Kopftuch made in Switzerland

    

Eine junge Schweizerin in Zürich beschliesst, drei Monate ein Kopftuch zu tragen. Sie ist frischverheiratet mit einem ägyptischen Arzt, der gar nicht erfreut ist über ihre Entschlossenheit, sie aber gewähren lässt. Das Kopftuch bleibt nicht unbemerkt und nicht ohne Folgen. Eine Kette von unglücklichen Umständen kann diese kleine Provokation sogar ins Dramatische kippen lassen - auch in der aufgeschlossenen Schweiz. Daniel Suters "Die ägyptische Tochter" ist eine Mischung von Gesellschaftsanalyse und Krimi - auf jeden Fall eine gute Lektüre für die kommenden Sommerferien!

   

Der Roman beginnt mit dem Stadtplaner Robert Bannwart: Das Parlament bewilligt sein Projekt Metropolis Media Center, das Zürich einen Platz in der Filmwelt sichern soll. In dieser Zeit heiratet seine Tochter Nora den ägyptischen Arzt Sami, die Feier findet in Zürich und in Kairo statt. Als Bannwart aus Kairo zurückkommt, hat sich gegen Metropolis Opposition von links und rechts formiert, immer aggressiver richtet sich die Propaganda gegen den deutschen Investor und seinen "Protz-Klotz". Doch als Direktor des Amtes für Städtebau ist Bannwart Auseinandersetzungen gewohnt. Mit einer Talkshow kann er die Stimmung wieder zu seinen Gunsten wenden. Ratlos lässt ihn hingegen seine Tochter Nora, die am Weihnachtsessen beiläufig erwähnt, sie sei Muslimin. Es kommt zum Familienkrach, und Nora beschliesst, drei Monate lang das islamische Kopftuch zu tragen - aus Trotz. Ihrem Mann Sami ist das peinlich; er ist nicht religiös und fürchtet negative Konsequenzen. Eine davon bringt Nora in Untersuchungshaft, und bald wissen die Medien, wer der Vater der inhaftierten Muslimin ist. Auf einmal muss Robert Bannwart seine Familie und sein Amt vor zudringlichen Journalisten schützen. Ein Kesseltreiben beginnt, die Ereignisse überstürzen sich.
 
Daniel Suters Roman ist 2012 erschienen und ist auch als e-Book erhältlich. Der Autor ist Schriftsteller und hat viele Jahre als Journalist für den "Tages-Anzeiger" geschrieben. In Interviews spricht er von den drei Themenkreisen des Buchs: das politische Ränkespiel rund um Mega-Bauprojekte in Zürich, die gesellschaftliche Intoleranz, die sich gegen Deutsche und Muslime richtet, und schliesslich die Rolle einiger Medien, die weniger der Verständigung als der Eskalation dienen. Autobiographisch ist der Roman wohl nicht, hingegen beruht er auf persönlichen Erfahrungen des Autors und vor allem auf guter Recherche. Auch Ägypten kennt Suter: Er hat 1992 einige Monate in Kairo verbracht und dort auch ein wenig Arabisch gelernt.

Oft hat die Geschichte eine sarkastische Schärfe, welche die bedrückende Atmosphäre fast körperlich spürbar macht. Als der verunsicherte Chef Bannwart sich fragt, ob er sich wegen seiner Tochter einer Untergebenen anvertrauen soll, die wie alle im Amt die Geschichte gerüchteweise kennt, kommt er zum Schluss:
"Die würde ihn ausfragen, gnadenloses Mitgefühl, unerträglich. (...) Er fährt im Tram nach Hause. Aussen zieht die Stadt und innen der Tag an ihm vorbei. Armer Chef. Natürlich haben alle an Nora gedacht. Arme Nora."

  

Kein Ruhmesblatt für die weltoffene Schweiz

Als Bannwart seine Tochter Nora im Untersuchungsgefängnis besucht, sagt sie: "Das Volk macht mir Angst. Bald stimmt es darüber ab, ob Minarette verboten werden." Ihr Vater darauf: "Diese Sektierer-Initiative? Vergiss es! Niemals kommt die durch." Das Parlament habe die Initiative haushoch abgelehnt. Darauf Nora: "Aber das Volk denkt anders. Das weiss ich. (...) Weil ich es drei Monate erlebt habe. Sogar meine alten Freundinnen. Ich war die gleiche Nora wie früher. Sie aber taten so, als hätte ich mich verändert, als wäre unter dem Tuch ein fremder Kopf." Tatsächlich nahm das Stimmvolk 2009 die Minarettverbots-Initiative an, während Daniel Suter an seinem Roman arbeitete. Auch gegenüber den Deutschen hat sich das Klima seither verschlechtert.

Suters Geschichte zeigt, dass auch in der wohlhabenden und aufgeschlossenen Schweiz mit harten Bandagen gekämpft wird, wenn es um Geld und Einfluss geht. Dass auch in der Schweiz Stimmungen kippen und fremdenfeindliche Gefühle aufkommen können. Und dass Medien auch in der Schweiz Öl ins Feuer giessen und damit gesellschaftliche Konflikte aufheizen können.

Dies ist auch mit Blick auf Ägypten bedeutsam. Ägypten hat weder den Wohlstand noch die politische Kultur der Schweiz. So eskalieren Konflikte leider oft noch viel mehr und reissen tiefe Gräben in die Bevölkerung. Nach dem Sturz des Präsidenten Mursi im Sommer 2013 ging eine Welle des Hasses durch das Land, intensiv befeuert von den Medien und den Behörden. Fernsehkanäle hörten ungestraft Telephonkanäle ab und qualifizierten Anführer des Aufstands von 2011 als "Landesverräter", die Behörden riefen die "ehrbaren Bürger" auf, jeden Verdächtigen gleich bei der Polizei zu melden - und viele, sehr viele machten mit. Alle Probleme reduzierten sich über Nacht auf ein einziges: die Muslimbrüder. Die Hass-Stimmung nutzte die Regierung, um nach und nach nicht nur die Muslimbrüder, sondern auch liberal-säkulare Kräfte und schliesslich die Exponenten des Aufstands von 2011 hinter Gitter zu bringen. Und viele jubilieren zu dieser Art von "Komplexitätsreduktion". In Facebook sahen sich plötzlich Tausende auf der Gewinnerseite: Sisi würde die Revolution vor dem Islamisten retten, tausend tote Ägypter - selber schuld! Wer Kritik äusserte, war sofort als Helfershelfer der Muslimbrüder "entlarvt", das heisst als Extremist, das heisst als Terrorist (s. Blog "Facebook Generation"). Im Gegensatz zur Schweiz ist leider die Heilung von solchem kollektiven Wahn nicht so schnell möglich, dazu war der Blutpreis zu hoch.
 

Eskalationsgefahr im Ausmass wie in Ägypten besteht in der Schweiz nicht. Noch gilt die Schweiz als ruhiges und aufgeschlossenes Land: Die Frauen spielen unterdessen in der Politik eine wichtige Rolle, einige wenige haben es auf Chefsessel in der Wirtschaft geschafft, die Banken sind nicht mehr ohne weiteres ein sicherer Hafen für Diktatorengelder. Trotzdem: Was soll ich sagen, wenn mir ein Ägypter sagt, in Ägypten würden immer noch Kirchen mit Kirchtürmen gebaut, es gebe koptische Stadtteile und Dörfer, trotz immer wieder aufflackernden Konflikten sei das Zusammenleben von Muslimen und Kopten friedlich - und in der Schweiz tobe ein Kampf um ein Kopftuch oder einige Minarette? Auf jeden Fall: gute Lektüre!

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