Die unsichtbaren Muslime

           


Dr. Hisham Maizar

400'000 Musliminnen und Muslime leben in der Schweiz, darunter auch etwa 2'000 ägyptische Muslime. Das sind 5% der Wohnbevölkerung. Die Mehrzahl von ihnen ist weder organisiert noch praktizierend. Wenn aber von Muslimen die Rede ist, dann spricht auch mal das Schweizer Fernsehen vom "Wolf im Schafspelz" (s. Blog "Muslime im Fernsehen"). Auch die Schweizer Bevölkerung reagiert manchmal ablehnend, wie beim Minarett-Verbot 2009 oder beim Burka-Verbot im Tessin 2013. Haben die Muslime in der Schweiz ein Image-Problem? Das wollte ich von Hisham Maizar, dem Präsidenten der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS) wissen.

  

  

     

     

Hisham Maizar empfängt mich an seiner Wohnungstüre in einem Sankt Galler Vorort. Er schaut erstaunt, als ich die Schuhe ausziehe, dann bringt er mir Pantoffeln. Kaum sitze ich am Tisch, erhalte ich einen kalten Pfeffermünztee. Die Staude stammt aus Jerusalem und gedeiht hier in Sankt Gallen prächtig, sagt Hisham Maizar. Später wird seine Schwester Aida noch Kaffee und Kuchen bringen. Zwischendurch ruft das Handy zum Nachmittagsgebet, Maizar drückt es weg und setzt das Gespräch vorerst fort. Hisham Maizar wurde in der Altstadt von Jerusalem geboren. Er lebt seit anderthalb Generationen in der Schweiz, hat 30 Jahre lang eine eigene Arztpraxis im Thurgau geführt und 1982 das schweizerische Bürgerrecht erhalten. Seit sehr vielen Jahren setzt er sich für muslimische Belange ein, seit einem halben Jahr ist er auch Präsident des Schweizer Rats der Religionen.

     

Als erstes frage ich Hisham Maizar, wie sich aus seiner Sicht die Lage der Muslime in der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. Maizar beginnt mit Max Frischs berühmten Satz "Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen." Und fährt dann fort:

    

"Hätte man diesen Satz dazumal begriffen, wäre man im weiteren Verlauf viel klüger geworden - und nicht erst nach dem Terror-Anschlag von 2001. In den 60er, 70er und 80er Jahren ging es fast monoton zu. Der Arbeiter arbeitete und ging früh ins Bett, um am nächsten Tag wieder zu arbeiten. Und wenn er zu seinem Arbeitgeber sagte: 'Ich schon weiss, Chef', dann klopfte ihm dieser auf die Schulter und sagte: 'Du sprichst wunderbar Deutsch.' Mehr brauchte es nicht, Integration war damals absolut kein gängiger Begriff. Ende der 80er Jahre - Balkankrieg, Zerfall der Sowjetunion - stieg die Zahl der Muslime von 16'000 auf 190'000. Die Muslime waren auf dem Bahnhof, auf den Märkten zu sehen. Plötzlich wurde der Islam sichtbar und wahrnehmbar. Es gab nicht mehr nur Türken, sondern mit dem Balkankrieg auch immer mehr Albaner."

   

Dazu kam, meint Hisham Maizar, dass die erste Einwanderungsgeneration älter wurde und sich auf ein dauerhaftes Leben in der Schweiz eingestellt hatte. Es kam zur  Errichtung von vielen kleinen Moscheezentren. Wie aber sollte man diese nennen? Islamzentrum, Albanisches Zentrum, Kulturzentrum, Albanisch-islamisches Sozialzentrum? Der Wildwuchs an Bezeichnungen zeigte, dass die Problemstellungen unklar waren, meint Maizar.

    

"Viele waren sich der zwei Herausforderungen nicht bewusst: Einerseits für den Staat und die Gesellschaft, und das ist der Islam und seine Sichtbarkeit, und andererseits für die Muslime und ihren Umgang mit der Modernität."

   

Von der zweiten Muslimen-Generation waren viele in der Schweiz geboren. Wie haben sich die "Secondos" in die schweizerische Lebenswelt eingefügt?   

