Taxi!

    

Doch, die langen Strecken und die vielen Staus in Kairo haben auch ihr Gutes. Da ich oft im Taxi unterwegs bin, komme ich zu langen Gesprächen mit dem Fahrer (Fahrerinnen gibt es nicht). Zu jedem Fahrer gehören seine Familie, die Ausbildung seiner Kinder, seine religiösen und ethischen Überzeugungen und politischen Ansichten, seine Arbeit - ein Universum! Ich stelle hier einen Beststeller vor, informiere über das Taxifahren in Kairo und schildere einige Begegnungen im Taxi.

    

"The novel that predicted the uprising"

   

   

"Im Taxi. Unterwegs in Kairo". Dieser Roman von Chalid al-Chamissi habe die Revolution von 2011 vorausgesagt, steht auf der englischen Ausgabe. Der Text ist nicht wirklich ein Roman, sondern eine fast dokumentarische Sammlung von 58 Kurzgeschichten. Der Autor erzählt darin, was er im Taxi erlebt hat oder was ihm die Fahrer erzählt haben: ein Abbild des gesellschaftlichen Klimas, das schliesslich zum Aufstand geführt hat. "Im Taxi" ist ein Zeichen der Zeit, 2006 publiziert, innert eines Jahres siebenmal nachgedruckt und dann in mehrere Sprachen übersetzt, auch in Deutsch (Lenos).

    

In der ersten Geschichte sitzt der Autor neben einem uralten Fahrer in einem uralten Taxi. "Eine schwarze Ameise auf einem schwarzen Felsen in schwarzdunkler Nacht - Gott sieht auch sie." Dieser Lebensweisheit lässt der Taxifahrer eine Geschichte folgen. Er sei einmal sehr krank geworden, musste aber nach einigen Tagen das Bett verlassen und arbeiten gehen, da er und seine Frau nichts mehr zu essen hatten und auch die Nachbarn und seine erwachsenen Kinder arm waren. So sei er mit seinem Taxi losgefahren und sei bald von einem anderen Fahrer mit einem havarierten Peugeot 504 an den Rand gewinkt worden. Dieser habe ihm seinen Kunden, einen Araber aus den Golfstaaten, überlassen. So sei er zum Flughafen gefahren, wo der Kunde Zollgebühren bezahlen musste. Der Taxifahrer hatte zufällig einen Enkel im Flughafen, zu dem er den Kunden führte. Der Enkel half, die Angelegenheit schnell und zu einem guten Tarif zu regeln. Aus Dank schenke ihm der Araber den eingesparten Betrag, zusätzlich zu einem grosszügigen Fahrpreis. So hielt der Fahrer 1000 Pfund in Händen, was er oft nicht einmal in einem Monat verdiente.

    

Und so gehen die Geschichten weiter. Ein Taxifahrer erzählt, wie er einem Polizeioffizier nach der Fahrt Geld geben musste, statt welches zu erhalten. Ein anderer vergleicht die Protestbewegungen von 2005 mit denen der Sadat-Zeit. Ein nächster schläft übearbeitet am Steuer ein, weil er rund um die Uhr für die Erneuerung der Taxilizenz arbeiten muss. Ein Fahrer erzählt, wie er eine vollverschleierte Frau beförderte, die sich im Taxi umzog und mit eleganten Kleidern und offenem Haar ausstieg, um ohne Wissen ihrer Angehörigen in einem modernen Restaurant zu arbeiten. Armut, Ungerechtigkeit, Erfindungsgabe und Lebenslust, ein lebendiges Bild, in dem der untere Mittelstand dominiert, zu dem die meisten Taxifahrer und auch ihre Kunden gehören. Nachträglich lesen sich die vielen Stossgebete für bessere Zeiten und mehr Gerechtigkeit wie ein Ruf nach revolutionärer Veränderung. Auch die Widersprüchlichkeit des revolutionären Veränderungsprozesses ist in den wirren Ideen einiger Fahrer vorgeformt, wenn etwa einer glaubt, nur durch einen Krieg könne Ägypten wieder zu einem grossen Land werden.

   

Im Lenos-Verlag ist das Buch auf Deutsch zu haben, ich kann es sehr empfehlen. Die Originalausgabe ist in Hocharabisch im auktorialen Text, die zahlreichen Dialoge sind in Ägyptisch-Arabisch.

