Real-Satire

      

Nehmen wir an: 2009 reist der Schweizer Finanzminister Hans Rudolf Merz nach Washington zum frischgewählten US-Präsidenten Barack Obama. Es gibt eine Medienkonferenz, und da ruft ein Exil-Schweizer in die Menge: „Nazi-Gold!“ Eine satirische Anmerkung zu Präsident el-Sisis Besuch in Berlin und zum Zwischenruf an der Medienkonferenz.

 

Die Schweiz am Pranger: UBS-Skandal, Bankgeheimnis...

2009 reist also – so unsere Annahme – Finanzminister Bundesrat Merz nach Washington. Die Schweiz steht international in der Kritik. Gerade die US-Medien gehen mit der Schweiz hart ins Gericht: Die Schweizer Grossbank UBS soll in den USA Kunden aktiv beim Steuerbetrug unterstützt haben, die Schweizer Banken würden sich bei vielen heiklen Fragen auf das Bankgeheimnis berufen, sei dies bei nachrichtenlosen Vermögen, Gold aus der Nazi-Zeit, Geld von Diktatoren aus der ganzen Welt, überhaupt bereichere sich die Schweiz auf unfaire Weise durch ihre Nicht-Kooperation mit ausländischen Steuerbehörden. Mit Minister Merz ist auch ein 50-köpfiger Medientross angereist.

 

Vor dem Weissen Haus, wo die Pressekonferenz stattfinden soll, wartet eine stattliche Anzahl von Schweizer Demonstranten. Sie skandieren: „Merz, hau ab! Für eine saubere Schweiz! Weg mit dem Bankgeheimnis!“ Als der Konvoy von Merz vorfährt, können zwei Demonstranten bis zu Merz‘ Auto vordringen. Sofort springen einige Schweizer Sicherheitsbeamte vor, beschimpfen die Landsleute mit Ausdrücken, die garantiert aus dem Ausland stammten, schubsen und treten sie und werfen sie den herbeigeeilten US-Sicherheitsleuten in die Arme. Bundesrat Merz kann sich beruhigt zurücklehnen.

    
Die Schweizer Botschaft in Washington ist auch nicht untätig geblieben. Sie hat im Vorfeld „alle ehrbaren Schweizer“ in den USA aufgefordert, sich zur Begrüssung von Minister Merz vor dem Weissen Haus zu versammeln. Am Ankunftstag verteilen Botschaftsangestellte Schweizer Fähnchen an die versammelten Demonstranten, und auch Handzettelchen mit dem Text der Schweizer Nationalhymne:

  
Trittst im Morgenrot daheeeer
Seh ich dich im Strahlenmeeeeeeer!

 
An der Pressekonferenz hören die Schweizer Journalisten den Worten Obamas schweigend zu. Erst als Merz drankommt und den Schweizer Finanzplatz als sauber und transparent zu loben beginnt, klatschen sie begeistert.  Da ruft ein aufgeregter, in den USA lebender Schweizer laut in den Saal: „Nazi-Gold! Diktatoren-Komplize, Geldwäscher!“ Er wird von Sicherheitsleuten umringt und abgeführt. Um das Handgemenge und die Rufe zu übertönen, erheben sich die Schweizer Journalisten und beginnen zu skandieren: „Hopp Schwyz! Hopp Schwyz! Hopp Schwyz!“, den Schweizer Schlachtruf für Fussballspiele. Bundesrat Merz und Präsident Obama sind schon längst von Schweizer und US-Sicherheitsleuten in einen Nebensaal entführt worden. Dort zeigt sich Merz erschüttert und lässt durchblicken, dass diesem Schweizer Nestbeschmutzer die Staatsangehörigkeit entzogen werden muss.  

   
So war es nicht – zum Glück!

Alt-Bundesrat und Finanzminister Hans Rudolf Merz

Diese Szenen haben natürlich nie stattgefunden. Bundesrat Hans Rudolf Merz politisiert in einem demokratischen Land. Er hätte sich in Grund und Boden geschämt oder sich zumindest vor der öffentlichen Meinung gefürchtet, wenn die Presse ihm offen applaudiert hätte. Er wäre entrüstet gewesen, wenn sich seine Sicherheitsleute wie Rambos aufgeführt hätten. Es käme ihm niemals in den Sinn, einen unbotsamen Bürger ausbürgern zu wollen. Und vor allem: Er hätte sich zutiefst betrübt gezeigt, wenn er Schweizer mit dieser Aggressivität gegen Schweizer hätte demonstrieren sehen.

   
Zum Glück haben diese Szenen nicht stattgefunden! Die Presse ist manchen Politikern ein Dorn im Auge, aber es herrscht weitgehend Konsens, dass sie unabhängig und unbestechlich sein muss, sie darf sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Wer protestiert, hat strafrechtliche Folgen zu gewärtigen, aber seine Würde ist unantastbar, und jede amtliche Massnahme hat sich streng an der Verhältnismässigkeit zu orientieren. Überhaupt braucht die Schweiz auch unbequeme Bürgerinnen und Bürger, nur so entsteht überhaupt der Druck zu Veränderung und Erneuerung. Dazu sind Streit und Auseinandersetzung nötig, aber nicht Brachialgewalt und Diskriminierung.

    
Natürlich sind diese Prinzipien auch in der Schweiz ein Ideal, an das die Praxis oft nicht herankommt. Aber dieses Ringen um die Prinzipien gibt der Schweiz Impulse zur Veränderung. Etwa in der Bankenfrage: Sogar Finanzminister Merz - anfänglich ein vehementer Befürworter des Bankgeheimnisses - hat sich schliesslich der öffentlichen Meinung gebeugt.

     
Difficile est, satiram non scribere

Juvenal, römischer Satiriker

Vor fast 2000 Jahren hat der römische Dichter Juvenal seinen berühmten Satz niedergeschrieben: Difficile est, satiram non scribere – Es ist schwer, keine Satire zu schreiben. Gemeint ist: Man kann sehr wohl verrückte Geschichten erfinden wie den Besuch von Finanzminister Merz in Washington. Aber die Wirklichkeit erfindet selber Geschichten, die sich kaum ernsthaft, sondern nur als Satire erzählen lassen. Real-Satiren eben.

   

In Wirklichkeit ist nicht Merz 2009 nach Washington, sondern der ägyptische Präsident el-Sisi 2015 nach Berlin gereist. Die geschilderten Details treffen aber auf den Sisi-Besuch zu. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen gab ein wenig Protest. Der Präsident hatte an der Pressekonferenz dicke Schweisstropfen auf der Stirne, aber wohl kaum, weil er sich für die Lakaien-Presse aus seinem Land schämte. Vermutlich war er nervös, weil es eine junge Ägypterin – sie studiert in Deutschland, wo sie auch ein Spitzen-Abitur erreicht hat - geschafft hatte, durch alle Sicherheitskontrollen in den Saal zu gelangen und ihre spitzeste Waffe zu zücken: das Wort! Und dann die Aufmärsche von Sisi-Anhängern und -Gegnern auf der Strasse - kein schönes Bild.

      
So bleibt von Präsident el-Sisis Auftritt in Berlin eigentlich nur diese Botschaft:

  • Ägypten entwickelt sich, wenn niemand das Gegenteil behaupten darf!
  • Die Ägypter sind sehr wohl lernfähig, wenn man ihnen die Lektion mit Schimpf und Stock einbläut!
  • Ägypten hat genug kluge Köpfe und gedeiht auch ohne Kritiker!
  • Ägypten ist einig und stark, wenn es alle Andersdenkenden bekämpft – und seien es Millionen!

 Difficile est, satiram non scribere!

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