Fussball und Politik

    

Friedlich und fröhlich, aufbrausend, aber bald wieder versöhnlich - so kenne ich die Ägypter. Welch ein Kontrast zu den Ausschreitungen rund um das Fussball-Drama von Port Said! Es herrscht Krieg aller gegen alle, dieses Bild vermittelt die aktuelle Medienberichterstattung.

   

Die Ereignisse sind tatsächlich chaotisch und gewaltsam. Hinter ihnen liegen aber handfeste politische Interessen. Der "Fussballkrieg" von Port Said hat eines gemeinsam mit dem historisch gewordenen "Fussballkrieg" von 1969 zwischen Honduras und El Salvador: Es sind politische Gründe, die das Pulverfass zum Explodieren gebracht haben.
     
       

Diese Hintergründe nehmen in den Tagesmedien im Vergleich zu den "Front-Berichten" einen eher bescheidenen Platz ein. Wer also auch das "Warum" verstehen will, dem/der empfehle ich einen Blick in einen der "Think Tanks", die sich mit dem Nahen Osten befassen. Unten finden sich einige Websites in Deutsch und Englisch.

  

Hier versuche ich eine Skizze der Ereignisse, welche die politischen Hintergründe sichtbar machen soll. 

   
    

   

Stoff zu einem Polit-Krimi

Im Januar 2012 spielt die Kairoer Spitzenmannschaft Ahli ein Auswärtsspiel in Port Said gegen die örtliche Mannschaft Masri. Im Anschluss an den Match gehen Hunderte von Masri-Anhängern auf Ahli-Fans und -Spieler los, teils mit Brechstangen und Messern bewaffnet. Leute werden totgetrampelt, erstochen, erschlagen. Ein Bild der Zerstörung. Fast alle der 75 Toten sind Ahli-Fans. Es folgen eine Verhaftungswelle und die Beweisaufnahme.
    

Der politische Hintergrund: Der Ahli-Club hatte sich aktiv an der Revolution von 2011 beteiligt. Die "Ultras" - wie sich die Ahli-Fans nennen - haben Übung in brachialen Auseinandersetzungen und konnten daher die Polizei viele Male verjagen, eine Demütigung für das Polizeikorps.
    

Einige Akteure und auch Richter halten es für möglich, dass an den Ereignissen Provokateure im Spiel waren und diese im Dienst der Polizei standen. Dies ist nicht ganz unplausibel, denn bezahlte Schläger waren ein bewährtes Rezept des Mubarak-Regimes. Zudem sei die Polizei laut Augenzeugen den Randalierern kaum entgegengetreten und hätte ein völlig ungenügendes Sicherheits-Dispositiv gehabt.

   

Von den Ereignissen gibt es unzählige Filmaufnahmen (z.B. dank den Mobiltelephonen). Das Beweismaterial wurde also  sichergestellt, ermittelt wurde aber - das behaupten einige Quellen - ausschliesslich gegen die Hooligans von Port Said bzw. den Masri-Club.
    
Nun hat vor wenigen Tagen das Gericht 21 Masri-Fans zum Tode verurteilt für (vermutlich unbezweifelbare) hemmungs- und gewissenlose Gewaltakte mit Todesfolge. Die angeklagten Polizisten sollen erst im März ihr Urteil erhalten, da seien die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen. Was für ein Eindruck muss nun bei den verschiedenen Akteuren entstehen?

  

     

    

Alle Seiten unzufrieden

Die Ahli-Fans sind aus Erfahrung überzeugt: Ohne die Randale wären die Prozesse im Sand verlaufen. Mit dem Druck der Strasse kann man den Staat in die Knie zwingen, ohne Druck läuft nichts. Faktisch waren das Innenministerium und die Richter mit einem Ultimatum der Strasse konfrontiert: Entweder Abstrafung aller Verantwortlichen bis zum 25. Januar, oder wir legen das Land lahm! Die Richter hätten sicher lieber erst gesprochen, wenn alle Urteile vorlagen, das heisst im März, aber sie gaben offensichtlich dem Druck der Strasse nach. Nun machen die Ahli-Fans weiter, damit die Richter nach den ersten Urteilen auch die übrigen Prozesse sauber abwickeln. Die "Ahlis" sind die Hauptakteure an den "klassischen" Revolutionsorten wie dem Tahrir-Platz.

