Kerry und Kom Ombo

    

Gestern, 2. März, hat die Nachricht auch die Schweiz erreicht: Im südägyptischen Touristenort Kom Ombo haben aufgebrachte Muslime vor der koptischen Kirche Mar Girgis die Polizei mit Steinen beworfen. Dort hat sich dem Vernehmen nach eine junge Frau versteckt, die vom Islam abgefallen und zum Christentum übergetreten ist. Und gestern ist US-Aussenminister John Kerry in Kairo eingetroffen. Eine Filmbesprechung und einige Gedanken zu einer alten Geschichte.


    

     

"Hassan und Markus"    

Ereignisse wie die aktuellen in Kom Ombo sind das zentrale Thema des Films "Hassan und Markus" (2008), in dem zwei der grössten ägyptischen Filmstars, Omar Sharif und Adel Imam, die Hauptrollen spielen. Boulos (Adel Imam) ist ein koptischer Priester, Scheich Mahmoud (Omar Sharif) ein muslimischer Imam. Beide überleben einen Mordanschlag und müssen ihre Identität ändern, um weiteren Attentaten zu entkommen. Boulos erhält die Identität eines Muslims und wird zu Hassan, Scheich Mahmoud die eines Kopten und wird zu Markus. Sie und ihre Familien geraten in dasselbe Haus und freunden sich an. Auch ihre Kinder kommen sich näher und verlieben sich ineinander: der Sohn von Boulos und die Tochter von Mahmoud. Beide geben sich aus als das, was sie nicht sind: er als Muslim, sie als Christin. Als die doppelte Täuschung offenbar wird, lösen sich die beiden jungen Leute todtraurig voneinander. Es kommt zu weiteren Verwicklungen, in deren Verlauf es für beide immer schwerer wird, ihre wahre Identität zu verschleiern. In der Schluss-Szene, einer gewaltig choreographierten Strassenschlacht zwischen Christen und Muslimen, gehen die beiden Familien Hand in Hand durch die prügelnden Menschen und die brennenden Trümmer.

      

Der Film war in Ägypten ein grosser kommerzieller Erfolg. Die Figuren Hassan und Markus verkörpern berührend die Verständigung zwischen Kopten und Muslimen und den Segen der Toleranz, und das gefällt vielen Ägyptern. Er holte aber auch die konservativen Kreise beider Seiten aus den Löchern. Adel Imam wurde "Propaganda" für den Übertritt zum Christentum vorgeworfen, und Omar Sharif ("Dr. Schiwago", "Die Blumen des Monsieur Ibrahim") wurde von koptischen Kreisen angefeindet.

      

"Hassan und Markus" hatte mit den ägyptischen Zensurbehörden keine Probleme. Dies hängt wohl nicht nur damit zusammen, dass Adel Imam Beziehungen zum Haus Mubarak nachgesagt werden, sondern auch dass der Film die religiöse Frage entpolitisiert und als "Menschheits-Drama" darstellt. Muslime und Kopten kämpfen demnach aus religiösem Übereifer gegeneinander, nicht aus sozialen oder ökonomischen Gründen. Tatsache ist aber, dass die Konflikte dem Auf und Ab der politischen und sozialen Krisen in Ägypten folgen.

   

Mubarak als "Friedensstifter"

Der gestürzte Staatspräsident Mubarak hatte bekanntlich ein vitales Interesse, sich als "starker" Präsident Ägyptens zu profilieren. Davon hing seine internationale Stellung ab: seine Rolle im Konflikt zwischen Israel und Palästina, die Milliardenhilfe aus den USA und der EU, die Milliardengeschäfte mit dem Ausland. Viele der Hilfsgelder und Geschäftsgewinne sind in die Taschen des Mubarak-Clans gewandert und liegen heute auf englischen und schweizerischen Banken. Sie haben gefehlt für den Aufbau Ägyptens.

