Vater gesucht

   

Den streitbaren Schriftsteller Alaa al-Aswany ("Der Jakubijan-Bau", "Chicago") habe ich in diesem Blog vor allem als Kolumnisten vorgestellt (Blog "Sich in Gefahr begeben"). Nach einer Phase der vorbehaltlosen Unterstützung der Armee angesichts der islamistischen Gewalt hat al-Aswany nun wieder zu seinem Plädoyer für Demokratie auch in schwierigen Zeiten zurückgefunden. In einer Kolumne in der Zeitung Al Masry Al Youm vom 28. Januar 2014 hat er die Lage vor den Präsidentenwahlen mit einem Vergleich charakterisiert, der provoziert - besonders westliche Leser/innen. Im folgenden der ungekürzte Text (Übersetzung und Zwischentitel von mir).

        

     

Sind die Ägypter auf der Suche nach einem Vater ?!

Nehmen wir an, Sie seien verspätet zur Arbeit erschienen und Ihr Chef würde Sie voller Wut mit wüsten Beschimpfungen überschütten. Sie würden ein solches Verhalten kategorisch zurückweisen, denn Ihr Verhältnis zum Chef ist durch gesetzliche Normen geregelt, in denen die Hinnahme von Beleidigungen nicht vorgesehen ist. Er darf Sie zwar im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen massregeln, aber nicht beschimpfen. Die Demütigung der Angestellten ist ein Vergehen, für das er sich verantworten muss.

  

Nehmen wir an, der gleiche Vorfall hätte sich mit Ihrem Vater ereignet: Sie hätten dich ein wenig verspätet, und er würde Sie wutentbrannt abkanzeln. Da könnten Sie Ihren Vater nicht einfach zur Rechenschaft ziehen, denn der Glaube und die Gebräuche verlangen von Ihnen, dass Sie die Demütigungen Ihres Vaters hinnehmen. Bei Ihrem Vater müssen Sie akzeptieren, was Sie bei anderen nicht zu akzeptieren brauchen. Ihr Vater ist es, der Sie in diese Welt gebracht hat, der Sie versorgt, erzogen und unterwiesen hat, und deswegen haben Sie zeit Ihres Lebens an ihn zu glauben, und Sie haben sich ihm auch im Schlechten zu fügen, wie sehr Sie das auch ärgert.

    

Der Unterschied zwischen Ihrer Beziehung zum Chef und zum Vater ist, dass die erste eine berufliche Beziehung ist, die gesetzlich normiert ist, und die zweite eine familiäre, die dem Vater alle Rechte über seine Kinder gibt. Dem Unterschied zwischen dem Chef und dem Vater entspricht der Unterschied zwischen dem gewählten Präsidenten und dem Diktator.

   

Präsident und Diktator

   

Der gewählte Präsident ist ein Beamter, der im Dienste des Volkes arbeitet, das seine Massnahmen beobachtet und ihn über das Parlament zur Rechenschaft zieht. Es kann ihn sogar - wenn es will - seines Amtes entheben.

    
Der Diktator ist hingegen in den Augen seiner Untertanen der Vater. Gehorsam ist eine Pflicht und Unterwerfung eine Tugend. Er weiss, was wir nicht wissen, und wenn er auch hart zu uns ist, wir müssen es ertragen, denn seine Strenge ist Ausdruck seiner Liebe für uns und seiner Sorge um uns.
    
Die Kritik am Präsidenten ist in einem demokratischen System eine gängige Angelegenheit, das wagt auch der einfachste Bürger. Er wagt es, das Verhalten des Präsidenten zu kritisieren und ihn sogar der Lüge und des Versagens zu bezichtigen, wie dies vielen westlichen Präsidenten widerfahren ist. Danach geht der Bürger unbehelligt nach Hause.
    

Die Opposition gegen den Diktator gilt dagegen als Sünde gegen das Vaterland, und die Bürger verurteilen dies und beschuldigen die Übeltäter als Verräter oder als fünfte Kolonne oder als Geldgeber der Feinde, die ein Chaos erzeugen wollen. Die Geschichte lehrt uns, dass die Diktatur auf zwei Pfeilern ruht: der Willkür des Herrschenden und der Unterwerfung des Volks, während die freien Völker die Möglichkeit haben, ihre Herrschenden zu schätzen, ohne ihnen einen Heiligenschein zu verleihen und sie über die übrigen Menschen zu stellen. So führte Winston Churchill, der britische Premierminister, sein Land und dessen Verbündete im Zweiten Weltkrieg zum Sieg, aber er scheiterte bei den ersten Nachkriegswahlen im Jahre 1945.

