Nackte Wahrheit

      

Christina von Braun

Das Kopftuch - so die Kulturwissenschaftlerin und Genderforscherin Christina von Braun - sei nicht in jedem Fall ein Ausdruck von Unfreiheit, und die im Westen verbreitete weibliche Nacktheit bedeute auch nicht zwingend Freiheit. So weit, so gut - neu ist ihre Gegenüberstellung von Gottesbild und Geschlechterordnung. Demnach ist die Verhüllung der Frauen Ausdruck eines jüdischen oder islamischen Gottesbildes, ihre Enthüllung Ausdruck eines christlichen Gottesbildes. Was meint sie damit, und ist das plausibel? Ich habe mich auf eine spannende Spurensuche begeben und bin dabei auf einen aktuellen ägyptischen Film in deutscher Fassung gestossen.

   

   

       

"Was der Schleier verschleiert"

       

Spanierinnen mit "Mantilla"

Angelpunkt meiner Überlegungen ist eine Radiosendung mit Christina von Braun, Professorin an der Berliner Humboldt-Universität: "Was der Schleier verschleiert". Darin erhalten wir zunächst einen Überblick über die Geschichte des Kopftuchs: Es war schon im alten Babylon ein Kleidungsstück, mit dem sich Frauen gehobenen Standes von den niederen Schichten abhoben. Religiöse Weihen erhielt es durch Apostel Paulus, der für Frauen im Gotteshaus einen Schleier forderte. Dieser Schleier ist noch heute in Spanien als "Mantilla" verbreitet. Für Paulus war der Mann das Ebenbild Gottes, die Frau aber nur das Ebenbild des Mannes, deshalb der trennende Schleier zwischen ihr und Gott. Im Islam wurde - so Professorin von Braun - aus einem trennenden Vorhang im Hause des Propheten Muhammad das portable Kopftuch und daraus später ein Gebot für alle muslimischen Frauen. Im Islam steht die Zurückhaltung zwischen den Geschlechtern im Vordergrund, so zitiert von Braun den Gelehrten al-Ghazali, der vor bald 1000 Jahren den auf einer Frau verweilenden Blick eines Mannes als Sünde bezeichnet hat. Schon der Koran (24/30) fordert: "Sprich zu den Gläubigen, dass sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Scham hüten."

     

Leila Ahmed - 2011

Für selbstbewusste Frauen in Ägypten und in anderen arabischen Ländern gilt schon seit langem die Devise "Kopftuch als Option". Das heisst: Sowohl das Tragen wie das Ablegen des Kopftuchs kann ein Akt weiblicher Selbstbehauptung sein. Dieser Frage ging die ägyptisch-amerikanische Sozialwissenschaftlerin Leila Ahmed nach in ihrer Studie "A Quiet Revolution - The Veil's Resurgence from the Middle East to America". Mir ist das nie so stark aufgefallen wie vor Jahren in einem trendigen Café in Damaskus, wo an einem Nebentisch einige grell aufgebretzelte junge Damen über nicht anderes als über Autos, Mode und Männer redeten, und an einem anderen Nebentisch einige elegante Geschäftsfrauen mit Kopftuch über ihre Projekte sprachen. Um mit dem Philosophen Habermas zu sprechen: Viele selbstbewusste Frauen benützen das Kopftuch als Schutz vor einer "unvollendeten Moderne", die zwar viel Freiheit bringt, aber wenig Hinweise, wie diese Freiheit zu nutzen ist.

     

Das verhüllte Heilige

 

Kalligraphie "Allah Muhammad"

Kopftücher kommen aus traditionsgebundenen Ländern, ist also Enthüllung Zeichen der Moderne? Hier setzt das Überraschende an Christina von Brauns Radiobeitrag an. Sie behauptet, dass das Enthüllen mit dem christlichen Gottesbild zusammenhängt, wie das Verhüllen mit dem jüdischen und islamischen. Das ist überraschend, wenn man bedenkt, dass das Christentum eher die körperfeindlichste der drei abrahamitischen Religionen ist.

    

Die These der Professorin von Braun besagt, dass Juden und Muslime einen unsichtbaren Gott kennen, Christen hingegen einen Gott, der mit Jesus Mensch und damit sicht- und erreichbar geworden ist. Segregation bei Juden und Muslimen, Symbiose bei den Christen. Die Segregation symbolisiert die nicht überwindbare Grenze zwischen Göttlichem und Menschlichem - was sich im Islam im verbreiteten Darstellungsverbot des Heiligen (Gott, Muhammad) oder überhaupt in einem Bilderverbot niederschlug. Dieses wiederum hatte seine Auswirkungen auf die Kalligraphie, deren Ornamentik oft Bilder zeigt, die keine sein wollen. Die Symbiose hingegen symbolisiert die Vereinigung von Gott und Mensch, die sich der bildlichen Darstellung geradezu anbietet. Der erreichbare und der unerreichbare Gott, diese unterschiedlichen Gottesbilder mussten sich auch in der Beziehung zwischen Mann und Frau niederschlagen. 

