Sex and the Citadel

       

"Sex and the Citadel" ist eine witzig geschriebene, mit unzähligen Geschichten gespickte Studie über das heutige Liebesleben in der arabischen Welt. Kein Thema, das ausgespart wäre: die herkömmliche Ehe, die Scheinehen, die Singles, die Prostitution, die Schwulenszene, die sexuelle Belästigung. Am Titel "Sex and the Citadel(City)" und dem Kapitel "Desperate Housewives" erkennt man unschwer die Anknüpfung an die amerikanische Alltagskultur. Autorin ist die Immunologin Shereen El Feki.

    

                           

  

Shereen El Feki wuchs als Tochter einer Engländerin und eines Ägypters in Kanada auf, heute lebt sie in London und Kairo. Sie war stellvertretende Vorsitzende der von der UNO eingesetzten Global Commission on HIV and the Law und arbeitete als Journalistin u.a. für "Al-Dschasira" und "The Economist". War sie früher auf Reisen in Sachen Gesundheitsvorsorge (z.B. AIDS-Prävention), so hat sich ihr Fokus mehr und mehr auf die Sexualität verlagert. Fünf Jahre lang hat Shereen El Feki Frauen und Männer in den arabischen Ländern, vor allem in Ägypten, befragt, was sie über Sex denken und welche Rolle er in ihrem Leben spielt.

 

Der Orient mit eigenen und fremden Augen

    

Zu Beginn ihrer Studie wirft Shereen El Feki ein Licht auf die verschiedenen Bilder vom Orient. Die klassische islamische Literatur ist voll von unbeschwerter Sinnesfreude; erotische Anziehung und alle möglichen Sexualpraktiken sind freizügig thematisiert. Der Weg in die heutige Prüderie ist unter anderem auch durch die Kolonisierung geprägt. El Feki schildert, wie sich im 19. Jahrhundert der Schriftsteller Gustave Flaubert auf der Suche nach der "echten" orientalischen Erotik den Nil "hinaufgefickt" habe. Später haben dann die Engländer den erotischen Bedarf ihrer Besatzungstruppen durch reglementierte Bordelle unter Kontrolle zu halten versucht. Das Bild von den verführerischen Orientalinnen, wie es auch die europäischen Maler pflegten (im Bild: Le bain turc von Ingres), war eine schwüle Phantasie westlicher Männer.

    

   

Danach erklärt El Feki, wie Sayyid Qutb, einer der grossen Denker der Muslimbrüder, nach einem Aufenthalt in den USA Mitte des 20. Jahrhunderts sein Bild vom "verderbten Westen" bestätigt sah - noch heute ein gängiges Vorurteil. Schliesslich weist sie auf den doppelten Einfluss der reichen Golfstaaten hin. Bekannt ist zum Beispiel, dass viele Ägypter nach einem Arbeitsaufenthalt in den Golfstaaten mit ultrakonservativen Ideen zurückkommen und erwarten, dass ihre Frauen einen - völlig unägyptischen - Gesichtsschleier tragen. Weniger bekannt ist, dass reiche Golfstaatler jeden Sommer nach Ägypten kommen und für einige Wochen ein Mädchen vom Dorf "heiraten", natürlich mit einem Vertrag, der die Entschädigung festlegt und die beiden für unbestimmte Zeit als Mann und Frau erklärt. Mit dem Beizug eines Geistlichen erhält diese Praxis religiöse Weihen: eine islamisch verbrämte Prostitution. So hat sich unter dem Deckmantel strikter Islamität ein ungesundes Gemisch von extremer Sittenstrenge und versteckter Verderbtheit entwickelt. Das Bild unten zeigt die "ägyptische Frau vor 4000 Jahren" und die "ägyptische Frau heute".

