Diamantenstaub

       

Die Festtage nahen - Zeit zum Lesen und Bücherschenken! "Diamantenstaub" von Ahmed Mourad, 2010 auf Arabisch erschienen, liegt seit wenigen Wochen auf Deutsch auf. Ein Polit-Thriller, dem auch Krimimuffel wie ich etwas abgewinnen können. Neben einem Plot, der bis am Ende überraschende Wendungen nimmt, erzählt der Roman auf 400 Seiten eine bewegende Familiengeschichte und wirft ein Licht auf Ägypten im Jahr 2008, das nicht nur den "Arabischen Frühling" von 2011, sondern auch das darauf folgende gewaltsame Machtgerangel verständlich macht.  

 

            

   

Die Handlung

Der Basler Lenos-Verlag, für den Christine Battermann die Übersetzung ins Deutsche besorgt hat, bewirbt sein Buch wie folgt:

Taha lebt in Kairo, tagsüber arbeitet er als Pharmavertreter und nachts als Apotheker. In seiner Freizeit spielt er Schlagzeug, ausserdem kümmert er sich um seinen Vater, der an den Rollstuhl gefesselt ist und seine Tage damit verbringt, das Leben der anderen mit dem Fernglas zu beobachten.

  

Als Taha eines Morgens heimkommt, findet er seinen Vater leblos auf – er wurde ermordet. Die Polizei stellt ihre Ermittlungen bald ein, und so sucht Taha selbst nach dem Täter. Dabei lernt er Kairos dunkelste Seiten kennen, er begegnet Grausamkeit und Skrupellosigkeit, aber auch Menschen, die an eine Veränderung der durch Korruption und Klientelismus zerstörten Gesellschaft glauben. Taha beginnt seine Welt mit anderen Augen zu sehen.

   

Unverhofft fällt ihm das Tagebuch seines Vaters in die Hände, in dem dieser die Morde beschreibt, die er einst im jüdischen Viertel Kairos begangen hatte. Taha kommt hinter das Geheimnis des mysteriösen Diamantenstaubs, des »Königs der Gifte« – einer Substanz, die, einmal eingenommen, sich unmerklich im Körper verteilt und sehr langsam zum Tode führt –, und er macht sich dieses Wissen fortan zunutze. Doch auch die junge Journalistin Sara stellt Recherchen an …

  

In seinem Thriller zeichnet Ahmed Mourad das Bild einer Gesellschaft kurz vor der Explosion, und er erzählt von einer Stadt, die längst ihre Unschuld verloren hat, nicht aber ihren typisch ägyptischen Humor.

  

Eine Familiengeschichte mit Zeithintergrund

Die Geschichte beginnt 1954. Ein jüdischer Geschäftsmann empfängt seinen muslimischen Freund Hanafi al-Sahar zum Essen und hört mit ihm am Radio die grosse Sängerin Umm Kulthum. Sie schwärmen von Liedern und Sängerinnen und kommen schliesslich auch auf die Politik zu sprechen: Soeben hat Gamal Abdel Nasser seinen Konkurrenten Mohammed Nagib endgültig kaltstellt. Die Zeiten sind bedrohlich.

Die nächste Szene spielt sich 2008 in einer der Kairoer Totenstädte ab. Ein Friedhofswächter öffnet ein Grab - das der Familie al-Sahar - um mit dem Raub von zwei Schädeln etwas Geld zu verdienen.

Danach geht die Geschichte zügig zur Hauptperson Taha, einem Apotheker anfangs 30, Enkel von Hanafi al-Sahar, der mit seinem behinderten Vater in einer kleinen Wohnung im Zentrum Kairos wohnt. Der brutale Mord an seinem Vater, bei dem auch er schwer verletzt wird, treibt Taha dazu, auf Spurensuche zu gehen. Auf seinem Weg lernt er den Polizeioffizier Walid und seine Nachbarin, die Journalistin Sara, kennen.