     

"Sie waren im Clinch mit sich selbst. Auf der einen Seite heisst es: "Ehre deine Eltern", die Jungen hatten Schuldgefühle gegenüber den Eltern, die sich für sie aufgeopfert hatten. Auf der anderen Seite mussten sie ihren eigenen Weg gehen und wurden von ihren Lehrern angehalten, ihre eigene Meinung zu sagen und nicht jeden Befehl zu akzeptieren. Die Jungen wollten mitentscheiden, mitarbeiten, sich integrieren, mehr als ihre Eltern. Aber da hiess es oft: Ja, das geht nicht, ihr seid nicht organisiert, ihr seid nicht öffentlich-rechtlich anerkannt. Wir haben das als Organisation nur am Rand miterlebt. Bis zum 9. September 2001. Von da an waren alle Muslime, gleich ob erste oder zweite oder dritte Generation unter Generalverdacht."

    

Terroranschlag vom 11.9.2001

Dieser Druck von aussen habe - so Maizar - beigetragen, die Zusammenarbeit unter Muslimen zu beschleunigen und ihr Auftreten in der Öffentlichkeit zu intensivieren. Es kam zur Gründung des Dachverbands in der Ostschweiz, dem nachher andere im Aargau, in Neuenburg und anderen Gebieten folgten. Wie ist er dabei vorgegangen?

     

"Ich habe um 2002 in der Ostschweiz viele Moscheevereine besucht, einen nach dem anderen, und ich habe offene Ohren und Herzen gefunden. Die Idee des Zusammenschlusses war da, aber das 'Wie' war unklar. Die Akzeptanz des Dachverbands war riesig, weil man darauf weiss Gott wie lange gewartet hatte. Seitens der kirchlichen oder politischen Institutionen hiess es: 'Gott sei Dank, endlich haben wir einen Ansprechpartner.'"

      

Die Dachverbände dienten dazu, am Image der Muslim-Gemeinschaften in der Öffentlichkeit zu arbeiten. Insbesondere sollte klar werden, dass die muslimischen Verbände in der Schweiz jede Form von Gewalt ablehnten. Neben diesem Problem gab es ein internes: das ethnische Denken. Die Albaner waren um sich geschart, die Bosnier blieben unter sich, und noch heute existieren die nationalen Verbände der Albaner, der Bosniaken und anderer Gruppen.

     

Der Druck der Legitimation nach aussen führte auch zu Spannungen innerhalb der muslimischen Verbände. Bevor Hisham Maizar 2006 die Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS) gründete, existierte bereits die Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS). Die Vereinigung Islamischer Organisationen in Zürich (VIOZ) hatte 2004 angeregt, Farhad Afshar vorbehaltlos als "Sprecher für alle Muslime" in der Schweiz zu nominieren. Diesen Schritt mochte Maizar nicht mittragen, er opponierte: 

  

Website der FIDS: www.fids.ch

"Bis zu dem Tag habe ich Herrn Afshar gar nicht gekannt, geschweige mit ihm gesprochen über die zahlreich anstehenden islamischen Angelegenheiten im Lande. Einfach nur unterschreiben, hiess es. Ich habe damals opponiert. Ich sagte, wir kennen die Person noch nicht, und nur unterschreiben sei sowieso: undemokratisch. Bevor wir die Person nicht kennen und uns über die grossen Linien einig sind, ist eine Unterschrift nicht zulässig. Einige Verbände waren mit mir einverstanden, und so haben sich diese Verbände getroffen, um über andere Möglichkeiten des Zusammenschlusses zu diskutieren. Daraus ist dann die Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS) entstanden."

      

In der FIDS treffen sich die mandatierten Vertreter der kantonalen Dachverbände, die ihrerseits eine Vielzahl von Moscheevereinen vertreten. Die Föderation spiegelt damit die Wirklichkeit der Verbände, das heisst der organisierten und praktizierenden Musliminnen und Muslime. Damit verkörpert sie, sagt Maizar, ein Modell von unten nach oben. Eine Realität sei, dass die allermeisten Muslime in der Schweiz und in der Welt Sunniten seien. Eine andere Realität sei, dass trotz der zahlreichen Moscheevereine die Mehrheit der Muslime nicht organisiert ist. Deshalb hält es Hisham Maizar für ehrlich und angemessen, dass die FIDS nicht "die Muslime", sondern die "islamischen Interessen" zu vertreten beansprucht.