  

  

Wer heute nach Ägypten reist, kann sich kaum vorstellen, dass vor einem halben Jahrhundert die Studentinnen der ehrwürdigen Azhar-Universität in Kairo noch ohne Kopftuch zum Unterricht erschienen. Die Legende zum Bild unten sagt ganz ohne Ironie: "Studentinnen der Azhar-Universität in der Zeit vor der Erleuchtung".

  

  

Ehe gleich Liebe gleich Sex

   

In der arabischen Welt ist die Ehe der einzige anerkannte Rahmen für das Liebesleben. Wer sich ausserhalb dieses Rahmens bewegt, und das sind nach El Feki viele, tut dies ohne Segen der Gesellschaft und oft mit schlechtem Gewissen. Von den Bräuten wird Jungfräulichkeit erwartet, was eine ganze Industrie zur Wiederherstellung der Jungfernhaut belebt. Auch sind noch heute die meisten Frauen in Ägypten beschnitten. Frauen, die wirklich keine Erfahrung im Bett haben und sich "anständig" verhalten, laufen andererseits Gefahr, von ihren Männern als Langweilerinnen betrachtet zu werden, ein "net effect" (Internet-Pornographie), wie El Feki formuliert. So erkläre sich auch, dass sehr viele Kunden von Prostituierten verheiratete Männer sind.

   

Die Eheanbahnung ist heute ein teurer Riesenanlass, den El Feki mit einer mehrstufige Rakete vergleicht. Angesichts der verbreiteten Armut steigt daher das Heiratsalter kontinuierlich an. Für Romantik und Liebe bleibt in diesem Prozess kein Raum. Wer am "Ziel" angekommen ist, für den/die ist schliesslich die Hochzeitsnacht ein ungeheurer Stress. Vor einigen Jahren habe ich gelesen von einem Ägypter, der sich in der Hochzeitsnacht derart mit Viagra vollgepumpt hat, dass er in den Armen seiner Braut an Herzversagen gestorben ist.

 

  

Ägypten kennt auch die diskrete "Urfi-Ehe" ohne staatliche Registrierung, die sowohl bei Studenten wie bei Ehemännern häufige Praxis ist, um Verbote oder lästige Fragen zu vermeiden. Die Urfi-Ehe ist islamisch legitimiert, geniesst aber gegenüber der "richtigen" Ehe einen zweifelhaften Ruf, nicht zuletzt, weil viele Fragen (wie z.B. die Kinderfrage) nicht geregelt sind. 

   

Uninformierte und findige Singles

  

Schwierig ist auch die Lage der Singles. Natürlich gehen auch in Ägypten junge Leute zusammen aus. Was ich kenne, sind die "Doppelausgänge": Da Paare nicht allein ausgehen sollten, gehen sie eben mit einem anderen Paar zusammen aus, sozusagen als "Gruppe". Auch wenn sie einmal ganz allein sind, scheuen Paare den "richtigen" Sex und begnügen sich mit Zärtlichkeiten ohne eigentlichen Geschlechtsakt (man erinnert sich an Clintons Affaire mit Lewinsky, die kein "Sex im Sinne der meisten Amerikaner" war). Verbreitet ist nach El Feki auch Analverkehr, weil dieser die Jungfernhaut nicht beschädigt und damit kein "Sex" ist.

     

Aus diesem prüden Gesamtklima entstehen, wie El Feki schreibt, sowohl der Telephonsex wie die Telephonsexberatung. Eine ihrer Begegnungen bringt sie mit einer jungen Kairoer Ärztin der Organisation "Shababna" zusammen, die jungen Menschen per Handy alle Fragen rund um Liebe und Sexualität beantwortet. Ob man von Kaffee den Anstand verliert, ob Masturbation blind mache, es kommen auch ganz skurrile Fragen zur Sprache. Die Aufklärungsarbeit kennt in Ägypten ihre Pionierinnen, über die El Feki auch ein paar bewundernde Worte verliert: Hoda al-Shaarawi in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert, Nawal al-Saadawi in der zweiten Hälfte und seit zehn Jahren, mit deutlich islamischen Anstrich, Hoda Kotb.

