Verfasste Religion I

     

Religion hat in der Politik nichts verloren! Davon hatten wir es schon (Der Glaube ist privat, und das Private politisch / Debatte). Wie die Trennung des Religiösen und des Politischen aussehen könnte, dazu hier einige weiterführende Gedanken.

     

Desgleichen, dass die Frauen in schicklicher Kleidung sich schmücken mit Anstand und Zucht, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarem Gewand, sondern, wie sich's ziemt für Frauen, die ihre Frömmigkeit bekunden wollen, mit guten Werken. Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung. Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still. Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber hat sich zur Übertretung verführen lassen. Sie wird aber selig werden dadurch, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie bleiben mit Besonnenheit im Glauben und in der Liebe und in der Heiligung.

Nein, das steht nicht im Koran, es steht in der Bibel. Nein, nicht im Alten, sondern im Neuen Testament (Timotheus 2:9-15). Ein fundamentalistischer Christ kann aus dieser Bibelstelle (und vielen anderen) alle möglichen konservativen Normen ableiten. Zum Beispiel: Frauen gehören nicht in die Politik, sondern an den Herd und in die Kinderstube. Er kann auch behaupten, diese Normen seien durch die schweizerische Verfassung gedeckt und daher gültig. Verweist nicht die Verfassung eindeutig auf das Christentum? "Im Namen Gottes des Allmächtigen! Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung ..." Ist nicht das politische Leben nicht überhaupt von religiöser Symbolik durchzogen?

    

 

      

Nun ist die Anrufung Gottes nicht einfach Dekoration, sondern christliche Ethik und Kultur zieht sich durch weite Teile des Verfassungstexts, wo es zum Beispiel um soziale Verantwortung geht, um die Ehe oder die Familie. Dies gilt auch für weitere Bereiche des öffentlichen Lebens und für andere christliche Länder.

   

    

     

Kein Gottesstaat zwischen Rhein und Rhone

   

Ein Buddhist kann mit "Gott" nichts anfangen, und eine Atheistin nichts mit der "Schöpfung". Trotzdem können beide gute Schweizer sein. Sie müssen die Verfassung und die Gesetze nicht lieben, aber sie müssen sie einhalten. Und dies ist nach allgemeiner Auffassung zumutbar:

    

Erstens fusst jedes Gesetzeswerk auf ethischen Prämissen, und diese sind in der Schweiz aus historischen Gründen christlich-religiös. Ähnliche Regeln lassen sich auch aus anderen Religionen oder aus einer säkularen Ethik ableiten. Die Bundesverfassung enthält daher viele Regelungen, die auch besagtem Buddhisten oder besagter Atheistin einleuchten können.

   

Zweitens ist die Verfassung der Änderung unterworfen. Jeder und jede kann sich in einem gewaltfreien Diskurs darum bemühen, der eigenen Sichtweise Geltung zu verschaffen. Es gibt zum Beispiel Menschen, die jeden Religionsbezug aus der Verfassung entfernen möchten. Sollten sie einmal eine Mehrheit finden, dann gäbe es eine neue Verfassungs-Präambel, und weder die Schweiz noch das Christentum nähmen dabei Schaden.

   

Drittens gibt es neben der Herrschaft der Mehrheit auch einen ausgeprägten Schutz des Individuums und der Minderheit, die Freiheit des einen wird immer wieder gegen die Freiheit des anderen abgewogen. Religiöse Bräuche sind sehr weitgehend geschützt, und andererseits darf man ungestraft sagen, Religion sei Aberglaube. So fördert das schweizerische Rechtssystem bei allen Mängeln seit Generationen das friedliche und sichere Zusammenleben der Menschen in der Schweiz.

   

Kulturkampf gegen die Kirche

   

Die Berufung auf Religion macht also noch lange keinen Gottesstaat. Soll Religion allerdings eine positive Rolle im gesellschaftlich-politischen Leben spielen, so sind bestimmte Regeln einzuhalten. Genau gegen diese Regeln hat sich die christliche Obrigkeit (vor allem die Katholiken) mit Händen und Füssen über viele Generationen gewehrt. Ging es darum, der Kirche die Schulhoheit zu entziehen, Klostergrundbesitz der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, die Eheschliessung zivil zu regeln, die Idee der Volkssouveränität durchzusetzen - die Kirche sträubte sich immer. Der Schweizer Islamwissenschafter Lukas Wick schreibt dazu:

Die gelegentlich ketzerisch anmutenden Paradigmen des Konstitutionalismus erschienen vielen Christen und ihren Kirchen während langer Zeit inakzeptabel und anmaßend, die Unumkehrbarkeit der konstitutionellen Ordnung initiierte dann aber doch ein theologisches Umdenken und führte zur Bejahung von Verfassungsstaatlichkeit durch religiöse Autorität, wobei sich beide Institutionen in ihrer jeweiligen Autonomie anerkennen. Mit der Zeit beanspruchten religiöse Institutionen sogar, dass das staatliche Wertesystem letztlich auf einer christlichen Basis gründe.

