Reisen in Ägypten

   

Reisen in Ägypten heute - ein Vorhaben für Tollkühne? Nach den schweren Auseinandersetzungen rund um das Fussball-Urteil vom 26. Januar könnte man diesen Eindruck gewinnen. Juliette Kaltenrieder Farag ist aber der Meinung, dass die Revolution die Sicherheitslage nicht so dramatisch verändert hat, dass Reisen zum Problem würden.  Juliette betreibt seit 2009 zusammen mit ihrem ägyptischen Ehemann ein Reisebüro in Ägypten.

      

Von Juliette Kaltenrieder Farag

   

Es war abzusehen, dass es um den Jahrestag der Revolution herum wieder zu diversen Ausschreitungen kommen würde. Die Situation ist wie immer: Viel (medialer) Lärm um relativ wenig. Konkret: In Kairo war lediglich ein Teil von Down Town von den Unruhen betroffen. Ich war am 26.1. und 27.1. mit zwei verschiedenen Reisegruppen unterwegs (Pyramiden, Zitadelle, islamische Altstadt, Maadi) und es ist an beiden Tagen nicht einmal ansatzweise irgendetwas von den Unruhen zu spüren gewesen - auch für die Gäste nicht, wie sie mir ganz erstaunt bestätigt haben. Die eine Gruppe residierte zudem im Hotel Kempinski, das liegt an der Corniche nur einen knappen Kilometer vom Tahrir Platz entfernt, und sogar sie konnten sich problemlos von diesem Hotel aus bewegen. Sie sahen zwar schon in der Ferne ab und zu etwas Tränengas und sonstigen Rauch aufsteigen, aber ihr Workshop und die Ausflüge wurden nicht wirklich beeinträchtigt - nicht einmal dort in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Unruhen.

 

In allen anderen Stadtteilen merkte man so gut wie nichts von allem und bekommt allenfalls (wie das Ausland) nur durch die Medien etwas mit. Ausserhalb von Kairo ist die Situation - abgesehen von Teilen Alexandrias, Port Saids und Suez - offenbar soweit ruhig. Am grössten waren die Unruhen am 26.1. in Port Said in Folge der Demos wegen des Urteils bezüglich des "Fussballmatch-Falls", der - wenn überhaupt - nur indirekt mit der Revolution und der ganzen politischen Lage zu tun hat.

    

Der Alltag und das Medienecho

Also unter dem Strich: Vom politischen Geschehen inklusive Demos, Streiks etc. merkt man im Alltag und somit auch auf den Reisen sehr wenig bis nichts und kann im Prinzip sein Leben genau gleich weiterleben wie vor der Revolution. Durch die mediale Berichterstattung mit dem typischen Fokus auf das Negative, Verrückte, Reisserische entsteht natürlich jeweils ein ganz anderer Eindruck, und das trägt mit dazu bei, dass die Touristenzahlen nach wie vor ziemlich tief sind. Dafür haben es diejenigen Gäste, die trotzdem kommen, umso besser, weil sie die Chance haben, auch die sehr beliebten Sehenswürdigkeiten mal ohne Menschenmassen zu sehen und im Grossen und Ganzen auf ehrlich über ihre Anwesenheit erfreute ÄgypterInnen stossen, die teilweise auch mit einem spürbaren neuen Selbstbewusstsein den Gästen gegenüber treten, was ich als sehr positiv empfinde.

    

Natürlich gab es tatsächlich seit der Revolution ein paar wenige kleinere Zwischenfälle, vor allem mit den Beduinen in Sinai, die aber allesamt nicht gegen die Touristen als solche gerichtet waren und auch alle absolut glimpflich abgelaufen sind. Diese Zwischenfälle können aber in keiner Weise als repräsentativ für die allgemeine Lage im Land angesehen werden. Im Allgemeinen ist Ägypten nach wie vor ein sehr gastfreundliches Land, ja ist vielleicht sogar gastfreundlicher als vor der Revolution, weil Gäste jetzt infolge der ausbleibenden Touristenmassen wieder mehr zu etwas "Speziellem" geworden sind.

     
Die Probleme existieren seit Jahrzehnten

Von der viel beschworenen "Islamisierung des Landes" im grossen Stil ist - zumindest für AusländerInnen - auch eigentlich nichts zu spüren, jedenfalls nicht auffallend mehr als vor der Revolution. Die zunehmende Hinwendung grosser Teile der Bevölkerung zu so genannten "religiösen Werten"  ist in Wirklichkeit schon seit Jahrzehnten im Gange. Es ist einfach so, dass seit der Revolution in der Öffentlichkeit und in den Medien viel mehr über das Thema Religion diskutiert wird und dabei auch teilweise sehr extreme Ansichten zu Tage kommen, die aber eben mitnichten neu entstanden sind, sondern einfach während des Mubarak-Regimes nicht so offen zur Schau gestellt wurden. Umgesetzt wird von all dem extremistischen Gerede in Bezug auf AusländerInnen und den Tourismus auf offizieller Ebene so gut wie nichts, in Bezug auf das Leben der ÄgypterInnen bedauerlicherweise teilweise schon, wobei es aber auch hier offen ist, ob es wirklich so viel mehr ist als vor der Revolution, oder ob man einfach mehr davon erfährt. Und was nie erwähnt wird: Alle bisherigen Terroranschläge auf Touristen wurden noch in der Mubarak-Zeit verübt! Also, es ist alles sehr sehr relativ und  es gibt eigentlich keinen rationalen Grund, nicht nach Ägypten zu reisen wegen der politischen Lage.

Was die Kriminalität und allgemeine Sicherheitslage betrifft: Ägypten ist nach wie vor ein vergleichsweise sehr sicheres (Reise-)Land, auch die Grossstadt Kairo. Mit den üblichen Vorsichtsmassnahmen wie Demos und allgemein Menschenmassen vermeiden, keine Wertgegenstände zur Schau stellen, Geld in gut verschliessbaren Taschen nahe auf sich tragen, sich informieren über die Sicherheitslage in einem Quartier/Landesteil, bevor man zu jeder Tages- und Nachtzeit hingeht, keine nächtlichen Überlandfahrten machen etc. kommt man ganz gut durchs Leben. Natürlich kann es einen auch hier in Ägypten - wie überall auf der Welt - mal erwischen, das kann man ja nie ganz ausschliessen, aber besonders gefährlich in irgendeiner Art und Weise ist es hier mit Sicherheit nicht. Dafür spricht auch, dass weder wir noch eines unserer Partner-Reisebüros seit der Revolution irgendwelche grösseren Zwischenfälle auf einer Reise zu verzeichnen hatten.       

       

Wer wagt, gewinnt  

Also als Fazit: Von der "ägyptischen Seite" spricht zum momentanen Zeitpunkt eigentlich nichts gegen Reisen im ganzen Land, von der "ausländischen Seite" müssten lediglich die durch die Medien verursachten und sonstigen Ängste überwunden werden. Das ist allerdings ein sehr zentraler Punkt, denn die Erfahrung zeigt, dass ängstliche Menschen die Probleme dann geradezu magisch anziehen und es hat also absolut keinen Sinn, irgendjemanden zu einem Aufenthalt in Ägypten zu überreden, der sich dabei überhaupt nicht wohl fühlt und dann höchstwahrscheinlich tatsächlich viel Unerfreuliches antreffen wird. Wer sich aber mutig ins "Abenteuer Ägypten" stürzt, wird ziemlich sicher auch dafür belohnt werden, auch das hat die Erfahrung gezeigt!

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