Gefährliche Grauzonen

   

Die kürzliche Vergewaltigung einer Schweizer Touristin in Hurghada wirft Fragen auf. Klar ist, dass eine Vergewaltigung ein Verbrechen ist, das mit der ganzen Strenge des Gesetzes zu bestrafen ist. Nur: Nicht einmal ein Todesurteil kann die Tat ungeschehen machen. Es stellt sich also die Frage, was es neben der langfristigen "Erziehung des Menschengeschlechts" für unmittelbare Präventionsmassnahmen gibt. Mein Vorschlag: weniger Grauzonen.

  

Stationen eines Dramas

   

  

Sogar einem "Blick"-Nichtleser wie mir konnte die Schlagzeile am Kiosk nicht entgehen: "Horror-Ferien in Hurghada". In der Online-Ausgabe habe ich dann gelesen: Schweizer Familie mit zwei Töchtern zum zehnten Mal in Hurghada. Nach einer Open-Air-Party fahren die Eltern und die jüngere Tochter zum Hotel zurück, die ältere (21) bleibt. Der Hotelkellner "Emad" ist auch anwesend und bietet der jungen Frau an, sie später zum Hotel zu fahren. Zuvor muss er aber noch in seiner Wohnung eine Jacke holen, weshalb ihm die Frau in die Wohnung folgt. Dort kommt es zur Vergewaltigung.

   

Die Mutter gibt "Blick" zu Protokoll: "Emad hat unser Vertrauen missbraucht." Das wiegt besonders schwer. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein "lockeres" Auftreten der Frau als Bereitschaft zu Sex (miss-)verstanden wird, es spielt auch keine Rolle, ob sie ihm in die Wohnung gefolgt oder sich sogar auf Zärtlichkeiten eingelassen hat. In dem Moment, wo sie nicht mehr will und dies in Wort und Tat zu erkennen gibt, wird jedes "Nachhelfen" zum sträflichen Übergriff. Dies nützt allerdings der jungen Frau nichts mehr. Wahrscheinlich wird "Emad" schwer bestraft, und damit ist die Normalität wieder hergestellt. Nur für das Opfer wird es kaum mehr eine völlige Normalität geben. Insofern wirkt die Stellungnahme der Mutter etwas naiv. Der Missbrauch fand in einer Grauzone statt, welche die Eltern und ihre Tochter zum eigenen Schutz besser vermieden hätten. Mit einem beinahe fremden Mann an einem Fest bleiben und nachher allein zu ihm nach Hause gehen, das kann sogar in der sicheren Schweiz ein Risiko sein.

   

Glaubwürdigkeit statt Grauzone

    

Vor einigen Jahren war ein Freund von mir dem Vorwurf des sexuellen Übergriffs ausgesetzt. Er ist ein spanischer Familienvater, der im Rahmen eines Schüleraustauschs ein Schweizer Mädchen für einen Monat zu sich nach Barcelona genommen hat. Diesem Schweizer Mädchen war es offensichtlich unwohl in der Stadt und in der Gastschule, sie hat dies auch durch aufmüpfiges Verhalten zum Ausdruck gegeben, bleiben musste sie trotzdem. Schliesslich hat sie behauptet, ihr Gastgeber hätte sie bedrängt und verführen wollen, und flugs war sie wieder zu Hause in der Schweiz, und mein Freund sah sich plötzlich schweren Vorwürfen ausgesetzt.

   

Natürlich weiss ich nicht, was wirklich passiert ist. Ich weiss nur das: Der spanische Freund hat eine Offenheit und Geradheit, die keine Grauzone zulässt. Unvorstellbar, dass er ein Mädchen bedrängt, das minderjährig und eine Generation jünger ist. Undenkbar, dass er die Grenzen überschreitet, die er als Gastgeber einzuhalten hat. Diese Überzeugung lässt für mich den Gedanken an einen versuchten Übergriff absurd erscheinen. Mir bleibt nur übrig zu sagen: Solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, ist er für mich über jeden Verdacht erhaben. Diese Einschätzung hatten offensichtlich auch die Schulbehörden, die den Vorfall untersuchten. Im schwierigen Umfeld "Aussage gegen Aussage" haben sie schliesslich die Integrität des "Täters" höher gewichtet als die des "Opfers", sein Verhalten schien keine Grauzonen aufzuweisen, das des Mädchens hingegen schon.

