Wasser!

 

2012 titelte die "Welt": "Der Krieg der Zukunft geht ums Wasser". Ägypten als Wüstenstaat muss den Regen als Nilwasser aus dem tropischen Afrika "importieren". Die Staaten am Oberlauf machen aber immer selbstbewusster ihre eigenen Interessen geltend. Vielleicht wird ein nächster heisser Konflikt zwischen Äthiopien und Ägypten ausbrechen. In diesem Blog soll vom Streit um die Nutzung des Nils die Rede sein.

  

  

 

Wasser ist Leben. Wer in Kairo im Sommer durch die Strassen flaniert, braucht mehrere Liter davon. Da viele Mineralwasser bevorzugen oder auf keimfreies Wasser angewiesen sind, ist das auch ein Milliardengeschäft, um das sich Nestlé und andere Konzerne reissen. Das allermeiste Wasser in Ägypten stammt aus dem Nil. Es dient nicht nur zum Trinken, sondern auch zum Waschen, Baden, zur Feldbewässerung und Energieerzeugung. Nicht zufällig sind daher die Rechte auf das Nilwasser internationaler Konfliktstoff.

   

Ägypten, ein Geschenk des Nils

So grün wie heute am Blauen Nil, so sah vermutlich Ägypten vor 5000 Jahren aus.

Vor 5000 Jahren, am Ende der letzten Eiszeit, rutschte Nordafrika von der gemässigten in die heisse Zone. War das Land vorher noch grün gewesen, so breitete sich allmählich die Wüste aus. Die Ausnahme bildeten die grossen Wasserläufe, allen voran der Nil. So wurden die Menschen über Generationen an den Ufern des Nils sesshaft. Mit den kollektiven Anstrengungen zur Bewässerung entstand auch eine Kaste von Beamten und mit ihr der pharaonische Staat. Die jährliche Überschwemmung versorgte die Felder reichlich mit Schlamm aus den äthiopischen Bergen, darum war das Land äusserst fruchtbar - ein Geschenk des Nils.

Wo der Nil entspringt, das erfuhr man erst durch die systematischen geographischen Expeditionen im 19. Jahrhundert. Die Endlichkeit des Nils wurde dadurch augenfällig, und die britischen Kolonialherren Ägyptens und des Sudans machten sich daran, Ägypten und dem Sudan die Rechte zur Wassernutzung zu sichern. 1929 liessen sich die britischen Kolonien Ägypten und der Sudan unter dem Schutz Londons das gesamte Nilwasser zur eigenen Nutzung und ein Vetorecht gegen Wasserprojekte der Obliegerstaaten vertraglich zusichern und 1959 bestätigen. Die obliegenden Regionen gingen im Vertrag leer aus: Sie hatten kein Gewicht und waren - da sie in der tropischen Regenzone liegen - auch weniger auf das Nilwasser angewiesen.

 

Bevölkerungsdruck

Die meisten der fast 90 Millionen Ägypter/innen leben in diesem schmalen grünen Streifen.

Die Bevölkerungsdichte an den Nilufern, in Fayum und im Nildelta ist schon seit Jahrtausenden gross. Die Massnahmen zur wirtschaftlichen Entwicklung - seit der Landreform von Muhammad Ali im 19. Jahrhundert - trugen ihrerseits dazu bei, dass die Bevölkerungszahl weiter stieg. Der Nil als Nährmutter des neuen Ägypten, das wurde auch zum Projekt des Nasser-Regimes nach der Revolution von 1952. 1971 eröffnete Präsident Sadat den Assuan-Staudamm, der das Land voranbringen sollte.

Der "Grosse Damm" beendete die periodischen Schwankungen des Wasserpegels, er erlaubte eine ganzjährige Bewässerung und damit die Vergrösserung der Landwirtschaftsfläche und der Agrarproduktion, der Nasser-See wurde zum Tourismus-Magneten, und nicht zuletzt produzierten die neuen Turbinen des Grossteil der elektrischen Energie.