     

Bekanntlich möchten viele Islamverbände eine öffentlich-rechtliche Anerkennung, wie sie die Landeskirchen haben. Gemäss einem Rechtsgutachten der Universität erfüllen die islamischen Religionsgemeinschaften in der Schweiz die rechtlichen und institutionellen Kriterien für die öffentlich-rechtliche Anerkennung durch die Kantone. Dazu müssen laut Gutachten vier Bedingungen erfüllt werden: Eine Gemeinschaft muss auf dauerhaften Bestand eingerichtet sein, muss über eine Mindestbestandzeit und eine gewisse Anzahl Mitglieder verfügen, demokratisch strukturiert sein und die Erfordernisse des schweizerischen Rechtsstaates erfüllen.

    

Hisham Maizar ist einer der wichtigen Promotoren dieses Anliegens. Er weist auf die grosse Bandbreite bei der öffentlich-rechtlichen Anerkennung von Religionsgemeinschaften hin. So muss sich die katholische Kirche zwar dem Verfassungsgrundsatz der demokratischen Strukturierung beugen, wenn es zum Beispiel um die Erhebung der Kirchensteuer geht, aber im Übrigen hat sie ihr eigenes Kirchenrecht, das nicht in allem Punkten mit dem säkularen Recht übereinstimmt.    

    

"Jetzt liegt es an den Muslimen, diejenige Form zu finden, die eine juridische Legitimation gibt, dass wir im Namen der Muslime sprechen können. Das ist ein Prozess, den wir von unten her vorantreiben wollen. Das Vertrauen muss von der Basis her kommen. Ich denke dabei vor allem an kantonale Pilotprojekte wie die Imam-Ausbildung, die den Islam in einem positiven Sinn sichtbar machen und den Weg zur öffentlich-rechtlichen Anerkennung ebnen sollen."

   

Das Schweizer Ehepaar Qasim und Nora Illi - die "sichtbarsten" Muslime der Schweiz

Die FIDS beruft sich auf einen gemässigten "Islam der Mitte". Bekanntlich gibt es in der Schweiz auch Organisationen, die radikaler und lauter auftreten. Ein wunder Punkt, auf den Maizar wiederholt zurückkommt, ist der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS). Diese Vereinigung unter der Führung von zwei Schweizer Konvertiten ist nach der Ablehnung der Minarett-Initiative entstanden und hat bald die öffentliche Wahrnehmung des Islam monopolisiert. Besonders schmerzhaft ist es, wenn der IZRS die mediale Präsenz mit der organisatorischen Breite gleichsetzt und auf seiner Website schreibt: "Werden Sie Mitglied bei der grössten islamischen Organisation der Schweiz!" Wie stellt sich Hisham Maizar zu dieser Gruppe?

     

"Wie können wir die Extremisten aufsaugen, oder die, die am Rand sind? Für sie müssen wir eines Tages die Hauptverantwortung tragen, denn wir sind ja Muslime. Wir haben sie zunächst machen lassen, weil ihre Parole war: 'Die Alten haben ausgedient, die Zukunft gehört der Jugend, und wären wir vor der Minarett-Abstimmung dagewesen, dann hätten die Muslime die Minarett-Abstimmung nicht verloren.' Der Zentralrat kristallisiert sich jetzt aus als abseits stehende Splittergruppe. Sie sind jetzt fünf Jahre am Werk, und sie haben nicht einem Muslim eine Arbeitsstelle vermittelt oder sonst eine Errungenschaft erzielt wie einen Friedhof."

