Frauenpower

         

"Frauenpower auf Arabisch: Jenseits von Klischee und Kopftuchdebatte": Vorgestern ist diese Sammlung von Frauenporträts aus der arabischen Welt erschienen. Im Gegensatz zu anderen Büchern zu Frauenthemen, die ich in diesem Blog vorgestellt habe (s. "Scheidung auf Ägyptisch" und "Sex and the Citadel"), hat dieses Buch als Autor einen Mann. Karim El-Gawhary ist Sohn einer deutschen Mutter und eines ägyptischen Vaters und berichtet seit über 20 Jahren als Journalist aus dem Nahen Osten. Ich habe das Buch bereits gelesen und finde: lesenswert! El-Gawharys Buch ist beim Verlag Kremayr & Scheriau erschienen und auch als E-Book bei Amazon erhältlich.

   

Einfache These

Ein Mann schreibt über Frauen, da besteht die Gefahr der Vereinnahmung. Diesen Punkt thematisiert der Autor in der Einleitung gleich selber. Um dieser Gefahr zu entgehen, verpflichtet er sich, die porträtierten Frauen aus ihrer eigenen Perspektive darzustellen. El-Gawhary hat seine Gesprächspartnerinnen in den letzten 10 Jahren in Ägypten und mehreren anderen arabischen Ländern selber ausgewählt und setzt sie in einen thematischen Zusammenhang, danach aber ertönt gleichsam hörbar die Stimme der Porträtierten. 

   

Dass El-Gawhary den Frauen einfach eine Plattform bietet, sich selber dazustellen, hängt auch mit seiner einfachen These zusammen: Die Realität der Frauen in den arabischen Ländern ist nicht so einförmig, wie wir uns das manchmal vorstellen. Die arabischen Frauen sind nicht nur graue Mäuse; in diesem Buch kommen einige der anderen, der farbigen Art zu Wort.

  

Pionierinnen, Verlierinnen und Kämpferinnen

Im Teil "Die stolzen Pionierinnen" lässt El-Gawhary zwei ehemalige Beamtinnen zu Wort kommen, die in die Wüsten zogen, um dort eine grosse Tomatenfarm aufzuziehen. Wer die ägyptischen Bürokratie und die ägyptische Mentalität kennt, ahnt bereits, dass sie verschiedene Hürden zu überwinden hatten. Dann porträtiert der Autor eine der wenigen Kairoer Taxifahrerinnen (ich selber bin in vielen Jahren noch keiner einzigen begegnet), ferner die einzige Ägypterin, die 30-Tonnen-Laster durch die Wüste fährt. Es folgen die Geschichten von selbstbewussten saudischen Frauen, von einer jemenitischen Fotografin, der ersten ägyptischen Verfassungsrichterin und der ersten Dekanin der Universität Kairo, ferner die erstaunliche Karriere einer Fernsehköchin aus den Armenvierteln Kairos.

  

   

"Die bitteren Verliererinnen" zeichnet die Schicksale einiger palästinensischen Frauen nach. Eine von ihnen ist mit gerade mal 18 Jahren als "Märtyrerin" mit einem Bombengürtel in den Tod gegangen und hat zwei israelische Bürger mitgerissen. Eine hat ihren Sohn verloren, der gegen die amerikanische Invasion in den Irak gezogen war. Eine andere hat israelische Phosphorbomben im Gaza-Krieg schliesslich nicht überlebt. Dann erlebt eine syrische Studentin Unvorstellbares in ihrem gewaltfreien Kampf gegen das Assad-Regime und ist dann nicht einmal in Kairo sicher vor Assads Schergen. Und zwei Mütter des Fussballdramas von Port Said (s. "Fussball und Politik"), die eine mit einem toten, die andere mit einem zum Tode verurteilten Sohn des gegnerischen Klubs, kommen nicht aus ihrem gegenseitigen Hass und ihrer Verzweiflung heraus. Und schliesslich die Mutter, die ihre Kinder Tag für Tag mit etwa einem Euro ernähren muss.

  

    

"Die unterschrockenen Kämpferinnen" sind die Frauen, die von Anfang die Bewegung am Tahrir-Platz in Kairo mitgeprägt haben. Sie wurden bald auch Opfer sexueller Verfolgung, deren dunkle Hintergründe in El-Gawharys Reportage etwas aufgehellt werden. Zur armen Bevölkerung gehört die erste Brotverkäuferin, die sich gewerkschaftlich organisiert hat und notfalls mit ihrem Schuh die Beamten auf Trab bringt. Kämpferinnen waren auch viele Frauen im libyschen Aufstand: eine Scharfschützin im Dienste Ghaddafis, eine Filmdokumentalistin auf der Seite der Aufständischen, eine Anwältin, eine feministische Unternehmerin, die ersten Politikerinnen nach Ghaddafis Sturz... Es fehlt auch nicht eine prominente Bloggerin aus Bahrain und die Saudi-Frau, die ihre erste Autofahrt (in Saudi-Arabien für Frauen verboten) auf YouTube gestellt und damit viele Nachahmerinnen gefunden hat.

       

Beeindruckende Vielfalt, vorsichtiger Optimismus

Was mir persönlich an El-Gawharys Reportagen gefällt, ist die die Vielfalt der Porträts. Der Autor ist über 10 Jahre mit viel journalistischem Herzblut und mit Einfühlungsvermögen Einzelschicksalen nachgegangen und hat einige seiner Gesprächspartnerinnen nach Jahren wieder besucht, um herauszufinden, was aus ihnen und ihren Lebensträumen geworden ist. Sein Horizont erstreckt sich damit über einen langen Zeitraum - und zusätzlich über mehrere arabische Länder, und er porträtiert sowohl arme wie verhältnismässig wohlhabende Frauen, ungebildete wie gebildete, junge wie alte. Auch (oder gerade...) wer ein arabisches Land schon gut kennt, wird hier viel Neues, Spannendes, Ergänzendes finden.

   

Ebenfalls gefällt mir, dass in El-Gawharys Porträts sowohl die sensationellen Fortschritte wie auch die herben Rückschläge in der Frauenfrage sichtbar werden. Die Rolle der Frauen in den arabischen Ländern erscheint damit als offener Prozess, dessen Ausgang weder zu Euphorie noch zu Pessimismus Anlass gibt. Wenn ich mich in meinem eigenen Umfeld in Ägypten umsehe, dann sehe ich Frauen, die das Land lieber heute als morgen verlassen möchten, solche, die aus der Ferne zurückgekommen sind in ihre ägyptische Heimat, die meisten mit Kopftuch, einige ohne oder im Gegenteil mit Gesichtsschleier. Gemeinsam ist ihnen allen allerdings, dass keine einzige ihre Lebensart als Unterwerfung unter ein männliches Diktat betrachtet oder ein solches befürwortet. Bleiben den Frauen und ihren männlichen Verbündeten Engagement und Geduld noch lange erhalten, dann dürfen wir auf viele spannende Entwicklungen hoffen!  

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