Luftige Perspektive

       

Wenn ich schon in Kairo bin, dachte ich, dann besuche ich doch gleich das "Matareyya-Projekt", von dem ich via Facebook erfahren habe: ein Quartierzentrum in luftiger Höhe. Ich engagiere mich selber ab und an für Quartieranliegen in der Schweiz, da lag es nahe, um eine Führung zu bitten. Nach einer halben Stunde Metrofahrt bin ich dort. Das Protokoll eines Nachmittags in einem Vorort von Kairo. Die Fotos sind von mir und von der Projekt-Website.

    

    

    

An der Metrostation el-Matareyya holt uns Nasr Ahmed ab. Er ist Koordinator des "Matareyya-Projekts". Zu Fuss schlendern wir einer engen und belebten Strasse entlang. Während Nasr ein wenig über das Quartier erzählt, wechseln wir hin und her vom Gehsteig auf die Strasse und zurück, um den plaudernden Menschen, den vorbeifahrenden Tuktuks (Zweitakt-Kleinautos) oder anderen Hindernissen auszuweichen.

  

Die Metrostation "el-Matareyya"

Was wird aus ihnen? Alles ist möglich!

 

El-Matareyya ist ein Stadtteil im Norden von Kairo, seine Geschichte reicht in pharaonische Zeiten zurück. Heute ist es ein bevölkerungsreiches Quartier, überall kleine Märkte, viele Arme, ein farbiges, aber vernachlässigtes Stück Ägypten. Hier lebt eine junge, gebildete und engagierte Mittelschicht Tür an Tür mit einer sozial schwachen Schicht mit wenig Zugang zu Bildung und Entwicklung. Früher hatte in Matareyya die Partei des Präsidenten Mubarak das Sagen. Wer etwas brauchte, kam an den örtlichen Funktionären nicht vorbei. Nach dem Aufstand von 2011 fassten auch die Muslimbrüder Fuss, kein Wunder: mit gutorganisierter Wohltätigkeit hat man schnell Anhänger, wenn der Staat seine elementarsten Aufgaben vernachlässigt. Heute ist Matareyya immer noch ein unruhiges Quartier, säkulare und islamistische Kreise proben immer wieder den Protest, und die Sicherheitskräfte schlagen mit unverhältnismässiger Gewalt zurück. Ab und zu macht die Polizei Schlagzeilen, als zum Beispiel ein Armenanwalt in Matareyya in Polizeigewahrsam starb.  

Nach 15 Minuten Schlendern stehen wir vor dem Haus, auf dessen Dach in luftiger Höhe eine Art Quartierzentrum eingerichtet ist. Das Haus war vor über 100 Jahren ein Prachtsbau. Heute steht es immer noch solide und stolz da, das Mauerwerk scheint noch gut zu sein, aber sonst ist es verwahrlost und teilweise nicht mehr bewohnt, wie Nasr berichtet.

 

Ein Prachtsbau aus dem 19. Jahrhundert

Eine fast dörfliche Szene

  
Ausgangspunkt des "Matareyya-Projekts" war 2013 eine Bibliothek für Frauen und Kinder in einem ebenerdigen Ladenlokal. Die Bibliothek steht den einkommensschwachen Bewohnern des Viertels an den Wochentagen kostenlos zur Verfügung. Interessenten können auch an Kursen teilnehmen. Die Bibliothek kooperiert außerdem mit Schulen, um weitere Aktivitäten und Veranstaltungen zu organisieren. Wir sitzen eine Viertelstunde in der Bibliothek, in dieser Zeit kommt der Ladennachbar, um etwas gefiltertes Wasser zu holen, weil er selber keinen Wasserfilter hat. Es kommt eine Lehrerin vorbei. Dann eine junge Frau, die ein Buch zurückbringt. Nasr fischt aus einer Schatulle einen 10-Pfund-Schein und gibt in ihr. Diesen Betrag musste sie bei der Ausleihe deponieren.

 

Der Beginn: die Bibliothek

Schreibkurs in der Bibliothek

 
Die Bibliothek wurde bald zu klein, und so folgte das "ökologische Dachprojekt". Über eine grosszügige Treppe, die bessere Tage gesehen hat, gelangen wir auf das Flachdach des Prachtsbaus. Früher, sagt Nasr, seien auf dem Dach Hundezwinger gewesen.

Das Haus hat Charme, ist aber aussen...

... und innen verkommen

 
Der umweltverträgliche Ausbau des Dachs ist Resultat einer Kooperation von ägyptischen und ausländischen Archtikturstudenten und einigen Bewohnern von Matareyya. Etwas Erfahrung und viel Arbeitseinsatz, Lernbereitschaft und Idealismus haben schliesslich zur Eröffnung des neuen Begegnungszentrums im Frühling 2014 geführt.

