Arche Noah

               

Brüssel ringt gegenwärtig darum, die unzähligen Bootsflüchtlinge auf die EU-Mitgliedsländer zu verteilen und die Flüchtlingswelle einzudämmen. Die Verteilung ist mit politischem Willen machbar. Längerfristig drohen aber die Flüchtlingszahlen zu explodieren. Nicht nur der Krieg, sondern auch die schiere Auswegs- und Perspektivenlosigkeit lässt nämlich immer mehr Menschen von einer "Arche Noah" träumen, die sie wegträgt in ein besseres Leben.  Chaled al-Chamissi habe ich hier bereits vorgestellt (s. Blog "Taxi"). Mit seinem Roman "Arche Noah" macht er nachvollziehbar, warum in Ägypten viele junge Menschen - trotz aller Liebe zu ihrem Land - schliesslich das Heil in der Emigration suchen.

    

   

Safinit Nouh
Dar asch-Shurouq (2009)

Arche Noah
Lenos-Verlag (2013)

  

Reigen von Einzelschicksalen

Chalid al-Chamissis Roman "Arche Noah" ist 2009 auf Arabisch und 2013 in deutscher Übersetzung erschienen. Er geht den Schicksalen einer Handvoll Ägypter nach, die ihren Weg in ihrer Heimat suchen und schliesslich nur noch die Auswanderung als Perspektive sehen. Einer von ihnen ertrinkt dabei beinahe vor der libyschen Küste.

Chamissis Roman ist eine Folge von Einzelgeschichten. Die Erzählerin - das erfahren wir erst auf den letzten Seiten - erfährt von ihrer Tochter, dass diese auswandern will. Unter diesem Eindruck beschliesst sie, all die Geschichten aufzuschreiben von Verwandten und Freunden, die auf einer "Arche Noah" ihre Heimat verlassen und in der Fremde ein neues Leben beginnen möchten.

Die erste Geschichte handelt von Achmad Iseddin. Achmad ist Jurist geworden, weil er davon träumt, als Staatsanwalt für Recht und Gerechtigkeit zu kämpfen. Er muss aber bald feststellen, dass ihm dazu Geld und Beziehungen fehlen, und mit Recht und Gerechtigkeit hat das Metier nichts zu tun. Achmad liebt die Kommilitonin Hagar, sie führen seit mehreren Jahren eine innige Liebesbeziehung. Er aber leidet darunter, dass er Hagar wohl niemals das wird bieten können, worauf sie nach seiner Ansicht Anspruch hat. Deshalb gibt es ihr eines Tages den Laufpass und beginnt per Internet eine Beziehung mit einer US-Amerikanerin. Er will weg. Sein Plan geht aber nicht auf, die Geschichte ist nicht zu Ende. Für Hagar ist die Trennung ein schwerer Schlag. Schon bald drängt sie ihr Vater, einer Hochzeit mit einem Ägypter mit US-Pass zuzustimmen. Sie zieht zu ihrem ungeliebten Mann in die USA, und auch diese Geschichte ist damit nicht zu Ende... Das nächste Einzelschicksal ist ein Angestellter von Hagars Mann, und so geht der Reigen weiter, bis sich am Schluss der Kreis schliesst.

Chamissi und seine beiden Romane

Wie "Taxi" und "Diamantenstaub" spielt "Arche Noah" in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Hintergrund ist das Ende der Mubarak-Ära, die einer selbstbewusst gewordenen Jugend zu wenig Chancen für ein Leben in Würde und Wohlstand bot. Chamissi ist ein Chronist dieser Umbruchszeit, die 2011 in den "Arabischen Frühling" mündete. Der Aufstand von 2011 hätte eine Umgestaltung des Landes bringen sollen, dies war der Wunsch aller Beteiligten. Erschreckend ist nun, dass das Sisi-Regime fast zwei Jahre nach dem Putsch ausser ehrgeizigen Grossprojekten (s. Blog "Flucht in die Zukunft") und noch mehr Einmischung der Armee in die Wirtschaft kaum Perspektiven bietet für die Millionen von Akademikern, kleinen Geschäftleuten, Slumbewohnern. Das Land ist in Korruption erstarrt, und diese aufzubrechen ist nur möglich, wenn Zivilcourage wieder eine Tugend wird und nicht mit Entlassung oder Gefängnis endet. Nichts wie weg - diese Parole ist von ungebrochener Aktualität.

