Nichts zu lachen

     
Das Lachen droht derzeit Ägyptens berühmtestem Satiriker Bassem Youssef zu vergehen. Er steht unter Anklage, Staatspräsident Mursi und den Islam beleidigt zu haben. Nichts zu lachen haben auch die Muslimbrüder. Waren früher die Berufs- und Studentenverbände ihre Hochburgen, so gewinnen nun säkulare Kräfte ein Präsidium nach dem anderen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dies nicht die Betonköpfe in der Muslim-Bruderschaft sind, sondern Bassem Youssef. Ich präsentiere hier eine Brücke zwischen zwei Ereignissen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

    

Macht korrumpiert

    

Seit zwei Jahren präsentiert Bassem Youssef im Satellitensender CBC sein Programm "Das Programm" (el-Barnamag), das er genüsslich als "spöttisch und satirisch, weder wahr noch sachlich noch neutral" bezeichnet. Als er vor zwei Wochen mit dem (überdimensionierten) Doktorhut den Senderaum betrat, den Mursi in Pakistan bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde getragen hatte, tobte nicht nur sein Publikum vor Freude, sondern auch die Staatsanwaltschaft vor Wut. Der TV-Star habe Präsident Mursi beleidigt und den Islam verleumdet. Youssef steht nun unter Anklage, und er hat sich bereits - mit ebendiesem Hut - dem Generalstaatsanwalt gestellt. Gemäss "Spiegel" soll Youssef zu den Anschuldigungen geäussert haben: "Wir sind doch nicht diejenigen, die den Islam beleidigen. Wir stellen nur jene bloß, die den Glauben missbrauchen und ihm mehr Schaden zugefügt haben als jeder sonst."

    

       

   

Dabei ist "Das Programm" sicher nicht ätzender als europäische Satireformate, etwa die "heute-show" des ZDF, welche Woche für Woche sämtliche Politiker und Möchtegern-Prominente durch den Kakao zieht, oder die französische Wochenzeitung "Le canard enchaîné", die noch jeden Präsidenten zur Weissglut gebracht hat.

    

Macht korrumpiert, sagt der Volksmund. Dies gilt auch für die Muslim-Bruderschaft. Mursi hat bei Amtsbeginn als Staatspräsident sämliche Ämter bei der Muslim-Bruderschaft und deren Partei niedergelegt, um ein "Präsident aller Ägypter" zu sein. Seit er aber an der Macht ist, hat er konsequent Einfluss auf alle Hebel der Macht gesucht: Verfassungsgebende Versammlung, Parlament, Gerichte, Armee... Alles im Namen der Revolution und eines demokratischen Ägyptens. Da er dabei weder auf der Strasse noch bei den Parteien unwidersprochen blieb, griff er schliesslich auf brachiale Mittel zur Niederhaltung der Opposition zurück. Diese Mittel lieferten ihm die Muslimbrüder mit ihren Jugendverbänden, und damit ist er schliesslich wieder in den Armen der Islamisten gelandet.

    

Die Anklage gegen Bassem Youssef ist ein weiterer Schritt, alle Kritiker einzuschüchtern und mundtot zu machen. Vielleicht gelingt es Mursi tatsächlich, Unentschlossene zu verunsichern, überzeugen wird er damit niemanden. 

   

Macht entlarvt

    

Vor und während der Affäre Youssef haben in Ägypten eine ganze Reihe von Wahlen zu Berufs- und Studierendenverbänden stattgefunden. Diese Verbände waren in der Mubarak-Ära das wichtigste Rekrutierungsfeld der Muslim-Bruderschaft, da ja (ausser 2005) keine auch nur halbwegs glaubwürdigen politischen Wahlen stattfanden. Sehr zur Beunruhigung des Mubarak-Regimes übernahmen in diesen Verbänden fast regelmässig Personen das Präsidium, die ihre islamistische Zugehörigkeit kaum kaschierten. Die Muslimbrüder profitierten von ihrem sozialen Engagement und von ihrem Ruf der unbestechlichen Verfolgten.