     

Hätte Churchill irgendein arabisches Volk zum Sieg in einem Krieg geführt, dann hätte ihn dieses bis zu seinem Tod an der Macht erhalten, und vielleicht hätte es nach seinem Tod die Macht an seiner Kinder weitergegeben. Es hätte ihn zur Legende gemacht, erhaben über Gesetz, Kritik und Rechenschaftspflicht. Und in England, das eine altverwurzelte Demokratie ist, wo die Menschen wissen, wo die Rechte jedes einzelnen Bürgers beginnen und enden, dort haben sie trotz ihrer immensen Wertschätzung für Churchill als Nationalheld seine Weiterarbeit als Premier nach dem Krieg abgelehnt. Wer im Krieg als Premier taugt, dachten sie, muss in Friedenzeiten nicht unbedingt die geeignete Person sein.

    

Fragen über Fragen

    

     

  

Anlass zu dieser Erörterung ist die aufwendige Kampagne, um den Armeeführer al-Sisi zu einer Kandidatur zum Staatspräsidenten zu bewegen. Nun hat Abdel Fatah al-Sisi eine grandiose patriotische Tat vollbracht, als er sich auf die Seite des Volksaufstands (Juni 2013) gegen die terroristische Bande der Muslimbrüder stellte, was ihm zu einer grossen Popularität unter den Ägyptern verholfen hat. Jedoch: Bedeutet die Tatsache, dass er ein erfolgreicher Heerführer ist, dass er auch erfolgreich einen Staat lenken kann?

     

Reicht militärische Tapferkeit und Erfahrung, um auch einen Staat erfolgreich zu führen - Politik, Wirtschaft, Planung und Entwicklung? Und die wird überhaupt die Politik al-Sisis aussehen, wenn er einmal Präsident ist? Was ist sein Programm, und welche Mittel zur Umsetzung sieht er vor? Was denkt der General über den Aufstand vom Januar (2011)? Hält er sie für eine Verschwörung der Muslimbrüder und der USA, wie das die Anhänger Mubaraks behaupten? Ist er einverstanden mit der Verhaftungswelle gegen Aktivisten der ersten Stunde und den erfundenen Anklagen gegen sie, wie sie der Sicherheitsapparat durchführt, denen die aufrechtesten und redlichsten Revolutionäre zum Opfer gefallen sind - wie Nagy Kamil, Nazly Hussein und Khaled al-Sayed? Stimmt al-Sisi der Verleumdungskampagne zu, welche die Staatssicherheit mit Hilfe ihrer Leute in den Medien durchführen? Hat General al-Sisi vor, die Diebe von Geschäftsleuten zur Rechenschaft zu ziehen, die ihre Beziehungen zu Mubarak nutzten, um das Geld des Volks zu stehlen?
    
Die Massaker, die zur Zeit der Militärregierung stattfanden (Anfang 2011 bis Mitte 2012), die Hunderte von Toten und Tausende von Verletzten unter den Ägyptern forderten - hat General al-Sisi vor, unabhängige Untersuchungen einzuleiten, auch wenn dies zur Anklage gegen den (damaligen) Junta-Chef Tantawi führen würde, den al-Sisi als seinen Mentor betrachtet? Wird al-Sisi die Politik Mubaraks der Privatisierung und Verscherbelung des privaten Sektors wieder aufnehmen, oder glaubt er an die Verantwortung des Staates gegenüber den Armen und seiner Pflicht, diesen ein würdiges Leben zu ermöglichen? All diese Fragen sind ohne Antwort.
   
Bis jetzt ist ausser einer vagen Zusicherung, dass es keine Rückkehr zur Vergangenheit geben wird, hat General in keiner Weise offengelegt, wie er denkt und was seine politische Einstellung ist. Und hier können wir eine merkürdige Feststellung machen: dass Millionen von Ägyptern einen Mann auffordern, das Staatspräsidium zu übernehmen, von dessen politischen Ansichten sie nichts wissen.

   

Drei unterschiedliche Lager setzen auf al-Sisi
    

Tatsächlich umfassen die Unterstützer von al-Sisi unterschiedliche Kreise.
  