   

Während Gelder für die Bekämpfung der Armut abgezweigt wurden, durften die Islamisten (Muslimbrüder und Salafisten) ihre wohltätigen und gemeinnützigen Aktivitäten im Land entfalten und auf diese Weise Millionen von Menschen ein erträgliches Leben ermöglichen. Auch die Kopten waren weitgehend auf sich selbst gestellt. Die Konflikte blieben trotzdem nicht aus: Konflikte um Arbeitsplätze, um Ausbildungsplätze, um Handelsgeschäfte, kurz Verteilungskämpfe in einer prekären Lebenssituation.

   

Wenn Konflikte zwischen Kopten und Muslimen auftauchten, zeigten die Behörden meist eine auffallende Zurückhaltung. Sie riefen wohl zur Mässigung auf, ergriffen aber wenig energische Massnahmen, um die Streitenden zu trennen, und schon gar nicht, um die Ursachen der Konflikte zu bekämpfen. Das Regime mochte den Islamismus nicht konsequent bekämpfen, denn es profitierte von den islamischen Organisationen: Sie stopften die schlimmsten sozialen Löcher. Sogar gelegentliche islamistische Gewaltausbrüche kamen dem Regime zupass: Der Kampf gegen die "islamistische Gefahr" liess sich gegenüber den USA, der EU, überall in der Welt vorzüglich vermarkten. Leidtragende waren vor allem die Kopten.

   

Mursi und die Kopten

Als 2011 die Revolution losbrach, rief Schenuda III. die Kopten auf, den Aufständen fernzubleiben und stellte sich hinter den Staatspräsidenten. Trotzdem beteiligten Hunderttausende von Kopten an den Kämpfen in allen Provinzen Ägyptens. Auf dem Tahrir-Platz kam es zu ergreifenden symbolischen Akten: Christen, die Muslime beim Freitagsgebet vor Übergriffen schützen, Muslime, die die Sonntagsmesse der Kopten schützten.

   

  

Mit der Machtübernahme der Islamisten nahm der Druck auf die Kopten wieder zu. Staatspräsident Mursi und seine Regierung verurteilen natürlich Übergriffe jeder Art und rufen zum Frieden auf. Nur: Während die Muslimbrüder Tausende von rabiaten Aktivisten mobilisieren können, um den Präsidentenpalast vor Demonstranten zu "schützen", während sie Zehntausende von Anhängern in Bussen zu islamistischen Demonstrationen fahren können, fehlen die Kräfte, um vor einer Kirche massiv Präsenz zu markieren.

   

Ein problematischer Souveränitätsbegriff

Gerade weilt US-Aussenminister John Kerry in Ägypten. Demonstrationen begleiten diesen Besuch. Der Vorwurf lautet, die USA unterstützten die Muslimbrüder. Wie ist das möglich, nachdem die USA bis nach der Revolution jeden Dialog mit der Muslim-Bruderschaft verweigert hat? Ganz einfach: Es geht nicht eigentlich um die Muslimbrüder, sondern um die Machthaber. Schon bei Mubarak drückte die US-Unterstützung nicht Sympathie für Mubarak und seine Politik aus, sondern für den "starken Mann", der im US-Verständnis die beste Garantie für Stabilität im  Nahen Osten und für die Verfolgung ihrer Interessen ist. Noch Ende Januar 2011, als die Revolution in vollem Gange war, hat sich die US-Regierung nicht etwa auf die Seite der Demonstrierenden gestellt, sondern ihre "Hoffnung" ausgedrückt, dass Mubarak und seine Regierung die nötigen Reformen einleiten werden.