   

    

Die Einwohner von Port Said (und mit ihnen der Masri-Club) sehen sich als Opfer einer Verschwörung, in der sich die Polizei an den Ahlis rächen wollte und dazu den gegnerischen Club einspannte. Nach den einseitigen Urteilen gegen die Söhne ihrer Stadt sehen sie sich bestätigt, dass eigentlich alles inszenierte Provokation war, in die ihre Söhne einfach "hineingezogen" wurden.  Auf einem Transparent (s. unten) steht: "Port Said leidet mit den Märtyrern der Urteile des Führers (=Mursi)".

   

    

Die Regierung Mursi steht vor dem Problem, dass ein nationaler Dialog nur möglich ist, wenn sie wirklich bereit ist, sich der Kritik der anderen politischen Akteure zu stellen. Ob Mursi dazu bereit ist, sei dahingestellt. Seine Hauptstütze, die Führung der Muslimbrüder, ist es zur Zeit nicht. Und so wurstelt sich Mursi durch mit leeren Aufforderungen zum Dialog einerseits, Androhung von Notrecht andererseits. Und bringt damit alle gegen sich auf.

  

   

Die Polizei ist nicht nur Täter, sondern auch Opfer. Viele der Polizisten sind blutjung und unerfahren. Sie sind schlecht ausgebildet und noch schlechter bezahlt. Eigenverantwortung und Eigeninitiative sind erst in den höheren Offiziersrängen möglich. Gepflegt wird dafür der Korpsgeist: Wir sind die Unbesiegbaren, ohne uns würde das Land im Chaos versinken. Nun kommt zu den Widerwärtigkeiten dazu, dass das Innenministerium unter dem Druck der Strasse nicht mehr einfach die schützende Hand über die Polizei hält. Die Gerichte haben dadurch mehr Freiraum, Übergriffe der Polizei zu ahnden - die letzte kleine "Freude" eines manchen Polizisten. 

   

   

Die Richter sind heillos überfordert. Unter Mubarak hatten sie es insofern einfacher, als der Druck nur von der Regierung kam. Heute kommt der Druck von der Strasse dazu, der in den vorschnellen Todesurteilen vom 26. Januar seine eindeutigen Spuren hinterlassen hat.

   

  

Die klassische säkulare Opposition ist - im Gegensatz zu Salafisten und Muslimbrüdern - wenig mit der Bevölkerung verbunden. Ihnen haben die 60 Jahre Unfreiheit mehr geschadet als den Islamisten. Während letztere in erster Linie eine "Grassroot"-Bewegung waren und sein wollten, verschrieben sich die säkularen Politiker der Reform des Staatsapparates auch unter Mubarak - mit all den Kompromissen und dem damit verbundenen Legitimitätsverlust. Auch ihre jetzigen Forderungen wirken abgehoben. Sicher ist es richtig, eine Änderung der neuen Verfassung und eine Einheitsregierung aller politischen Kräfte zu fordern. Aber zu diesem "Top-Down"-Ansatz bräuchte es die direkte Aktion an der Basis, zum Beispiel eine friedliche Front der verfeindeten Fussball-Lager zusammen mit den demokratischen Richtern, um Licht hinter die Polit-Machenschaften zu kriegen. Das muss und wird einmal kommen, aber im Moment hat die Opposition wenig Einfluss auf den Lauf der Dinge.

   

        

It's politics

Während Fussball-Hooligans in Westeuropa ein verhältnismässig eingrenzbares Phänomen sind, können militante Fussball-Fans im Kontext eines chaotischen, ungerechten und korrupten Staates eine Sprengkraft entwickeln, die die Gesellschaft nachhaltig erschüttert. So wird Fussball zu Politik. Genauso wie zum Beispiel die intensiven Wirtschaftsbeziehungen des Westens zu Ägypten Politik sind. Sowohl die EU wie die USA verbinden die Wirtschaft mit Vereinbarungen über die "Good Governance". Nun sind sie in der Pflicht, die "Gute Regierungsführung" auch konkret in der Praxis einzufordern.

      

"Think Tanks" zum Nahen Osten 

The Cairo Review of Global Affairs AUC, Englisch (stark auf Ägypten bezogen)
www.aucegypt.edu/GAPP/CairoReview/Pages/default.aspx

    

Carnegie Endowment for International Peace, Englisch (stark auf Ägypten bezogen)
www.carnegieendowment.org/

      

International Crisis Group, Englisch/Arabisch
www.crisisgroup.org/

  

Qantara, Deutsch/Englisch/Arabisch
de.qantara.de/

   

Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsch/Englisch
www.swp-berlin.org/

   

European Union Institute for Security Studies, Englisch
www.iss.europa.eu/


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