Das Mega-Projekt zeigte aber auch bald seine Nachteile: Viele kleine archäologische Stätten versanken definitiv im Wasser, 100'000 Nubier mussten ihre Dörfer verlassen und in eilig aufgerichteten Mietskasernen wohnen, der erhöhte Grundwasserspiegel beim Nassersee führte zu einer schädlichen Staunässe auf den Feldern, die enorme Verdunstung auf dem Nassersee führte zu einem reduzierten Wasserabfluss und damit zu einem Eindringen von Meerwasser in das Grundwasser des Nildeltas und damit zu Versalzung, der fruchtbare äthiopische Schlamm bleibt im Nassersee liegen, was massiven Düngereinsatz erforderlich macht. Eine zusätzliche Hypothek sind die Eigentums- und Marktverhältnisse, die den kleinen Bauern die Existenz erschweren.

Lebten zur Zeit des Staudamm-Eröffnung knapp 20 Millionen Menschen in Ägypten, so sind es heute fast 90 Millionen. Die landwirtschaftliche Produktion hält da nicht mit, immer mehr ländliche Menschen sammeln in städtischen Elendsvierteln, und Ägypten muss Lebensmittel importieren.

  

Technokratisch-nationalistische Lösungen

Die ägyptischen Regierungen von Mubarak bis heute setzten und setzen auf prestigeträchtige technokratisch-nationalistische Lösungen. So half Ägypten in den 1980er und 1990er Jahren beim Bau des Jonglei-Kanals im Sudan. Dieser Kanal sollte das Nilwasser schneller und damit ohne Verdunstung durch ein riesiges Sumpfgebiet führen. Dies obwohl das Umweltprogramm der UNO vor einer nachhaltigen Störung des Wasserhaushalts und des Klimas in Nordafrika warnte.

 

Noch heute kontrollieren ägyptische Hydrologen den Pegel des Victoriasees, damit der Wasserfluss Richtung Ägypten regelmässig bleibt. Auch bei der Förderung des Landwirtschaft setzen die Behörden - das hat wieder ein Interview mit Präsident Sisi gezeigt - auf grossflächige Urbarmachung, die den kleinen Bauern und den lokalen Märkten wenig Chancen gibt. Ägypten antwortet auf Ressourcenengpässe (Wasser, Elektrizität, Benzin...) noch immer mit dem Versuch, die Kapazitäten zu erhöhen statt die Ressourcen zu bewirtschaften. Grosses Ägypten - arme Ägypter!

  

Neue Nationalstaaten, neue Konflikte

Die Nil-Anrainer-Staaten

Die Kolonialherren gingen, es entstanden unabhängige Staaten wie Tansania (1961), Uganda (1962), Äthiopien (1975). Aber der Nilvertrag von 1929/59 blieb gültig, zumindest aus ägyptischer Sicht. Die neuen Staaten wollten die kolonialen Gegebenheiten nicht mehr ohne weiteres akzeptieren. 1999 setzten sie die Bildung des "Nile Basin Initiative" durch, dem mittlerweile 9 Staaten angehören, unter ihnen zähneknirschend auch Ägypten. 2010 schlossen Äthiopien, Uganda, Ruanda und Tansania ein Spezialabkommen, das das Vetorecht Ägyptens für nichtig erklärte und eine neue, gerechtere Wasserregelung forderte.

2011 löste Äthiopien mit dem Baubeginn zum "Grand Ethiopian Renaissance Dam" einen scharfen Protest in Ägypten aus, der vorerst durch den Ausbruch des arabischen Frühlings überlagert wurde. Das autoritär geführte äthiopische Regime ist nun seit drei Jahren daran, eine gewaltige Talsperre zu errichten, um Strom für das Land und den Export zu produzieren. Auch hier der technokratisch-nationalistische Ansatz: Trotz der schlechten Erfahrungen mit Grosskraftwerken im Sudan, trotz der ethnischen Spannungen im Land, trotz der gewaltigen ökonomischen Belastung des armen Landes, trotz ökologischer Warnrufe, trotz der Abhängigkeit von chinesischen Geldgebern - es muss ein Kraftwerk her, dass mehr als doppelt so viel Strom produziert als der Assuan-Damm oder die Grande Dixence in der Schweiz.