Jede der Figuren vertritt ein Gesicht des heutigen Ägyptens. Taha al-Sahar ist ein früh gealterter junger Mann, der ein freudloses Leben mit seinem behinderten Vater führt. In seiner Wohnung steht ein Schlagzeug, auf dem er seine spärliche freie Zeit buchstäblich totschlägt - und damit seine Nachbarn zermürbt. Sein Ägypten ist das des Präsidenten Mubarak - er kennt seit Kindsbeinen nicht anderes. Sara hingegen vertritt die junge, engagierte Generation. Sie will als Journalistin die Wahrheit aufdecken, sie trifft sich mit anderen engagierten jungen, um Unterschriften zu sammeln, Demonstrationen zu organisieren und um überhaupt über eine bessere Zukunft zu diskutieren. Sara sagt:

Wir leisten Widerstand, um etwas zu verbessern. Wir erheben unsere Stimme, um etwas zu ändern.

Dabei bleiben ihr Enttäuschen - auch aus den eigenen Reihen - nicht erspart. Der Polizeioffizier Walid hingegen ist sagt einmal resigniert:

Dieses Land braucht noch fünfzig Jahre, bis man darin leben kann.

Dabei sieht er durchaus, dass es im Land bereits 2008 brodelt, dass sogar Frauen demonstrieren. Aber er sieht darin keinen Sinn:

Warum kümmern sich Frauen überhaupt um Politik? Das verstehe ich nicht. Freiheitsbewegungen, Sitzstreiks und der ganze Unsinn, mit dem man es heutzutage zu tun hat.

Immerhin endet der Roman - deshalb ist er Festtags-tauglich! - nach all den brutalen Verwicklungen mit einem versöhnlichen Happy-End!

   

Heute, 2014, wird klar, dass es in Ägypten zu einem Ausbruch aus der Enge kommen musste. Tausende von "Saras" haben ihn vorbereitet, und Millionen sind ihr gefolgt. Es wird aber auch klar, dass in einem beschädigten Land dem Aufbruch nicht direkt der Aufbau folgen kann. Wenn nicht 50 Jahre, wie der Polizeioffizier meint, so wird es doch einige Jahre brauchen, bis die Zivilgesellschaft sich den Raum ertrotzt hat, den sie für eine demokratische Umgestaltung braucht.

  

Der Autor

Der Autor, Ahmed Mourad, ist 1978 in Kairo geboren. Von Beruf ist er Filmemacher, Photograph und Autor. Er arbeitete jahrelang als persönlicher Photograph des Präsidenten Mubarak. Noch während dessen Amtszeit erschienen Mourads Romane "Vertigo" und "Diamantenstaub", beide eine Verarbeitung der dunklen Geheimnisse, hinter die man als Gefolgsmann eines ägyptischen Präsidenten kommt. Dass Mourad Filmemacher ist, merkt man schon von der ersten Seite an: eine dunkle Gasse in der Nacht, ein Arbeiter zündet eine Strassenlaterne an, das Licht fällt auf ein Ladenschild...

  

     

Zwei Gesichter des Autors: der Rebell und der Präsidentenphotograph


Mourad ist gleich alt wie sein Protagonist Taha. Auch wenn Taha dem Gesundheitssektor angehört und Mourad deshalb umfangreiche Recherchen machen musste, so scheint er doch das "Alter Ego" des Autors zu sein. Taha kann sich nicht entscheiden: nicht für den kämpferischen Optimismus der Journalistin Sara, nicht für den resignierten Zynismus des Polizeioffiziers Walid, nicht für die resignierte Angepasstheit seines Freundes Yassir, er steht ausserhalb von allem. Diesen Eindruck vermittelt auch der Autor Ahmed Mourad. Sein Blick in die Machenschaften der Mächtigen hat seine Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Volk geweckt, und ein Blick auf das Volk scheint ihn wieder von einem mächtigen Präsidenten träumen zu lassen. Während bei Autoren wie Alaa al-Aswani, Youssef Ziedan oder Nagib Mahfus die Autorenhaltung immer klar spürbar ist, scheint für mich Mourad ein Spielball seiner eigenen Geschichte.

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