Nichts zu lachen II

       

"Ich denke, die grösste Chance der Oppositionellen liegt in der ungelenken Art Mursis und der Muslimbrüder." Dies schreibt Martin Fröhlich in seinem Kommentar zum letzten Blog-Beitrag (Nichts zu lachen). Wie wahr! Ungelenker kann man wohl nicht sein, und die Lacher werden immer zahlreicher, in Ägypten und im Ausland.

     

Vor 80 Jahren schrieb Antonio Gramsci unter Rückgriff auf den Philosophen Leibniz: Kulturelle Hegemonie haben Herrscher, wenn sie die Menschen überzeugen können, sie lebten "in der besten aller möglichen Welten". In offenen Gesellschaften schaffen es die Herrscher immer wieder, diese Überzeugung zu beleben. In Deutschland schütten sich die Zuschauenden vor Lachen aus, wenn Kanzlerin Merkel in Satiresendungen durch den Kakao gezogen wird. Trotzdem kann Merkel immer noch Millionen von Menschen davon überzeugen, dass sie, wenn nicht an der "idealen", so doch an der "besten aller möglichen Welten" arbeitet. Dazu muss sie allerdings Kompromisse machen: Die sozialen Verhältnisse dürfen sich nicht zu weit von den hehren Parolen wie "Gerechtigkeit" oder "Freiheit" entfernen.

  

Kulturelle Hegemonie am Schwinden

  

Dieser Kompromisse-Spielraum ist für Staatspräsident Mursi in Ägypten wesentlich kleiner. Das Land steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise, viele Institutionen sind seit Jahrzehnten verlottert, und die Bevölkerung, allen voran die aufständischen Aktivisten, mag nicht noch jahrelang auf Besserung warten. Wahrscheinlich hat Mursi selber daran geglaubt, als er vor einem Jahr ankündigte, er wolle der "Präsident aller Ägypter" sein, und er strecke allen die Hand zum Dialog aus. Die Muslim-Bruderschaft erweist sich als unfähig/unwillens, ihr jahrzehntelanges wohltätiges Engagement in einen demokratischen Sozial- und Rechtsstaat überzuführen. Daran sind nicht nur die Muslimbrüder schuld, aber sie tragen nun einmal die Regierungsverantwortung. 

 

   

Mit Repression kann man die Menschen einschüchtern und in die Resignation zwingen, aber nicht überzeugen. Waren vor einigen Jahren viele Ägypter/innen den Muslimbrüdern gegenüber wohlwollend eingestellt und haben sie schliesslich auch gewählt, so haben sie heute ein offeneres Ohr für Kritik. Zum Beispiel für die Satiresendung "al-Barnamag" von Bassem Youssef. Sie schütten sich wie die Zuschauer in Deutschland vor Lachen aus, aber die Versöhnlichkeit, wie sie "Mutti" Merkel immer wieder erfährt, die bleibt zunehmend aus. Das ist für Mursi gefährlich, und so wurde Youssef auch bereits von der Generalstaatsanwaltschaft vorgeladen. Vorgeladen, aber nicht verhaftet, dazu ist er bereits zu populär. Noch mag das Regime die Maske nicht völlig fallen lassen, noch gilt die Parole der Dialogbereitschaft.

  

Kettenreaktion

  

   

Im Februar 2013 hält Youssef in der Amerikanischen Universität in Kairo ein flammendes Plädoyer für Freiheit, das sogar von der rechtskonservativen US-Plattform "MEMRI" ins Netz gestellt wird. Dann folgen seine Sendung "mit dem Hut" und die gerichtliche Vorladung, die Youssef zum grossen Medienspektakel zu gestalten weiss. Diese Vorladung nimmt der US-Komiker Jon Stewart in seiner Satiresendung "The Daily Show" auf, wo er witzig und angriffig gegen Mursi vom Leder zieht und seinen Freund Bassem verteidigt.

  

   

Einem Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft in Kairo gefällt dies offensichtlich so sehr, dass er "The Daily Show" über Twitter weiterreicht. Die US-Botschaft muss sich darauf gegenüber den erbosten ägyptischen Behörden mit einer "Panne" herausreden. Dies wiederum veranlasst die US-Nachrichtenplattform "The Daily Currant" zu folgender Schlagzeile: "Ägypten erlässt Haftbefehl gegen Jon Stewart". Die Plattform nennt die Anklagepunkte und zitiert den ägyptischen Kulturminister.

 

   

Nun ist "The Daily Currant" erklärtermassen eine satirische Plattform. Aber der Artikel wirkt so glaubwürdig, dass er über Twitter als "echte" Nachricht mehr als einen Tag Furore macht. Und Youssefs Programm "al-Barnamag" geht unterdessen fröhlich weiter...