    

Taxifahren in Kairo

   

 

   

Das schnellste Verkehrsmittel in Kairo ist die Metro. Sie verkehrt mit dichtem Fahrplan und völlig unbehelligt von den vielen Staus. Eine Fahrt kostet 1 Pfund (15 Rappen), und zwar unabhängig davon, ob man nur eine Station fährt oder von Marg nach Heluan (etwa 50 km). Jedoch gibt es nur wenige Linien, die Metro ist also kein Naherschliessungsmittel.

   

 

    

Dann gibt es unzählige Busse und Mikrobusse, ebenfalls meist zu einem Pfund, die überall hinfahren. Um diese zu nutzen, braucht es allerdings einiges an Orts- und Sprachkenntnissen, und vielleicht etwas Gewöhnung...

   

Bleibt das Taxi. Gerade für Touristen ist es ein nützliches Verkehrsmittel: Es ist im Vergleich mit der Schweiz spottbillig, der Fahrer findet mit Rumfragen jede Adresse, und der Fahrgast kommt oft auch mit Englisch durch.

    

 

   

   

Es gibt die alten schwarz-weissen Taxis mit den altertümlichen Taxzählern, die seit Jahrzehnten nur noch Dekoration sind. In den letzten Jahren haben die meisten alten Taxis neue, elektronische Taxzähler installieren müssen. Dann gibt es die gelben Taxis, die "internationale" Taxis sein wollen, ein Flop der Regierung Mubarak. Neu im Kommen sind weisse, modernere Taxis, die mit einem neuen Taxzähler ausgerüstet sind. Die meisten Taxifahrer fahren auf eigene Rechnung, oft als Miniatur-Familienbetrieb mit ein, zwei Fahrzeugen. Zum Fahren brauchen sie eine Lizenz; diese und die Benzinkosten machen den Grossteil ihrer Unkosten aus.

   

Was kostet eine Taxifahrt? Bisher hat man einen Preis vereinbart. Ich habe zum Beispiel für eine Fahrt vom Tahrir-Platz zum Roxy-Platz in Heliopolis (etwa 15 km) zwanzig Pfund (drei Franken) angeboten und danach oft auch fünfundzwanzig oder dreissig bezahlt: wenn sehr viel Stau war oder wenn der Fahrer einfach nett war. So viel würden auch wohlhabende und grosszügige Ägypter zahlen; ärmere Ägypter, die ich kenne, fahren diese Strecke auch für den halben Preis. Seit der Einführung der Taxzähler zeigt sich, dass ich mit meinen Angeboten etwa im "offiziellen" Bereich liege. Wer sich nicht so gut auskennt, sollte vor allem weisse Taxis anhalten und nach Taxmeter fahren. Es kann vorkommen, dass ein Fahrer den Zähler nicht einschaltet. Dann empfieht es sich, auf den Taxmeter zu zeigen und zu sagen: "Bil addaad!" ("Mit dem Zähler!"). Kleine Strecken (Zamalek bis Tahrir) kosten 5 bis 10 Pfund (CHF 0.75 - 1.50), für grössere wie nach Maadi muss man schon mal 30 Pfund (CHF 4.50) auslegen.

   

Die Welt der Taxifahrer

Wer einige Wörter Arabisch kann, wird mit dem Taxifahrer meist eine gute Zeit verbringen. Dieser freut sich, wenn Ausländer seine Sprache können, und etwas Smalltalk über die Strecke, die Familie, das schöne Ägypten und die schöne Schweiz sind eine wunderbare Sprachübung! Was al-Khamissi in seinem Buch an Geschichten versammelt hat, kann auch anderen Fahrgästen jederzeit begegnen.

   

  

Mit dem legendären Peugeot 504 "Édition Orient" (erste Geschichte in Chamissis Buch) bin ich übrigens auch schon gefahren. Für Familienausflüge sind die drei Sitzreihen wunderbar bequem.

  

   

Viele Taxifahrer können kein Hocharabisch. Wer also einfach ein wenig sprechen will, lernt lieber gleich den ägyptischen Dialekt. Einige Taxifahrer haben sich auch schon mit ihrem Hocharabisch gebrüstet, das sie an der Uni gelernt hätten. Was sie dann aber sprachen, war ein etwas "hochfrisierter" Dialekt. Dies hängt mit der Bedeutung des Dialekts in Ägypten zusammen: Der Dialekt ersetzt bis in die Unis und die Ämter die Hochsprache, und er ist auch im arabischen Raum so etwas wie eine internationale Sprache, da früher Ägypten in Radio, Film, Fernsehen, Musik, Theater, überhaupt in der Kultur führend war.

   

Einem Fahrer mit perfekt ausgesprochenem und gewähltem Hocharabisch bin ich allerdings begegnet. Er trug eine saubere "Galabeya" und einen langen, gepflegten Bart: Er war ein führender Muslimbruder und pflegt das Hocharabische als Sprache des Korans.