   

In Islam und Judentum bleiben Mann und Frau letztlich immer getrennte Wesen, die sich in sakralisierten Formen begegnen und trennen dürfen. Im Christentum ist jedoch die Ehe ursprünglich unauflösbar - Mann und Frau werden "ein Fleisch", er das Haupt, sie der Körper. Wie der christliche Gott in seiner ganzen Wahrheit "begreifbar" ist, so gibt es - das ist die christliche Deutung - auch keine Schranke zum Erfassen der Wahrheit des weiblichen Körpers.  

   

Christliche Ursprünge?

Fliegt man nun durch die Jahrhunderte, so ist die Präsenz des nackten weiblichen Körpers im christlichen Kulturraum wirklich erstaunlich.

  

  In der Renaissance erwachte das Interesse am genauen Hinschauen und Beobachten. Dabei spielt der Frauenkörper eine zentrale Rolle, wie Tizians "Venus" von 1538 zeigt.
  Im Gemälde "La Liberté guidant le peuple" von Eugène Delacroix von 1830 drückt die französische "Marianne" mit ihrer nackten Brust Wahrheit und liberté-égalité-fraternité aus.
  1878 malte Edouard Manet die "Blonde Frau mit nackten Brüsten".
  1953 erschien in den tiefprüden USA die erste Ausgabe des Männermagazins "Playboy" mit Marilyn Monroe auf der Titelseite und führte zu einem langen Rückzugsgefecht der Zensurbehörden - von halbnackten bis zu gänzlich nackten Fotomodellen.
  1956 trat die Bikini-Mode ihren Siegeszug durch die westlichen Strände an.
  1969 traten am grossen Musikfestival von Woodstock (wieder in den tiefprüden USA) massenhaft nackte und halbnackte Hippies in Erscheinung.
  Im gleichen Jahr 1969 setzte sich die "Kommune 1" in Deutschland medienwirksam in Szene, um ihr gesellschaftliches Gegenmodell zu zelebrieren.
  In den 80er Jahren eroberte - ausgehend vom behäbigen Bern! - das "Oben ohne" Freibäder und Strände. Diese Mode verebbte nach einigen Jahren wieder. Zu diesen öffentlichen Formen der Nacktheit gibt es seit Generationen Nacktheit als Subkultur in klar definierten Räumen, zum Beispiel Nudistenstrände oder Nacktheit in der Sauna.
  2011 traten in der Ukraine erstmals FEMEN-Aktivistinnen auf die Strasse, um mit der "Wahrheit" ihres nackten Körpers gegen den Sextourismus zu protestieren. Wie das Kopftuch kann auch die Nacktheit Selbstbehauptung ausdrücken.

   
Es scheint nun zuzutreffen, dass sich vor allem im christlichen Kulturraum die weibliche Nacktheit in der Öffentlichkeit entwickelt hat. Nackte Gegenkultur, nackter Protest, nackter Kommerz! Dazu gibt es - soweit ich weiss - keine Entsprechung in nichtchristlichen Kulturräumen.

Das Sehenkönnen der höchsten Wahrheit hat - so Christina von Braun - die Kultur des Sehens im christlichen Kulturraum gefördert. Für sie ist es kein Zufall, das die Visualitätstechniken einer der zentralen Bereiche sind, in denen die "christliche" Wissenschaft die überlegene "islamische" schliesslich überholt hat. Es ist tatsächlich erstaunlich, dass Fernrohr, Mikroskop, Zentralperspektive, Photographie, Kino alles christlich-europäische Errungenschaften sind!

   

Die "Enthüller" und die Moderne

Kampagne gegen "Sexting"

Eine interessante Feststellung von Professorin von Braun ist, dass die Heftigkeit der Ablehnung der Kopftücher davon ablenkt, welche Regelungsprobleme in unserer "angestammten" enthüllungsfreundlichen Kultur existieren. Ein aktuelles Beispiel ist die im Kanton Sankt Gallen tobende Auseinandersetzung, ob nun Kopftücher den Unterricht stören oder nicht. Da kommen Argumente zum Vorschein, die überwunden schienen: Die zwölfjährigen Mädchen würden ein "islamisches Machtsymbol" durch das Schulgebäude tragen, Kopftücher passten nicht in unsere Kultur - und ähnliches.