   

Bassem Youssefs Aufruf

   

An der Talkshow an der Amerikanischen Universität von Kairo äusserte sich Bassem Youssef ausführlich zur Lage in Ägypten. Für unser westliches Demokratieverständnis sind einzelne Herleitungen vielleicht ungewohnt, aber das macht sie umso interessanter. Bemerkenswert ist insbesondere Youssefs Deutung von Säkularismus (Arabisch: 'Almaniya, "Weltlichkeit").

Wir kriegen ständig zu hören, wie 'ungläubig' und 'unzüchtig' der Säkularismus und wie 'höllisch' die Demokratie sei, der die 'ungläubigen' säkularen Staaten folgen. Nun verbreitet sich aber dort der Islam gegenwärtig schneller als in den arabischen Staaten. (Applaus) In diesen 'ungläubigen' Staaten werden Moscheen gebaut, und der Islam entfaltet sich ungehindert. Sie kümmern sich nicht um die Nachtlokale da und die Striptease-Clubs dort oder um die Pornographie. Sie folgen einfach dem Prinzip 'leben und leben lassen'.

   

Unser Problem hier - und das macht mich wirklich traurig, sehr traurig - ist, dass diejenigen, die die Macht ergriffen haben und uns die guten Seiten eines islamischen Staates näherbringen wollen, die Menschen vom Islam forttreiben! Das ist eine schreckliche Sache, und sie betrübt mich ausserordentlich! Das ist das Gleiche, was im europäischen Mittelalter geschah, als die Kirche den christlichen Glauben missbrauchte. Dies führte zu einer Welle von Atheismus und Säkularismus. Ich fürchte, dies wird auch in den arabischen und islamischen Ländern passieren. Wenn wir auf diesem Weg weitergehen, dann wird dies leider auch bei uns geschehen.

 

   

Nun drängen die Islamisten die Leute in die Ecke und drohen: entweder Gott oder das Höllenfeuer. Genauer: entweder ich und meine Regierung oder das Höllenfeuer. Da ist für mich ein grundsätzliches Problem. Das treibt mich von euch und euren Parolen weg. Das Wohlwollen, das wir einmal hatten für die Muslimbrüder und vor allem jene, die ungerecht im Gefängnis gesessen haben, dieses Wohlwollen schwindet von Tag zu Tag. Ich und meine Familie, wir haben in den Wahlen von 2005 und 2010 für die Muslimbrüder gestimmt, auch wenn niemand von uns Islamist oder Muslimbruder ist. Nach der Revolution haben wir alle gegen sie gestimmt. Es ist ein Trauerspiel. Die Muslimbrüder hatten viel Unrecht erlitten, und deshalb hat das Volk ihnen Herz und Seele geöffnet. Nun aber droht diese Sympathie zu schwinden, und sie kann sogar in offenen Hass umschlagen.

   

In Norwegen stellen die Muslime weniger als 2% der Bevölkerung. Sie sind Immigranten, aber die Kulturministerin ist Muslimin. Und bei uns sagt der Informationsminister, ein Muslimbruder, eine Baha'i-Frau könne nicht als Fernseh-Ansagerin arbeiten! ("Baha'i" ist eine post-islamische Glaubenrichtung aus dem persischen 19. Jahrhundert, die im Iran verfolgt wird und auch in Ägypten Anhänger hat). Andere sagen, Baha'is dürften nicht in Spitälern oder Schulen arbeiten. Der Gedanke dahinter ist: Wenn ich eine religiöse Überzeugung habe, dann muss ich alle anderen Religionen bekämpfen, allen schönen Worten der Verständigung zum Trotz. Das Motto lautet: Wir stehen über den anderen, und so können wir herrschen und die Verfassung auf unsere Weise schreiben.

    

Ich höre von den Kanzeln der Moscheen oder in Talkshows: Die Christen sind gute, nette Leute und so. Aber sie sind eben ungläubig, weil sie Gott als dritten von dreien sehen (Dreieinigkeit). Die gleichen Leute sagen, Baha'i sei nicht wirklich eine Religion. Und über die Juden erzählen sie, sie stammten von Affen und Schweinen ab. Damit untergraben sie unsere nationale Identität! Der durchschnittliche, der einfache Ägypter wird nie einen Christen wählen, solange die Muslimbrüder ihn als ungläubig bezeichnen. Wir werden die nationale Einheit nicht erreichen, solange wir religiöse Texte als Waffe einsetzen, um politische Gegner als Ungläubige zu brankmarken.

Quellen

"Memri TV" (Februar 2013, Arabisch/Englisch): youtube.com/watch?v=syg5RFOa3D8

"Al-Barnamag" (März 2013, Arabisch): youtube.com/watch?v=i8sgdZE1alQ

"The Daily Show" (April 2013, Englisch): youtube.com/watch?v=LyDOAQNsTrI

"The Daily Currant" (April 2013, Englisch): dailycurrant.com/2013/04/03/egypt-issues-arrest-warrant-jon-stewart/

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