     

War "Taxi" noch in der Art einer journalistischen Reportage gehalten, so wird "Arche Noah" der Gattung Roman gerecht. Die Figuren erhalten mehr Entfaltungsraum, die Geschichten sind stärker miteinander verknüpft, es gibt einen Erzählbogen. An Schriftsteller wie Naguib Machfus oder Alaa al-Aswani kommt Chalid al-Chamissi an Präzision und Sicherheit nicht heran. Er schreibt aber sehr anschaulich, und ergreifend ist das Buch allemal.

   

"Good Governance"

Natürlich sind für das Flüchtlingsdrama in erster Linie die korrupten Regierungen in der Dritten Welt verantwortlich. Der Westen hat aber mit seiner wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit - langfristig betrachtet - einen Einfluss: Er kann sich mitverantwortlich machen für die schreiende Ungerechtigkeit, in der die Menschen leben müssen, oder er kann seine Kooperation dem Prinzip der "Good Governance" (gute Regierungsführung) unterstellen. Diese umschliesst die tatsächliche Erfüllung der Staatsaufgaben (Bildung, soziale Sicherheit, Wirtschaftsförderung usw.), die wirksame Bekämpfung von Korruption, die Achtung der Menschenrechte, die Förderung von Eigeninitiative, kurz den Dienst an der Bevölkerung. Die Unterstützung des Westens sollte Fortschritte in diesen Bereichen erleichtern. Die Wirklichkeit sieht oft umgekehrt aus. Die Polizisten, die in Chamissis Roman Demostrantinnen sexuell misshandeln und einen Professoren verprügeln - sie erhalten nun Ausbildung durch die deutsche Polizei. Die Ärztin, die im Roman Korruption aufdecken will, wird Opfer eines Regimes, das sich der westlichen Unterstützung gewiss ist. Westliche Grosskonzerne investieren auch dann, wenn viel Geld in der Tasche einiger Weniger verschwindet und die Rentabilität nur dank Hungerlöhnen gesichert ist. Und wie in Europa wollen Grosskonzerne die Regierungen zur Entschädigung zwingen können, wenn diese beispielsweise Mindestlöhne verfügen oder freie Gewerkschaften tolerieren. Eine wache Zivilgesellschaft kann unter diesen Bedingungen nicht entstehen, und ohne diese kann es keinen Wohlstand geben.

Sicher wird Europa in Zukunft Millionen von Menschen die Aufnahme verweigern müssen. Der soziale Zusammenhalt, die Schulen und die Sozialwerke haben ihre Grenzen. Aber legitim erscheint diese Zurückweisung nur, wenn Europa (und die Schweiz) eine echte Friedens- und Entwicklungspolitik gegenüber der Dritten Welt vorweisen und den Menschen von dort mehr Perspektiven in ihren Ländern vorzeigen können. Noch ist der Weg dorthin weit. Noch tut Europa wenig gegen Waffenverkäufe in Krisengebiete, noch stützt es korrupte Regimes, die das Land mehr plündern als entwickeln, noch setzt es eher auf lukrative Grossprojekte als auf den Aufbau von Infrastruktur und Berufsbildung...

 

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Es lohnt sich, wieder einmal Manu Chao, den Barden der Globalisierungskritiker, zu hören. Zum Beispiel seinen Song "Desaparecido" von 1998: "Ich brach auf, um in einer Stadt des Nordens zu arbeiten. Aber ich verlor mein Leben zwischen Ceuta und Gibraltar."

Oder den Dokumentarfilm "Neuland" über die Basler Integrations- und Berufswahlklassen (2010) anzuschauen. Die Schule kämpft dafür, dass junge Flüchtlinge aus der Dritten Welt nach zwei Jahren selbständig und ohne Sozialhilfe durchs Leben kommen - oft mit Erfolg. Ein ergreifender Einblick in mehrere Einzelschicksale. Wer mag, kann einem Zeitungsbericht von 2014 entnehmen, was aus einigen der Flüchtlinge aus dem Film geworden ist.

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