  

Eine ähnliche Verbotshaltung ist selten auszumachen, wenn es zum Beispiel um sichtbare Bauchnäbel und sonstige Teilentblössungen im Unterricht geht. Dabei rollt eine Welle von Problemen auf uns zu, die das "Enthüllen" zum ernsten Problem werden lassen. Eines hat bereits einen Namen: Sexting, eine Wortzusammensetzung von Sex und Texting. Immer häufiger kommt es vor, dass Jugendliche über Facebook oder andere elektronische Medien einander verfängliche Fotos schicken, die dann plötzlich für die ganze Schule, die ganze Welt sichtbar werden - aus Jux, aus Geltungssucht, aus Rache. Hier ist vermutlich noch viel Debatte nötig, bevor brauchbare Regelungen entstehen können: Wie weit lässt sich die persönliche Freiheit tolerieren und schützen, ohne die Menschen brutal blosszustellen? Wie lässt sich eine Kultur der Würde vor dem "everything goes" schützen?

   

Die "Verhüller" und die Moderne

Plakat zu "Kairo 678"

Allerdings: Wenn Muslime aus der unbändigen Freizügigkeit der westlich-christlichen Kultur eine moralische Überlegenheit der islamischen Kultur ableiten, dann liegen sie falsch. Auch diese kommt ohne ein grosses Mass an Freizügigkeit nicht aus, ein vormoderner Verbots- und Gottesstaat ist auch keine Lösung.

  

2010 debütierte der ägyptische Filmemacher Mohamed Diab mit "Kairo 678", das auf Youtube in einer deutschen Fassung zu sehen ist. Der Film erzählt von drei Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, die sich nicht länger mit männlichen Übergriffen abfinden wollen. Alle drei sind verhüllte Ägypterinnen, alle leben die Zurückhaltung gegenüber dem anderen Geschlecht, so wie sie religiös gefordert ist. Die Geschichte zeigt, wie schwer dieses Modell zu leben ist in einer Gesellschaft, in der einerseits eine Annäherung zwischen den Geschlechtern durch riesige ökonomische und soziale Hindernisse erschwert wird und andererseits Mann und Frau in der Öffentlichkeit (Bus, Plätze usw.) ständig dicht an dicht stehen und sich dadurch die soziale Kontrolle in der anonymen Öffentlichkeit auflöst. Bedrückend am Film sind sowohl die Frauen- wie die Männerschicksale. Die Frauen können über ihre Erlebnisse und Erfahrungen nicht reden, sie stossen bei Familie, Ehemännern, Polizisten auf eine Mauer des Schweigens; ihre Gegenwehr nimmt daher auch gewalttätige Züge an. Und die Männer sind zutiefst frustriert über die Unmöglichkeit eines normalen Beziehungslebens, sodass sie sich als schäbigen Ersatz an Frauen in der Öffentlichkeit vergreifen.

   

Der Film endet halbwegs optimistisch mit einem Gerichtsverfahren, das vor 10 Jahren tatsächlich zu einer Aufnahme des Straftatbestands der sexuellen Belästigung in das Gesetz geführt hat. Damit ist aber das Problem nicht gelöst. Die islamische Welt muss ihre eigene "Versöhnung mit der Moderne" finden. Verschleiern und noch mehr verschleiern nützt nichts, es muss der Umgang zwischen den Geschlechtern in der modernen Welt geübt werden, wo nicht ständig das Auge der Verwandten kontrollierend anwesend ist, und es müssen die wirtschaftlichen und sozialen Ehe-Hürden abgebaut werden. 

  

Ein Deutungsversuch

Die These von Professorin von Braun hat viel für sich. Es scheint tatsächlich so, dass die christliche Religion einen Boden geschaffen hat für das alles durchdringende Wissenwollen. Die neuere Kulturgeschichte bestätigt, dass sich die Renaissance trotz aller hellenistischen Begeisterung durchaus in einem christlichen Kontext bewegte. Dem "ex oriente lux" steht also unvermittelt ein "ex occidente look" gegenüber.

  

Das Verhüllungsgebot lässt sich als Teil eines Regelwerks verstehen, welches das Zusammenleben erleichtert und durch die Normenerfüllung zu Gehorsam und Disziplin erzieht. Deshalb haben auch die katholische, die lutheranische und weitere Kirchen jahrhundertelang für restriktive sittliche Normen gekämpft. Insoweit ist es eine Stütze für das Zusammenleben, die aber auch zum beengenden Korsett werden kann. Hier ist die Vernunft gefordert, den religiös begründeten Normen ein Gewand zu geben, das ihren Sinn glaubwürdig in die moderne Zeit überführt.

  

Der Enthüllungsdruck lässt sich Herausforderung verstehen, die stützenden Normenkrücken fortzuwerfen und ein sittlich akzeptables Zusammenleben durch menschliche Vernunft zu regeln. Hier ist die Anforderung an die Vernunft letztlich ähnlich wie bei der Verhüllungsfrage: der religiös begründete Ethik ein säkulares Gewand zu geben, das ohne religiöse Normen auskommt.

  

 

 

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