Freiheit VON und ZU

     

Autoritäre Regimes haben Hochkonjunktur: Russland und andere Ostländer, Ägypten und andere arabische Länder... Das Bedrückende dabei ist, dass einige dieser Regimes ihre Macht nicht nur auf offene Gewalt stützen, sondern sich die Zustimmung grosser Teile der Bevölkerung zu sichern wissen. FREIHEIT VON führt nicht immer zu einer wirklichen FREIHEIT ZU, das hat der Psychoanalytiker Erich Fromm in seiner Studie "Die Furcht vor der Freiheit" (Escape from Freedom) meisterlich beschrieben. Die heutige Flucht aus der Freiheit heisst Nationalismus.

          

      

Den Bock zum Gärtner gemacht

Die Popularität des ägyptischen Präsidenten el-Sisi umfasst erstaunlicherweise viele Ägypter, die den Aufstand von 2011 als Neuanfang Ägyptens bejubelt haben: endlich eine Gesellschaft der Selbstbestimmung, der Toleranz, der Transparenz, des Wohlstands, der Bürgerrechte! Heute jubeln nicht wenige dieser ehemaligen Demonstranten el-Sisi zu: Er soll die Ziele von 2011 umsetzen, auch wenn er dazu jede Selbstbestimmung unterbindet, die Toleranz durch Hass ersetzt hat, Transparenz durch die Unterbindung der Meinungsfreiheit verhindert, der Bevölkerung bisher keinen Wohlstand gebracht hat und fast alle Exponenten des Aufstands von 2011 ins Gefängnis gesteckt hat. Das muss so sein, liest man auch zwei Jahre nach dem Putsch in Facebook, hört man in privaten Gesprächen - zum Glück nicht mehr so oft. Angesichts des Terrors müsse el-Sisi zu gröbstem Geschütz greifen, und da treffe es manchmal "ungewollt" die Falschen. So sehr die FREIHEIT VON (vom verhassten Mubarak-Regime) erlösend war, so beängstigend ist heute die FREIHEIT ZU (zum Aufbau einer neuen Gesellschaft). Dies ist indirekt das Thema des Psychoanaliyters Erich Fromm von 1941: "Die Furcht vor der Freiheit" (Escape from Freedom).

      

Selbstzweifel im Zeitalter des Individualismus

Die Furcht vor der Freiheit
(Escape from Freedom, 1941)
dtv 1980

Hintergrund von Fromms Studie war Nazi-Deutschland, das er hatte verlassen müssen, aber auch seine neue Heimat, die USA. Fromm beginnt mit dem Ersten Weltkrieg, der den Deutschen die FREIHEIT VON der kaiserlichen Macht brachte. Damit begann die FREIHEIT ZU einer Neugestaltung Deutschlands und der Welt, zur Selbstbestimmung der Völker, zur Demokratie. Ein Kinderspiel, wie damals viele dachten. Fromm: "Viele sahen im Ersten Weltkrieg den Endkampf und in seinem Abschluss den endgültigen Sieg der Freiheit." Dies auch in den ehemaligen Kolonien (s. Blog "100 Jahre Enttäuschung").

   

Der Mensch - so der Psychologe Fromm - passt sich dynamisch an seine Umgebung an, er lässt sich durch sie prägen und prägt sie auch selbst. Dabei folgt er natürlichen (Hunger, Durst, Sex) und gesellschaftlichen (Liebe, Hass, Machthunger) Trieben. Der Mensch will als soziales Wesen "dazugehören", nach Fromm einerseits, weil er die Zusammenarbeit zum Überleben braucht, andererseits weil er sich der eigenen Bedeutungslosigkeit im Vergleich zum Ganzen bewusst ist. Damit grenzt sich Fromm sowohl von Sigmund Freud ab, der den Menschen zu stark als irrational-böses Wesen gesehen habe, und auch von den amerikanischen Behavioristen, die den Menschen zu stark als ein Wesen sähen, das nichts anderes tut, als sich den äusseren Verhältnissen anzupassen.