   

Es sei sehr schwierig, mit dem IZRS zusammenzuarbeiten. Letztlich wirke der Zentralrat kontraproduktiv, und er werde sich wohl bald selber entlarven. Dass der Zentralrat eine aktive und wirksame Medienpolitik betreibt, gibt Maizar zu. Und er fügt an:

   

"Die etablierten Organisationen brauchen mehr Leute, die in der Öffentlichkeit auftreten können und wollen. Dies wiederum hängt mit den Alltagssorgen der Verbände zusammen, vor allem mit den engen finanziellen Ressourcen. Ein Imam darf nicht weniger als 4200 oder in anderen Kantonen 4500 Franken verdienen. Diese Kosten tragen die jeweiligen islamischen Gemeinden. Ein Imam, der so viel verdient, der muss ein Super-Imam sein, ein Imam, der alle zufriedenstellen kann. So müssen sich die Verantwortlichen gleichzeitig um die Finanzierung und die Qualifizierung der Imame kümmern. Diese Sorgen habe eine Organisation wie der Zentralrat nicht, da er viel weniger Muslime erreiche und zudem auf grosszügige Finanzierung aus dem Ausland bauen darf."

     

Hisham Maizar versteht sich und den "Islam der Mitte" als reformorientiert. Dies zeigt einerseits seine Bereitschaft zu einem demokratischen Dialog, andererseits sein ständiger Rekurs auf die Fundamente des Islam (Koran und Prophetentradition). Immer wieder führt er modernes Gedankengut wie selbstverständlich auf die Fundamente zurück und zitiert dabei Koranverse und Prophetenerzählungen (Hadithe).

     

Man könnte nun denken, dass er Gruppierungen wie das Forum für einen fortschrittlichen Islam (FFI) besonders schätzt. Aber hier bleibt Maizar skeptisch. Dies wird verständlich, wenn man deren Selbstdarstellung auf ihrer Website sieht: "Herzlich Willkommen auf der Plattform der grossen Mehrheit der Muslime in der Schweiz! Wir sind keine Islamische Organisation, die die Worte des Koran eins zu eins verkündet und eins zu eins umgesetzt haben will." Hisham Maizar stört sich daran, dass diese Gruppe der "schweigenden Mehrheit" eine Stimme geben will und dort viel weniger verankert ist als die etablierten Organisationen. Dann stört ihn auch, dass das Gegenteil von "eins zu eins" zunächst einmal "irgendwie" bedeutet, und das ist dem strengen theologischen Denken von Maizar fremd.

    

Deshalb spricht Hisham Maizar mit Verständnis vom deutschen Reformtheologen Mouhanad Khorchide, der mit seinem Buch "Islam ist Barmherzigkeit" Aufsehen erregt und - gerade unter islamischen Würdenträgern - Widerspruch hervorgerufen hat. Khorchide versteht den Islam als ausreichende Grundlage für das Leben in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft. Er will ihn nicht relativieren oder verwässern, sondern im Gegenteil auf seine wirklichen Wurzeln zurückführen. Richtig verstanden, ist für ihn der Islam kein Taliban-Gefängnis, sondern eine Chance der Entfaltung in Freiheit. Diese Vision ist sicher auch die von Hisham Maizar.

   

Haben die Muslime in der Schweiz ein Image-Problem? Diesen Eindruck erhält man, wenn man manche Medien liest. Oder wenn man Abstimmungsresultate zu islamrelevanten Fragen sieht. Das Gros der Muslime ist noch immer zu wenig sichtbar und zu wenig wahrnehmbar, die Öffentlichkeit sieht die Minderheit der Auffälligen.  "Wir können die Medien nicht ändern", sagt Maizar. Und die Minarett-Abstimmung sei halt ein "Triumph der Schweizer Seele über das Fremde" gewesen, das müsse man akzeptieren. Hisham Maizar wirkt nicht müde. Da es beim Abschied in Strömen regnet, besteht er darauf, mich mit seinem Auto zum Bahnhof Sankt Gallen zu fahren.

5174 Views
Kommentare
()
Einen neuen Kommentar hinzufügenEine neue Antwort hinzufügen
Ich stimme zu, dass meine Angaben gespeichert und verarbeitet werden dürfen gemäß der Datenschutzerklärung.*
Abbrechen
Antwort abschicken
Kommentar abschicken
Weitere laden