    

Gottesstaat wegen Scharia?

    

Islamisten haben mit vielen Islamkritikern eines gemeinsam: Sie beide verbreiten die Idee, es gebe ein "Buch" namens Scharia, das man an die Stelle des positiven (=menschengemachten) Rechts setzen kann. Für die einen ist dies eine paradiesische Vision, in der Gott gleichsam direkt über die Menschen herrscht, für die anderen eine Schreckensvision, in der Dieben die Hände abgehackt und Ehebrecherinnen gesteinigt werden.

   

Die Zusammenfassung des Gotteswortes in ein einziges, anerkanntes Werk namens "Scharia" ist aber in über 1000 Jahren islamischer Theologie nicht gelungen. Die Fiktion der Scharia wird auch nicht wahrer durch Unrechts-Staaten wie Saudi-Arabien oder Iran, in denen vorgeblich "Gottes Gesetz" herrscht.

   

Die Scharia basiert auf dem Koran und auf der Überlieferung vom Reden und Handeln des Propheten Mohammed. Sie "basiert", das heisst sie ist eine Sammlung aller relevanten Quellen. Aber welche Quellen sind relevant, welche angesichts der mündlichen Überlieferung überhaupt echt? Diese Frage kann der Mensch nur  mit Hilfe seiner Vernunft klären. Damit ist die Scharia gleichzeitig das Wort Gottes und ein Resultat menschlicher Vernunftanstrengung und in dieser Hinsicht nicht mehr unfehlbar.

   

Der Sinn der Scharia erschliesst sich also nur über die menschliche Deutung. Dazu kommt die Umsetzung in anwendbares Recht (Fiqh), was speziell geschulten Gelehrten (Fuqaha') vorbehalten ist. Trotzdem - wen erstaunts? - gibt es kaum ein Scharia-Gesetz, das unumstritten ist. Handabhacken, Steinigung, Zinsverbot und viele andere Regeln sind schon längst in vielen islamischen Staaten abgeschafft (oder gar nie praktiziert worden), weil sie mit (anderen) islamischen Regeln nicht in Einklang zu bringen sind. Scharia kann also vieles sein, genau so wie die Bibel in fundamentalistischem Verständnis Frauenunterdrückung, Glaubensintoleranz und Gewalt legitimieren kann.

  

So ist wohl dem israelischen Wissenschafter Shlomo Avineri recht zu geben, wenn er behauptet, der Islam unterscheide sich in der Demokratiefrage nicht von anderen Religionen:

 

Der Islam ist in seinem Innersten nicht anders als jede andere Religion, wenn es um Demokratie oder Menschenrechte geht. Im Europa des 19. Jahrhunderts herrschte ganz unbestritten die Auffassung, dass Demokratie und Katholizismus unvereinbar sind - und sowohl Demokraten wie auch katholische Theologen schienen dem zuzustimmen - von Mazzini bis zu Papst Pius IX. Heute jedoch sind christlich-demokratische Parteien ein wesentlicher Pfeiler der europäischen Demokratie. Es gibt keinen Grund zu bezweifeln, dass diese Entwicklung auch in islamischen Gesellschaften stattfinden könnte - zu gegebener Zeit und unter den richtigen Umständen. Man kann äusserst unappetitliche Zitate aus dem Koran zu den Menschenrechten aufführen, oder blutrünstige Aussagen zu den Ungläubigen. Das ist aber nicht der Punkt: Solche Stellen finden sich auch in der hebräischen Bibel und auch im Neuen Testament. Allerdings ist es tatsächlich beunruhigend zu sehen, dass intolerante Lesarten des Islams in neuester Zeit wieder im Vormarsch sind. (Übersetzung F.M.)

 

   

Zwei offene Fragen

   

Noch zu klären wären zwei Fragen:  Wie genau müsste der fruchtbare Einbezug des Religiösen im gesellschaftlich-politischen Leben aussehen? Und wo steht Ägypten heute, was diese Frage angeht. Gerade die zweite Frage dürfte für einige Leser/innen Überraschendes bringen. In zwei Wochen: Verfasste Religion II!

  

    

Erwähnte Literatur

   

Die Bibel. Altes und Neues Testament - Einheitsübersetzung

   

Wick, Lukas: Islam und Verfassungsstaat – Theologische Versöhnung mit der politischen Moderne?, Dissertation Universität Bern, Reihe Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften, Ergon-Verlag, Würzburg 2009

  

Brown, Nathan J.; Shahin, Emad El-Din (Ed.): The Struggle over Democracy in the Middle East – Regional politics and external policies, UCLA CMES series, Routledge: London and New York 2010 (enthält den Artikel von Shlomo Avineri)

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