Über Religion lachen?

     

"Was darf Satire? Alles." So das berühmte Verdikt des Schriftstellers Kurt Tucholsky von 1919. Ich plädiere hier dafür, in religiösen Fragen für Humor und Angriffigkeit einzustehen, dabei aber auch die Würde des Anderen und den Anstand zu wahren. Zusätzliche rechtliche Massnahmen würden wahrscheinlich am Ziel vorbeischiessen.

         

Vor einigen Monaten setzte der ägyptische Christ, Geschäftsmann und Politiker Naguib Sawiris eine Fotomontage mit Mickey und Minnie Mouse ins Internet: ein harmloser, fast freundschaftlicher Tritt ans Schienbein seiner islamistischen Mitbürger. Die Antwort liess nicht auf sich warten: öffentliche Empörung oder zumindest Befremdung. Sawiris entschuldigte sich sofort und nahm das Bild vom Netz. Er habe es als Spass verstanden und damit keineswegs den Islam beleidigen wollen, den er sehr respektiere. Trotzdem richteten 17 Anwälte eine Petition an den Generalstaatsanwalt, dieser solle Ermittlungen aufnehmen. Da Sawiris Chef des Telecomriesen Orascom und auch sonst ein einflussreicher Mann ist (er ist Bruder von Samih Sawiris, Erbauer des Luxus-Resorts von Andermatt), verlief sich die Angelegenheit im Sande.
     
Es sind oft die humorlosen Menschen, die die Spötter am meisten reizen und ihre Phantasie beflügeln. In einer Karikatur der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" ruft ein strenggläubiger Muslim beim Anblick des Trickfilm-Hasen Buggs Bunny aus: "Schon wieder eine beleidigende Darstellung unseres Propheten!" Das ist schon einiges beissender als bei Naguib Sawiris.

 

        
         

Islam-Bashing und Islam-Kritik 

Zu erinnern ist an die dänischen Mohammed-Karikaturen von 2005. Eine davon zeigt den Propheten Mohammed mit dem Turban, der gleichzeitig eine Bombe mit brennender Lunte ist. Terroristische Anschläge sind meist auf Islamisten zurückzuführen, das ist die Botschaft. Die Botschaft ist aber auch, dass dies am Islam als Religion liegt, was alle Muslime zu potentiellen Terroristen macht.

 
    
Auch sonst sparen die Cartoonisten nicht mit Kritik am Islam. Harmlos ist noch der Zweifel, ob die Scharia wirklich frauenfreundlich ist. Etwas angriffiger ist es, den Koran direkt mit Tod und Diktatur gleichzusetzen. Oder den Propheten der Muslime als geisteskrank oder pädophil darzustellen.


         

  

    

     

Zwischendurch gibt es etwas differenziertere Cartoons, die auch eine Prise Kritik an der eigenen Kultur enthalten.
 



Atheistische Kritik

Oft stammt Religionskritik aus atheistischen Kreisen, die dann gleich allen Religionen totale Unvernunft und Rückständigkeit vorwerfen. Sexualität, Gewalt, alles taugt zur Häme.
     

 

Westliches Feindbild Christentum

Die schärfste Polemik gegen das Christentum stammt aus dem christilichen Kulturkreis selber. Dies hängt wohl damit zusammen, dass die Kritik an Autoritäten - auch religiösen - im Westen viel heftiger geführt werden kann als im Orient. Gerade in den USA, aber auch in Westeuropa floriert als Gegenpol zur Frömmigkeit und zur Frömmlerei eine aggressive Polemik gegen das Christentum. Harmlos ist es, Benedikt XVI. als rückständigen Twitterer zu veräppeln. Hochgradig geschmacklos ist seine Darstellung als inkontinenten Kirchenführer.


              

 
Noch heikler ist es, über Jesus Christus zotige Witze zu reissen.

   

  

      
          
Ein wenig aus der Reihe tanzt die Karikatur mit Jesus als Werbeträger für Coca Cola. Besonders pietätvoll ist sie nicht, aber sie thematisiert das Christentum in einer profitorientierten Gesellschaft und könnte durchaus von einem kritischen Christen stammen. Auch das "Wanted"-Plakat liesse sich auf diese Weise lesen.



         

 

 

Darf Satire alles? 

Satire ist laut Duden eine „ironisch-witzige literarische oder künstlerische Darstellung menschlicher Schwächen und Laster (bzw.) Literaturgattung, die durch Übertreibung, Ironie und Spott an Personen oder Zuständen Kritik üben möchte“.  Und Ironie ist „feiner, verdeckter Spott, mit dem man etwas dadurch zu treffen sucht, dass man es unter dem auffälligen Schein der eigenen Billigung lächerlich macht“.

   

Nach dieser Definition geht es um Menschen und Zustände. Religion ist weder das eine noch das andere. Das Verhältnis der Menschen zur Religion und die Zustände und Institutionen, die Menschen im Namen der Religion geschaffen haben, können aber sehr wohl Gegenstand der Satire sein. Blossgestellt werden dabei Schwächen und Laster wie Fanatismus und Frömmlerei und nicht „die Religion“. Man kann zwar über Religion lachen, moralisch und juristisch relevant ist dabei aber nur, wie dienlich dies dem Zusammenleben der Menschen ist.

