Dunia - die Welt

                                

             

            

             

Dunia heisst "Welt". Dunia ist auch der Name des Mädchens, von dem hier die Rede sein soll. Dunia ist neun Jahre alt, ihre Welt ist ein Slum. Für ihre Mutter, zwei kleine Geschwister und vielleicht auch für den abwesenden Vater bettelt sie im Mittelstands-Quartier Zahraa El Maadi, oder sie verkauft Papiertaschentücher. Helfen? Wer bei Dunia beginnt, sieht bald all die schwierigen Zusammenhänge von Armut, Verantwortungslosigkeit und Staatsversagen. Eine versuchte zu helfen: "Madame Wafae", wie sie in ihrem Umfeld genannt wird.

  

   

     

          

   

Madame Wafae

Ich habe Wafae kennengelernt, als sie noch in Zürich lebte. Wafae ist Ägypterin und auch Schweizerin. Mit 18 Jahren ist sie ihren Brüdern nach Griechenland gefolgt und hat dort geheiratet. Später ist sie in die Schweiz gezogen und hat 26 Jahre mit ihrem Sohn in Zürich gelebt. Gearbeitet hat sie als Buchhalterin in drei verschiedenen Banken und schliesslich für die Stadt Zürich. Zwei nationale Identitäten, zwei Welten. Schliesslich hat es sie wieder nach Ägypten gezogen, seit fünf Jahren lebt Wafae wieder in Ägypten, teils in Maadi in der Nähe von Kairo, teils am Roten Meer.

   

In Zahraa El Maadi treten viele Bettler auf. Oft sind es Kinder. Ihre Eltern schicken sie von den umliegenden Slums nach Maadi zum Betteln. Vor einem Jahr hat Wafae beschlossen, sich um ein Bettlermädchen zu kümmern. Wenigstens für Dunia - die Welt! - sollte das Leben besser werden. Ein Tropfen auf einen heissen Stein, aber immerhin! Als ich Wafae kürzlich um einen Blog-Beitrag bat, wehrte sie ab:

  

"Was würde das Schreiben bringen, wenn man das Leben von Dunia nicht verbessern kann? Das Mädchen kommt immer noch unregelmässig vor den Supermarkt in Zahraa El Maadi, um zu betteln. Sie steht 3 - 4 Stunden dort, hält Papiertaschentücher hin und bettelt, und anschliessend bekommt ihre Mutter das Geld. Hier in Ägypten gibts mindestens 2 Millionen Kinder, die täglich auf der Strasse betteln. 1.5 Millionen sind unter 14 Jahre alt und müssen arbeiten. 16 Millionen Menschen leben in Slums, und alle 7 Sekunden kommt in einem Slum ein Kind zur Welt. Wir alle schauen zu und können oder wollen nichts tun, und zwar aus Angst vor uns selber. Gemäss dem Gesetz muss Dunias Kindheit geschützt werden, aber Dunias Schicksal ist ihren kriminellen Eltern überlassen. Schön wäre, wenn man ihr helfen könnte und das dann auch schreiben! Aber ich bin jetzt überzeugt, dass ich ihr leider nicht helfen kann, solange ihre Eltern das Betteln bevorzugen."

     

Das tönt ernüchtert, aber wir haben uns geeinigt, dass ich Wafaes Erfahrungen und Gedanken aufschreibe und alles mit ihrer Einwilligung in diesen Blog setze.

    

Dunia - Welt

 

Einige Zeit hat sich Wafae verhalten wie andere wohlmeinende Bewohner von Maadi: Manchmal hat sie den Kindern etwas Geld gegeben oder ihnen Papiertaschentücher abgekauft, und meistens hat sie ihnen gesagt, sie sollten in die Schule gehen. Dann aber hat sie sich an eine der grossen ägyptischen Hilfswerke gewandt, um Unterstützung und Beratung zu erhalten: die Organisation "Resala", von der hier schon die Rede war (s. Blog Brief aus Kairo 1). Eines der Bettlermädchen - Dunia - sollte in dieser Institution eine Ausbildung erhalten und dort wohnen, bis sie erwachsen war, und Wafae würde dieses Projekt mit Betreuung und Geld unterstützen. Dazu allerdings mussten die Eltern die Einwilligung geben. Der Vater war nicht auffindbar, die Mutter hingegen wollte nicht auf die Betteleinnahmen ihres Kindes verzichten und verweigerte dessen Unterstützung. Sie stellte Bedingungen: eine regelmässige Entschädigung!

   

Eine provisorische Einigung gelang. Dunia kam zunächst in einem kleinen Laden unter, wo sie den Tag verbringen sollte. Ferner war vorgesehen, dass sie im Hilfswerk "Resala" Lesen und Schreiben lernte. Aber das Mädchen traf oft spät und erschöpft im Laden ein, weil sie wahrscheinlich bis spät am Abend betteln gehen musste. Das dauerte etwa drei Monate. Die Besitzerin des Ladens wollte Dunia nicht mehr bei sich behalten, das war für sie zu anstrengend, und sie hatte auch Angst vor Dunias Mutter. Dann aber büchste Dunia aus: Sie kehrte wieder in ihr Slum zu ihrer Mutter zurück, und sie bettelte wieder in den Strassen Maadis.