   

Fromm dynamisches Menschenbild führte ihn folgerichtig dazu, sich stark für die Geschichte zu interessieren. Wie ist der Mensch zu dem geworden, was er ist? Den Ursprung der Haltung, die FREIHEIT VON zu ersehnen, sich aber dann vor der FREIHEIT ZU zu fürchten, ortet er in der Reformation. Die Reformation hat den Menschen VON der Übermacht der Kirche befreit und ihm die Freiheit ZU einer selbstbestimmten Gottesbeziehung gegeben. Wie aber sollte der Mensch, auf sich allein gestellt, der göttlichen Allmacht gegenüber bestehen können? Fromm vertritt entschieden die Meinung, dass Luthers Unterwerfung unter Gott nicht Ausdruck von Liebe, sondern von Angst und Ohnmacht war. Für Luther habe der Mensch eine "von Grund auf und unvermeidlich schlechte und verdorbene Natur" ("naturaliter et inevitabiliter mala et vitiata natura"), und nur Gott könne ihn lenken. Erlösung erhalte er nicht durch Taten, sondern durch den Glauben.

  

Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage, wie denn die "Furcht vor der Freiheit" auch in Weltgegenden entstehen kann, in denen vorwiegend Katholiken, Muslime, Hindus leben... Hier bietet sich als Erklärung die Entwicklung des Individualismus an, der gleichzeitig Chance und Überforderung ist. Die Reformation hat die individuelle Selbstbestimmung gefördert, ist aber auch ein Produkt dieser Entwicklung. Auch beispielsweise die islamische Kultur hat - allerdings später und schwächer - die Individualisierung geprägt und sich von ihr prägen lassen.

     

Fromm scheut sich nicht, direkte Brücken zur Gegenwart (1941) zu schlagen: "Das zwanghafte Suchen nach Gewissheit, wie wir es bei Luther finden, ist kein Ausdruck echten Glaubens, sondern wurzelt in dem Bedürfnis, den unerträglichen Zweifel zu überwinden. Luthers Lösung finden wir heute auch bei vielen Menschen, die nicht in theologischen Begriffen denken: Sie suchen Sicherheit, indem sie ihr isoliertes Selbst ausschalten und zu einem Werkzeug in den Händen einer überwältigend starken Macht ausserhalb ihrer selbst werden." Jedoch, so Fromm weiter: "ob man sich einem Führer unterwirft, der die Verantwortung für die 'Gewissheit' auf sich nimmt – all diese Lösungen können nur bewirken, dass man sich seines Zweifels nicht mehr bewusst ist. Der Zweifel selbst wird nicht verschwinden".

   

Zwei Fluchten

Fromm skizziert zwei Fluchten aus der Freiheit: "Die bevorzugteste Möglichkeit, die uns die Gesellschaft heute bietet, ist die Unterwerfung unter einen Führer, wie das in faschistischen Ländern der Fall ist, und die zwanghafte Konformität, wie sie in unserer eigenen Demokratie üblich ist." Er zitiert dazu aus den "Brüdern Karamasov" von Dostojewski: "Ich sage dir, der Mensch kennt keine quälendere Sorge, als jemand zu finden, dem er so schnell wie möglich das Geschenk der Freiheit übergeben kann, mit dem er, dieses unglückliche Geschöpf, geboren wird." Dazu meint er: "Wenn der Betreffende (geeignete) kulturelle Verhaltensmuster findet (...), so gewinnt er eine gewisse Sicherheit, indem er sich mit Millionen anderer im Bund fühlt, welche seine Gefühle teilen. (...) Indem man zum Bestandteil einer Macht wird, die man als unerschütterlich stark, ewig und bezaubernd empfindet, hat man auch teil an ihrer Stärke und Herrlichkeit. (...) Ausserdem gewinnt man Sicherheit gegenüber quälenden Zweifeln." Dass wie in Russland oder Ägypten aus Reformern schnell Autoritätsgläubige werden können, davor warnt Fromm schon 1941: "Viele Menschen und viele Bewegungen sind dem oberflächlichen Beobachter ein Rätsel, weil sie anscheinend unerklärlicherweise vom ‚Radikalismus‘ zu einem äusserst autoritären Gehabe hinüberwechseln."

   

Eine Spielart der Flucht aus der Freiheit sieht Fromm in der Hitler-Verehrung. Dies gerade weil kaum jemand die Fähigkeiten des Volks so gering eingeschätzt hat wie er. In "Mein Kampf" ist zu lesen: "Gleich dem Weibe, (...) das sich lieber dem Starken beugt als den Schwächling beherrscht, liebt auch die Masse mehr den Herrscher als den Bittenden".

