Brief aus Kairo 1

    
Sie haben alle recht, meine lieben Verwandten und Freunde, die mich von meiner Reise nach Ägypten abhalten wollten. Ja, es gibt dort Verbrecher, es gibt gewaltbereite Demonstranten, es gibt religiöse Hetzer. Nur: Das ist nicht das Ägypten, das ich seit 10 Tagen erlebe. Das ist auch nicht das Ägypten, das die meisten Ägypterinnen und Ägypter Tag für Tag erleben. Sie haben andere Probleme, und auch andere Freuden. Gedanken und Eindrücke aus Kairo.

    

Ankommen in Ägypten

"Ägypten" beginnt für mich, wenn ich mit einigen Verwandten aus der klimatisierten Flughalle in die brüllende Hitze Kairos hinaustrete und im sonnenversengten Auto zu meiner Schwägerin gefahren werde. Diesmal ist Ramadan, seit 10 Stunden haben meine Verwandten nichts getrunken oder gegessen, und trotzdem herrscht Prachtslaune. Im Salon dann weitere Begrüssungen, "Tischrab Schai?" (Magst du Tee?), ich verzichte, da ich nicht vor aller Augen Tee schlürfen und Mangos auslöffeln will. Das Fastenbrechen um 19 Uhr ist dann umso wunderbarer: zu Beginn Getränke wie Tamar Hindi und Qamar al-Din, dann fritierte Fische, dazu Baba Ghannouch, Tahina, Limetten, Brot, Makaroniauflauf, Reis, zuletzt Süssigkeiten und Tee. Später fahren mich meine Verwandten in die leere Zweitwohnung der Familie. In Ägypten haben viele Familien des Mittelstands Reservewohnungen: Ein Sohn braucht zum Heiraten eine Wohnung, alles andere kommt an zweiter Stelle...

       

  

         

Natürlich ist die politische Lage ein Dauerthema, das auch meine Verwandten sehr kontrovers diskutieren. Einer meiner Neffen hat auch schon die Islamisten als "Scheisse" bezeichnet, und am anderen Ende kämpfen einige entfernte Familienmitglieder noch immer für die Rückkehr von Präsident Mursi. Die meisten meiner Verwandten gehören der "Hizb al-Kanba" an, der Sofa-Partei: Sie sind politisch interessiert, beteiligen sich aber am öffentlichen Diskurs auf dem Sofa vor dem Fernseher. Fast alle sind fromm, sie beten regelmässig zu Hause, am Freitag in der Moschee, und sie halten sich exakt an die Fastenvorschriften. Von Mursis "Polit-Islam" haben sie jedoch endgültig genug: Mursi habe kein einziges Problem gelöst, er sei intolerant gewesen und habe alle Ämter mit Muslimbrüdern besetzt - mit dem Argument, seine islamische Lösung sei von Gott und sein Amt vom Volk. Gerade auch die religiöse Bevormundung ist meinen Verwandten sauer aufgestossen.

   

Ich finde die Entwicklung der Offenheit im Gespräch fast schwindelerregend. Vor wenigen Jahren noch habe ich als Ausländer unverblümt meine Sprüche und Bemerkungen über Staatspräsident Mubarak gemacht. Meine Verwandten haben zugehört und knapp mitgelacht, aber nie wirklich mitgemacht, obwohl die Ägypter Spässe über alles lieben. Es war einfach die (scheinbar) zu Fleisch und Blut gewordene Vorsicht. Mit der Revolution von 2011 begannen dann die Debatten und lautstarken Streitereien, politische Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten wurden "normal". Und nun fällt mit dem Mursi-Desaster hoffentlich das letzte Tabu: die kritiklose, sektiererische Unterstützung des eigenen Lagers.

   

Leben in Kairo

Meine Wohnung ist geräumig und in einem ruhigen Wohnquartier in Nordkairo. Da ich nicht zum ersten Mal dort bin, kennen mich der "Makwaki" (Wäscher), der Mann vom Supermarkt, vom Lebensmittelladen, der Frisör, der Mann vom Vodaphone-Shop, der Hauswart.