Da sind einerseits die Anhänger des Systems Mubarak, die mit neuer Kraft auf die politische Bühne zurückgekehrt sind, wie wenn sich der Aufstand (von 2011) nicht gegen sie gerichtet hätte. Sie unterstützen al-Sisi mit Begeisterung, da sie ihn gewissermassen als Geistesgenossen des Mubarak-Systems sehen. Würde al-Sisi Präsident, so ihre Logik, dann würde er sie pfleglich behandeln. Würde hingegen ein anderer, nicht seelenverwandter, Präsident, dann würde dieser offene Rechnungen von früher hervornehmen und von ihnen die Rückgabe der Grundstücke und der Vermögen verlangen, die sie dem Volk gestohlen haben, er würde sie unter Anklage setzen und ins Gefängnis bringen.
   
Die zweite Gruppe der Sisi-Unterstützer sind professionelle Heuchler, die jedem erfolgversprechenden Kandidaten zuklatschen. Sie unterstützen heute al-Sisi, um morgen den Gewinn abzuschöpfen. Sie sind überzeugt, dass die Willkür zurückkehren wird, und so unterstützen sie die Bestrebungen zur Errichtung einer neuen Diktatur, um in den Genuss von Privilegien und Posten zu kommen.
   
In der dritten Gruppe der Sisi-Unterstützer finden sich einige meiner Freunde - das sind die Nasser-Anhänger. Ihre Verehrung für den grossen Präsidenten Gamal Abdel Nasser geht so weit, dass sie eine Wiedergeburt dieser Periode um jeden Preis ersehnen. Sie träumen von einem historischen Führer, der auf der Seite der Armen steht, gegen den Kolonialismus kämpft und uns unsere nationale Würde wiedergibt. Dieser nasseristische Traum trieb sie von Beginn an dazu, in bester Absicht blutige Tyrannen zu unterstützen - wie Ghaddafi, Saddam oder Hafiz al-Asad. Sie suchen nach einem neuen Abdel Nasser - überall und auf jede Weise. Sie sind - ganz ohne böse Absichten - wie Don Quichote im Roman des grossen spanischen Schriftstellers Cervantes, der um jeden Preis ein grosser Held werden wollte und gegen Windmühlen anrannte, weil er dachte, es seien feindliche Heere. Wie er haben auch die Nasseristen einen verstellten Blick, und so rennen sie los zur Unterstützung al-Sisis, in dem sie den Nachfolger Abdel Nassers sehen, und dabei übersehen sie zwei wichtige Umstände.
   
Erstens ersetzte Nasser, bei aller Grösse und Tapferkeit und Hingabe, nach seinem Machtantritt das demokratische System durch eine Einherrschaft, was in der Katastrophe von 1967 (6-Tage-Krieg) endete, deren Folgen wir noch heute spüren, so wie auch seine grossartigen Ansätze keinen Bestand hatten, weil er kein System hinterliess, das die Errungenschaften der Revolution hätte bewahren können. Und zweitens war Nassers sozialistische und den Armen zugewandte Ausrichtung von Anfang an klar, und das gilt nicht für General al-Sisi, von dem wir bis jetzt nicht wissen, ob er eher sozialistisch oder kapitalistisch orientiert ist, und wir wissen nicht, wie er über das korrupte und unterdrückerische Mubarak-Regime denkt.

  

Hauptimpuls: die Suche nach einem rettenden Vater!

     

Allerdings bilden weder die Mubarak-Anhänger noch die Heuchler noch die verträumten Nasseristen die breite Volksbasis al-Sisis - diese besteht aus einfachen Bürgern, die in al-Sisis ihren einzigartigen Helden und Retter sehen.

   

Superman rettet die Dame "Masr" (Ägypten)

     

 

Unten auf einem der Dächer Kairos stehen zwei Männer und schauen hinauf.

       

Der eine: "Wundere dich nicht! Das ist kein amerikanischer Film. Das ist al-Sisi, der gerade seine Schutzbefohlene vor dem Absturz rettet!"

  
Diese einfachen Leute jubelten, als Mubarak abtreten musste, und versprachen sich viel von der neuen Zeit. Aber diese brachte ihnen auch nach drei Jahren nur Stillstand und Preiserhöhungen, und zudem die Verängstigung durch die absichtlich verschlechterte Sicherheit und die wiederholten Massaker zur Zeit der Armeeherrschaft. Gezielte Diffamierungskampagnen gegen die Aktivisten (von 2011) führten schliesslich dazu, dass die einfachen Leute diese hassten oder mindestens an ihren lauteren Absichten zweifelten. Dann übernahmen die Muslimbrüder die Macht - und alles wurde noch schlimmer. Die Leute wurden gewahr, dass das Land in die Hände einer Clique gefallen war, die sie nicht so leicht wieder loswerden würden. Als dann Millionen auf die Strassen strömten, um das Ende der Muslimbrüder-Herrschaft zu fordern, stellte sich al-Sisi auf ihre Seite und erfüllte ihren Wunsch.
   