     

Die andere Spielart sieht Fromm damals im US-amerikanischen Konformismus. Das ist mutig, ist doch der "American Way of Life" allgemein ein Inbegriff von Freiheit und individueller Selbstbestimmung. Der Psychologe Fromm setzt dabei bei der Erziehung an, die Hass weg- und Liebe andressiere, bis die Gefühlssensibilität abgestorben sei. "Emotional" gelte als Schimpfwort, Gefühle seine verdrängt in billige Filme und Schlager. Das Denken werde schon früh kanalisiert und zensuriert, es gälten die verstreuten Einzelfakten statt einer verstehenden Gesamtschau. "Natürlich bleibt das Denken ohne die Kenntnis von Tatsachen leer und fiktiv; aber 'Informationen' allein können für das Denken ebenso ein Hindernis bilden wie zuwenig Informationen." Dies führe - so Fromm - zu Zynismus (gegenüber der eigenen Urteilskraft) und Naivität (gegenüber dem Urteil der Mächtigen). Die zusammenhanglose Konsumwelt kritisiert Fromm schon 1941 scharf: "In der Wochenschau folgt auf die Bilder torpedierter Schiffe eine Modeschau."

   

Ende des Kalten Kriegs, FREIHEIT ZU was eigentlich?

Die FREIHEIT VON der Ära des Kalten Kriegs hat der FREIHEIT ZU zum Durchbruch verholfen. Es gibt dazu zwei Slogans, die sehr unterschiedliche Wirkungen hatten.

   

1989/90 riefen die Teilnehmer der Montagsdemonstrationen "Wir sind das Volk!" Sie forderten damit das Recht ein, eine Gesellschaft zu entwickeln, die besser als der DDR-Kontrollstaat sein sollte. Aber worin die FREIHEIT ZU bestehen sollte, und vor allem wie sie erkämpft werden kann, dazu fehlte es an Erfahrung und Ausdauer. Was Fromm für 1941 schrieb, galt auch 1990: "Weil sich in der modernen Geschichte die Aufmerksamkeit im Kampf um die Freiheit immer auf die alten Formen der Autorität und des Zwanges konzentrierte, hatte man natürlich das Gefühl, umso mehr an Freiheit zu gewinnen, je mehr man diese traditionellen Zwänge beseitigte." Heute ist "Wir sind das Volk!" an Pegida-Demonstrationen zu hören - die Verwirrung könnte nicht grösser sein.

    

"Müssen wir nun immer tun, was wir wollen?" Das soll ein besorgter Bürger gefragt haben, als 1991 die zusammenbrechende Sowjetunion die Menschen in die FREIHEIT ZU entliess. Diese Frage hat sich leider als nachhaltiger erwiesen als "Wir sind das Volk!": Inzwischen haben Millionen von Russen den Freiheitsgelüsten ab- und sich auf den Autokraten Putin eingeschworen. In Westeuropa findet Putin im linken und im rechten Lager seine Bewunderer und Unterstützer. Das Ende des Kalten Krieges hat am Horizont die Freiheit aufscheinen lassen, eine Freiheit, die vielen schliesslich zu mühsam, zu utopisch, zu ungewiss erschien. Lieber die scheinbare Sicherheit eines autokratischen Regimes als die sichere Anstrengung der Freiheitsausübung.

   

So betrachtet, entspricht der Freiheitsverzicht von Millionen ehemaliger Sympathisanten des Arabischen Frühlings dem allgemeinen Bild. Auch hier stehen am Anfang zwei widersprüchliche Parolen: "Das Volk will den Sturz des Systems!" und "Die Armee und das Volk - eine Hand!"

  

Furcht vor der Freiheit in Ägypten

Furchtlose Opposition gibt es in Ägypten seit Jahrzehnten, wie zum Beispiel die Kifaya-Bewegung 2005 und 2006. Nach grossen Strassendemonstrationen verlor sich der Schwung oft schnell, es folgten Diskussionen und Richtungskämpfe und der Rückfall in die Bedeutungslosigkeit. Die Opposition hat sich immer wieder unterdrücken lassen, ganz unterkriegen liess sie sich bisher nicht, da sie auf ein tiefes Bedürfnis nach FREIHEIT VON antwortet. Dass sich wie 2011 hinter einige Zehntausend Aktivisten plötzlich Millionen von Menschen scharten und einen Regimewechsel erzwangen, das ist weder ein Zufall noch ein Irrtum. Leider ist es auch kein Zufall, dass sich die Ägypter/innen nach dem Aufstand und nach Monaten und Jahren des Seilziehens nach Ruhe und Ordnung sehnten.

