Ägypten in Basel

                     

"Frauen und Intellektuelle in der arabischen Revolution", das war der Titel eines Podiumsgesprächs an der BuchBasel 2013. Das Schöne für mich: Ich hatte einen Vorwand, nach Basel, meiner Herzensstadt, zu reisen und dort Karim El-Gawhary die Hand zu schütteln. Auf dem Podium: Karim El-Gawhary, ägyptisch-deutscher Journalist und Autor von "Frauenpower auf Arabisch", und Susanne Schanda, Autorin von "Literatur der Rebellion", als Moderatorin Jasmina El-Sonbati.

   

  

    

Die Frauen

Natürlich spielten und spielen die Frauen im "Arabischen Frühling" eine wichtige Rolle. Karim El-Gawhari hat dabei nicht nur politische Aktivistinnen im Auge, sondern Frauen aller Schichten, die in ihrem jeweiligen Lebensbereich den Platz einnehmen, der ihnen eigentlich zusteht: als Lastwagenfahrerin, als Richterin, als Gewerkschafterin, als Fernsehköchin oder schlicht als Familienvorsteherin (s. Blog "Frauenpower"). Ob diese Frauen ihr Engagement bewusst reflektieren oder nicht, ist  dabei weniger wesentlich als die Tatsache, dass sie durch ihre Praxis einen Anstoss zur Veränderung der Lage der Frauen und damit der Gesellschaft geben - so El-Gawhary. Es gibt auch Schriftstellerinnen, wie sie Susanne Schanda in "Literatur der Rebellion" beschrieben hat. Da diese aber - wie die Autorin sagt - aus dem Mittelstand stammen, thematisieren sie kaum Unterschichtthemen wie zum Beispiel die bedrückende Armut.

  

  
   

Die Intellektuellen

Die Intellektuellen - die Rede war ausschliesslich von Schriftstellerinnen und Schriftstellern - stammen vorwiegend aus dem Mittelstand und spielen im gesellschaftlichen Wandel eine zwiespältige Rolle. 2011 waren sie erstmals eine prägende Kraft im "Arabischen Frühling". Aus Susanne Schandas Stimme tönt aber Enttäuschung heraus, wenn sie die Mutation linker und liberaler Schriftsteller zu Anhängern der Armee und des Generals El-Sisi schildert. Tatsächlich wurde - so Schanda - Sonallah Ibrahim, mit seinen 76 Jahren eine Ikone der ägyptischen Literatur, zu einem Hetzer gegen die Islamisten, der General El-Sisi am liebsten als Staatspräsidenten sähe und den Friedensnobelpreisträger El-Baradei als Landesverräter bezeichnet, weil dieser aus Protest gegen den Gewaltkurs der Armee als Vizepremier zurückgetreten ist. Auch der international bekannte Alaa al-Aswani (s. Blog "Sich in Gefahr begeben") wurde innert Wochen vom Demokraten zu einem Parteigänger der Generäle, die - gleich mit welchen Mitteln - mit den Islamisten aufräumen sollen. Kulturschaffende können die Gesellschaft beleben und den Boden für Veränderungen bereiten, so Susanne Schanda. Aber auch sie sind nicht mit Demokratie imprägniert.
  

  

  

Keine voreiligen Schlüsse ziehen

Für Gelassenheit angesichts dieser brüsken Schwenks plädiert Karim El-Gawhary. Die friedliche Auseinandersetzung mit dem Islamisten hätte schon vor 20 Jahren beginnen müssen, sie sei aber vom Mubarak-Regime unter dem Deckel gehalten worden. Und der Westen habe zusätzlich beigetragen, die Idee der Demokratie zu diskreditieren, indem er bis zuletzt auf die Karte "Mubarak" gesetzt habe und damit die demokratischen Bestrebungen der ägyptischen Gesellschaft dem westlichen Sicherheitsdenken geopfert habe. Zudem seien die Kulturschaffenden immer unterdrückt gewesen, und nun hätten sie erstmals die Chance erhalten, eine politische Rolle zu spielen, und dieses Ziel verfolgen sie mit teilweise fragwürdigen Mitteln!

   

Als langjähriger Beobachter der ägyptischen Politik warnt El-Gawhary davor, voreilige Prognosen zu erstellen. Nach dem Sturz von Präsident Mubarak hätten die Ägypter - und mit ihnen die Weltöffentlichkeit - den Sieg der Demokratie gefeiert. In der Euphorie sei ihnen nicht bewusst geworden, dass sie zwar nach 2 Minuten ein Tor geschossen hatten, der Match aber 90 Minuten dauert... Dann kam die Militärherrschaft, und der Tenor änderte zur Furcht vor der Militärdiktatur. Dann kam Mursi, und das Schreckgespenst des Gottesstaates dominierte die öffentliche Debatte, und jetzt werde General El-Sisi vergöttert, und langsam schwenke die Angst wieder Richtung Militärdiktatur. Doch auch dies sei nicht das letzte Wort, denn all diesen Schwenks zum Trotz bleibe die Tatsache, dass die ägyptische Gesellschaft am Erwachen ist und sich immer wieder zu wehren weiss.

   

Dieser Prozess brauche eben Zeit - so El-Gawhary. Ägypten habe nun gelernt, dass das Land zu vielfältig ist, um den Muslimbrüdern die alleinige Verantwortung zu geben. Und nun stehe die zweite Lektion auf dem Programm: Die Muslimbrüder seien viel zu stark in der Gesellschaft verankert, um sie einfach "auszurotten" und das Land ohne sie zu regieren.

   

  

  

Im Anschluss an das Podium dann ein kleines Gespräch mit Karim El-Gawhary, den ich sehr schätze und auch schon einige Male in meinem Blog erwähnt habe. Er ist, wie er im Fernsehen ORF und in den Printmedien erscheint: kompetent, herzlich und charmant...

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