Scheidung auf Ägyptisch

      

Ehen werden im Himmel geschlossen, und die Eheleute bleiben sich treu, bis dass der Tod sie scheidet. Die Realität sieht manchmal anders aus. Deshalb ist die Eheauflösung auch angesprochen in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Sie fordert für alle Männer und Frauen "bei der Eheschließung, während der Ehe und bei deren Auflösung gleiche Rechte". Von diesem Grundsatz sind die gewachsenen Ehe-Traditionen und -Rechte unterschiedlich weit entfernt. Sollen die universellen Menschenrechte oder die traditionell gewachsenen Normen gelten? Welche Rolle spielt dabei die Religion? Diese Frage möchte ich hier anhand einer neuen wissenschaftlichen Studie erörtern.

       

   

Einige mögen sich an den Film "Divorzio all'italiana" (Scheidung auf Italienisch) erinnern. Was macht Marcello Mastroianni in der Rolle eines sizilianischen Barons, wenn er das Leben mit seiner Ehefrau satt hat, die katholische Kirche aber keine Scheidung zulässt? Er bringt die Ehefrau um. Ein katholisches Scheidungsrecht gibt es noch heute nicht. Trotzdem mögen viele Ehemüde nicht gegen das fünfte Gebot verstossen, dann schon eher gegen das sechste. Oder sie begnügen sich mit der zivilrechtlichen Scheidung.

    

Scheidung für die Frau

Im Islam ist die häufigste Form der Scheidung die Verstossung der Frau durch ihren Mann (talaq). Da in vielen islamischen Staaten die Scharia in Familienfragen eine zentrale Bedeutung spielt, ist dort die Verstossung grundsätzlich rechtsverbindlich. Oft dauern die Prozesse jahrelang, und meist bleiben dabei die Frauen auf der Strecke. Deshalb ist in Ägypten im Jahr 2000 das Scheidungsrecht für die Frauen (Khul') eingeführt worden: Frauen erhalten ein Recht auf Auflösung der Ehe ohne Angabe von spezifischen Gründen, wenn sie auf finanzielle Forderungen für sich verzichten. Damit wurde einerseits ein Stück Gleichstellung der Frau bei der Ehetrennung verwirklicht, andererseits sollten die Verfahren deutlich beschleunigt werden, was ebenfalls vor allem den Frauen zugutekommt.

     

Neben das archaisch-patriarchalische Verstossungsrecht tritt also unvermittelt ein Scheidungsverfahren, das relativ frauenfreundlich ist, die Verschuldungsfrage gänzlich ausklammert und sich auf die - von der Frau deklarierte und nicht beweispflichtige - Zerrüttung stützt. Also ein modernes Recht, das der universellen Menschenrechts-Idee schon recht nahe ist.

   

Feldforschung in Kairo  

Der Khul'-Scheidung ist die Sozialwissenschaftlerin Nadia Sonneveld einige Jahre in Kairo nachgegangen. Ihre Feldforschung führte sie in ein Familiengericht, wo sie die Verhandlungen einiger scheidungswilliger Frauen verfolgte. Die Gerichtsverfahren aus der Sicht der Parteien und auch der Richter und Advokaten stellte sie der öffentlichen Debatte in einigen Tageszeitungen gegenüber. Da waren einerseits turbulente Parlamentsdebatten, dann einige aufschlussreiche Karikaturen. Schliesslich untersuchte sie Filme, die in Ägypten ein Millionenpublikum erreicht haben dürften, zum Beispiel die Komödie "Uridu Khul'an" (Ich will die Khul'-Scheidung). Sonnevelds Publikation von 2012, „Khul' Divorce in Egypt“, zeigt, dass zwischen Universalismus und Kulturrelativismus Brücken bestehen, die zu einem modernen, durch die Tradition legitimierten Scheidungsrecht führen können. Dank zahlreichen erzählenden Einschüben ist die Studie auch für interessierte Laien ein Genuss.

     

Die innerägyptischen Allianzen, die internationalen Drücke, die entscheidende Abstimmung im Parlament - in Nadia Sonnevelds Schreibe gerät die Geschichte zum Thriller. Ein Reformdruck bestand seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Die Familiengerichte waren überfordert mit jahrelang sich hinziehenden Prozessen, Frauenrechte waren längst nicht mehr nur für feministische Organisationen ein Anliegen, und das Mubarak-Regime stand unter dem Druck, Ägypten an internationalen Konferenzen als moderne, offene, freie Gesellschaft zu präsentieren. Diesen Reformimpulsen stand eine konservativ-traditionelle Gesellschaft gegenüber, die Neuerungen nur annehmen wollte, wenn sie diese mit ihren eigenen Werten in Übereinstimmung bringen konnte.

    

Ausweg dank der Scharia

In der Konfrontation zwischen Universalismus und Kulturrelativismus drohte ein Patt. Den Ausweg brachte ausgerechnet die Scharia, d.h. ein Rückgriff auf die Prophetentradition: Diese beschreibt den Fall einer Frau, die Muhammad um die Scheidung von ihrem Mann bat. Der Prophet fragte die Frau, ob sie bereit sei, die Hochzeitsgabe, einen Garten, zurückzugeben. Als diese bejahte, erklärte er sie als geschieden, unabhängig von der Zustimmung ihres Ehemannes. Diese Norm ist als "Khul'" in das islamische Recht eingegangen, fristete aber in den patriarchalischen muslimischen Gesellschaften über Jahrhunderte ein Schattendasein.

