Scheidung auf Ägyptisch ... Debatte

     

Beim Blog "Scheidung auf Ägyptisch" sei die ökonomische Frage ausgeblendet, schreibt Theres Marti, Basel. Das stimmt, und deshalb publiziere ich hier mit ihrer Einwilligung ihre Fragestellung und einige Erläuterungen und Kommentare von meiner Seite. Damit ist die Debatte nicht abgeschlossen. Wer mag, darf und soll unten im Kommentarfenster eine Stellungnahme, Ergänzung oder Kritik einbringen.

 

Theres Marti, Basel

Lieber Fausi!

Gestern zu später Stunde habe ich mich in deinen Beitrag zur ägyptischen Scheidung vertieft – und dabei sind mir ein paar Gedanken aufgetaucht: 

Scheidung lässt sich ja nie von der häuslichen Ökonomie trennen. Scheidung kann ein schwaches Budget ruinieren. Vor ein paar Tagen hörte ich von der Verteilung der Sozialhilfenehmenden in der Schweiz 2012, die zum grössten Teil alte Menschen und Alleinerziehende(noch immer meist Frauen) sind. 

So viel zur Einführung des eigentlichen Themas, zur Geschichte mit dem Garten, die bei mir etliche Fragen aufwirft und zu einer anderen Schlussfolgerung führt.

Der Garten, entweder a) die Mitgift der Frau, die sie dem Mann zurücklässt und damit frei wird oder b) die Hochzeitsgabe vom Ehemann, die sie ihm zurückgibt und damit geschieden ist ohne dessen Zustimmung. Im Fall a) und b) war der Garten bisher Bestandteil der gemeinsamen Ökonomie, des gemeinsamen Haushaltes. Über den Wert des Gartens kann nur spekuliert werden. Der Garten ist das einzige Gut, das erwähnt wird, weshalb ihm einen sehr hohen Wert zugesprochen werden darf. (Fausi, das wäre eine Nachforschung Wert, ich wäre gespannt mehr darüber zu erfahren.) 

Mit der Scheidung würde der Garten dem Manne zugesprochen, im Fall a) erhält er das Sondergut der Frau, im Fall b) behält er das eigene Sondergut. In beiden Fällen geht die Frau mit leeren Händen aus. In zwei Worten heisst das für die Frau: Scheidung ja kombiniert mit Existenzgrundlage nein, womit sich der Kreis zu den Sozialhilfenehmenden in der Schweiz 2012 schliesst. 

Eine derartige Lösung kann der Prophet sich nicht als gesellschaftstaugliches Mittel erdacht haben? Ich neige deshalb zu einer anderen Interpretation: mit diesem Bild und dem daraus folgenden unhaltbaren Sachverhalt, in dem der Frau der Boden unter den Füssen weggezogen wird, führt er die Idee der Scheidung ad absurdum. 

Oder doch eine andere Lösung? Im Sinne von: alles Vermögen dem Ehemann, die Frau kann vor die Hunde gehen, sie hat ihren Zweck erfüllt und zumindest z.T. für Nachkommenschaft gesorgt. In diesem Denkmuster kann ich, im Gegensatz zu dir, wenn ich dich richtig verstanden habe, keinen Ansatz zur Durchsetzung der Scheidung in Ägypten sehen. Für Gesprächsstoff ist gesorgt! 

Herzliche Grüsse
Theres

04.01.2013 18:07

     

Fausi Marti, Basel

Liebe Theres


Du weist hier auf ein Problem hin, das durch ein einzelnes Gesetz nicht zu regeln ist. Aber auch so bleibt die berechtigte Frage, ob das neue Scheidungsgesetz ökonomische Ungerechtigkeiten eher mildert oder verstärkt. Hier der Versuch einer Antwort.

Wie war das ägyptische Scheidungsrecht bisher? Es gab die Verstossung durch den Mann (Talaq). In diesem Fall mussten Gerichte die Fragen des Unterhalts für Frau und Kinder regeln. Die Schuldfrage spielte nur insofern eine Rolle, als sie sich auf die Unterhaltshöhe auswirkte. Für die Frau gab es auch eine Möglichkeit, auf Scheidung zu klagen. Sie musste dann aber beweisen, dass ihr Mann seinen Pflichten in krasser Weise nicht nachkam. Die Schuldfrage entschied also darüber, ob ÜBERHAUPT eine Scheidung zulässig war, dazu kam dann der oft jahrelange Rechtsstreit um den Unterhalt, für viele Frauen offenbar ein ruinöses Unternehmen.

Das neue Khul'-Gesetz führt nun einen Ansatz ein: die Scheidung OHNE SCHULDFRAGE und aufgrund einer SELBSTDEKLARATION auch für die Frau (für den Mann existierte sie mehr oder weniger in Form des "Talaq"). Voraussetzung ist, dass die Frau auf Unterhalt FÜR SICH verzichtet und das Brautgeld an den Mann zurückgibt. Mit "zurückgeben" ist nicht die Aussteuer durch die eigenen Eltern gemeint (das wäre ja weniger schlimm, da die Eltern ja zur eigenen "Partei" gehören), sondern das Brautgeld des Mannes an die Frau. Die Versorgung der Kinder ist hier nicht thematisiert, sie ist ein separater Verhandlungsgegenstand. Und auch das Eigengut der Frau ist nicht betroffen.