Der Blaue Nil aus Äthiopien trägt sehr viel mehr zur Wassermenge bei als der Weisse Nil aus den tropischen Ländern. Die mögliche Verringerung aufgrund des Renaissance-Staudamms gilt daher vielen Ägyptern als nationale Bedrohung, denn Ägypten hat keine nennenswerten Niederschläge, die die Bewässerung ergänzen könnten. Seit 2011 haben alle ägyptischen Präsidenten Äthiopien den Drohfinger gezeigt, einzelne Politiker haben sogar laut über die Bombardierung des Staudamms nachgedacht. Ein Krieg ist nicht prinzipiell ausgeschlossen.

 

Demokratie und UNO statt Grossmachtinteressen!

Die Wasserkonflikte sind lösbar, da die tropischen Staaten kein Bewässerungsproblem haben, aber auf eine wirtschaftliche Entwicklung dringend angewiesen sind, während Ägypten als relativ entwickeltes Land durch seine Kooperation viel helfen könnte. Mit der "Nile Basin Initiative" wäre eine Plattform bereits vorhanden. Zu ihrem Programm gehören der Umweltschutz, die Energieförderung, die Optimierung der Feldbewässerung, das Wassermanagement, die Ausbildung von Fachleuten, die Wirtschaftsentwicklung und die zwischenstaatliche Vertrauensbildung - alles Themen, die sowohl für Ägypten wie für die Obliegerstaaten von enormer Bedeutung sind.


   

Ägypten wäre gut beraten, auf nationalistische Drohgebärden zu verzichten und sich zum engagierten Partner der "Nile Basin Initiative" zu machen. Dazu müsste in der Ära El-Sisi die geplante Demokratisierung tatsächlich stattfinden. Denn weite Teile des ägyptischen Establishments sind an einer Reform des Landes nicht interessiert, solange sie ihre Privilegien haben. Es braucht den Einbezug des Mittelstands, der Bauern, der Zivilgesellschaft insgesamt, um einen Konsens für die Reform zu entwickeln. Wie weit sich der neue Präsident vom bisherigen Machtkartell lösen kann, ist noch offen. Sein Spielraum ist begrenzt, und seine Kompetenz auch.
 
Auch die UNO, vor allem die UNDP (Entwicklung) und die UNEP (Umwelt), müsste eine wichtige Rolle übernehmen. Dazu wäre ein Paradigmenwechsel bei den Grossmächten nötig, die ja - zumindest Grossbritannien - den einseitigen Nilvertrag von 1929/59 mitverantworten. Die Grossmächte behandeln die UNO noch zu sehr als Legitimationsbeschafferin: ja nicht zu viele Kompetenzen abgeben, machen lassen wenn es passt, stoppen wenn es nicht passt. Die USA gehen mit schlechtem Beispiel voran: Sie beharren felsenfest auf dem Vetorecht im Sicherheitsrat, sie drohen den UN-Organisationen auch mal mit Geldentzug, sie weigern sich, dem Internationalen Strafgerichtshof beizutreten usw., und die EU mag sich vom "transatlantischen Bündnis" nicht wirklich emanzipieren. Nicht besser sieht es mit Russland und China aus. Wenn zwischen Ägypten und Äthiopien ein Krieg ausbrechen würde, dann würde sich China auf die äthiopische Seite stellen, weil Äthiopien ein Tor nach Afrika ist. Und die USA würde sich hinter die Camp-David-Garantin Ägypten stellen. Und die Zeche würden die Menschen des Nilbeckens bezahlen...

Das 20. Jahrhundert hat sehr viel erreicht an grenzüberschreitender Kooperation. In Konfliktsituationen überwiegen aber immer noch nationale Machtinteressen. Diese sind heute wohl das grösste Bollwerk gegen eine demokratische Entwicklung. Wahrscheinlich wird es einen grossen Teil des 21. Jahrhunderts brauchen, bis Menschen und Institutionen ganz selbstverständlich auch grenzüberschreitend denken können. Dann wäre das Nilbecken ungeachtet der vielen Anrainerstaaten eine grosse Region, die gemeinschaftlich den Nil für Alle zu einem Segen macht.

 

 

Auch in NEOPresse erschienen: http://www.neopresse.com/umwelt/wasserschlacht-zwischen-aethiopien-und-aegypten/

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