   

     

   

Nun hat sich das Blatt gewendet. Ein Muslimbruder verantwortet die Politik des Staates, und aus den vollmundigen Versprechen ist nichts geworden, nicht nach 100 Tagen und nicht nach fast einem Jahr. Und der tapfere und sympathische David ist als machthungriger und grober Goliath entlarvt. Die Aura des Islamismus beginnt zu verblassen, und gleichzeitig formieren sich - langsam genug - die säkularen Kräfte. 

   

Dementsprechend gewannen gemäss einer kürzlichen Auszählung liberale Kräfte an 21 staatlichen Universitäten 66% der Sitze, während die Muslimbrüder 34% erzielten. Ähnlich sieht es bei Gewerkschaften und Berufsverbänden aus, wo sich die Muslim-Bruderschaft von ihre bisherigen Mehrheiten verabschieden musste. Dazu die NZZ vom 28. März: "Von den zwölf Sitzen, die im Apothekerverband neu zu besetzen waren, gewann die von den Muslimbrüdern unterstützte Liste nur gerade zwei. Die zehn andern gingen an eine Koalition aus linken und liberalen Oppositionsparteien sowie Unabhängigen. Für viel Aufmerksamkeit sorgte auch die Wahl des Vorsitzenden des Journalistenverbandes. Das Rennen machte mit Dia Rashwan, Direktor des Al-Ahram-Zentrums für politische und strategische Studien, ein Kandidat der Opposition. Er löst einen Vorsitzenden ab, der den Muslimbrüdern zugerechnet wurde."

    

Am Scheideweg

  

Die Muslim-Bruderschaft steht an einem Scheideweg. Entweder sie versucht sich gegen die wachsende Opposition mit wachsender Repression durchzusetzen. Oder sie setzt auf Dialog und damit auch auf die Bereitschaft, die Macht mit Andersdenkenden zu teilen.

   

Mit wachsender Repression ist für die Muslimbrüder nichts zu gewinnen, und auch nicht für das ganze übrige Land. Bereits erheben sich erste Stimmen - sogar im revolutionären Lager - die eine befristete Übernahme der Macht durch das Militär fordern. Sollte sich das Land in diese Richtung bewegen, dann wäre die Dauerkrise besiegelt, und der Gewaltpegel würde steigen. Die Muslimbrüder wären so schnell wieder ausserhalb der Machtsphäre, wie sie in diese eingedrungen sind.

    

Lässt sich die Muslim-Bruderschaft jedoch auf einen Dialog ein, dann ist langfristig mehr für sie zu holen, und auch für das Land. Viele Konflikte in der islamistischen Szene würden sich vertiefen, weil dann die jüngeren modernen Kräfte mehr Hebel gegen die alten Apparatschiks hätten. Die schmerzhafte Teilung der Macht würde der Muslimbrüderschaft zwingen, ihre Wählerbasis immer wieder durch ein glaubwürdiges Auftreten zu überzeugen und zu erweitern. Ich vermute, dass die Muslimbrüder im freien Wettbewerb langfristig etwa ein Viertel der Wählerschaft hinter sich scharen können, zusammen mit den übrigen islamistischen Kräften wahrscheinlich Drittel. Damit könnten die Islamisten eine positive Rolle in der Entwicklung des Landes spielen, denn "Freiheit und Gerechtigkeit" (Name der Partei der Muslimbrüder) war im sozialen Sektor immer ein Anliegen der Islamisten und ist auch in der islamischen Sozialethik tief verankert.

   

Die Ägypterinnen und Ägypter lachen fürs Leben gern. Hoffen wir, dass in einigen Jahren wieder alle etwas zu lachen haben.

  

"Das Programm"

  

Die Folge mit dem Mursi-Hut (Arabisch): www.youtube.com/watch?v=i8sgdZE1alQ

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