In der Auseinandersetzung um die Einführung des neuen Gesetzes gab es Stimmen aus allen Lagern, die das neue Gesetz als unsozial ablehnten, da es - wie du ja auch feststellst - die Frauen einfach mittellos dastehen lässt. Den unterstützenden feministischen Organisationen wurde unterstellt, sie repräsentierten die Mittel- und Oberschicht und hätten kein Gespür für die Armen.

Richtig ist, dass mit einer Khul'-Scheidung für die Frau ökonomisch nichts zu gewinnen ist. In der Praxis hat sich aber ergeben (dies geht aus der erwähnten Studie von Nadia Sonneveld hervor), dass die ersten Scheidungsbegehren ausgerechnet von armen Landfrauen stammten, die von ihren Männern einfach nichts mehr als Ungemach zu erwarten hatten und die lieber OHNE statt MIT Mann mittellos waren. Reiche Frauen regeln sehr viel mehr Fragen aussergerichtlich und sind bei schweren Missständen eher in der Lage, eine traditionelle Scheidungsklage durchzustehen.

Und in der Praxis ist es auch so (das habe ich von verschiedenen Seiten gehört), dass das Brautgeld meist ein bescheidener Geldbetrag ist, sagen wir ein Monatslohn. In vielen Fällen halten die Eheleute davon nur einen kleinen Teil urkundlich fest, damit sie dem "Muezzin" nicht so viel für die Trauung zahlen müssen. Und Zinsen gibt es nicht. In der erwähnten Komödie "Uridu Khul'" rauft sich ein Mann die Haare, weil er seiner Braut damals 50'000 Pfund bezahlt, aber nur 50 Pfund hatte registrieren lassen - ein sicherer Gag, weil ein bekanntes Verfahren.    

Die neue Khul'-Scheidung ist also meines Erachtens sozialneutral. Die Frauen gewinnen dabei ökonomisch nichts, sparen aber Geld, Zeit und Nerven beim Gerichtsverfahren. Und sie haben auf jeden Fall die Option der traditionellen Scheidungsklage. Die bisherige Praxis hat gezeigt, dass die Khul'-Scheidung nicht eine "Upperclass"-Lösung ist und auch die oft unterstellten "frivolen Gründe" keine Rolle spielen (in den Komödien: der Mann schnarcht, ein anderer Mann sieht besser aus und/oder ist reicher...).

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, die das neue Gesetz in einem guten Licht erscheinen lassen. Ich komme bei genauerem Überlegen auf 3 Gründe:

1. Freiheit und Menschenrechte: Es müssen beide Partner die Ehe wollen. Damit ist (zunächst auf dem Papier) ein Stück Gleichberechtigung von Mann und Frau verwirklicht. Die Deklaration der Eheunmöglichkeit liegt nicht mehr beim Richter, sondern bei den Eheleuten (Khul': Frau, Talaq: Mann). Diese Neuerung ist ein Schritt in Richtung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

  

2. Offener Islam: Die Khul'-Scheidung entzieht die theologische Deutungshoheit den fundamentalistischen Kreisen und gibt einem aufgeschlosseneren Islam mehr Gewicht. In einer Studie (s. u. Quellenangabe) ist von einem Fall vor dem Fatwa-Rat der Azhar-Universität die Rede. Ein Mann legt dem Azhar-Gelehrten die Frage vor, ob seine Frau überhaupt das Recht habe, die Scheidung zu fordern. Der "Scheich" fragt nur, wie die Frau ihren Willen ausgedrückt hat. Sie habe ihn angeschrien, sei mehrere Male zu ihren Eltern verreist, wolle nichts mehr von ihm wissen, sei nicht zum Einlenken zu bewegen. Darauf der Scheich: "Du musst die Scheidung akzeptieren, sie hasst dich." Damit legitimiert der Relgionsgelehrte eine uralte und gleichzeitig moderne Idee, dass nämlich eine Ehe eine Liebes- und Lebensgemeinschaft ist. Fehlt dauerhaft ein gutes Einvernehmen (oder mehr noch: Liebe), dann ist die Ehe sinnlos und kann aufgelöst werden. Diese Idee lässt sich auch aus der erwähnten Geschichte vom Propheten Muhammad und der scheidungswilligen Frau herauslesen.

  

3. Gesellschaftliche Entwicklung: Da Fundamentalismus und Traditionalismus mehr in der Gesellschaft als im Staat verankert sind, trägt ein neues Gesetz den Diskurs auch in die hintersten Dörfer und fördert damit längerfristig (und auf Umwegen) die offene Gesellschaft, ohne die eine Entwicklung nicht möglich ist. Die Komodie "Uridu Khul'an" endet damit, dass die analphabetische Frau des südägyptischen Dorfvorstehers aufmüpfig wird und selber Dorfversammlungen organisiert. Dazu tragen zwei Informationen bei: Eine Nachbarin hat ihr aus der Zeitung vorgelesen, dass in Europa das Schaf "Dolly" geklont worden sei. Die einfache Frau ruft aus: "Dann sind ja Männer gar nicht mehr nötig!" Und die zweite Nachricht: In ihrer eigenen Familie ist eine Frau (Maha) dabei, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, weil er ihr die Berufstätigkeit verbietet!


Herzliche Grüsse
Fausi

Erwähnte Quelle

Agrama, Hussein Ali: Questioning Secularism. Islam, Sovereignty, and the Rule of Law in Modern Egypt, Chicago Studies in Practices of Meaning, University of Chicago Press, Chicago: 2012

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