  

     

  

Auch in der Öffentlichkeit gehen Zurückhaltung und Übergriffe Hand in Hand. Ein lockerer Umgang zwischen den Geschlechtern ist nach El Feki eher die Ausnahme. Die Scheu und Unsicherheit vieler Männer gegenüber dem anderen Geschlecht schlägt oft auch ins Gegenteil um: in sexuelle Belästigung. Diese wird seit dem Arabischen Frühling zunehmend angeprangert.

   

      

Gefangen in der Zitadelle 

    

Ägypten ist konservativ. Änderungen finden statt, der traditionelle Rahmen wird immer wieder durchbrochen, aber kaum je grundsätzlich in Frage gestellt. Auch wenn (oder gerade weil) es auch in Ägypten viele Homosexuelle gibt und alle das wissen, so gibt man sich doch ablehnend. Im Kino - berichtet El Feki - habe das Publikum applaudiert, als im "Yakubian-Bau" von Alaa al-Aswani der homosexuelle Chefredakteur von einem Liebhaber ermordet wurde.

 

Noch immer klammern sich die Menschen an Formalismen und suchen Legitimation für ihr Tun bei islamischen Würdenträgern, nötigenfalls auch bei sehr dubiosen. Ein solcher Fall ist eine Frau in Marokko, die schwanger wurde, obwohl ihr Freund nicht in sie eingedrungen war. Sie schlug das Ansinnen einer diskreten Abtreibung ab, beharrte aber darauf, dass sie Jungfrau sei und liess sich das auch ärztlich attestieren. Sie wolle ja schliesslich heiraten...

    

Tatsächlich - so El Feki - ist die Jugend heute im Aufbruch. Aber bis aus dem politischen Aufstand auch ein Aufstand gegen überkommene Rollenbilder wird, dazu ist noch ein langer Weg nötig - auch bei der Jugend des Tahrir-Platzes. Die Westen wird auch hier eine Rolle spielen. Nicht indem sich die arabische Welt westlichen Clichés unterwirft, und auch nicht, indem sie sie pauschal verwirft, sondern indem sie sich durch die westliche Kultur zu eigenen Verhaltensmustern inspirieren lässt, die mit ihrem islamischen Selbstverständnis im Einklang stehen. Wie in den USA die "City" täglich bewältigt sein will, so ist es im Orient mit der "Citadel":

        

   

Wenn es um Sexualität geht, gleicht die arabische Welt einer Zitadelle, einer uneinnehmbaren Festung, deren Mauern jeden Angriff auf die heterosexuelle Ehe und die Familie zurückschlagen. Doch die Realität, wie ich sie auf meinen Reisen angetroffen habe, ist, dass da viele Breschen sind. Nicht nur dank Erneuerern, die sich auf politischer, sozialer und kultureller Ebene für Veränderungen einsetzen, sondern auch dank einfachen Leuten, die nach Glück in ihrer persönlichen kleinen Welt streben. Nicht ein einziges Mal auf all meinen Reisen wurde ich zurückgestossen, wenn ich das Thema Sex anschnitt. Im Gegenteil, je ärmer und ungebildeter die Leute waren, desto offener empfand ich sie für einen freien und oft sehr witzigen Austausch der Meinungen. (Übersetzung F.M.)

    

Shereen El Feki bei TED

  

Shereen El Feki erklärt in 5 Minuten, wie in einem "Netz der Zivilisationen" die neue islamische Kultur entsteht (Englisch, deutsche Untertitel verfügbar):

ted.com/talks/shereen_el_feki_pop_culture_in_the_arab_world.html

6443 Views
Kommentare
()
Einen neuen Kommentar hinzufügenEine neue Antwort hinzufügen
Ich stimme zu, dass meine Angaben gespeichert und verarbeitet werden dürfen gemäß der Datenschutzerklärung.*
Abbrechen
Antwort abschicken
Kommentar abschicken
Weitere laden