Wer den Wind sät

    

„Wer den Wind sät: Was westliche Politik im Orient anrichtet“ – die spannende und tiefschürfende Sommerlektüre für alle, die verstehen wollen, wie der Westen die Probleme des Orients mitverursacht. Michael Lüders‘ These ist einfach: Für die schreienden Missstände in den Entwicklungsländern, die Flüchtlingsströme, den Terrorismus sind zahlreiche orientalische Diktaturen direkt verantwortlich. Allerdings ist es eine Mär, dass der Westen sich gegen diese Diktaturen für mehr Demokratie und Gerechtigkeit einsetzt. Letzten Endes – so Lüders – verdanken viele orientalische Despoten ihr Überleben westlicher Unterstützung. Es braucht eine Neubesinnung auch des Westens!  

  

„Sündenfall“ Iran 1953

2015, Print und E-Book

Als erste grosse Station der westlichen Einmischung beschreibt Lüders die Ermordung des iranischen Premiers Mohammed Mossadegh 1953. Ein demokratisch gewählter Präsident wird Opfer eines Attentats, an dem die US-amerikanische CIA und das britische MI6 massgeblich beteiligt waren. Dass Mossadegh ein Bewunderer der USA war, hat ihm nichts genützt. Iran exportierte damals das meiste Öl, und eine Verstaatlichung der Ölindustrie wollte der Westen nicht hinnehmen. Es folgten die Diktatur des Schahs Reza Pahlevi und 1979 die des Ajatollah Khomeiny. Noch heute ist für viele Iraner klar, dass der Westen nichts als Eigeninteressen vertritt und Demokratie ein Vorwand ist. Zwar hat Barack Obama in seiner Kairoer Rede von 2009 recht offen von diesem „Sündenfall“ gesprochen, aber insgesamt haben die westlichen Regierungen ihre Fehler nicht aufgearbeitet und nicht korrigiert.

  

Eine andere Geschichte beginnt 1979 mit dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan. Die USA verbündete sich damals mit dem stockkonservativen Saudi-Arabien, um die islamistischen Kämpfer Afghanistans gegen die Sowjetunion zu bewaffnen und auszubilden. So sind laut Lüders „Washington und Riad als Geburtshelfer von Al-Qaida“ anzusehen. Immer wieder habe der Westen geglaubt, gemässigte Islamisten gegen radikale ausspielen zu können.

   

Auch in der Kritik am Staat Israel nimmt Lüders kein Blatt vor den Mund. Viele Europäer seien sich nicht bewusst, was Israel mit seinen Kriegen und Militäraktionen bei den Palästinensern auslöst. Der ständige Verweis des Westens auf die historische Verantwortung für Israel mache den Westen handlungsunfähig gegenüber der israelischen Siedlungspolitik, gegenüber der gewaltigen militärischen Aufrüstung, gegenüber der israelischen Atombomben. Israel sei Atommacht, „ohne jedoch verpflichtet zu werden anders als der Iran, sein Arsenal unter internationale Kontrolle zu stellen“.

    

Ägyptens falsche Freunde

Auch Ägypten widmet der Autor etliche Seiten. Der Aufstand von 2011, der zum Rücktritt von Hosni Mubarak führte, hatte keine politische Neuordnung zur Folge: „Es fehlte schlichtweg die soziale Basis, die sie hätte erwirken können. (…) Die weltoffene und jugendliche ‚Generation Facebook‘, die eine wesentliche Rolle bei der Organisation der Proteste gespielt hatte, wurde sehr schnell an den Rand gedrängt.“ Damit kam die Stunde der Muslimbrüder, der einzigen gut organisierten Kraft in der Zivilgesellschaft. Der gewählte islamistische Präsident konnte bei der Machtelite von Anfang an auf kein Wohlwollen hoffen, und er brachte mit seinem autoritären Führungsstil bald grosse Teile der Bevölkerung gegen sich auf. Der Rest ist bekannt: Massendemonstrationen und Unterschriftensammlung gegen Mursi, dann seine Absetzung durch die Armee und schliesslich die Räumung der Islamisten-Versammlungsorte mit sehr vielen Toten. Die Sicherheitslage hat sich seither nicht verbessert, die Wirtschaft kommt nicht vom Fleck.

   

Leider hat Lüders mit seiner rabenschwarzen Analyse wohl recht: „Wäre Ägypten kein Staat, sondern eine Firma, wäre längst der Insolvenzverwalter am Werk. Das Land ist de facto bankrott, hat aber allein für die ersten zwei Jahre nach dem Putsch mehr als 20 Milliarden Dollar Finanzhilfen aus den Golfstaaten erhalten“.

   

In Folge haben die USA und auch Europa die jeweiligen Machthaber in Ägypten unterstützt und Verständnis aufgebracht für deren demokratische Defizite: Mubarak, Mursi. Sisi. Genauso wie sie die saudi-arabische Herrscherfamilie unterstützen und alle, die zuverlässige Partner sind. Lüders: „Diese Parteinahme beruht nicht zuletzt auf der Annahme, sie würde freiheitliche und liberale Werte gegenüber den Muslimbrüdern verteidigen. Das wirkt allein deswegen schon befremdlich, weil bislang weder Saudi-Arabien noch das Sisi-Regime als Verteidiger dieser Werte aufgefallen sind. In Wirklichkeit geht es selbstverständlich nicht um Werte, sondern um die Beibehaltung eines Status quo, der Washington und den Europäern nützlich erscheint.“

   

Video reinziehen, dann Buch lesen!

Als Einstieg in das Buch empfehle ich, den 7-minütigen Fernsehbeitrag von „Titel – Thesen – Temperamente“ anzuschauen, der Lüders Buch ansprechend zusammenfasst und bebildert [Link auf das Video]. Danach das Buch. Es ist zwar als Sachbuch nicht unbedingt die ideale Ferienlektüre, aber spannend ist es allemal!

 

 

Michael Lüders (*1959) studierte arabische Literatur an der Universität Damaskus und Publizistik, Islam- und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Von 1993 bis 2002 war er Nahost-Redakteur bei der ZEIT. Heute ist er freiberuflicher Politik- und Wirtschaftsberater, Publizist und Autor und hat mehrere Beratungmandate.

     

 

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