  

 

  

In der Nacht herrscht buntes Treiben, dem Ramadan sei Dank, und am Morgen ziehen die verschiedenen Händler vorbei und rufen Zeitungen, Gasflaschen, Früchte aus. Ins Stadtzentrum komme ich mit der Metro, 15 Minuten Fahrt in einem manchmal überfüllten Waggon. Da ich bereits ein "Scheich" bin, kriege ich auch ab und zu einen Sitzplatz angeboten. Der Fussmarsch von der Metro zur Wohnung dauert 10 Minuten. Wenn ich nach Mitternacht nach Hause komme, dann ist das keinesweg unheimlich, sogar kleine Kinder treiben sich noch in den Gassen rum.

  

Natürlich schaue ich ein wenig, dass ich nicht anecke. Meine Schwägerin rät mir, ja nicht zu fotografieren und am besten nicht den Mund aufzumachen und nicht rumzuschauen. Das ist natürlich übertrieben. Aber ein wenig hat sie recht: Man fällt auf, Missverständnisse sind möglich. Daher bewege ich mich meistens in Begleitung von Einheimischen. An ihrer Seite fotografiere ich auch mal, aber auch dann zurückhaltend. Die Ägypter schätzen es nicht, wenn man ihnen ein Bild "raubt". Das Zauberwort heisst deshalb: Mumkin asawwar? (Darf ich fotografieren?), und oft setzen sie dann ein Lächeln auf.

   

Einmal bin ich mit meinem Neffen an eine Islamisten-Demonstration herangeraten, weil die Sicherheitskräfte den Präsidentenpalast extrem weitläufig gesichert hatten und wir einfach keinen Heimweg gefunden haben. Aber ein Durchkommen am Rand der Versammlung gab es nicht. Ein paar Aktivisten haben uns weggewiesen und zur Bekräftigung ihrer "Argumente" mit einer Eisenstange auf den Boden geschlagen. Also Umweg in der Gegenrichtung...

   

Tourismus der anderen Art

Ich bin ganz froh, dass ich das übliche touristische Programm schon früher absolviert habe, die Museen, die Stadtrundfahrten, die Pyramiden, die Nilfahrt, Alexandrien. Das alles ist ein Muss für Ägyptenreisende. Aber es gibt noch mehr: die Cafés in Kairo (zur Zeit tagüber meist geschlossen), die Strassen und Plätze, die Buchläden. Es gibt längere Ritte durch die Wüste, die Begegnung mit der islamischen Mystik (Sufismus) im Nildelta. Oder eben mein Programm.

   

Mein touristisches Programm ist zur Zeit, ägyptische Wohltätigkeits- und entwicklungspolitische Organisationen kennenzulernen. Letztes Jahr habe ich das Projekt "Schreinerei-Ausbildung bei SEKEM" aufgezogen. Das Resultat war eine Lehrwerkstatt, die nun in Betrieb ist. Diese werde ich wieder besuchen, die Lehrlinge und die Verantwortlichen sehen und kleine Folgeschritte besprechen. Ein 15-Minuten-Film, den ich im November 2012 fertiggestellt habe, vermittelt ein gutes Bild von SEKEM und vom Schreinereiprojekt.

  

Dann war da ein kurzer Besuch bei der Quartierorganisation FEDA (www.fedaeg.com), deren Buchhalter ich letztes Jahres kennengelernt habe. "Ustadh Ahmed" war es, der mir letztes Jahr den Weg zum Grab des Basler Forschers "Scheich Ibrahim" gezeigt hat.

    

     

    

Ein Höhepunkt war für mich die Führung durch eines der Zentren von Resala (www.resala.org). Diese Organisation kümmert sich um Strassenkinder, Slumbewohner, führt Kurse durch für Menschen mit Seh- und Hörproblemen, betreibt eine eigene Schule und ein eigenes Berufsbildungszentrum. Im Gegensatz zu SEKEM arbeitet Resala im städtischen Umfeld. Am Freitag bin ich dann mit zwei Verwandten als "Freiwilliger" angetreten, um die Essensverteilung in einem Slum vorzubereiten und durchzuführen.

   

 

 

  

Zuerst mussten wir das eben gekochte Essen in Portionen abpacken und für den Transport bereitmachen. Dann ging es in zwei Bussen (einer für die männlichen, einer für die weiblichen Freiwilligen!) in das Slum "Al-Saba' Banat" in Südkairo.

