Facebook Generation

   

Der neue Präsident Ägyptens heisst el-Sisi. Er hätte so oder so gewonnen - es gab keine glaubwürdige Alternative. Das beinahe "sowjetische" Spitzenresultat lässt jedoch die Frage aufkommen, was für ein Klima unter den Ägyptern herrscht und insbesondere: welche Rolle das Internet spielte. Eine Rezension der Studie "The Net Delusion" mit Blick auf Ägypten.

  

"Seite gegen al-Baradei und gegen die Muslimbrüder und gegen die Bewegung '6. April'"

Vor einigen Monaten markierte ich ausnahmsweise den bösen Onkel. Ein ägyptischer Neffe hatte eine Facebook-Gruppe herumempfohlen, die sich folgendermassen vorstellt: "Seite gegen al-Baradei und gegen die Muslimbrüder und gegen die Bewegung '6. April' und gegen jeden, der die Armee unseres Landes verrät. Es lebe die ägyptische Armee, sie lebe hoch!" Eine Facebook-Seite also, die einen liberalen Friedensnobelpreisträger, die islamistische Muslimbruderschaft und führende Aktivisten von 2011 in einen Topf wirft und ihnen einen "Verrat" an der Armee unterstellt.

  

Ein ausgekochter Blödsinn sei das, habe ich dem Neffen beschieden. Leider wurstelt diese Gruppe munter weiter, und sie hat derzeit 1,42 Millionen Anhänger ("Likes"). Ähnliche Gruppen gibt es zuhauf: "Das gewaltige ägyptische Heer" mit 63'629 Anhängern, und Unterstützungsgruppen für die Sisi-Kandidatur: "Abdel Fattah el-Sisi Präsident" (169'411 Likes), oder schlicht "Abdel Fattah el-Sisi" (1,15 Millionen Likes). Während andere Gruppen unter ständiger Verfolgung leiden, wuchern die genannten Plattformen, wahrscheinlich auch mit Unterstützung staatlicher Stellen.

   

Internet als Geburtshelfer der Demokratie?

Übersetzt in etwa: "Facebook Generation"
Copyright: christian willner photography

2011 analysierte ich mit einer Gruppe Studenten den "Arabischen Frühling". Und staunte, mit welche Unbekümmertheit die Studierenden von der "Facebook Generation" redeten. Facebook und überhaupt das Internet würden alle Wände einreissen, die Diktatoren stürzen und der Demokratie zum Durchbruch verhelfen. Ein Blick auf die Fakten ergab dann ein weniger rosiges Bild: Ayatollah Khomeiny verbreitete in den 80er Jahren seine Predigten auf vielen Millionen Tonband-Kassetten und drängte damit seine säkularen Mitstreiter bald an den Rand. Al-Qaida setzte von Anfang an Internet für Kommunikation und Propaganda ein. Andererseits scheiterte die angebliche "Twitter-Revolution" in Iran 2009 an einer Regierung, die nicht nur den Schlagstock, sondern auch Internet zu nutzen weiss. Und in Ägypten schaltete die Regierung im Januar 2011 das Internet und fast das ganze Mobilnetz aus - und Mubarak musste trotzdem gehen.

    

2011 publizierte Evgeny Morozov, ein Forscher weissrussischer Abstammung, seine noch vor dem "Arabischen Frühling" entstandene Studie "The Net Delusion" (Der Internet-Irrtum). Darin räumt er mit vielen falschen Vorstellungen über die demokratische Natur des Internets auf.

 

Soziale Netzwerke auch im Regierungsinteresse nutzbar

Evgeny Morozov
The Net Delusion -
Penguin 2011

Morozow stellt an den Anfang seiner Studie den gewaltigen Medien-Hype, der 2009 die Demonstrationen gegen die Regierung in Iran begleitete. Sogar der "Wall Street Journal" behauptete, dieser Aufstand würde ohne Twitter nicht geschehen. Auf der einen Seite seien von der Regierung geheuerte Scharfschützen, auf der anderen Seite würden die Demonstranten "Tweets abfeuern". Und weiter gemäss "Wall Street Journal": "Die Twitter-getriebene 'Grüne Revolution' in Iran hat mit den Social Media mehr Regime-Reformen in der Islamischen Republik durchgesetzt als Jahre von Sanktionen, Drohungen und Herumhacken auf den Genfer Konventionen zusammen." Am Ende hat sich aber bekanntlich die Regierung durchgesetzt.

