Im Schatten der Scharia

      

Ägypten versteht erst, wer den Blick auf den ganzen Nahen Osten ausweitet. Niemand kann das so gut wie mein Freund Usama Al Shahmani aus Frauenfeld. Er ist Iraker, Literaturkritiker und Übersetzer und hat den ganzen Nahen Osten bereist.

  

Von Usama Al Shahmani    

   

Das Schlimmste, was gegenwärtig im sogenannten arabischen Frühling geschieht, ist die westliche Allianz mit den islamistischen Parteien in der Region: Irak, Ägypten und Syrien. Die westliche Politik hatte vorher schon ein Bündnis mit Diktaturen in diesen Ländern geschlossen und heute eine neue Allianz mit den islamischen Parteien, die nur an die Anwendung der islamischen Scharia denken. Das ist eine wiederholte politische Erfahrung, die die Liberalen in den arabischen Ländern leider nicht gut wahrnehmen!

 

Ausgrenzen reicht nicht   

Die junge Geschichte der Diktatoren wie Saddam im Irak, Ben Ali in Tunesien und Mubarak in Ägypten hat gezeigt, dass Ausschluss, erzwungene Anpassung sowie Verfolgung nicht die erfolgreichen Mittel sind, um politische Gegner zu besiegen. Der Verlierer wird oft einen neuen Weg finden, um sich anzupassen und sich ganz neu zu definieren. Oder er fällt in einen langen oder kurzen Schlaf, dann erwacht er bei der ersten Gelegenheit, stark und voll neuem Elan.

 

Dies geschah mit fast allen politischen Massenbewegungen. Sie verfolgen defensive Anliegen, um ihre Kultur und ihre Präsenz auch in Zeiten der Unterdrückung zu bewahren. Und der perfekte Beweis für diese Hypothese ist: Erstens der Aufstieg der Islamisten in den Ländern des Nahen Ostens im letzten Jahrzehnt und zweitens der große Sieg bei den ersten demokratischen Wahlen in Tunesien, Ägypten und im Irak.

  

Die islamistischen Bewegungen, allen voran die extremistischen Parteien, wollen die Anwendung der Scharia, buchstabenhörig und ohne Rücksicht auf die heutigen Bedingungen. Dies ist nicht mehr als ein Versuch, die Uhr zurückzudrehen! Islamisches Scharia-Recht ist meiner Meinung nach keine Lösung für diese Zeit, weil es die grundlegenden Prinzipien einer Zivilgesellschaft, die auf Menschenrechten gründet, nicht gewährleisten kann.

 

Zusammenarbeiten und auf die Finger schauen

 

  

Meiner Ansicht nach kann die grösste Herausforderung in der vom Islam geprägten Welt in einem Begriff zusammengefasst werden: Zusammenleben von Religion und Politik! Wie kann man mit den Islamisten, ob sie nun Sunniten oder Schiiten sind, friedlich auskommen? Ich glaube, es muss ein Plan geschmiedet werden, um diese fundamentalistischen Gruppen in die moderne Welt zu integrieren. Anders lässt sich das Problem nicht lösen. Die islamistischen Parteien in Ägypten, Tunesien und natürlich im Irak werden ohnehin nicht verschwinden, und ihre Haltungen sowie ihre politischen Überzeugungen lassen sich nicht von heute auf morgen ändern! Sie werden immer wieder versucht sein, die Macht zu ergreifen. Auch wenn dieser Fall erst nach fünfzig Jahren eintreten würde, käme das Land an den gleichen Punkt zurück! Ein rascher Blick auf die Geschichte der arabischen Welt in den letzten 50 Jahren zeigt uns, dass das bekannte Prinzip in ihrer Politik ist: Wer die Macht bekommt, wird die anderen blockieren und unterdrücken. Man merkt schnell, dass die Tradition des politischen Zusammenlebens fehlt!

 

Die vorherige Beschreibung ist genau das, was die Islamisten jetzt überall in der arabischen Welt machen. Sie unterdrücken alle anderen politischen Kräfte und verwenden ihre Macht, um die anderen Meinungen auszugrenzen. Zum Beispiel haben Säkulare oder Liberale kaum Rechte, ihre politische Präsenz zu markieren! Im Schatten der Scharia gibt es keinen Raum für die Zivilgesellschaft, ihren eigenen Lebensstil zu wählen.

 

Was sind die Regeln, die eine starke Basis für ein friedliches Zusammenleben schaffen? Und wie überzeugen Intellektuelle jetzt die Islamisten, die immer noch unter der Aufregung ihres "Siegs" sind, dass es falsch ist, ihre Vision anderen überzustülpen?

       

Auch die Oppositionsparteien müssen verstehen, dass durch das Vertreiben der Islamisten nur ein vorübergehender Sieg errungen werden kann, wenn überhaupt, weil der politische Islam tief im kulturellen und gesellschaftlichen Boden der arabischen Länder verwurzelt ist.

  
Die arabische Elite hat die moralische Pflicht, die Kultur des freien politischen Denkens und den friedlichen Übergang der Macht in der Gesellschaft zu fördern. Nur so können die Völker des arabischen Frühlings die politische und wirtschaftliche Stabilität erreichen. Der Westen wäre gut beraten, wenn er die Bemühungen der arabischen Elite nicht durch unkritische Allianzen mit zweifelhaften Bewegungen und Potentaten untergraben würde.  

 

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