Diese Rolle al-Sisis hat ihn ungeheuer populär gemacht und viele Ägypter bewogen, ihn sich als Präsidenten zu wünschen - ganz unabhängig von seiner Eignung und seiner Einstellung. Die Ägypter, die Bilder von al-Sisi durch die Strassen tragen, suchen nicht wirklich nach einem Präsidenten der Republik. Sie suchen nach einem Vater, der sie umarmt und in Schutz nimmt, nachdem sie so viel gelitten haben. Sie wollen al-Sisi, sogar wenn er die Politik Mubaraks wieder aufnimmt. Sie wollen ihn, sogar wenn er ungerecht handelt und mit Ausnahmegesetzen herrscht, sogar wenn er massenhafte Verhaftungen und Folter verfügt. Sie werden von al-Sisi all das bereitwillig hinnehmen, wie wir von einem Vater alles akzeptieren, auch Übergriffe. Sisi soll einfach Sicherheit bringen und den Terror besiegen - sogar wenn dabei die Mubarak-Ära wieder auferstehen sollte. Sie wollen nicht wissen, wie al-Sisi an die Macht gelangt oder ob die Wahlen transparent verlaufen werden. Das Wichtige ist, dass sie einen neuen Vater erhalten, der sie schützt und umgibt und die Sicherheit des Landes gewährleistet. Wir können die verängstigten Bürger nicht dafür schelten, dass sie einen schützenden Vater suchen. Denn da gab es die Gegenrevolution der Militärregierung von 2011/12 und danach der Muslimbrüder, die die Macht in ihren Händen monopolisierten, und jetzt der Muslimbruder-Anhänger, die das Land mit Bombenanschlägen terrorisieren und dabei jeden Tag unschuldige Menschen umbringen. All diese Kräfte haben die Ägypter in eine schlimmere Lage gebracht als die, gegen die sie sich zur Zeit Mubaraks aufgelehnt haben. Die breite Masse der Unterstützer al-Sisis ist also nicht auf der Suche nach einem Präsidenten, sondern nach einem Vater, der sie vor dem Bösen bewahrt. Und sie drängen so sehr nach seiner Machtübernahme, dass einer der Wohlmeinenden sogar am Fernsehen sagen konnte:
   
"Wir wollen, dass al-Sisi sofort Präsident wird, und da braucht es keine teuren Wahlen und Wahlkampagnen und all das Zeug!"
   
Hier stehen wir vor einem Problem. Denn die ägyptische Revolution fand wesentlich statt zur Ueberwindung der Idee eines Präsidenten als Vaterfigur und zur Einrichtung eines demokratischen Staates, in dem der Präsident ein Diener des Volkes ist. 20 Millionen Aegypter, alle bewusst und rechtschaffen (edel) und tapfer (entschlossen)haben im Januar 2011 einen Aufstand gewagt gegen eines der schlechtesten und ungerechtesten Systeme der Welt und haben es geschafft, Mubarak zum Abtreten zu zwingen, danach forderten sie vom Militärrat, dass er vor Gericht gestellt und ins Gefängnis geworfen würde.
   
Falls Al-Sisi sich für eine Kandidatur entscheidet, wird er höchstwahrscheinlich der nächste Präsident Aegyptens sein. Aber die Art seines Wegs zur Macht wird auch die Art des ägyptischen Staates in der nächsten Zeit prägen. Falls General Al-Sisi glaubt, dass das demokratische System wichtiger ist als absolute Herrschaft und deshalb transparente Präsidentenwahlen zulässt, wird er dadurch echte Legitimität in Aegypten und im Ausland erreichen. Und Aegypten wird sich von einem rückständigen Willkürstaat zu einem respektablen, demokratischen Staat verwandeln. Wenn General Al-Sisi hingegen durch manipulierte Wahlen ins Präsidentenamt gelangt, so wie es Mubarak während 30 Jahren praktiziert hat, wird er das Volk und seine Revolution betrogen haben und Aegypten in eine neue Diktatur hineinstossen, von der wir alle den hohen Preis zahlen werden, so wie wir es in der Vergangenheit wiederholt getan haben.
   
Die Demokratie ist die Lösung.

  

 

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