    

Die Sozialwissenschaftlerin Jasmine Moussa sieht im Zusammenwirken von Universalismus und konkreter Kultur, nicht im Kampf, den Impuls zu gesellschaftlicher Veränderung: "Internationale Standards können nur Widerhall finden, wenn sie 'indigenisiert' und so ein Teil der Rechtskultur der Gesellschaft werden, die sie zu beeinflussen suchen." Dank dem Rückgriff auf die Scharia (Khul') ist es in Ägypten gelungen, eine moderne Scheidungform zu "indigenisieren" und damit den Boden für die gesellschaftliche Akzeptanz vorzubereiten.

    

Auch so waren die Hürden beträchtlich, vor und nach der Einführung des Gesetzes. Die Azhar-Universität, die höchste islamische Institution, billigte die Khul‘-Scheidung, befand sich aber in einer „uncomfortable alliance“ (Sonneveld) mit der Mubarak-Regierung, was den Konservativen in ihren Reihen und ausserhalb reichlich Munition lieferte. Westlicher Druck und sogar eine zionistische Verschwörung zur Zerstörung der Familie wurden ins Feld geführt. Frauen seien zu emotional, um selber die Scheidung zu verlangen. Das konservative Sperrfeuer setzte sich im Parlament fort, und nur knapp kam schliesslich die Khul‘-Vorlage durch.

    

In der politischen Debatte wurden die Argumente oft islamisch begründet, interessanterweise aber nicht in Karikaturen und Filmen. In einer Zeitungs-Karikatur nach der Einführung des Gesetzes droht zum Beispiel eine Frau ihrem Mann: „Wenn du ins Kaffeehaus gehst, lasse ich mich Khul‘-scheiden!“ Hier ist der Verdacht ausgesprochen, die Frauen könnten Khul‘ leichtfertig als Druckmittel einsetzen und damit das bisherige Machtgefüge zwischen Mann und Frau erschüttern.

    

Scheidungskömodie

Unter den Filmen, die Nadia Sonneveld analysiert, ist auch „Uridu Khul'an“ (Ich will die Scheidung), ein Strassenfeger aus dem Jahr 2005. Tariq, ein erfolgreicher Kairoer Banker, befiehlt seiner Frau Maha, einer ebenso erfolgreichen Lehrerin, die Berufstätigkeit aufzugeben und sich ausschliesslich den Kindern zu widmen. Maha lässt sich von einer Feministin überreden, die Khul‘-Scheidung einzureichen und an die Medien zu gehen. Bald wissen auch die Verwandten im dörflichen Südägypten von Tariqs Ungemach, und es folgen turbulente Verwicklungen, die Klischee-Kiste ist weit geöffnet. Während des vorgeschriebenen Versöhnungs-Versuchs beschliesst Maha, wieder zu Tariq zurückzukehren. Aber der „Bazillus“ der Frauenrechte hat bereits übergegriffen: Im südägyptischen Dorf hat die analphabetische Frau des Dorfvorstehers und Onkels Tariqs begonnen, Dorfversammlungen zu organisieren…

     

Nadia Sonneveld liest die Komödie „Uridu Khul'an“ zu stark als Dokumentarfilm und berücksichtigt die narrativen Gesetze des Genres zu wenig. Überhaupt löst sie ihren Anspruch, die „nonverbal modes of communication“ zu erschliessen, nur zum Teil ein. Es ist aber ein grosses Verdienst, dass sie die kulturellen und auch die nichtverbalen Ausdrucksformen in ihre Feldforschung einbezogen hat. Damit hat sie ein Potential sichtbar gemacht, das Ägypten in diesen Tagen leider abgeht: den Dialog zwischen universalistischen und kulturrelativistischen Positionen.


Erwähnte Quellen    

Nadia Sonneveld: Khul' Divorce in Egypt. Public Debates, Judicial Practices, and Everyday Life, The American University in Cairo Press, Cairo New York: 2012
   

Film: Divorzio all'italiana (Scheidung auf Italienisch, Italienisch), 1961
Ausschnitt auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=Rz7YGZVmS94

     

Filmkomödie: Uridu Khul'an (Ich will die Scheidung, Ägyptisch-Arabisch), 2005
Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=6irXDDnEJqs

   
Jasmine Moussa: The Reform of Shari’a-derived Divorce Legislation in Egypt. International Standards and the Cultural Debate, 2005
http://www.nottingham.ac.uk/hrlc/documents/publications/hrlcommentary2005/divorcelegislationegypt.pdf     

5441 Views
Kommentare
()
Einen neuen Kommentar hinzufügenEine neue Antwort hinzufügen
Ich stimme zu, dass meine Angaben gespeichert und verarbeitet werden dürfen gemäß der Datenschutzerklärung.*
Abbrechen
Antwort abschicken
Kommentar abschicken
Weitere laden