Ägypten trotz allem

         

Juliette stammt aus der Schweiz und betreibt seit 2009 zusammen mit ihrem ägyptischen Ehemann ein Reisebüro und seit 2013 auch eine Farm. Die Einheimischen nennen sie Dscholia oder el-Kebira. Juliette hat im Januar 2013 in diesem Blog über "Reisen in Ägypten" geschrieben. Wieviel ist seither geschehen! Entwicklungen, die auch in ihrem Leben ihre Spuren hinterlassen und sie zu einer Neuorientierung gezwungen haben. Bleiben? Weggehen? Juliette hat sich fürs Bleiben entschieden. Hier ihr neuer Beitrag.

 

 

750juliette

 

Warum bin ich noch in Ägypten? Stehen Aufwand und Ertrag noch in irgendeinem akzeptablen Verhältnis? Hält mich wirklich noch mehr im Land, als mich wegtreibt? Das sind Fragen, die ich mir immer mal wieder stelle in den schwierigen Momenten. Nicht immer habe ich gleich Antworten darauf bereit und verharre eine Weile in diesem Zustand des Zweifelns. Und doch habe ich mich bis jetzt immer wieder fürs Bleiben und Weitermachen entschieden.

      

Das hat viele Gründe. Zusammenfassend kann ich sagen, dass es die Hass-Liebe zu diesem Land mit all seinen Facetten ist, bei der die Liebe schlussendlich immer wieder die Oberhand gewinnt. Ich lebe nun bereits seit sechseinhalb Jahren hier, mein ägyptischer Mann und ich bauen gemeinsam seit über fünf Jahren ein Leben auf, das wir trotz aller Schwierigkeiten nicht einfach aufgeben möchten. Dazu kommt auch, dass allfällige Neunfänge im Ausland, insbesondere für meinen Mann, erstens eingeschränkt und zweitens auch sehr schwierig wären. So versuchen wir immer wieder, die Möglichkeiten vor Ort auszuschöpfen und haben in den letzten Monaten begonnen, uns neben dem Wüstentourismus ein zweites Standbein in der Oasenlandwirtschaft aufzubauen.

  

     

Standbein Wüstentourismus: Offroad-Tour (April) und Kameltrekking in der Weissen Wüste (März)

  

Wir bewirtschaften zur Zeit knapp drei Hektaren Land im Norden der Bahariya-Oase, auf dem bei der Übernahme Dattelpalmen, Olivenbäume und ein paar wenige Fruchtbäume gepflanzt waren. Wir arbeiten eng mit der Familie zusammen, von denen wir seit Jahren unsere Wohnung in der Oase mieten und mit denen wir auch im Tourismus zusammenarbeiten. Sie sind - zusammen mit einem anderen Oasen-Clan - über die Jahre zu unserer "ägyptischen Familie" geworden. Das Land bewirtschaften wir prinzipiell nach alten Oasenmethoden, die man im Grossen und Ganzen als biologisch bezeichnen kann. Wir haben einen neuen Brunnen gebohrt, der überraschenderweise im Gegensatz zu allen anderen Brunnen in der Umgebung Trinkwasserqualität liefert, so dass wir nun selber davon trinken können und über einen öffentlichen Wasserhahn auch die Leute aus der Umgebung versorgen, was sehr geschätzt wird. Die Bepflanzung haben wir im grossen Stil ausgebaut: neue Palmen (es sind jetzt ca. 350 Stück), davon auch einige Spezialsorten, daneben viele verschiedene Fruchtbäume und weitere Olivenbäume. Über den Winter hatten wir hauptsächlich Gerste gepflanzt, daneben Futterklee und verschiedene Gemüsesorten für den Eigengebrauch. Die Gerste haben wir im April/Mai geerntet, und an ihrer Stelle wachsen nun drei verschiedene Sorten Mais, daneben verschiedene Sommergewächse hauptsächlich für den Eigengebrauch.

  

     

Standbein Oasenlandwirtschaft: Palmen mit Gerstenfeld (Februar) und Oliven mit Gestenfeld (April) in unserer Farm

    

Das eigentliche Fundament des Projekts sind aber die Dattelpalmen. Unser Mitarbeiter Mohamed "Taxi" hat sie im März mehrmals bestiegen und von Hand nach und nach bestäubt, und nun tragen sie viele Früchte, die ab Anfang September geerntet werden können. Vorausgesetzt, die neu gepflanzten Palmen und sonstigen Bäume entwickeln sich weiterhin gut, werden wir in ein paar Jahren unser Ziel erreichen und einen traditionellen Palmenhain mit Oliven- und Fruchtbäumen sowie Gemüsebeeten haben. Dieser könnte dann eine stabile Lebensgrundlage nicht nur für uns, sondern auch für unsere Mitarbeiter aus dem Oasen-Clan werden - insbesondere auch als Alternative zum extrem labilen Tourismus.