   

Vom Wegsehen zur Nulltoleranz

   

Früher gab es gegenüber Grauzonen eine viel grössere Toleranz. Vor bald 35 Jahren war ich bei der Leiterin der berühmten "École d'Humanité" in Goldern zu Besuch - ich war als kleiner Junge kurz ihr Zögling gewesen. Edith Geheeb erzählte, gerade sei ein Lehrer der Schule wegen sexuellen Handlungen mit Mädchen verurteilt worden. Da werde, klagte die alte Pädagogin, Nähe und Verbindlichkeit gefordert, und dann dieses Urteil wegen einiger Zärtlichkeiten... Später kamen dann die ganzen Übergriffe an reformpädagogischen Internaten in Deutschland ans Licht. Die prickelnde und kreative Spannung, die in Grauzonen entstehen kann, hatte letztlich alle Beteiligten überfordert und zu jahrlangen heimlichen Missbräuchen geführt.

   

Die zweite Erfahrung ist die, dass die an sich erfreuliche Nulltoleranz gegenüber Grauzonen ihrerseits zum Missbrauch führen kann. Mit dem Vorwurf des Übergriffs gegenüber dem eigenen Kind kann jede Ehefrau in einem Trennungsverfahren ihren Ehemann in eine schwierige Situation bringen. Oder im obigen Beispiel ein Schweizer Schulmädchen ihren spanischen Gastgeber.

   

Tourismus ist völkerverbindend - potentiell

   

Die Frage der Grauzone erhält zusätzliche Brisanz, wenn kulturelle Unterschiede dazukommen. In einigermassen homogenen Kulturen passen sich Verhaltensweisen auch der gesellschaftlichen Erwartung an. Vor 35 Jahren schwappte die Oben-ohne-Welle - von der Schweiz aus! - über ganz Europa. Während in Griechenland Nacktbaderinnen auch mal vergewaltigt wurden, blieb die Reaktion in Westeuropa relativ gelassen. Der Tabubruch eröffnete eine Grauzone, die bald in eine ordentliche Normalität überging. Nach wenigen Jahren war der "Hype" vorbei, und heute zeigen offensichtlich nur noch wenige Frauen gerne in der Öffentlichkeit ihre Blösse. Mehr noch: Gemäss einer Erhebung gewinnt der Badeanzug wieder an Boden gegenüber dem Bikini.

   

  

Solche feinen Anpassungsprozesse sind über die Kulturen hinweg schwieriger. Leider ist es meist nicht so, dass Reisende und Bereiste aufmerksam und einfühlsam mit den kulturellen Unterschieden umgehen. Der Schweizer Liedermacher Jürg Jegge meint dazu lapidar: "Seine Vorurteile muss man pflegen. Und dazu eignet sich eine Ferienreise vorzüglich." Das Gleiche kann man vom Blick der Ägypter auf die ausländischen Touristen sagen. Für viele Touristen/innen bieten die  Gastländer als solche eine Grauzone, in der sie aus den Zwängen des Alltags ausbrechen können, und umgekehrt scheinen im Umfeld des Tourismus die Gesetze des Gastlandes auch für die Einheimischen aufgehoben.

     

In einer prüden Gesellschaft wie Ägypten gilt ungezwungenes Auftreten von Frauen schnell als Zeichen der Willigkeit. Dass eine Frau alleine (beziehungsweise mit einem Angestellten des Hotels) an einem Fest bleibt, ist ungewöhnlich. Frauen bewegen sich meist in Gruppen, und Männer auch. Dass eine Frau einem Mann alleine in seine Wohnung folgt, ist noch ungewöhnlicher. Diese kleinen Grauzonen legitimieren den Übergriff auf keine Weise, aber ohne sie hätte der Übergriff wahrscheinlich nicht stattgefunden.

   

   

Der Tourismus wirkt auf die Gastländer, indem er die bestehenden sozialen Kontrollen aufweicht. In meiner Jugendzeit waren die aufdringlichen Männer an den italienischen Stränden ein Dauerthema: Was diese mit den italienischen Frauen nicht tun durften, das versuchten sie mit den ausländischen Touristinnen, wo sie mehr Chancen und weniger Risiken hatten. Dabei könnte die Wirkung eine positive sein. Es tut den Ägyptern gut, wenn sie westliche Umgangsformen und Verhaltensweisen kennenlernen und damit umgehen können, und die ausländischen Gäste können viel von der ägyptischen Gastfreundschaft und Lebensart lernen. Dazu muss aber jede Seite ihr Interesse für die andere bekunden und gleichzeitig Grenzen ziehen. Klare Verhältnisse mögen langweilig sein, sie sind aber im Zweifelsfall gefährlichen Grauzonen vorzuziehen.