       

     

  

Kairo - Mutter der Welt 

Viele Ägypter nennen Kairo "Umm el-Dunia" - Mutter der Welt. Da schwingt Stolz mit. Kairo ist auch die Mutter des Mädchens Dunia. Dies ist die Kehrseite. Die Grösse wie auch die Misere Ägyptens - nirgends sind diese beiden Pole so deutlich sichtbar wie in "Umm el-Dunia"!

  

Ägypten hat wie viele Entwicklungsländer eine junge Bevölkerung: Gut die Hälfte der 90 Millionen Ägypterinnen und Ägypter sind jünger als 25 Jahre alt. 16 Millionen Menschen leben in Slums, und viele sind behördlich nicht erfasst. Das bedeutet, dass unzählige Kinder nicht zur Schule gehen und als Jugendliche auf dem Arbeitsmarkt fast chancenlos sind. Arme und ungebildete Eltern halten es oft für das beste, wenn die Kinder betteln: Kinder wecken eher Mitleid, und so haben die Familien ein Auskommen, und für die Zukunft wird Gott schauen...

 

Weder die Polizei noch die Hilfswerke trauen sich, die geltenden Gesetze einzufordern und durchzusetzen. In Ägypten existiert zum Beispiel eine Schulpflicht, welche die Behörden den Eltern gegenüber durchsetzen müssten. Nur: Die Behörden sind abwesend, die Polizei nicht geschult, und die Hilfswerke haben keinerlei Druckmittel in der Hand, um ein Kind aus einer schwierigen Situation herauszuholen. So kann es geschehen, dass eine Mutter sich den "Verzicht" auf ihr Kind sogar bezahlen lassen kann. Die nächste Revolution könnte sehr wohl von den Slums ausgehen, sagt Wafae.

   

30 Jahre Mubarak-Regime sind nirgends so spürbar wie bei der Jugend. Viel Geld für die Ausbildung ist in der ineffizienten Bürokratie versickert oder in den Taschen korrupter Beamter oder des Mubarak-Clans gelandet, auch Entwicklungsgelder der EU. Mubarak hat sein Image mit einigen Vorzeigeprojekten wie der "Zukunfts-Bibliothek" seiner Frau Susanne gerettet. Die meisten Schulen sind aber heute kaum in der Lage, sozial Schwache und Lernschwache zu integrieren. Berufsausbildungen gibt es nur wenige, also bleibt als höhere Ausbildung fast nur die Universität. Und wann immer man in die Arbeitswelt eintritt: Die Chancen stehen schlecht, vor allem für Menschen ohne gute Ausbildung und ohne Beziehungen.

 

Schwieriger Neuanfang

Der Aufstand von 2011 hat zunächst alles schwieriger gemacht: Der Tourismus und die übrige Wirtschaft liegen am Boden, Unsicherheit herrscht auf den Strassen und auf dem Land. Seit dem Schlag gegen die Muslimbrüder sind zudem die vielen Sozialinstitutionen aus dem islamistischen Umfeld unter Druck, was die Armen zu spüren bekommen, da der Staat nicht in die Lücke springt. Nun gibt es eine politische "Roadmap", die rechtsstaatliche Verhältnisse bringen soll. Eine bessere Staatsadministration und die Aktivierung des bestehenden Rechts, das heisst weniger Korruption und Inkompetenz und mehr Transparenz und Engagement, könnten Ägypten rasch vorwärts bringen. Es braucht auch eine stärkere Wirtschaft, mehr Sicherheit und eine bessere Ausbildung. 

  

Die ausländischen Partner Ägyptens - Staaten, die EU, Hilforganisationen, Unternehmen - sollten im eigenen Interesse und im Interesse Ägyptens auf Freiräume in der Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen und auf eine strikte "Good Governance" pochen. Dies würde einerseits die Effizienz des Staates und andererseits die Entfaltung der Nichtregierungsorganisationen wie "Resala" fördern.

 

Wafae schreibt: "Täglich sterben hier kranke Menschen vor der Spitaltüre. Sie können die Depotgebühr nicht zahlen, und so lassen viele Spitäler die Hilfesuchenden einfach sterben. Das ist hier ganz normal: Das billigste hier in Ägypten ist der Mensch. Was mir an Ägypten besonders gut gefällt? Das Wetter. Fast immer scheint die Sonne. Darüber freue ich mich immer noch jeden Morgen."

    

  

  

Der Blick auch auf die schönen Seiten Ägyptens ist es vielleicht, der Wafae weiterhin aktiv sein lässt. Wenn sich einmal die Situation in Ägypten verbessert hat, dann wird ihr Engagement auf fruchtbareren Boden fallen. Dunia wird kaum an dieser Zukunft teilhaben. Aber hoffentlich ihre Kinder.

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