Und nicht nur das: Die iranische Regierung begann das Netz zu kontrollieren. Wo soziale Netzwerke aktiv sind, kann natürlich eine Regierung viele Rückschlüsse über Aktivisten und ihre Motive und über die Stimmung im Land ziehen. Diese Erkenntnisse kann sie für ihre Zwecke zu nutzen. Diesem Muster folgte bald auch China. Wie schnell die autoritären Regierungen von einer offenen Zensur dazu überging, die Opposition auszuspielen und zu unterwandern, zeigt Morozow am Beispiel Chinas: 2009 fand ein chinesischer Bauer in einem Gefängnis den Tod, weil er sich "den Kopf angeschlagen" hatte. Diese Darstellung führte zu einem gewaltigen Aufruhr in den chinesischen Blogs. An eine Verfolgung der Blogger war nicht mehr zu denken, also trat die chinesische Regierung die Flucht nach vorn an: Sie bot einer Schar von Bloggern an, das Gefängnis zu öffnen, damit sie selber nach der Wahrheit suchen konnten. Dieser Schachzug hat nach Morozow zu einer schnellen Beruhigung der Lage geführt

 

Information und Unterhaltung

Als Soldat der Schweizer Armee hörte ich vor Jahren immer wieder, wenn einmal "Radio Free Europe" alle Sowjetbürger erreichen würde, dann wäre bald die kommunistische Diktatur gestürzt. Viele stellten sich den Menschen als rationales Wesen vor, das sofort zu handeln beginnt, sobald es die "Wahrheit" erfährt. Entsprechend klopfte sich manch ein US-Politiker selber auf die Schulter, als 1991 die Sowjetunion tatsächlich ein Ende fand. Diesem Bild hält Morozow entgegen, die Sowjetunion sei letztlich an ihrer Unfähigkeit gescheitert, ihre Planwirtschaft zu reformieren und im Rahmen des "Tauwetters" eine demokratische Öffnung zuzulassen. Die Zivilgesellschaft, die sich in den 70er Jahren ihren Weg gebahnt hat, wurde nicht durch "Radio Free Europe" politisiert, sondern durch die Erfahrung der Unbeweglichkeit des sowjetischen Systems.  

Das heisst aber nicht, dass die Westmedien keine Rolle spielten. Nur ist diese Rolle komplexer, wie Morozow an der DDR zeigt. Die DDR gab den Versuch bald auf, alle gegen den Westen gerichteten Antennen nach Osten auszurichten. Nun stellte sich heraus, dass die DDR-Bürger mit Westempfang zufriedener und damit weniger aufmüpfig waren als die Bewohner im "Tal der Ahnungslosen", wo kein Westempfang möglich war. Die freiheitlich-konsumistische Gesellschaft verführte also zum wohligen Träumen, aber nicht automatisch zur Rebellion. Reagan hatte also mit seinem Satz, dass Information der Sauerstoff der modernen Zeit ist, nur bedingt recht.

 

Legitimität nicht nur durch Demokratie

Es ist ein typisch westliches Vorurteil, dass eine Regierung Glaubwürdigkeit nur aus der Demokratie bezieht - das stimmt nicht einmal für die Regierungen des demokratischen Westens. Chinas Obrigkeit kultiviert mit Erfolg einen extremen Nationalismus. In Iran spielt die Regierung die Karte der Angst vor einer Invasion aus, In Russland streicht Putin neben Russlands Grösse gerne auch das vergangene Wirtschaftswachstum hervor, und Singapurs Behörden sind laut Morozov wegen ihrer Effizienz anerkannt. Das alles geht ein stückweit auch ohne Demokratie.  