  

Seit ich längere Gespräche in Dialekt führen kann, kann eine halbstündige Fahrt zu fast so etwas wie einer Freundschaft führen. Es ist es schon einige Male vorgekommen, dass der Fahrer im Moment des Zahlens mit "Challi!" abgewehrt hat: "Lass (das Zahlen)!" Das ist eine ernstgemeinte Sympathieerklärung. Natürlich braucht er aber das Geld, also ist es richtig, die Sympathieerklärung zu erwidern und das Geld trotzdem zahlen ("Du bist mein Freund, und das ist für deine Arbeit", oder so...).

   

Früher sah ich im Taxi auf den ersten Blick, ob der Besitzer Kopte oder Muslim ist. Der Kopte hatte ein Bild oder eine Mini-Statue der heiligen Maria oder des heiligen Christophorus am Spiegel, manchmal auch den Papst Schenuda III. mit Rauschebart. Der Muslim hatte einen Gebetskranz oder einen Minikoran am Spiegel hängen, und aus dem Radio tönten Koranrezitationen oder Predigten. Mir scheint, diese Offensichtlichkeit habe seit 2011 abgenommen. Bei einigen Fahrer habe ich erst am Ende einer halbstündigen Fahrt erfahren, dass sie Kopten sind.

   

Die Religionsgemeinschaften sind auch in der Taxiwelt getrennt. Wenn ein Fahrer ein wenig Humor hat, dann frage ich ihn auch mal, ob er als Muslim (Kopte) einer Heirat seiner Tochter mit einem Kopten (Muslim) zustimmen würde. In beiden Fällen ein erstauntes oder sogar leicht entrüstetes: "Nein!" Dies erinnert an die ländliche Schweiz, wo sogar interkonfessionelle Heiraten bis vor wenigen Jahrzehnten Kopfschütteln oder handfeste Konflikte auslösten.

   

Die meisten Taxifahrer sind arm, Muslime wie Kopten, aber sie haben einen Traum: ihre Kinder, Jungs wie Mädchen, auf gute Schulen schicken. Nun sind die Staatsschulen unter Mubarak zunehmend verkommen, gute Schulen sind also in der Regel Privatschulen. Dafür arbeiten die Väter hart. Dass viele Kinder auch eine Belastung sind, spüre ich bei Fahrern selten. Meist sprechen sie voller Stolz von ihren vier oder acht Kindern, und ich habe in ihren Augen mit meinen zwei Kindern eine doch etwas bescheidene Familie...

  

Wer einen Unfall hatte, bezieht keine Invalidenversicherung wie in der Schweiz. Mir ist bei einer nächtlichen Fahrt erst nach einigen Minuten aufgefallen, dass der Fahrer zum Schalten die rechte Hand mit der linken auf das Lenkrad legte, blitzschnell mit der Linken schaltete und diese dann wieder an das Lenkrad legte. Danach hat er mir erzählt, er sei in Kuweit Lastwagenchauffeur gewesen, habe einen Unfall gehabt und davon einen lahmen rechten Arm, darauf sei er entlassen worden. Etwas anderes hatte er nicht gelernt, also ging er nach Kairo zurück und ernährt seither seine Familie mit Taxifahren.

  

Jüngere Fahrer sind manchmal noch mit dreissig ledig. Das ist ein Problem in einem Land, wo aussereheliche Liebesbeziehungen absolut tabu sind. War zu Zeiten des Propheten das Heiratsalter der Männer weit unter 20 (von den Mädchen nicht zu reden...), so steigt es wegen der Armut und der hohen Ausgaben für Wohnung und Hochzeitsfest stetig an und ist sicher schon bei Ende 20 angelangt. Einer der Fahrer (er hat sich am Schluss als Kopte erwiesen) konnte es einfach nicht fassen, dass meine beiden erwachsenen Kinder seit Jahren eine Beziehung haben, ohne verheiratet zu sein. Haben Sie nun Sex oder nicht? Ist das zulässig oder nicht? Wissen das die anderen oder nicht? Macht der Staat etwas oder nicht? Mir hat er etwas leid getan.

   

Würde ich weiter nachdenken, käme ich wahrscheinlich auch auf 58 bemerkenswerte Geschichte wie Chalid al-Chamissi. Und da bin ich wohl nicht der einzige. Sicher haben einige der Blog-Leser/innen auch ihre Erfahrungen mit dem Taxi in Kairo gemacht...

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