Flucht in die Zukunft

     

Vor Jahrzehnten war ich in Paraguay in einem Schweizer Entwicklungsprojekt tätig und sollte herausfinden, was aus den dort ausgebildeten Forstwarten geworden war. Damals war gerade der gigantische Itaipú-Staudamm in Betrieb genommen worden. Auf meiner Rundreise quer durch Paraguay fand ich einem kleinen Dorf an einem heissen Nachmittag einen der Forstwarte. Einen Job hatte er nicht. Er empfing mich freundlich in seiner Hütte, in einer Hand ein Horn mit Mate-Tee, die Füsse im offenen Kühlschrank. Was das mit Mega-Projekten und mit Ägypten zu tun hat, das ist Thema dieses Blog-Beitrags.

  

Rosige Zukunft dank Mega-Staudamm

Natürlich sprach ich den Forstwart auf die Füsse im Kühlschrank an. Klar, meinte er gutgelaunt, dem Kompressor tut das nicht gut, aber der Strom ist spottbillig. Paraguay hatte damals gerade den Itaipú-Staudamm gebaut.

   

Itaipú - der "singende Felsen" - lange Zeit das Symbol für eine strahlende Zukunft

 

Das Itaipú-Stauwerk in Paraguay war bis 2006 das grösste der Welt. Verwendung für den Strom gab es in der näheren Umgebung wenig. Über Starkstromleitungen ging das meiste nach Sao Paulo und Rio de Janeiro. Nun war Strom für Paraguay da, aber kaum industrielle Abnehmer. Und das Geld für die Förderung von Industrie und Gewerbe, das war in das Staudamm-Projekt geflossen, und in die Schuldentilgung. Ein Gross-Projekt hatte Hunderten von Kleinprojekten buchstäblich das Wasser abgegraben. Dazu kamen Zehntausende von umgesiedelten Indios, Zehntausende von Hektaren gerodetem Urwald… Einen Job hat der Forstwart nicht bekommen, dafür konnte er sich billig die Füsse kühlen. Immerhin.

   

Warum hat sich Paraguay überhaupt für diesen Staudamm engagiert, warum galten damals Mega-Projekte international als „grosser Sprung nach vorn“ für Entwicklungsländer? Mega-Projekte hatten verschiedene Vorzüge:

   

  • Internationale Kooperation war einfacher bei grossen, straff geführten Projekten. Bei ländlichen Entwicklungsprojekten würden – so fürchtete Diktator Stroessner – die Menschen Demokratie einfordern und Korruption und Willkür bekämpfen. Einen solchen „Kommunismus“ wollte er nicht.
  • Mega-Projekte eignen sich vorzüglich zur Pflege des nationalen Stolzes und zur Herrschaftssicherung der regierenden Partei.
  • Multinationale Unternehmen reden gerne von „Wandel durch Handel“. Schweizer und deutsche Konzerne haben Turbinen und Generatoren für den Staudamm Itaipú geliefert. Ihre Millionengewinne rechtfertigten sie mit dem Argument der Entwicklungsförderung.
  • Zudem liess sich mit Mega-Projekten auch im Land selber Geld verdienen. Es wurden Gelder unter dem Tisch Geld bezahlt, ein willkommener Zusatzverdienst für Regierungsbeamte. Eine Goldgrube auch für nationale die Bauwirtschaft und befristete Arbeit für die vielen Arbeitslosen.

   

Natürlich können Gross-Projekte ein Land voranbringen. Dies wird allerdings nur gelingen, wenn ein genügender Teil der Ressourcen auch für Arbeitsbeschaffung, Ausbildung, Transportmittel, Förderung von Privatinitiative zur Verfügung steht – das heisst für die alltäglichen Probleme der Gegenwart. Die wollte allerdings die paraguayische Führung nicht – zu viel politisches Risiko, zu wenig fette Geschäfte. Lieber in eine Zukunft flüchten, die später einmal alle Probleme lösen soll.

   

Die Windparks von heute - Schrott von morgen?

