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Vor zweieinhalb Jahren lud ein Lastwagen eine komplette Schreinereiausrüstung aus der Schweiz in der Wüste bei Belbeis ab. Damit war der Grundstein zum Projekt "Schreinerei-Ausbildung bei SEKEM" gelegt, das ich 2012 angestossen und für das ich wertvolle fachliche und finanzielle Hilfe erhalten habe. Das Ziel war natürlich nicht, die fünf Tonnen Maschinen "in den Sand zu setzen", sondern mit ihnen die bestehende Lehrlingsausbildung nachhaltig zu verbessern. Die Initiative hat sich gelohnt: Heute funktioniert die Ausbildung gut. Ein Augenschein im winterlichen Sandsturm.

  

Erstjährige bei der Herstellung von Holzkistchen

Zweitjährige in der Berufsschule

    

Die SEKEM-Farm liegt am Rand des Nildeltas auf ehemaligem Wüstenboden, in der Nähe der Stadt Belbeis, eine arme Region. Die nahe Wüste ist heute besonders zu spüren, da der heftige Winterwind feinen Sand in die Augen treibt. Wie immer beim Besuch der Schreinerei ein grosses Hallo, Händeschütteln, Schulterklopfpen, Umarmungen, der Rundgang durch die Räume, Kaffee und Tee in der Kantine nebenan, Begrüssung einzelner Lehrlinge. An diesem Morgen ist es ruhig, da nur wenige Maschinen laufen. Die erstjährigen Lehrlinge stellen Holzkistchen für die SEKEM-eigene Firma Naturetex her, die zweitjährigen sind in der Berufsschule nebenan, die drittjährigen machen Unterhaltsarbeiten. Die Textilfirma wird die Holzkistchen mit Stoffpuppen und -tieren füllen und für den nationalen Verkauf und den Export herrichten. Die Serie ist gross genug, um die Handfertigkeit und das schnelle Arbeiten der Anfänger zu üben.

  

Einige Drittjährige und ihr Lehrmeister

Mohamed Saber, Ausbildungschef, in seinem Büro

   

Die Schreiner-Lehrwerkstätte arbeitet nach dem dualen System, wie es in Deutschland und der Schweiz verbreitet ist: Die Lehrlinge erhalten eine praktische und eine theoretische Ausbildung, sechs Tage (42 Stunden) über drei Jahre. Vier Tage arbeiten sie in der Lehrwerkstatt, in der Produktionswerkstatt oder in der allgemeinen Schulwerkstatt. Zwei Tage besuchen sie die Berufschule: einen Tag für die allgemeinbildenden Fächer (Arabisch, Englisch, Religion) und einen für die fachspezifische Vertiefung. Im ersten Jahr arbeiten sie vor allem an ihrer Handfertigkeit, im zweiten dürfen sie unter Aufsicht an die Maschinen, im dritten dürfen sie selbständig Maschinen bedienen.

  

Arbeit mit Lehrbüchern

... und mit Werkzeichnungen an der Tafel

    

Die Schreinerei-Ausbildung ist eine von sieben Ausbildungen des Berufsbildungszentrums (die weiteren sind Textil, Handel, Agromechanik, Mechanik, Elektro und Sanitär). Vor zwei Jahren haben die Verantwortlichen begonnen, genauere Kriterien für die Auswahl der Lehrlinge zu entwickeln. Heute existieren Formulare, die in den Poststellen der Region aufliegen. Jährlich gehen 300 bis 400 Bewerbungen ein. Wer die Kriterien erfüllt (gute Noten, gute Gesundheit, guter Leumund), darf in einer Schnupperwoche seine praktische Eignung beweisen. Schliesslich erhalten etwa 80 Interessierte eine Lehrstelle, davon 10 bis 12 in der Schreinerei.

 

Klassisch: zuschauen

... und selbermachen

     

Die Ausbildung ist gratis, anders wäre sie für viele nicht realisierbar. Es fallen pro Jahr maximal 10 Euro für Schulmaterial an. Wer trägt die übrigen Kosten? SEKEM hat mit seinen kommerziellen Betrieben die Möglichkeit, die Ausbildungsbetriebe querzufinanzieren, allerdings nur äusserst begrenzt, da gerade der ägyptische Markt keine hohen Preise zulässt. Die Schreinerei muss sich also auch über Verkauf von Produkten selbst finanzieren. Ein grosser interner Abnehmer ist die Stiftung SEKEM selber, die mit der Universität oder der Einrichtung von Verkaufsgestellen in vielen Supermärkten viele Aufträge an die Schreinerei zu vergeben hat. Daneben gehen auch Produkte auf den ägyptischen und den internationalen Markt - hier ist noch ungeschöpftes Potential. Ein Ziel für 2015 ist die Beschaffung einer Bandschleifmaschine, um schneller und präziser in Serie zu produzieren.

     

Breite Produktepalette: von Spielsachen

... bis zu Möbeln

   

Die ersten Absolventen der Schreinereiausbildung sind zum Teil geblieben, um Ausbilder zu werden. Andere wurden selbständige Schreiner oder angestellte Schreiner, bei SEKEM oderin der Region. Dass der Markt nicht einfach ist, darauf deutet hin, dass heute - trotz der Kosten - einige eine weiterführende Ausbildung anstreben, um sich als Schreiner noch besser zu qualifizieren und allenfalls eine Ingenieurausbildung an der Universität zu absolvieren.

   

Kinder in der Schulkantine

... oder im Töpferkurs in der Schulwerkstatt

   

Berufsbildungsmöglichkeiten sollte es in Ägypten viel mehr geben. Die politischen Verhältnisse der letzten Jahrzehnte waren einer Umsetzung der offiziell propagierten Ausbildungsziele nicht förderlich. Aber dafür können die meisten Ägypter ja nichts. Im Gegenteil, etwas Anschub dürfte an vielen Orten zu viel Eigeninitiative führen. Deshalb hoffe ich, dass in den nächsten Jahren noch zwei, drei, viele Lehrwerkstätten in Ägypten entstehen. Und dass ich auch selber wieder Ideen und Mitstreiter/innen finde, um sinnvolle Projekt auf den Weg zu bringen.  

 

Die Verantwortlichen der Schreinerei:
Aasim, Chef Produktion, Ali, stellvertretender Ausbildungschef,
Mohamed, Ausbildungschef,
Gamal, Chef der Berufsschule und Rektor aller Schulen, Mohamed Ali, Verwalter

   

Der Projektfilm vom November 2012

Schreinerei-Ausbildung bei SEKEM (15') 

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