Geliebte Revolution

      

"Wir haben sie so geliebt, die Revolution". In den 80er Jahren veröffentlicht Daniel Cohn-Bendit - Symbol des Mai 68 in Paris und heutiger grüner Europa-Abgeordneter - eine Sammlung von Interviews mit ehemaligen Aktivisten und Denkern der 68er Bewegung. Sein Fazit: Je verrückter sie taten, desto angepasster sind sie heute. An die politische Revolution glaubt heute fast niemand mehr, aber Umbruchsphasen wie der "Arabische Frühling" wecken doch Hoffnungen nach dem Absoluten, die leicht in Enttäuschung umschlagen können.

     

Freiheit und Tod

Die Frage, was genau "Revolution" bedeutet, füllt Regale. Für meine Fragestellung scheint mir eine philosophische Annäherung vorerst ausreichend. Konrad Paul Liessmann, Philosophieprofessor und wie Cohn-Bendit ehemaliger Links-Aktivist, schreibt in einem bemerkenswerten NZZ-Artikel lapidar:

   

"Revolution bedeutet: die Freiheit als Freiheit für alle einzufordern, sie zu einem Recht zu erklären und nach einer Verfassung des Staates zu suchen, die imstande ist, diese Freiheit, die nur als Freiheit des Einzelnen gedacht werden kann, auch zu garantieren."

     

Schon der Philosoph Hegel, ein Zeitgenosse der französischen Revolutionäre von 1789, hat das Doppelgesicht einer Revolution hervorgehoben. Revolutionär bedeutete für ihn die Durchsetzung der Freiheit gegen alle Widerstände: "Diese ungeteilte Substanz der absoluten Freiheit erhebt sich auf den Thron der Welt, ohne daß irgendeine Macht ihr Widerstand zu leisten vermöchte." Diese Verwirklichung der Freiheit gegen alle Widerstände heisst aber in letzter Konsequenz Aufhebung der individuellen Freiheit und Terror: "Das einzige Werk und Tat der allgemeinen Freiheit ist daher der (...) kälteste, platteste Tod, ohne mehr Bedeutung als das Durchhauen eines Kohlhaupts".

  

  

    

Enttäuschte Liebhaber

Hegel sollte recht behalten: Die Russische Revolution endete im Stalinismus, die "Kulturrevolution" in China forderte Millionen von Todesopfern. Der Kampf um die Freiheit hat neue, pragmatische, gewaltfreie Ausdrucksformen gefunden, die der britische Historiker Timothy Garton Ash in vielen Studien zur Wende im ehemaligen Ostblock untersucht hat. Die "absolute Freiheit" hat sich ein pragmatisches Gewand gegeben und ist heute zu einem Versprechen in allen Gebieten des Lebens geworden: sexuelle Revolution, Medienrevolution. Mit enttäuschenden Folgen, wie der Philosoph Liessmann hervorhebt:

   

"Alle diese genannten Revolutionen versprachen dann auch mehr Freiheit – in der Sexualität, in der Kommunikation, in der Produktion, in der Forschung, in der Kunst – und alle unterlagen, wenn auch oft in Form der Karikatur, der Logik des Umschlags der Freiheit in den Schrecken: In der befreiten Sexualität dominiert der Leistungsdruck, in der digitalen Kommunikation triumphieren die Überwachungsprogramme, in der Kunst unterwerfen sich alle dem Trend zur Selbstdarstellung, in der Forschung regiert der Publikationszwang!"

     

Diese Vereinnahmung der Revolution durch die Macht des (kapitalistischen) Alltags hat in den 70er Jahren der linke Karikaturist Gerhard Seyfried bitterböse dargestellt. "Völker hört die Signale - mit Telefunken Raumton", "Wir wollen alles - und finden es bei Woolworth", "Friede den Hütten - Argus Wachdienst": Alle revolutionäre Hoffnungen zieht er schon vor 40 Jahren gnadenlos durch den Kakao. 

  

   

Hoffnungsvolle Liebhaber

Was hat die Menschen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert dazu gebracht, trotz aller Gewalt, trotz aller Niederlagen Sympathie für revolutionäre Prozesse zu empfinden? Liessmann: "Der Nimbus, der die Revolution lange umgab, lag nicht in ihrer Praxis, sondern in ihrem Pathos, ihrer Gestik, ihrer Symbolik."