Die Flucht aus der Gegenwart ist leider auch in Ägypten ein gängiges Herrschaftsprinzip, zum Beispiel im Energiesektor. Ende des letzten Jahrhunderts sind am Roten Meer Windparks entstanden, gigantische Anlagen für viele Millionen Dollars, mit Geld aus dem In- und Ausland. Nun stehen einige der Wind-Turbinen – wie mir ein Entwicklungsfachmann erzählt hat – still: Mangel an Unterhalt. Kein Problem: Wir fliehen in die Zukunft und kaufen einfach neue Turbinen, und die Golfstaaten, die EU und die USA helfen mit Geld aus! Die Anlagen laufen, solange sie eben laufen, und dann existieren sie als Schrottlandschaft weiter.

  

Erneuerbare Energie ist Ägyptens Zukunft, aber auch die Bewirtschaftung muss nachhaltig sein

  

Natürlich will das die Regierung nicht. In ihrer Entwicklungsstragie „2030“ sieht sie die Nutzung lokaler Energie vor – herkömmliche und erneuerbare. Auch soll die ganze Energiewirtschaft effizienter werden. Wie aber soll das geschehen, wenn keine Kontrolle möglich ist? Schon heute wagt kaum jemand, einen der unfähigen oder korrupten Direktoren der Elektrizitätswerke anzuzeigen. Die regelmässigen Stromunterbrüche bleiben ohne Folge, lokale Initiativen werden nicht gefördert, sondern durch behördliche Schikanen behindert.

     

Auch die multinationalen Konzerne wünschen Ägypten das Beste. Kritik hört man aber von ihnen nicht. Am Entwicklungsgipfel in Sharm el Sheich vor wenigen Wochen gab ein Siemens-Chef unumwunden zu, dass sie angesichts der schwierigen Marktverhältnisse in Europa froh sind, den Ägyptern einige Kraftwerke mitsamt Infrastruktur verkaufen zu können. Dazu kommen riesige Solaranlagen. Der Schrott von morgen, ist zu befürchten.

   

Nun endgültig: die Hauptstadt der Zukunft!

Den Gipfel der Fluchtmentalität bildet nun das Projekt eines neuen Kairo. In der Wüste soll eine neue Stadt für fünf Millionen Einwohner entstehen, ein Paradies für den neuen Mittelstand, und eine Entlastung für die übervölkerte Hauptstadt Kairo.

  

Die neue Hauptstadt - verführerische Zukunftsmusik

  

Zu Recht erörtert der Historiker Khaled Fahmy, was man mit den Milliarden-Ausgaben für das „real existierende“ Kairo tun könnte: „Ich frage mich, was mit Kairo passieren wird, Ägyptens Hauptstadt seit mehr als 1000 Jahren. (…) Mit 66 Milliarden US-Dollars liessen sich ohne weiteres die Probleme des Verkehrs, des Wohnungsbau, der Wasserversorgung und –entsorgung und der Kehrichtabfuhr lösen. Mit 66 Milliarden US-Dollars könnten wir zudem die Probleme des Kairoer Kernstadt lösen, wo 63 % der Stadtbewohner leben. Wir könnten sie versorgen mit allem, was man ihnen in den letzten 50 Jahren vorenthalten hat: trinkbares Wasser, Gesundheitsversorgung, saubere Luft, Erholungszonen und vieles andere. Mit 66 Milliarden US-Dollars könnten wir den Lebensstandard von Millionen von Kairoern und Ägyptern heben, die im besten Fall als Zweitklass-Bürger im eigenen Land behandelt werden.“ [Artikel im Wortlaut, Englisch]

    

Ägyptens Führung ist daran, alle Fehler zu wiederholen, die Staatsführungen gemacht haben, zum eigenen Nutzen und zum Schaden des Volkes. Dabei gibt es aus verschiedenen Ländern Bilanzen des Mega-Städtebaus. Auch für Ägypten gibt es eine neue Studie, die den Hoffnungen auf einen Umbau der Wüste in eine gewaltige Städte- und Farm-Landschaft einen Dämpfer aufsetzt. [Buchanzeige, Englisch]

   

Tatsächlich kann man eine lebendige Stadt nicht einfach aus dem Boden stampfen. Brent Toderian, früherer Chefplaner von Vancouver und Städtebau-Berater, meint: „Historische und moderne Studien weltweit zeigen, dass der Bau einer neuen Stadt von Null an wie ein Lotteriespiel ist. (…) Am bedrückendsten fand ich das Tempo, das für den Bau vorgesehen war – fünf bis sieben Jahre. Das ist unglaublich schnell. Wenn Sie so schnell bauen, dann wird daraus eine Geisterstadt, wie die meisten Beispiele gezeigt haben.“

