Muslime im Fernsehen

   

Zeitdruck, Quotendruck, keine Fachredaktionen: Wenn das Schweizer Fernsehen ein heisses Thema aufgreift, dann droht es auf dem "Boulevard" zu landen. Vor anderthalb Monaten wollte ich es wissen. Nach einer unsäglichen "Rundschau" über die Muslime in der Schweiz ist mir der Kragen geplatzt: Ich habe eine ausführliche "Beanstandung" an Achille Casanova, Ombudsman der SRG, geschrieben. Fristgerecht nach 6 Wochen nun die Antwort auf 14 Seiten: Der Ombudsman gibt mir inhaltlich recht, auch wenn er programmrechtliche Schritte nicht unterstützt. Immerhin: ein Wort von seltener Klarheit!

        

    

Link: Die Sendung auf Internet (13 Minuten)

         

Am 9. Oktober bringt das Schweizer Fernsehen die "Rundschau" unter dem Titel "Wolf im Schafspelz? Strenggläubige Muslime in der Schweiz". Es lohnt sich, die ganze Sendung nachzuschauen. Ebenfalls aufschlussreich ist es, die Transkription der Sendung ohne die Bilder zu lesen.

     

Einleitung: Hilfe, ein Strenggläubiger!

Die Verwirrung beginnt mit dem Begriff "strenggläubige Muslime". Ich erinnere mich an einen meiner Studenten, ich nenne ihn Ahmed. Aufgefallen ist er mir, weil er in den Vorlesungen immer eine Baseball-Kappe trug (meistens verkehrt rum). Beim ersten Test fand ich oben rechts auf seinem Blatt die Gottesformel "Bismillah al-rahman al-rahim", was auch in Ägypten alle Muslime auf ihre Prüfungsblätter schreiben.

      

Ich bin dann mit ihm ins Gespräch gekommen. Ahmed stammt aus Pakistan und gehört der dort bedrängten Ahmadiyya-Gemeinschaft an. Vor lauter Freude über mein Interesse hat er mich an ein Ahmadiyya-Treffen in Bern mitgenommen und mir den Imam - einen Schweizer Konvertiten - vorgestellt. Auch dort trug Ahmed seine Baseball-Kappe: Alle Ahmadi-Männer müssen in der Öffentlichkeit ihre Köpfe bedecken, sagte er. Während unseres Gesprächs zu dritt in der Eingangshalle liefen die Ahmadis in das Quartierzentrum ein - die Frauen dichtverhüllt in einen Saal, die Männer mit Kopfbedeckung in einen anderen.

    

Mein Student Ahmed war die Liebenswürdigkeit in Person, auch bei seinen Fachhochschul-Kumpels beliebt. Trotz seiner Baseball-Kappe hatte er gar nichts von einem "tough guy" an sich: Er war treuherzig, gesprächig und freundlich. So hat er im Gespräch verraten, dass er selbstverständlich keine Freundin habe, weil er als Student noch nicht heiraten wolle. Eine Christin würde er nicht heiraten, auch nicht eine Muslimin einer anderen Glaubensrichtung: nur eine Ahmadi-Frau! Natürlich ass er kein Schweinefleisch und trank keinen Wein. Mit den Regeln seiner Gemeinschaft kam er offensichtlich gut klar, und gegenüber seinen Kommilitonen hatte er weder eine Verteidigungshaltung noch eine missionarische Seite, und bei den gelegentlichen Beizenbesuchen trank er Coca-Cola.

   

Die Ahmadis haben die Moschee in Zürich gebaut, die auch in der "Rundschau" zu sehen ist. Viele dort sind wie Ahmed: strenggläubig. Also: Wolf im Schafspelz? Müssen nun alle beweisen, dass sie keine gewaltbereiten Extremisten sind? Was haben die Ahmadis und die 400.000 Muslime in der Schweiz überhaupt mit ein paar hundert Extremisten zu tun? Ich würde mich schämen, Ahmed in irgendeiner Weise verdächtigen zu wollen, nur weil er strenggläubig ist. 

   

Meine Beanstandung (Auszüge)

Sehr geehrter Herr Casanova

Ich habe mich - nicht zum ersten Mal - über die Darstellung der Muslime in der Schweiz in Beiträgen von Fernsehen SRF geärgert, diesmal in der "Rundschau" vom 9. Oktober. Für Gruppierungen wie den Islamischen Zentralrat IZRS hege ich keinerlei Sympathie, im Gegenteil, und bei einigen Exponenten scheint mir ein wachsames Auge nötig. Gerade deshalb finde ich es stossend, dass die "Rundschau" unter dem Anspruch der Aufklärung ein falsches und diskriminierendes Bild des Islams in der Schweiz verbreitet:

(...)

   

Zu 1: Unverhältnismässigkeit

(...)

Die "Publizistischen Leitlinien" vom SRF sagen unter 3.3 zu den "Themen-Hypes": "Wenn andere Medien ein Thema über das sachgerechte Mass hinaus anheizen, ist es Aufgabe der Redaktionen, die Proportionen zu wahren." Hier scheint das Fernsehen selber der Hype-Produzent zu sein.