   

 

 

   

Im Slum wartete bereits eine lokale Verantwortliche, mit der die Bedürfnisse vorher abgeklärt worden waren, und führte die Riesengruppe von Freiwilligen zu allen Häusern, die auf Essen warteten. Die Rationen bestanden aus Reis mit Fleisch, Bohnen, Salat und Kokospulver. Nach getaner Arbeit fuhren dann die Busse zurück, der Frauenbus mit meiner Begleiterin voraus, mein Neffe und ich hinterher.

  

 

 

 

  

Es gibt nicht wenige, vor allem junge Menschen des Mittelstands, die in den letzten Jahren begonnen haben, nicht nur die Politik zu bewegen, sondern auch mit ihrem persönlichen Engagement das Alltagsleben der Benachteiligten zu verschönern, zum Beispiel bei Resala. Natürlich darf die Wohltätigkeit nicht zum Perpetuum mobile und zum Ersatz für staatliche Entwicklungspolitik verkommen (wie meist in den 30 Jahren Mubarak-Regime), sondern sie muss Hand in Hand gehen mit der Hilfe zur Selbsthilfe und mit der Änderung der politischen Strukturen. Aber Ägypten verändert sich, das sieht auch der Tourist, der Zeit und Musse hat.

    

Vertraute Schweiz, fernes Ägypten

Nach 10 Tagen werfe ich einen touristischen Blick auf die Schweiz. Die "antifaschisten Abendspaziergänge" in Bern, bei denen regelmässig Scheiben zu Bruch gingen, haben sicher den vorbeiflanierenden Touristen ein verstörendes Bild der Schweiz vermittelt. Ebenso die Gewaltexzesse an Massenparties wie "Tanz dich frei" oder bei gewissen Fussball-Spielen. Es ist vielleicht auch ein Tourist Zeuge geworden, als vor einigen Jahren ein Kollege von mir in der Berner Altstadt vom Fahrrad gerissen und zum Invaliden geprügelt wurde - just for fun! Sicher sagen deshalb die Reiseveranstalter: Meiden Sie Massenaufläufe, passen Sie nach Mitternacht auf, lassen Sie Ihr Handgepäck nicht unbewacht! Die Schweiz als "gefährliches Land" findet auch eine politische Erklärung, die ich manchmal sogar in Ägypten höre: Die Schweizer sind Islamfeinde (Minarettverbot), sie sind rassistisch und gewaltbereit (Angriffe auf Asylzentren), sie haben eine Partei "wie die NDP oder die FPÖ", also "rechtsextrem" (SVP). Ist das das Wesen, die Quintessenz der Schweiz? Nein.

    

Nun möchte ich nicht behaupten, Ägypten könne sich in Sachen Sicherheit mit der Schweiz messen. Aber es gibt auch das Ägypten mit den vielen Alltagssorgen, mit den vielen Freuden, und da ist die Politik gerade mal ein kleiner Teil davon. Wir in der Schweiz ordnen Gewalt, Mord und Totschlag im eigenen Land zu Recht als "Ausreisser" im sonst stabilen System ein. Ägypten hingegen ist weit weg, wo sollen wir die Schlagzeilen von Aufruhr, Mord und Totschlag verorten, wir kennen ja den Alltag nicht! Die Ägypter hingegen kennen ihren Alltag. Auch wenn dieser instabiler und chaotischer ist als in der Schweiz, er hat trotzdem - irgendwie - seine Ordnung. Die Gewalt gehört für die meisten definitiv nicht dazu und taucht eher in den Fernsehbildern auf als in ihrem persönlichen Alltag.

  

Nachtrag vom 25. Juli

 

  

Heute waren wir zu Besuch bei der Schreinerei-Lehrwerkstätte von SEKEM bei Belbeis. Dort ist seit Jahren ein Berufsbildungszentrum mit Schreinerei-Ausbildung in Betrieb, zu dem nun 2012 eine separate Schreinerei-Lehrwerkstätte mit Maschinen aus der Schweiz gekommen ist.

   

Ein Rundgang in 28 Bildern: http://fausi.net/sekem13.html 

 

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