   

Diesem Problem entgeht auch Ägypten nicht. Patrick Kingsley, Kairoer Korrespondent von „The Guardian“, stellt fest: „Ägypten hat eine Geschichte des Baus unvollendeter Städte in der Wüste, Resultat der jahrzehntealten Vorstellung, dass Satellitenstädte die übervölkerten Grossstädte entlasten werden. Aber die Erfahrung hat wieder und wieder anderes gezeigt. Die 22 existierenden „neuen Städte“ – einige sind über 30 Jahre alt – haben insgesamt kaum mehr als eine Million Einwohner und viele leerstehende Wohnungen.“

   

Flucht aus der Gegenwart führt zu Bevölkerungsexplosion

Dass die Mega-Projekte der Regierung populär sind, darf angesichts der fehlenden Alternativen nicht erstaunen. Viele Ägypter aus dem Mittelstand haben Anteilscheine für das Suez-Erweiterungsprojekt gekauft und vertrauen nun darauf, dass eine Rendite weit über der Inflation herausschaut. Hoffentlich führen ja einige dieser Projekte zu guten Resultaten.

   

Die Gelder für all die Mega-Projekte sind allerdings das ägyptische Volksvermögen von heute und die Schulden von morgen. Die grossen Projekte bringen Arbeit – aber meist nur auf Zeit. Sie schaffen Wohnraum – aber nicht für die Armen. Wenn aber die Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung in Armut, ohne Arbeit und ohne menschenwürdige Wohnverhältnisse sich selber überlassen bleibt, dann wird dort die Bevölkerung zunehmen.

   

Das katholische Spanien hat beispielsweise den Wechsel von der Gross- zur Kleinfamilie in weniger als einer Generation geschafft: Hintergrund waren das Ende der Franco-Diktatur und der Aufschwung der Wirtschaft in den 70er/80er Jahren. Heute geht es den Spaniern trotz Wirtschaftskrise sehr viel besser als noch vor 50 Jahren – kein Vergleich mit Ägyptern heute.

   

Diesen Wechsel könnte auch Ägypten schaffen. Auch in Ägypten könnten die armen Familien so weit kommen, dass sie nicht zehn Kinder auf die Welt setzen, die sie dann zum Betteln auf die Strasse schicken. Aber dann müsste die Regierung aufhören, vor den laufenden Problemen davonzulaufen und die Ressourcen in Riesenprojekte zu stecken, die dann die Probleme „irgendwie“ lösen sollen.

   

Dazu müssten Tausende von Initiativen an der Basis die Bemühungen der Regierung unterstützen. Es GIBT in Ägypten Tausende von Organisationen, die sich um das Wohl der Bevölkerung bemühen. Aber die Regierung misstraut ihnen und behindert ihre Arbeit durch unsinnige bürokratische Auflagen, Ausschluss aus allen Planungsverfahren, Verhaftung aufmüpfiger Bürger.

   

Die internationale Gemeinschaft kann sich der Verantwortung nicht entziehen. Wer mit Ägypten Geschäfte macht, wer mit Ägypten Projekte durchführt, wer überhaupt mit Ägypten zusammenarbeitet, der unterstützt entweder die eine oder die andere Entwicklung. Die Kriterien wären da, sie heissen "Good Governance". Aber gerade hat die ägyptische Führung vom Menschenrechtsrat der UNO attestiert erhalten, dass sie sich wirksam um den demokratischen Übergang in Ägypten bemühe - dies obwohl sich 15 namhafte Menschenrechtsorganisationen aus Ägypten dagegen ausgesprochen hatten. Ein jämmerliches Spektakel.

   

Wie der paraguayische Forstwart, so geniessen auch die Armen Ägyptens einige winzige Vorzüge: billigen Strom, billiges Benzin, billiges Brot… Präsident Sisi ist aber entschlossen, die Subventionen in den nächsten Jahren völlig herunterzufahren. Eigentlich ein vernünftiger Schritt, wenn denn ein Teil der Ressourcen für die Lösung der heutigen Probleme zur Verfügung stünden und nicht nur in gewaltige Zukunftsprojekte fliessen würden.

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