     

Zu 2: Unterstellungen

(...)

Beispiel 2: "Die Presse bleibt draussen!"

Zu Beginn zeigt die "Rundschau", wie ihren Reportern an einer islamistischen Veranstaltung der Zutritt verweigert wird. Natürlich ist dies eine Überreaktion. Wenn dann aber am Ausgang der Veranstaltung ein Reporter den IZRS-Exponenten Blanchot auf den "Dschihad" anspricht und "Dschihad" gleichsetzt mit "Heiligem Krieg", dann beweist er die Ignoranz, die viele Muslime den Medien vorwerfen. "Dschihad" bedeutet "Bemühung", und für die meisten Muslime (sofern sie den Begriff verwenden) bedeutet dies das Streben nach der Gnade Gottes. Die Einengung auf Gewalt kommt von zwei Seiten: von islamistischen Extremisten und von "aufklärerischen" Medienleuten. Nicht einmal der Islamische Zentralrat definiert "Dschihad" als "Heiligen Krieg", wie man auf seiner Website nachlesen kann (http://www.izrs.ch/was-ist-jihad.html).

Diese Szene - und nicht nur diese - ist sehr irreführend aufgebaut:
Off: "Blanchot ruft zum Jihad auf."
Blanchot-Rede: "Bedeutet der Jihad einfach die Waffe zücken und damit hat sich's - oder bedeutet al-Jihad viel mehr?"
Off: "Selbstmordattentäter und Terroranschläge - der Jihad steht auch für den unerbittlichen Kampf gegen das westliche System."
Diese Sequenz unterstellt, mit dem "viel mehr" meine Blanchot Selbstmordattentate - das wäre ein Straftatbestand!
Was am Ende vom "radikalen Islamismus" übrigbleibt, sind einige Unterstellungen, die Präsentation einiger genervter Männer, getrennte Eingänge für Männer und Frauen, das verschlossene Paradies für Nichtmuslime und für Frauen ohne Kopftuch, Koranverteilungen, die Belohnung im Paradies für gute Taten. Das alles ist ein beleidigender Anwurf gegen alle konservativ denkenden Muslime und die muslimische Gemeinschaft insgesamt, und es ist eine Verharmlosung des sehr minderheitlichen "radikalen Islamismus", auf den wir auch in der Schweiz ein Auge behalten müssen.

(...)

     

Zu 3: Amalgam

"Ihr seid Ignoranten!"

Am Ende der Sendung wird ein Moschee-Gänger der Ahmadiyya-Moschee in Zürich vorgeführt. Es ist ein älterer konservativer Mann, wie es auch im christlichen Umfeld in der Schweiz zahlreiche Konservative gibt. Er will zum rechten sehen, weil der Reporter zwei Musliminnen befragt, was sie von der Geschlechtertrennung in der Moschee halten. Dazu halten die "Publizistischen Leitlinien" von SRF fest (6.3): "Spontane Interviews ... sind mit Personen zulässig, die Routine im Umgang mit Medien haben." Eine Frau antwortet: "Das ist immer so, wir Männer und Frauen separat, das ist gut, oder?" Der ältere Muslim stellt sich vor die Frauen - aus seiner Sicht wahrscheinlich schützend und ritterlich (er kann zum Beispiel gut Deutsch und hat offensichtlich Medienerfahrung, sie nicht). Aufgeklärtere Menschen würden das paternalistisch nennen, und damit haben sie sicher recht – aber Paternalismus gibt es auch bei christlichen Schweizer Männern, wie wir wissen. Danach bezeichnet der Mann die Journalisten und das Fernsehen insgesamt als Ignoranten. Und ich muss sagen: So ganz unrecht hat er nicht. Noch vor wenigen Generationen war die Trennung von Mann und Frau beim Gottesdienst gängige Praxis, und sie kommt auch heute noch in sehr konservativen Kreisen vor.
    
(...)
   
"Wolf im Schafspelz? Strenggläubige Muslime in der Schweiz"/"Radikale Islamisten in der Schweiz". Unter diesen zwei Titeln ist die Sendung auf der Website des SRF angekündigt: Auch sonst werden "strenggläubige Muslime" und "radikale Islamisten" mehrmals sinngleich verwendet. Auf der einen Seite gibt es 400'000 unbescholtene Muslime in der Schweiz: religiöse und areligiöse, gebildete und ungebildete, fortschrittliche und konservative. Und auf der anderen Seite gibt es einige Hundert Extremisten und Wirrköpfe, darunter wohl auch einige Kriminelle. Das Amalgam besteht nun darin, jeden "strenggläubigen Muslim" zu einem nicht näher definierten "radikalen Islamisten" zu machen und damit eine Grauzone zu schaffen, die beängstigende Ausmasse erhält. Demnach müssten wir in der Schweiz vor Zehntausenden von Muslimen Angst haben, und dieses Bild ist einfach beleidigend und dumm. (...)