      

     

Bestäubung der Palmen durch unseren Mitarbeiter Mohamed "Taxi" (März) und Bewässerung der Felder durch unseren Hauptverantwortlichen für das Land Mahmoud "Honga"

         
Wenn es dann sogar noch gelingen würde, umfassend nachhaltige Oasenlandwirtschaft einerseits selber zu pflegen und weiterzuentwickeln, andererseits vielleicht sogar lokal zu verbreiten, wäre das schon fast so etwas wie die Erfüllung eines Traumes. Ich mit meinem Hintergrund als Geographin mit Studienabschluss am CDE (Center for Development and Environment) in Bern, das sich u.a. mit der Landwirtschaft in den Ländern des Südens beschäftigt, finde es sehr spannend, jetzt selber sozusagen eine "Kleinbäuerin in Afrika" zu sein und die ganze Sache konsequent von der anderen, ganz praktischen Seite kennenzulernen. Und es ist auch immer wieder wunderschön, dem Gras sprichwörtlich beim Wachsen zuzusehen, mit den eigenen Händen zu säen, zu jäten, zu ernten und all diese Kreisläufe hautnah miterleben zu dürfen und dabei doch auch immer wieder alles auch in einem wissenschaftlichen und sogar spirituellen Kontext zu betrachten.
        
Neben Tourismus und Landwirtschaft beschäftige ich mich gern und viel mit Kindern und Jugendlichen aus der Oase. Ich habe nun seit gut zwei Jahren so etwas wie einen Mini-Kinderclub bei mir im Garten, wo die jüngeren Mitglieder unserer "ägyptischen Familie" spielen und lernen kommen können. Oft sind es nur zwei bis vier Kinder, manchmal aber auch doppelt so viele. Es besteht ein sehr grosses Bedürfnis danach, da die gegebenen schulischen, aber oft auch privaten Möglichkeiten extrem eingeschränkt sind. Mehr als um Wissensvermittlung im engeren Sinne geht es mir ums Umsetzen von ganz grundlegenden Dingen wie das Einhalten von Abmachungen und Spielregeln, das angemessene und gerechte soziale Verhalten der Altersstufen und Geschlechter untereinander, oder auch nur einfach das Sauberhalten des Gartens und somit Spielplatzes. Daneben versuche ich die Aufmerksamkeit, die Beobachtungsgabe, die Phantasie und damit Lernfähigkeit der Kinder zu fördern, was dann wiederum zu mehr Motiviation und Eigeninitiative führt. Ich stelle diverse Spiele, Kinderbücher und Malzeug zur Verfügung, die sie teilweise selbständig, teilweise in meiner Anwesenheit gebrauchen können. Immer mal wieder kommen die Kinder mit oder ohne ihre Eltern auf die Felder, wo sie etwas mithelfen und natürlich auch einfach rumtoben und spielen können. Dies alles hat sich ganz langsam entwickelt und entwickelt sich immer noch weiter - wie genau, ist offen, aber ich werde auf jeden Fall weitermachen.

    

     

"Memory-Fieber" bei uns im Garten                  -                  200er Puzzle eines "Hudhud", ein Geschenk meiner Mutter

 

Seit Anfang Jahr setze ich auch ab und zu meinen iPad mit Lernprogrammen für die Kinder ein (Arabisch, Englisch, Mathematik, logisches Denken etc.). Ich habe das iPad fast immer dabei und spiele manchmal auch bei Familienbesuchen mit den unterschiedlichsten Kindern verschiedener Altersstufen. Oft interessieren sich dann auch die älteren Semester bis hin zur Grossmutter dafür, und es kommt vor, dass bis zu zwanzig Personen zuschauen, wie jemand eine Aufgabe löst, und alle sind begeistert und topmotiviert. Vielleicht liesse sich der Einsatz solcher und anderer Geräte in Zukunft noch etwas ausbauen (Kinder und Erwachsene!), Potential hätte die Sache auf jeden Fall, und die Bereitschaft wäre riesig.

   

     

Gemeinsames Steine-Malen           -           Installation aus selbstbemalten Steinen, Briobahn und anderen Accessoires

      
Die Menschen hier haben unter dem Strich wenig Chancen und Möglichkeiten, sich in einem umfassenden Sinne zu bilden und zu entwickeln, viele kommen auch kaum je aus der Oase raus. Gleichzeitig wären aber viele sehr interessiert und offen dafür und nehmen gebotene Gelegenheiten sofort wahr. Ein paar solcher Gelegenheiten versuche ich gemeinsam mit meinem Mann zu bieten - wohlwissend, dass es ein Tropfen auf den heissen Stein ist. Oft scheint mir aber, dass die grösste Wirkung allein in unserer schieren Präsenz besteht, d.h. in der Tatsache, dass wir (also eine Frau mit europäischem Hintergrund und ein nicht aus der Oase stammender ägyptischer Mann), die wir einen ganz anderen Hintergrund und Lebensstil haben als die Oasenbewohner, inmitten von ihnen und mit ihnen leben und in mehreren Bereichen zusammenarbeiten. Diese Koexistenz hat sich über Jahre nach und nach einpendeln müssen, mittlerweile funktioniert sie aber so gut, dass ein echter Austausch und ab und zu mal sogar ein leichtes "Abfärben" möglich ist - in beide Richtungen, versteht sich.
     