  

Denn das Religiöse ist wesentlich privat. So ist es verständlich, wenn sich eine religiös veranlagte Privatperson in ihrer Würde verletzt fühlt, wenn unterstellt wird, religiöse Menschen seien genauso sexbesessen wie ihre Götter. Oder wenn einem Muslim unterstellt wird, er folge einer terroristischen Religion.

   

Ich denke, man kann diese Frage unter einem moralischen und einem juristischen Aspekt betrachten.

  

Die moralische Frage

Ich kann nachvollziehen, dass einige Menschen Religion für puren Irrationalismus halten, und sogar als Gefahr für jede moderne, aufgeklärte Gesellschaft. Ich kann auch verstehen, wenn der nachweislich häufige Gebrauch von Gewalt durch Islamisten auf das öffentliche Bild vom Islam abfärbt. Wenn aber Satire eine aufklärerische Wirkung haben soll, so darf sie nicht die Aggressivität und den Fanatismus, den sie geisselt, selber zur Schau stellen. Sie sollte die Würde des Einzelmenschen gegenüber sich selbst und gegenüber der Öffentlichkeit so weit wie möglich respektieren.

      
So betrachtet, hätte ich als Chefredaktor einer Zeitung keine Bedenken, beispielsweise die Mickey-Mouse-Karikatur von Sawaris oder die Buggs-Bunny-Karikatur des „Charlie Hebdo“ als Satiren zu veröffentlichen. Auch den twitternden Papst, aber nicht den „undichten“. Auch über „Jesus und Coca Cola“ oder „Jesus Wanted“ kann man debattieren, und deshalb ist eine Publikation moralisch vertretbar. Soviel Humor muss, soviel Satire darf sein.

   

Moralisch nicht vertretbar finde ich hingegen, Gläubige als Sexualpsychopathen, Mohammed als Terroristen oder Pädophilen, Christus als Idioten oder Sex Maniac darzustellen. Auch wenn all diese Deutungen einer ehrlichen Überzeugung entspringen können, sind sie doch ein Angriff auf Andersdenkende, der keine Debatte mehr zulässt.

  

Bei der interkulturellen Auseinandersetzung kommt noch dazu, dass die „Heiligkeit“ der Religion je nach Kultur auf sehr unterschiedliche Weise gepflegt wird. Ein Beispiel ist Ägypten. Dort schimpft unterdessen eine Mehrheit gegen den Präsidenten Mursi und gegen die Muslimbrüder, aber man findet kaum öffentlichen Spott gegen die Religion als solche, weder den Islam noch das Christentum (Kopten), schon gar nicht mit sexuellen Unterstellungen.

  

Die rechtliche Frage

In Westeuropa stecken die Verfassungen einen relativ weiten Rahmen zu dieser Frage. Sie schützen einerseits den Menschen und seinen Glauben, andererseits auch die Meinungsäusserungsfreiheit. Die schweizerische Bundesverfassung zum Beispiel schützt die Würde des Menschen: Niemand darf wegen seiner religiösen Überzeugung diskriminiert werden, jeder darf religiös sein und handeln, wie er es für richtig hält. Auf der anderen Seite schützt die Verfassung die Meinungsäusserungsfreiheit und explizit die Kunstfreiheit. Dies erlaubt der Gesetzgebung und der Rechtsprechung eine gewisse Anpassung an die öffentliche Meinung und die öffentliche Ordnung.

  

Genügt dieser Rahmen? Ich denke schon. Rein rechtlich wäre es möglich, Verunglimpfungen wie Mohammed als Terrorist oder Jesus als Idiot zu unterbinden oder zu ahnden. Die Frage ist aber immer, was damit zu gewinnen ist. In Ägypten kämpfen einige radikale Islamisten auch für Gesetze gegen die Verunglimpfung der Religion. Sie wollen Straftatbestände schaffen wie „Beleidigung Gottes“ oder „Gefährdung des Islam“. Mon Dieu – ist Gott so klein, dass er sich durch einen Menschen beleidigen lässt? Ist der Islam so schwach, dass ein „Apostat“ 1400 Jahre islamische Kultur zum Kollabieren bringt? Und wer soll solches entscheiden?

  

Gemeinsam weiterkommen

Ich denke, den Diskurs über die Toleranz gegenüber dem Humor sollte die zivile Öffentlichkeit führen - möglichst ohne Einbezug der Justiz. Und hier wäre einerseits mehr Zurückhaltung sicher förderlich: Nicht alles, was noch im legalen Bereich ist, ist respektvoll, klug, dialogfördernd. Andererseits müssen wir die Meinungsäusserungsfreiheit und die Kunstfreiheit gegen engstirnige Intoleranz und Humorlosigkeit verteidigen. Man wird doch noch lachen dürfen!

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