   

Die moderne Flucht aus der Freiheit heisst Nationalismus. Als Putin im Februar 2015 Ägypten besuchte, fuhr ich im Taxi durch Kairo: alle Strassen mit offiziellen Willkommensplakaten behängt. Der Taxifahrer kommentierte ungefragt, Putin sei ein guter Mann, denn er helfe der ägyptischen Armee, und das sei wichtig, denn er - der Fahrer - habe mehrere Kinder, und seine Einnahmen reichten kaum aus. Auf meine Frage, was ihm denn der Ausbau der Armee bringe, sagte er, solange es der Armee gut gehe, gehe es auch dem Land und ihm gut. Dass eine kritische Diskussion des Nationalismus sogar zu Beschimpfungen gröbster Art führen kann, habe ich auf Facebook nach meinem Blog "Droge Nationalismus" erlebt. 

   

Noch verfügt Sisi über einen starken Rückhalt in Staat und Gesellschaft. Vorläufig schöpft er seine Kraft aus den Bevölkerungsteilen, die nur noch Ruhe und Ordnung wünschen und gerne bereit sind, seinen vollmundigen Ankündigungen Glauben zu schenken. Es gibt sogar eine - zum Glück schwindende - Anzahl von ehemaligen Aktivisten, die dem Kampf gegen den religiösen Fundamentalismus alles andere unterordnen und jeden, der die Parolen des Aufstands von 2011 einfordert ("Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit") hochhält, als Muslimbruder, Terroristenfreund oder bezahlten "Troll" diffamiert (s. Blog "Facebook Generation").

   

So schnell wird sich an dieser Situation leider nichts ändern. Die FREIHEIT VON führt nicht ohne weiteres zu einer FREIHEIT ZU, diese Erfahrung hat der Frühling 2011 gebracht. Es werden sich viele mit Teilerrungenschaften zufrieden geben, die kaum mehr bringen als Zeit zu einer Neubesinnung. Im Oktober sollen beispielsweise die mehrfach verschobenen Parlamentswahlen stattfinden. Kaum zwei Monate Zeit für die Entwicklung von Wahlstrategien und die Durchführung von Wahlkampagnen, und dies ohne echte Versammlungsfreiheit, ohne freie Presse, ohne rechtsstaatliche Garantien...

   

FREIHEIT ZU Flucht in den Nationalismus

Der Nationalismus hat - so die "Zeit" vom 3. September 2015 ("Dunkler Stolz") - eine "unheimliche neue Karriere" vor sich. "Man gibt sich wieder patriotisch - von Russland über China, Indien und Europa bis in die Vereinigten Staaten". Dabei räumt die "Zeit" mit einem Vorurteil auf: "Man glaubt gern, dass der Nationalismus ein Ausdruck von Unterentwicklung und gesellschaftlicher Rückständigkeit ist, dass er sich durch Modernisierung und sozialen Wandel abschleift und allmählich verschwindet. Doch das ist eine Illusion." Diese zeige sich zuallererst in den USA, aber auch in Schwellenländern wie Indien.

 

Der Nationalismus sei dabei durchaus mittelständisch: "Es sind Bankangestellte, Softwareingenieure und Fernsehjournalisten, die sich als erfolgreiche Bürger mit ihrem Land identifizieren und darüber kein schlechtes Wort ertragen. (...) Der Nationalismus der früheren 'Dritten Welt' ist jedenfalls, in seinen milden wie in seinen rabiaten Formen, ein Mittelschichtsphänomen. Er wird genau von jener sozialen Klasse getragen, auf die man in Falle von China und Co. normalerweise seine Hoffnungen auf Reform, Liberalisierung und Fortschritt setzt." Auch die Linke gibt sich zunehmend nationalistisch.

   

"Der Nationalismus ist hohl. Aber das macht ihn nicht weniger mächtig und, wenn er außer Kontrolle gerät, gefährlich. Heute, wenn Panzer und Raketen über den Platz des Himmlischen Friedens rollen, lohnt es sich, für einen Augenblick daran zu denken."

   

Viele Menschen nutzen ihre FREIHEIT ZU, um in den Nationalismus zu flüchten. Wie sähe eine Alternative aus? Dazu Überlegungen in einem nächsten Blog-Beitrag.

 

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