    

Der Nimbus umgibt sie - meine ich - noch immer. Die Berichte und Bilder vom Tahrir-Platz 2011 sind um die Welt gegangen: Muslime und Christen, die einander beim Beten Schutz gegen Schlägerbanden bieten, das gleichberechtigte Auftreten von Frauen und Männern auf den Rednertribünen, die Jugendlichen, die spontan Abfall wegräumen und den Platz säubern, die Nothelfer, die mit ganzen Spitalausrüstungen anrücken, die Schriftsteller und Musiker, die sich unter die Demonstrierenden mischen, die gemeinsame Wut gegen die bewaffnete Staatsmacht, die sich den Demonstrationszügen entgegenstellt.

  

  

    

Vom Umsturz zu neuen Spielregeln

2011 habe ich einen kleinen Film mit eigenen Bildern aus den ersten Revolutionstagen hergestellt (Teil 1, Teil 2): ein Versuch, Verstand und emotionale Bewegtheit zusammenzubringen. In diesem Film ertönen immer wieder die zwei mächtigsten Parolen der Bewegung: "Er stürzt, er stürzt, Hosni Mubarak" (yasqut yasqut hosni m'barak) und "Das Volk will den Sturz des Systems" (esch-scha'ab yuriid isqaat en-nizaam).

    

Diese beiden Parolen enthalten die ganze Problematik der Zukunft: Mubarak wurde schnell gestürzt, das System wird aber noch lange überleben. Die "kommunikative Macht" (Habermas) der in den Strassen versammelten Menschen hat das "System" dazu gezwungen, eine Symbolfigur zu opfern, um sich selbst zu retten. Für die "absolute Freiheit" ist dies trotzdem ein Erfolg, da damit ein Weg zur gesellschaftlichen und politischen Umgestaltung aufgebrochen wurde. Neue Spielregeln sind nun möglich.

   

Was kann die "Revolution auf der Strasse" jetzt noch leisten? Sie kann den Druck auf der Strasse aufrechterhalten, um damit einem neuen Recht zum Durchbruch zu verhelfen, das der "absoluten Freiheit" ein wenig besser entspricht. Oder mit den Worten des grossen Philosophen Jürgen Habermas: "das Recht als das Medium zu betrachten, über das sich kommunikative Macht in administrative umsetzt." Es geht also um den Kampf um einen Rechtsstaat in einem Ausmarchungsprozess, der möglichst wenig individuelle und Gruppen-Freiheiten beschneidet.

    

Dieser Prozess ist mühsam und risikoreich, da das alte "System" nicht kooperationsbereit ist und nur sehr langsam zerfällt. Aber die Abkürzungen sind noch riskanter. Eine Abkürzung ist zum Beispiel der Wunsch vieler Ägypter/innen, die Rettung und Vollendung der Revolution sowie das Amt des Staatspräsidenten in die Hände von Armeegeneral al-Sisi zu legen, damit - in Hegels Worten - keine "Macht ihr Widerstand zu leisten vermöchte". Die ersten Folgen waren: der "kälteste, platteste Tod" von Tausenden von Individuen, dies trotz der "Freiheit, die nur als Freiheit des Einzelnen gedacht werden kann" (Liessmann).

    

Glotzt nicht so romantisch!

Bertolt Brechts Versuch, das "Illusionstheater" zugunsten eines kühlen Blicks auf sein "episches Theater" zu überwinden, gipfelte in seiner Aufforderung: "Glotzt nicht so romantisch!" Dies ist - denke ich - auch eine gute Haltung bei der Betrachtung des "Arabischen Frühlings": Der Verliebtheit in die erhebenden, bewegenden Momente des Umsturzes von 2011 braucht jetzt nicht die grosse Ernüchterung zu folgen. Der Prozess der demokratischen Umgestaltung in Ägypten ist überhaupt nicht verloren. Und sollte er gelingen, dann wird er nicht 100 Jahre dauern wie die Umsetzung der Französischen Revolution. Aber 10 Jahre allemal - diese Geduld wünsche ich den Ägyptern/innen und allen, die Ägypten lieben.
 

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