  

Kommentare der Leserinnen

    

Natürlich hat die Vergewaltigung in Hurghada zu vielen Kommentaren auf dem "Blick"-Portal geführt. Auffallend finde ich, wie weit die Spannweite bei den weiblichen Kommentatorinnen ist. Hier chronologisch zehn Stimmen:

  

Nicole Friedli, Sharm El Sheikh
Ich lebe und arbeite seit einem Jahr in Ägypten, als Frau und zwar alleine! Wenn man den Ägyptern mit Respekt und Menschenwürde begegnet, wird man genau so behandelt. Klar wird man von Männern oft angesprochen. Doch es ist so einfach: ein Lächeln und weiterlaufen. Nie hat mich jemand hier, weder beruflich noch privat, auch nur im Geringsten schlecht behandelt. Soviel zum Thema falsch und hinterhältig! Klar, es braucht gesunden Menschenverstand, doch dies ist wohl generell nicht schädlich!

Serena Müller, Lenzburg
Diese Länder Ägypten, Tunesien etc. sind der blanke Horror für Frauen..Man wird nur belästigt..die Männer gucken die Frauen als Freiwild an..sicher ein wenig basierend auf der Tatsache, dass manche Frauen nur für Sex in die Ferien fahren..dann meinen die Männer dort, alle Touristinnen wollen Sex in den Ferien..
dafür braucht man doch nicht in die Ferien fahren..das Gute liegt doch so nah..;-

Naziha Bekkal, Uster
Ich war auch mit meinem Mann in in diesem Land unterwegs. Vielleicht weil ich mich nciht wie ein Bienchen kleide habe ich niemals eine solche Erfahrung gemacht. Was fremde nicht wissen, ich verstehe arabisch. Auch da kam nie eine negative Bemerkung. Aber Eltern die ihre Tochter in soeinem Outfit in der Disco alleine lassen brauchen sich nicht zu wundern wenn sowas passiert. Hier gehen sie ja auch nicht wie Nutten bekleidet mit den Kinder in die Disco! Bewegt hat mich mehr die Armut.

Maja Naef (als Antwort auf Naziha Bekkal)
Vielleicht ist es ihnen entgangen aber in unserer Kultur ist eine Frau nie, nie selber schuld wenn sie vergewaltigt wird. Wenn sie schon in der Schweiz leben erwarte ich, dass sie sich das hinter die Ohren schreiben. Nicht zu fassen, dass eine Frau so etwas sagt.

Julia Kägi
Bei so viel Naivität muss man sich nicht wundern das etwas passieren kann.. Was bitte sucht eine junge Frau alleine in der Disco und wo war ihr Kopf als sie mit diesem Kellner nachhause gegangen ist?!

Sabrina Wunderli
Ich kenne Hurghada auch. Eine schreckliche Massendestination für Billigtouris. Ich hatte auch einige äusserst unangenehme Zusammentreffen mit Ägyptern die kein Nein dulden. Ausserhalb in El Gouna z.B. war das kein Problem. Nur dort wo sich die Masse trifft, kommt es selbstverständlich zu Übergriffen auf Frauen. Das ist schon lange nichts Neues, nur dîe Medien haben nie hingesehen.

Antoinette Schmid, Rigi Kaltbad
Hurgada ist auch der Platz, wo ich nie, aber gar nie mehr hinfahren würde. Es war der blanke Horror für mich und meine Töchter. Überall wurden wir belästigt.

Fanie Rosso, Zug
Mexico, Ägypten, Indien, Indonesien, Philipinen.... aber auch Basel, Zürich und Lausanne.... überall kann so was passieren!!! Es gibt überall Gewalt, auch in der Schweiz!

Sybille Walser
Sehr tragisch, mein herzlichstes Beileid für das was ihrer Tochter angetan wurde. Ich war schockiert, denn eine Woche vorher waren ich und meine Kollegin ebenfalls im Albatros. Aegypten ist jedoch bekannt dafür, nicht die sicherste Stadt zu sein. Ich frage mich, warum man ein so junges Mädchen auch alleine in der Stadt zurücklässt; Vertrauen hin oder her... Ich wäre mit meiner Kollegin auf jeden Fall niemals ausserhalb des Hotels gefahren, da hab ich zuviel Respekt davor!

Melissa Baumann
Bevor man jammert was in einen arabisches Land passiert, sollte man bei uns zuerst aufräumen, da es genügend Vergewaltiger auch hier gibt!

   

Quelle

 

www.blick.ch/news/ausland/horror-ferien-in-hurghada-id2293395.html

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