliessend, denn letzteres ist ein wirkungsvolles Instrument im Ringen um weltliche Macht. Gerade Deine Beispiele aus der Französischen Revolution, aus Hitlerdeutschland und aus der stalinistischen Sowjetunion weisen auf eine zerstörerische Wechselwirkung zwischen Religion und Politik hin. Und diese Wirkung – ob zerstörerisch oder konstruktiv – erfolgt auch in demokratischen Staatsgebilden. Um das aufzuzeigen, möchte ich zuerst den Begriff „Religion“ definieren, wobei meine Definition durchaus angreifbar ist. Ich muss also etwas ausholen und bitte um Nachsicht.

 

„Mythos“ und „Religion“ haben den gleichen Ursprung. Sie erklären das „Hier und Jetzt“ mit einer oft mystischen Vergangenheit und verleihen so der Gegenwart einen Sinn. Entsprechend sind sie narrativer Natur. Dank dieser „Geschichten“ wähnen sich die Menschen in einem grossen Ganzen, was ein beruhigender Gedanke angesichts einer ungewissen Zukunft ist. Wirkungsmächtig werden beide durch die Tradition – also indem Sie über Generationen erzählt selbst zur Geschichte der Gesellschaft und damit zur „Wahrheit“ werden. Sie stiften insofern der Gesellschaft und damit dem Individuum Identität.

 

Diesem positiven Aspekt der Religion (und des Mythos) steht ein negativer gegenüber. Wenn die Gegenwart durch die Vergangenheit definiert wird, erhält dieselbe Gegenwart durch Änderung der Vergangenheit eine neue Interpretation. Wenn also die Religion durch diesen Mechanismus auf den Menschen sinnstiftend wirkt, kann durch deren Manipulation auch eine neue Sinnstiftung und damit eine neue Identifizierung der Gesellschaft und des Individuums erreicht werden. Genauso funktionierte der berühmt-berüchtigte „Mythos Venedig“. Die Geschichte dieser Stadt wurde in Wort und Bild konsequent umgeschrieben und religiös überhöht, so dass der Staat selber zur Religion wurde. Über die Generationen hinweg verdichtete sich diese „Neuinterpretation der Geschichte“ zur Tradition und damit zur allgemeingültigen nicht hinterfragbaren Wahrheit.

 

Nun, was hat das mit dem säkularisierten und auch vormodernen Staat und seiner Beziehung zur Religion zu tun? Sehr viel. Tradition ist die wahrscheinlich stärkste Herrschaftslegitimation – insofern hat meiner Ansicht nach Max Weber Recht. Im „Investiturstreit“ führten die beiden Kontrahenten religiöse Argumentationen gegeneinander ins Feld, weil die Berufung auf Tradition die wirkungsmächtigste Waffe war (und ist).

 

Speziell für Diktaturen ist die Berufung auf Tradition zwecks eigener Legitimation überlebenswichtig. Eine Diktatur wird erst dann wirklich stark und stabil, wenn die Untertanen geistig und seelisch keine Alternative zur Diktatur haben – sprich der Diktator erlangt die Kontrolle nicht bloss über die Körper, sondern auch über die Gedanken seiner Untertanen. Als alternative Weltsicht ist die Religion naturgemäss die Feindin der Diktatur aber – und das ist das Schreckliche – zugleich auch die stärkste Unterstützerin der Gewaltherrschaft. Diese bedarf nämlich der Natur der Religion – ihre wirkungsmächtige Erklärung der Gegenwart durch eine mystisch-historische Vergangenheit und die damit erfolgende Identitätsstiftung einer ganzen Gesellschaft. Der Diktator muss bloss die eine Religion durch eine andere ersetzen, die eine lange Tradition vorgaukelnd eine ihm genehme Sinnstiftung der Gegenwart erzielt. Warum wohl hat Stalin Kirchen sprengen und Ikonen verbrennen und sich selber als gottgleiche Kultfigur feiern und in „Stalintempeln“ anbeten lassen? Warum haftete in Nazideutschland der christlichen Religion der „unziemliche Geruch einer jüdischen Tradition“ an? Und wieso hat Adolf Hitler gleichzeitig mit „umgedeuteten“ christlichen rituellen Begriffen gespielt? Seine Wahlkampfrede im Sportpalast zu Berlin endete mit traditionsmächtigen Worten aus dem „Vaterunser“. Kinder lernten in der Schule Gebete, die mit den Worten anfingen: „Führer, mein Führer von Gott mir gege-ben“. Welcher Gott? Ja der christliche natürlich – aber ein umgedeuteter, „arierisierter“. So gesehen wird die eigentlich positive Wirkungsmächtigkeit der Religion zu einer der furchtbarsten Waffen überhaupt – denn sie kontrolliert weitgehend die Gedankenwelt der Menschen.

 

Wie passt Dein drittes Beispiel – die Französische Revolution – in meine Argumentation hinein? Es stimmt, die Idee des „Culte de la Raison et de l'Être Suprême“ wirft angesichts der Gräueltaten in der „terreur“ kein gutes Licht auf die vielgepriesene Vernunft. Doch auch hier gilt meine Argumentation. Robespierre & Co. stemmen sich gegen das „Ancien Régime“. Die Legitimationsgrundlage des absoluten Königs war das Gottesgnadentum, welches auf einer umgedeuteten Variante der christlichen Religion (Seit Martin V. gab es eine französische Nationalkirche) beruhte. Somit ist es nur logisch, dass Robespierre & Co. gegen die Legitimationsbasis des „Ancien Régime“ waren. Doch mit der Eliminierung der christlichen Religion tat sich ein Vakuum auf, welches die Revolutionäre füllen mussten, wollten sie ihrerseits eine starke Legitimationsbasis. Dem „vernunftmässigen höchsten Sein“ war kein grosser Erfolg beschieden, da dieser Weltanschauung bzw. Welterklärung das Wichtigste fehlte – die lange Tradition.

 

Dass selbst die westlichen Demokratien sich auf christliche Grundwerte berufen, ist selbstverständlich. Wie viel Aufwand bedürfte es, diese Grundwerte durch andere – „säkularisierte“ zu ersetzen, wenn die christlichen Werte als starke geschichtsmächtige Tradition zur „Wahrheit“ verdichtet wurden. Es ist einfacher, sie umzudeuten oder zu ergänzen.

 

Kommen wir kurz zurück zu Ägypten und den Muslimbrüdern. Ich will dieser Gruppierung weder den womöglich vorhanden guten Willen absprechen noch irgendwelche diktatorischen Ideen anlasten. Angesichts der Wirkungsmächtigkeit der Religion läuten bei mir die Alarmglocken, wenn solche Gruppierungen politische Inhalte in religiöse Begrifflichkeiten packen. Es kann natürlich auch ein Fehlalarm sein…

 

Herzliche Grüsse
Martin Fröhlich

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