In Russland dürfte die Regierung zur Zeit mehr Gewinn aus den Massenmedien und den Social Media schöpfen als die zerstreute Opposition. Morozow schildert den Fall von Konstantin Rykow, einem jungen Internet-Aktivisten, der schon bald "Mister Internet" für die Behörden wurde. Rykov ist ein Mitgründer von Russia.ru, einer Internet-TV-Station, die mit mit viel blankem Busen und patriotischen Lagebeurteilungen die Szene dominiert. Dann erzählt er von der Putin-Anbeterin Maria Sergeyeva, auch bekannt als "Russlands Sarah Palin". Oder vom Blogger Alexey Chadayev, einem intellektuellen Vordenker Putins.

Putin betont, es gebe in Russland keine Internet-Zensur, und damit liegt er nicht ganz falsch. Tatsächlich verfolgt Russland schon seit langem eine andere Strategie, in der offene Zensur, politische Verfolgung und sogar Mord vorkommen, aber eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielen. Die Regierung zieht offenbar viele der begabten, aber nicht unbedingt prinzipenfest Blogger auf ihre Seite, wo ihnen ein professionelles Umfeld, hohe Einschaltquoten und vermutlich auch hohe Einnahmen winken. 2009 beschloss das russische Parlament ein Gesetz, um Produzenten von Computerspielen finanziell zu unterstützen, wenn diese der "nationalen Sache" förderlich sind. Mit all dem überschwemmt das regierungstreue Infotainment die Social Media derart, dass oppositionelle Stimmen nicht einmal mehr als Störgeräusch erscheinen.

Der Nationalismus eignet sich auch, um die Bürger gegen die Opposition aufzubringen. Kritische Blogger lassen sich in Ländern wie Russland, China oder Ägypten leicht mit dem Hinweis diskreditieren, sie seien Agenten der CIA, des M16 oder des Mossad - oder aller Geheimdienste aufs Mal. Morozov erwähnt auch Saudi-Arabien und Iran, wo Bürger mit Lob und Belohnung rechnen dürfen, wenn sie regimefeindliche oder "schädliche" Aktivitäten im Netz feststellen.

 

Demokratie durch technische Lösungen

Während westliche Regierungen die "Freiheit des Internet" hochhalten und Oppositionelle mit technischen Lösungen zur Umgehung von Internet-Zensur unterstützen, verkaufen westliche Unternehmen den autoritären Regimes in der östlichen Welt vollständige Software-Lösungen zur Überwachung der Social Media, zur Filterung von Informationen, zur Gesichtserkennung usw.

Morozov vergisst nicht, Alvin Weinberg zu zitieren, der 1966 meinte, soziale Lösungen seien zu kompliziert, um planbar zu sein. Technische Lösungen seien dagegen machbar und deshalb wünschenswert. Die Aussage erregte deshalb viel Aufsehen, weil Weinberg einer der Mitkonstrukteure der Atombombe und die Atombombe in seinen Augen die ideale "technische Lösung" war, um Kriege ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Für Morozov steht der heutige Kampf für die "Freiheit des Internet" in der gleichen Denktradition wie die Befürwortung des Atombombe: Technische Lösungen sollen Probleme sozialer Natur lösen. Der Westen unterstützt diskret Oppositionsgruppen, weil er beispielsweise einen Mubarak als Ansprechpartner braucht und dazu auch in Kauf nimmt, dass dieser die Opposition unterdrückt.

 

Atemlose Kommunikation

Nach einem Jahr aktiver Präsenz auf Facebook - mit Schwerpunkt Ägypten - verstehe ich das Janusgesicht ungeregelter Kommunikation wesentlich besser. In der Schweiz gibt es mehrere Facebook-Gruppen von Ägyptern. Die grösste davon fordert eine strikte Enthaltung von politischen Kommentaren und befasst sich fast ausschliesslich mit dem Alltagsleben in der schweizerischen Diaspora. In Deutschland und natürlich in Ägypten selbst gibt es hingegen eine ganze Reihe von Ägypter-Gruppen, die mit ägyptischer Hitzigkeit über die Lage in Ägypten streiten.