       

Aus der Antwort des Ombudsmans Achille Casanova

Achille Casanova sieht keine "Hype"-Haltung des Fernsehen, sagt aber:
    
Viel Verständnis habe ich dagegen für viele lhrer weiteren kritischen Bemerkungen. Nachdem ich den Filmbericht sowie auch die anschliessende Diskussion analysieren konnte, teile ich weitgehend zahlreiche der von Ihnen präzis, umfassend und auch mit historischen Vergleichen gut begründeten Kritiken. (...) Man hätte erwarten können, dass diese an sich heikle Thematik gut vorbereitet und tadellos angegangen würde. Leider war dies nicht immer der Fall. Dass der Filmbericht nicht ganz befriedigt, wird auch durch Herrn Poletti [Redaktionsleiter "Rundschau"] indirekt bestätigt.
    
Dagegen teilt er meine Meinung, der Bericht sei reisserisch:
   
Wie Sie zu Recht bemängeln, wurden diese Fragen öfters in einer zumindest fragwürdigen und problematischen Art behandelt. (...) Der Bericht geht an das Thema reisserisch/boulevardistisch heran. Damit wird das Publikum in eine bestimmte Richtung beeinflusst: der Islam sei generell negativ anzusehen.

       
Zu der tendenziösen Vermengung unterschiedlicher Informationen (Amalgam) meint der Ombudsman:
   
Zwar konnten beide Muslime [Abdul Adhim und Blanchot] diese an sich rein provokativen Fragen kontern, aber ihre Aussagen wurden stets durch einen negativen redaktionellen Kommentar begleitet. Auch in dieser Hinsicht teile ich lhre kritische Auffassung. (...)
Gewiss, nicht nur in der Ankündigung im Internet, sondern auch im Filmbeitrag werden die Begriffe "strenggläubige Muslime" und "radikale lslamisten" mehrmals sinngleich verwendet. Dieses Amalgam ermöglicht sicher falsche Schlussfolgerungen und kann eine bedenkliche Grauzone für die echte Bedrohung durch radikale Islamisten schaffen.

  

Dem hält Casanova allerdings entgegen, dass in der Sendung genügend oft zu hören war, die radikalen Islamisten seinen eine kleine Minderheit. Als Fazit stimmt der Ombudsman der Beanstandung weitgehend zu, sieht aber keine Grenze wirklich überschritten:

   

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass ich lhre Kritiken über den Filmbericht nicht nur nachvollziehen, sondern weitgehend teilen kann. Auch wenn der Filmbericht in verschiedener Hinsicht als mangelhaft anzusehen ist, konnte doch die Trennlinie zwischen  radikalen  Muslimen und der Mehrheit der Friedfertigen genügend klar gezogen werden damit sich das Publikum eine eigene Meinung bilden konnte. Es wäre deshalb von mir aus übertrieben, von einem "falschen und diskriminierenden Bild des Islams in der Schweiz" zu sprechen. Insgesamt  wurde das verlangte Sachgerechtigkeitsgebot vielleicht geritzt aber nicht verletzt. Ihre Beanstandung, soweit ich darauf eintreten konnte, kann ich deshalb programmrechtlich nicht unterstützen.

   

Meine Leute sind ok, verstanden?

Weniger begeistert war ich von den 7 Seiten Entgegnung des Redaktionsleiters Mario Poletti. Er stellt sich hinter seine Leute, was ich ja verstehen kann, schreckt dabei aber nicht vor dem sarkastischen Ton zurück, der auch den "Rundschau"-Beitrag durchzieht. In meinem Dank an den Ombudsman habe ich meinen Eindruck über den "Rundschau"-Leiter auch gleich deponiert:

Sehr geehrter Herr Casanova
 
Ich danke Ihnen für Ihren Schlussbericht zu meiner Beanstandung der "Rundschau" vom 9. Oktober (Geschäftsnummer 3338).
 
Sie kommen mir in der wichtigen - der inhaltlichen - Frage grosszügig entgegen und äussern, dass Sie meine Kritiken "nicht nur nachvollziehen, sondern weitgehend teilen" können. Vielen Dank, das erleichtert mich sehr! "Programmrechtlich" sehen Sie hingegen keinen Handlungsbedarf, das kann ich verstehen.
 
Von der Stellungnahme des Redaktionsleiters "Rundschau", Herrn Mario Poletti, bin ich hingegen enttäuscht. Zu danken habe ich für die Ausführlichkeit seiner Stellungnahme. Er weicht allerdings gerade den subtileren Fragen wortreich aus. Für mich ist es eine Tatsache, dass das Medium Fernsehen eine Bildkraft hat, gegen die der Off-Ton leicht zum "Kleingedruckten" verkommen kann. Sie, Herr Casanova, schreiben: "Insgesamt wurde das verlangte Sachgerechtigkeitsgebot vielleicht geritzt aber nicht verletzt." Herrn Polettis Stellungnahme hat meine Befürchtung, dieses "Ritzen" könnte ein neues Markenzeichen des Schweizer Fernsehens werden, keinesfalls beseitigt, im Gegenteil. Da ich selber von Medien zu wenig verstehe, werde ich diese Frage einigen befreundeten Medienleuten vorlegen.
 
Noch einmal herzlichen Dank für Ihre ausführliche Stellungnahme und für Ihr Verständnis!
 
Mit freundlichen Grüssen
Fausi Marti

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