Mordslust

    

Das Video über die Ermordung eines jungen Schiiten (ein Muslim "falscher" Konfession) in Gaza bei Kairo ist unerträglich, ich verzichte auf einen Link. Wegschauen ist trotzdem schlecht. Hier eine "Light"-Version in einigen Bildern, die Erschreckendes zutage bringen.

  
Da wird ein junger Mann mit einem Seil am Hals über den Boden gezerrt. Ein Mob - wochenlang von fanatischen Predigern aufgehetzt - prügelt mit einem Fahrrad auf den Halbtoten, wirft kopfgrosse Steine auf ihn und tritt ihn mit Füssen. Am Schluss wird der Mann - er bewegt sich noch - mit Benzin übergossen und stirbt als lebendige Flamme.

 

   

Noch schrecklicher als die entfesselte Mordlust: DIE POLIZEI SCHAUT ZU! Mitten im Geschehen steht ein Polizist, erkennbar an der olivgrünen Uniform und der umgehängten Maschinenpistole!

  

   
Schon Mubarak hat soziale Konflikte oft als "Ventil" genutzt und damit viel Schuld auf sich geladen. Die Regierung Mursi verfolgt nun einen ähnlichen oder noch schlimmeren Kurs. Mursi hat sich zum "Präsidenten aller Ägypter" erklärt, aber er ist psychologisch und politisch ein Islamist. So hat er bis jetzt weder den neuen koptischen Papst besucht noch je eine christliche Kirche betreten. An den von den Muslimbrüdern organisierten Massenveranstaltungen steht Mursi auf der Tribüne winkend, während die Menge Parolen vom "Märtyrertod" skandiert. Und wenn einige fanatisierte, fehlgeleitete Dorfjugendliche einen Schiiten zu Tode bringen, dann steht die Polizei dabei! Ich hoffe für Ägypten, dass die Zivilgesellschaft zu einer friedlichen politischen Kultur und zu interreligiöser Toleranz findet, bevor Mursi das Land noch weiter ins Chaos stürzt. Der 30. Juni wird zeigen, wieviel Anlass für diese Hoffnung besteht!

 

  

Nachtrag vom 25. Juni
Eine schlüssige Deutung der Ermordung des jungen Schiiten und mehrerer seiner Glaubensgenossen, erschienen auf der Facebook-Seite von Dr. Saeed Elmasry (Übersetzung F. Marti). Saeed Elmasry ist Soziologieprofessor an der Universität Kairo.  https://www.facebook.com/saeed.elmasry

Hintergründe der Ermordung der Schiiten in Ägypten

Die Ermordung der vier Schiiten in Ägypten ist mit ihrer ganzen Abscheulichkeit die erste dieser Art seit dem Beginn der Re-Islamisierung in Ägypten. Sie hat mehrere Hintergründe.
1. Die Gewalt ist eine letzte Konsequenz der Aufhetzung der Bürger und der Ablenkung der Proteststürme und der Wut in Richtung von Auseinandersetzungen zwischen Bevölkerungsgruppen und Glaubensrichtungen. Damit soll der Blick weggelenkt werden von der Regierung und den gegen sie aufgebrachten Protestbewegungen.  
2. Die Gewaltwelle soll folgende Botschaft der Drohung und der tätlichen Einschüchterung aussenden: Dies kann jedem passieren, der den Islamisten in die Quere kommt, sogar wenn er selber Muslim ist.
3. Die Ermordung der Schiiten gibt salafistischen Kreisen eine Gelegenheit, ihre Reihen zu schliessen, um zusammen mit den übrigen islamistischen Strömungen jede Opposition zu bekämpfen.
4. Die Gewalt ist ein grosser Schritt auf dem Weg, die Glaubenskonflikte aus dem Irak und Syrien nach Ägypten zu holen und hier aufleben zu lassen, um so die Mehrheit der Ägypter unter dem Banner des sunnitischen Islams zu vereinigen. Dies soll letzten Endes geschehen, um die Machtbasis der Islamisten in Ägypten zu befestigen, um Iran die Stirne bieten zu können und um vom arabisch-israelischen Konflikt abzulenken.
Tatsächlich erfolgte die Planung und Durchführung der Mordtat aufgrund des Wunsches, mit diesem abstossenden Verbrechen ein klares Warnsignal abzugeben an die zahlreichen Anhänger der "Tamarrud"-Bewegung [s. Blog "Wehre dich täglich"], die Unterstützer des alten Regimes, die Führer des Heers und der Polizei, die Christen, an jegliche weltliche und konservative Opposition, und letztlich an Israel und die USA, die am meisten Kapital schlagen aus der Gewalt im Namen der Religion.
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