Wenn gerade keine mässigenden Stimmen anwesend sind, können Debatten auch entgleisen.

Auf Facebook kann jeder und jede Inhalte lesen, Inhalte weitergeben und eigene Inhalte hineinstellen. Schon bei Zeitungsleserbriefen ist die Schwelle höher, und es kann keine direkte Diskussion entstehen. Bei Facebook gibt es keine Redaktion, und auch die Gruppenadministratoren tun sich schwer mit einer "publizistischen Leitlinie", sogar wenn es um elementare Aspekte wie Sachlichkeit, Anstand oder Verständlichkeit geht. Daher kann auf einem Beitrag ("Thread") eine Lawine von Kommentaren folgen, die Neues und Überraschendes enthalten können und aus denen sich auch mit der Zeit ein Konsens entwickeln kann.

Die Schnelligkeit und Direktheit, auf die Facebook angelegt ist, hat aber auch gravierende Nachteile. Differenzieren, Bezugnehmen, Analysieren, Zurückdenken sind bei hitzigen Debatten - über Ägypten gibt es zur Zeit fast nur solche - schwierig. Ich versuche es trotzdem immer wieder und habe schon einige wüste Beschimpfungen über mich ergehen lassen müssen: Viele, die früher eine rückhaltlose Untersuchung der Todesfälle des Aufstands von 2011 forderten, haben diese Forderung für 2013 (und für 2011) völlig vergessen - ein kleiner Hinweis darauf machte mich flugs zum "Supporter der Terroristen".

 

Man sollte sich keine Illusionen machen. Wenn die Schleusen für eine ungeregelte Diskussion - wie bei Facebook - geöffnet sind, dann kommt nicht der angeborene Hang zur demokratischem Debatte zum Vorschein - den gibt es nicht. Immer wieder finden sich Haudegen, die verbal jedes Argument niederdreschen, das ihnen nicht gefällt, und die auch mal auf die Person zielen und ein ruhiges Gespräch verunmöglichen. Aber jede Öffnung birgt auch die Chance, dass sich mit der Zeit ein pfleglicher Diskurs entwickelt.

 

Leider ist in Ägypten der demokratische Diskurs in der medialen Öffentlichkeit zur Zeit kaum vorhanden. In den Social Media wähnen sich viele im "Krieg", und Zeitungen und Fernsehen geben den Ton an mit einem kriegerischen Ton, der jede Kritik und jeden Zwischenton vermissen lässt.

 

Das Feld nicht räumen - im Gegenteil!

Ich kann trotz allem die aktive Teilnahme in den Social Media nur empfehlen. Wer sich vom Irrtum befreit hat, das Internet sei seiner Natur nach demokratisch, wird in den Social Media eine Arena erkennen, in der sich Demokratie sowohl aushebeln wie einüben lässt. Facebook, Twitter und Co. sind nun einmal da - ob sie die demokratische Kultur behindern oder fördern, hängt stark von ihren Benützern und Benützerinnen ab.

Morozov hat mit "The Net Delusion" ein wichtiges Buch geschrieben. Die einzige Schwäche ist meiner Ansicht nach, dass er eine schwammige Vorstellung des Begriffs Zivilgesellschaft hat und deshalb die Wechselwirkung zwischen dieser und autoritären Regimes nicht gut darstellen kann.

    

Auch in NEOPresse erschienen: http://www.neopresse.com/politik/naherosten/generation-facebook/

 

Nachtrag vom 3. Juni: Dieser Blog und die abgebildeten Kommentare haben in einer der Ägypten-Gruppen, bei der ich Mitglied war, einen wahren "Shitstorm" ausgelöst. Was ich da an Beschimpfungen und Bedrohungen zu lesen kriegte, ist eine Steigerung gegenüber den zitierten Beispielen. Seit heute Abend bin ich aus der Gruppe ausgeschlossen. Schöne Neue Facebook-Welt!

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