  

Freiwillige Frauen bereiten den Lehm vor ...

... für die Wände des Holzpavillons

  

Nun liegt neu ein Klinkerboden aus gebrauchtem Material, das Flachdach ist überdeckt von Palmmatten, etliche davon hat der winterliche Sandsturm der letzten Tage weggerissen. Ein Holzpavillon bietet Platz für Veranstaltungen aller Art. In diesem Moment ist gerade eine Lehrerin aus dem Quartier daran, einigen Mädchen Englisch beizubringen.

 

Der Sandsturm hat viele Palmmatten davongetragen

Nachhilfestunde im Holzpavillon

  

Das "Matareyya-Projekt" richtet sich vor allem auf Kinder und Frauen aus. Workshops mit Jugendlichen zu Themen wie Kommunikation oder Selbstwahrnehmung, Arabisch-, Englisch- und Mathematikunterricht für Kinder, Kurse für Frauen zur Förderung einer gesünderen Ernährung oder zu Erziehungsfragen - die Palette ist breit. Anfang 2015 - so steht es in einem Bilanzpapier - hat sich ein Netzwerk von etwa 65 Frauen und vielen Kindern und Jugendlichen gebildet, die mit dem vierköpfigen Team zusammenarbeiten und lernen.
 
Einfach ist Quartierarbeit in Ägypten beileibe nicht. In der Schweiz müssen engagierte Bürger zwar auch kämpfen für ihre Anliegen. Aber irgendwann erhalten sie von den Behörden den Status eines ernstzunehmenden Ansprechspartners. Einige Kantone haben zum Beispiel die Bedingungen formuliert, unter denen sich Quartierorganisationen als Vertreter der ansässigen Bevölkerung qualifizieren können. So sind sie dann auch zu Planungssitzungen eingeladen und erhalten Zuwendungen der öffentlichen Hand. In Ägypten haben die Behörden offensichtlich kein Gespür für das Potential des Bürgerengagements. Das "Matareyya-Projekt" muss nun - wie alle anderen NGOs auch - eine offizielle Registrierung erwirken. Böse formuliert: eine Genehmigung, dass es dem Staat die Sorge um die Bürger abnehmen darf. Zudem gibt es weder in Matareyya noch in irgendeinem ägyptischen Gemeinwesen eine institulitionalisierte Gemeindedemokratie, in der die Bürger demokratische Mitwirkung lernen könnten. Deshalb muss jedes Projekt sozusagen in den Kinderschuhen starten, und "Kinderkrankheiten" sind unvermeidlich.

 
Das Matareyya-Projekt ist Teil von "Mayadin al-Tahrir", einer in Berlin ansässigen Initiative von Ägyptern und Deutschen. Dieser internationale Rahmen bringt sicher Vorteile, was die fachliche und finanzielle Unterstützung angeht. Er birgt aber auch ein Risiko in einem Land, in dem sich die Fremdenfeindlichkeit schüren und instrumentalisieren lässt - Ägypten war jahrzehntelang ein Spielball europäischer Mächte, diese sind entsprechend ein gefundenes Feindbild.

 

Der Koordinator Nasr Ahmed hat Soziologie mit Schwerpunkt Sozialarbeit studiert und mehrere Jahre für ein internationales Kinderhilfswerk gearbeitet. Nun betreut er das Matareyya-Projekt. "Wovon lebst du eigentlich, Nasr, wovon leben deine Frau und deine zwei Kinder?" Auch wenn das Matareyya-Projekt klein ist, so erhält Nasr doch einen für ägyptische Verhältnisse guten Lohn. Zudem, fügt Nasr lächend bei: "Wir führen in Marg (Vorort von Kairo) eine kleine Papeterie direkt gegenüber einer Schule. Wir verkaufen Schreibwaren und Schulbücher. Wenn ich nicht da bin, dann hütet meine Frau den Laden."

   

Nasr strahlt Lebensfreude und Optimismus aus. Das ist umso wichtiger, als das Umfeld des Matareyya-Projekts sicher oft schwierig ist. Als wir uns verabschieden, begleitet er uns noch an die Türe des Prachtsbaus und entlässt uns dann in das Gewimmel der Strassen Matareyyas.
 
  

Links

Film 2014 über das Matareyya-Projekt (Arabisch mit englischen Untertiteln): https://vimeo.com/73368334

Website der Initiative Mayadin al-Tahrir (Deutsch): http://www.mayadinaltahrir.org/

   

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