    

  

Nun steckt das Land in einer schweren politischen Krise: Die Opposition - auch die Kopten - hat fast geschlossen zum Boykott der Parlamentswahlen vom 22. April aufgerufen, während Regierung und Muslimbrüder die Wahlen verteidigen. Das Land wird also vielleicht bald (wieder) ein Parlament haben, das von Islamisten gewählt und mit Islamisten besetzt ist. Die Folge wäre, dass die gewaltsamen Auseinandersetzungen auf der Strasse weitergingen. Die politische Kultur würde zerstört. Es gibt schon Stimmen unter den fortschrittlichen Kreisen, die eine Rückkehr des verhassten Militärrats fordern - besser er als die Muslim-Bruderschaft. Die US-Regierung will sich zwar nicht "einmischen", stärkt aber dauernd den Regierenden den Rücken, zum Nachteil der Zivilgesellschaft. Bisher hat Kerry ausführlich von der Wirtschaft und einem Milliarden-Hilfspaket gesprochen, zu recht. Die verfahrene Situation, in der zwei Lager einander gegenüberstehen, eines davon mit dem grossen Stock - dieses Problem belässt er vertrauensvoll in den Händen der Regierung und lässt jedes deutliche Wort vermissen.

   

Hinter der Aussenpolitik der USA und der EU (und eigentlich der ganzen Weltgemeinschaft) steckt ein problematischer Souveränitätsbegriff. (Volks-) Souveränität ist die Macht des Volkes, seine eigene Regierung zu bestellen und auch sonst die Angelegenheiten in seinem Territorium selber zu regeln. Von aussen gesehen gilt allerdings die Souveränität des Staates, denn das Volk als Ganzes kann ja nicht Gesprächspartner sein und braucht daher einen Mittler, eben die Regierung. Wenn nun der Staat die Zivilgesellschaft (das "Volk") unterdrückt, dann droht mit der Unterstützung des Staates durch fremde Mächte die Zivilgesellschaft zu leiden.

   

Nicht den Bock zum Gärtner machen!

Es wird weiterhin besonnene Einzelpersonen wie Hassan und Markus brauchen, die sich dem Extremismus entgegenstellen. Es braucht aber auch starke Stimmen aus den politischen Lagern: den Muslimbrüdern, der koptischen Kirche, der Azhar-Universität, den Parteien. Die Muslimbrüder bieten dazu im Moment keine Hand und klammern sich an den Staat. Und es braucht starke Stimmen der demokratischen Mächte: USA und EU. Aber John Kerry handelt schwach, wenn er wiederholt, er wolle sich nicht "einmischen": Er mischt sich bereits ein, indem er Mursi den Rücken stärkt ohne klare Bedingungen und ohne glaubwürdige Kontakte zur Opposition.

   

Die Politikwissenschaftlerin Hannah Boie schrieb 2009 in ihrer Analyse der EU-Politik gegenüber Ägypten: “The EU's strategy (…) keeps to the rules of the liberalized autocratic Egyptian state and disregards civil society itself as the first actor to turn to (…). By passing over the civil society in issues that concern civil society itself and turning to the Egyptian government instead to ask for allowance, it does not act according to the rules of democracy, i.e. the empowerment of the people as a sovereign, that it tries to promote.” Wer einen autokratischen Staat zur Stärkung von Zivilgesellschaft und Demokratie einspannen will, der macht den Bock zum Gärtner. Es wird eine grosse Aufgabe der internationalen Gemeinschaft sein, internationale Beziehungen nicht nur mit den Staaten, sondern auch mit deren Zivilgesellschaften zu kultivieren. Bei demokratischen Staaten ist dies problemlos, bei autokratischen unverzichtbar.

  

Erwähnte Quellen

Der Film "Hassan und Markus" auf Youtube (Arabisch): www.youtube.com/watch?v=x7iZfY4m3oI

   

Boie, Hannah. Civilian Power : An Analysis of Euro-Mediterranean Relations, Berlin: Lit Verlag, 2010

4771 Views
Kommentare
()
Einen neuen Kommentar hinzufügenEine neue Antwort hinzufügen
Ich stimme zu, dass meine Angaben gespeichert und verarbeitet werden dürfen gemäß der Datenschutzerklärung.*
Abbrechen
Antwort abschicken
Kommentar abschicken
Weitere laden