Alles in allem sind es die vielen kleinen Erfolge und schönen Momente, die mich immer wieder antreiben und viel Negatives aufzuwiegen vermögen. Denn so frustrierend und deprimierend gewisse Umstände und Vorkommnisse in diesem Land sind, so nervenaufrebeibend und beschwerlich die Umsetzung der banalsten Dinge sein können, so unendlich aussichtlslos die Situation immer wieder erscheint, es scheint eben auch immer all das Positive, Konstruktive, Hoffnungsvolle auf. Zu den schönsten Dingen gehören mit Sicherheit die Begeisterung und Dankbarkeit der Kinder und Jugendlichen, aber auch die ehrliche Wertschätzung mancher Erwachsener. Daneben das Erleben der Natur, insbesondere auf unserem Land, aber natürlich auch in der Wüste und anderswo in diesem wunderschönen Land mit seinem für mich perfekten Klima. Und was unbedingt noch erwähnt sein muss: Der ausgeprägte ägyptische Humor, der gerade in den schwierigsten Momenten zur Höchstform aufläuft, sorgt immer wieder für Erheiterung und somit Erleichterung - eine Wirkung, die nicht zu unterschätzen ist.
   
Vieles hat auch mit der Perspektive zu tun. Ich versuche mich immer stärker auf mein unmittelbares Umfeld zu konzentrieren und so wenig wie möglich mit Politik und dergleichen zu beschäftigen. Dies hat den Vorteil, dass ich mich etwas weniger hilflos und den Umständen ausgeliefert fühlt, da ich in meinem unmittelbaren Umfeld ab und zu etwas bewirken kann. Es ist sozusagen eine seelische Überlebensstrategie, um nicht in der totalen Hoffnungslosigkeit zu versinken. Trotzdem ist es natürlich enorm wichtig, das Gesamtbild nicht aus den Augen zu verlieren. So bin ich zum Beispiel auch immer wieder gerne eine Weile in Kairo zum "Reality Check", wie ich es nenne. Der fällt oft recht brutal und unerfreulich aus, aber auch hier gibt es immer wieder erstaunlich Positives zu erleben, und in all der Lebensfeindlichkeit erscheint auch immer wieder diese unglaublich lebensbejahende, positive Energie. Fakt ist und bleibt, dass wir in extrem schwierigen Zeiten leben und sich leider keine schnelle, umfassende Besserung abzeichnet. Deshalb bleibt uns eigentlich nichts anderes übrig, als im Kleinen zu versuchen, dem etwas entgegen zu halten.
    
Auf einer ganz persönlichen Ebene schliesslich war und ist mein Leben in Ägypten eine sehr herausfordernde und umfassende Lebensschule. Ich habe mit Sicherheit die bis anhin extremsten Gefühle meines Lebens hier durchlebt - im Negativen wie im Positiven. Ich habe hier mehr über die Menschen und unsere Welt gelernt - und lerne immer noch - als in all den (Studien-)Jahren zuvor. Ich betrachte es gewissermassen als Privileg, einen so tiefen Einblick in dieses Land und seine Menschen gewonnen zu haben. Ich glaube, dass ich dadurch die Zustände in vielen Ländern etwas besser nachvollziehen und die Lage der Menschen besser nachfühlen kann. Es scheint mit immer offensichtlicher, dass die Grundprobleme auf der ganzen Welt die gleichen sind, sie zeigen sich einfach in verschiedener Ausprägung. Die Situation schreit geradezu nach Veränderungen, an manchen Orten etwas mehr noch als an anderen, aber sicher in Ägypten. In diesem Sinne ist hier ein spannender Ort, um diese Entwicklungen aus der Nähe mitzuerleben.
   
So habe ich Hoffnung, dass all das positive Potential hier und anderswo sich noch entfalten wird und alles nur eine Frage der Zeit ist - einer mit Sicherheit schwierigen und langen Zeit. Für mich hat mein Bleiben in diesem krisengeschüttelten Land auch mit Loyalität zu tun. Einerseits Loyalität zu meinem Mann, aber auch zu all den anderen Menschen, mit denen mich hier unterdessen Vieles verbindet, und auch dem Land als solchem. Gerade jetzt wegen der schwierigen Umstände zu gehen, hätte für mich den Beigeschmack, einen schwierigen, aber eben doch geliebten Freund, von dem man viel gelernt hat und mit dem man Vieles durchgemacht hat, in seinen schwierigsten Zeiten allein zu lassen, anstatt ihm umso mehr beizustehen. Das werde ich solange es irgendwie geht nicht tun. Trotzdem ist es natürlich auch beruhigend zu wissen, dass ich einfach gehen könnte, wenn es nötig sein sollte - ein absolutes Privileg, das die wenigsten haben und das man gar nicht genug wertschätzen kann. Je nach Entwicklung wird sich vielleicht auch mal eine "Halb-Halb"-Lösung zwischen der Schweiz und Ägypten oder auch etwas ganz anderes ergeben. Vorerst aber harren wir weiter hier aus und versuchen, unsere verschiedenen Projekte weiterzuverfolgen. Inshallah ("so Gott will", wie wir hier sagen) werden wir das eine oder andere Ziel erreichen können!

  

 

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