Dichtung und Wahrheit

     

"Wenn ich meine Romanfiguren erdacht habe, dann machen sie sich bald selbständig. Ich beobachte dann nur noch vor meinem inneren Auge, was sie tun - und schreibe es auf." Alaa al-Aswani auf Lesetour in Basel mit seinem ins Deutsche übersetzten Roman "Der Automobilclub von Kairo". Ein Bericht über Romanfiguren und ihren Schöpfer, und was Dichtung mit Wahrheit zu tun hat.

        

    

Alaa al-Aswani in Basel, zwischen dem Übersetzer und dem Deutsch-Vorleser 

     

 

Mikrokosmos Automobilclub

Diese Woche hat Alaa al-Aswani in Basel gastiert, um seinen Roman "Der Automobilclub von Kairo" vorzustellen, der nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Massig sitzt der Autor auf dem Podium, gelassen und gleichzeitig temperamentvoll, ernsthaft und immer wieder lachend. Die Fragen zur politischen Lage beantwortet er schnell und routiniert: Ja, er betrachte den Aufstand von 2011 immer noch als Revolution, und ja, das jetztige Regime habe diktatorische Züge. Diese Haltung bringt Aswani, der hauptsächlich in Kairo lebt, nicht nur Sympathien ein. In der Hauptsache geht es aber um den neuen Roman.

 

"Der Automobilclub von Kairo" spielt im Ägypten der britischen Kolonialzeit und des Königs Farouk, etwa 1948. Regelmässig treffen sich im vornehmen Automobilclub in Kairo Geschäftsleute, Diplomaten, Militärs sowie der ägyptische Monarch und seine Entourage. An Speise- und Spieltischen lassen sie sich verwöhnen, pflegen Kontakte und fädeln Intrigen ein. Um sie herum wirbeln unzählige ägyptische Bedienstete, ausgebeutete und unterdrückte Kreaturen, die kaum ihre Familien ernähren können und den Schikanen ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Diese kleine Welt steht für Ägypten.

   

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte der Nubier Kô, Kämmerer des Königs und Verwalter des Automobilclubs. Er führt die Angestellten mit brutaler Rücksichtslosigkeit. Auf Fehler seiner Untergebenen antwortet er mit Prügel und anderen drakonischen Strafen – und alle scheinen das ergeben hinzunehmen, sogar als einer der ihren an den Folgen von Schlägen stirbt. Schliesslich kommt es doch noch zum Aufstand der Angestellten des Clubs gegen ihre britischen und ägyptischen Herren. Jedoch beteiligen sich nicht alle, schnell überwiegen wieder die Angst vor Strafe und die Sorge um das tägliche Brot. Der tyrannische Kô wird zwar Opfer eines Attentats, eine echte Umwälzung gelingt aber weder im Club noch in Ägypten.

     

Wieder hat Aswani mit dem "Automobilclub" einen spannenden Mikrokosmos geschaffen, der für das damalige und das heutige Ägypten steht. Zentral ist dabei die Dialektik von Herr und Knecht. Aswani, der in Kairo das "Lycée Français" absolviert hat, zitiert die "Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft" (Discours de la servitude volontaire) von Étienne de La Boétie aus dem 16. Jahrhundert. Es sei für das Volk immer wieder eine Versuchung, den Diktator als "Vater" und Beschützer zu sehen, der bei aller Unterdrückung und Willkür doch Sicherheit bietet. Aswani hat den "Automobilclub" vor mehr als zehn Jahren begonnen. Dann kam der Aufstand von 2011, wo Aswani keine Zeit mehr zum Schreiben fand. So wurde der Roman erst 2013 fertig. Er reflektiert also auch die Erfahrungen der letzten unruhigen Jahre. Mit Blick auf die Unruhen im "Club" Ende der 40er Jahre und auf den Aufstand von 2011 sagt Aswani: "Die Menschen wollen Resultate sehen. Die revolutionäre Minderheit wird abgestraft, wenn sie nicht schnell Erfolge vorweisen kann."  

  

   
Deutsche Ausgabe: Alaa al-Aswani: "Der Automobilclub von Kairo", Roman,
656 Seiten, Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich, S. Fischer

     

Dichtung und Wahrheit

Natürlich ist der "Automobilclub" eine Analyse Ägyptens kurz vor der Revolution von 1952, und natürlich gibt es klare Bezüge zur jetzigen Zeit. Wie jeder gute Roman lebt die Geschichte aber von der Dynamik der Romanfiguren. Ein Schriftsteller könne nur schreiben über etwas, was er kennt. Das sind bei al-Aswani fast 60 Jahre Leben in Ägypten und vor allem in Kairo: als Schüler des "Lycée Français", als Zahnarzt, als politischer Kolumnist, als lebensfreudiger und engagierter Zeitgenosse. Auch im Automobilclub hatte Aswani seine Verbindungen: Sein Vater sei dessen Anwalt gewesen, und so habe er von den Angestellten unzählige Geschichten erfahren. Daraus entstanden seine Romanfiguren. Um wirklich gute Romanfiguren zu schaffen, müsse man die Menschen lieben, die guten wie die schlechten. Aswani zitiert die Instruktion an die US-Soldaten im Vietnamkrieg, sie sollten dem Gegner nie in die Augen schauen, sonst könnten sie nicht mehr schiessen. Aswani: "Wenn man dem Gegenüber in die Augen schaut, dann sieht man den Menschen. Wenn man nicht in die Augen schaut, dann sieht man den Gegner." Verbrecher sind auch bei Aswani Verbrecher, aber es bleibt immer ein Rest von Mitgefühl.

   

"Wenn ich meine Romanfiguren erdacht habe, dann machen sie sich bald selbständig. Ich beobachte dann nur noch vor meinem inneren Auge, was sie tun - und schreibe es auf." Lachend erzählt er, als er den "Jakubijan-Bau" geschrieben habe, hätte ihn seine Frau an einem Morgen angesprochen: 'Du lächelst in einem fort, warum bist du so fröhlich?' Und er habe geantwortet: 'Weil Saki und Buthaina beschlossen haben zu heiraten!' Saki und Buthaina sind zwei Romanfiguren aus dem "Jakubijan-Bau"...

   

Dieses Spiel zwischen dem Schriftsteller und seinen Geschöpfen findet sich gleich am Anfang des Romans: Der Autor ist daran, seinen Roman "Der Automobilclub von Kairo" fertigzustellen, als er überraschenden nächtlichen Besuch erhält: zwei unbekannte und doch irgendwie vertraute, im Stile der 40er Jahre gekleidete Ägypter. Es stellt sich heraus, dass es zwei Figuren aus seinem Roman sind. Sie sind gekommen, um sich beim Schriftsteller zu beklagen, er würde ihre Gedanken und Gefühle wiedergeben, aber aus seiner, nicht aus ihrer Sicht. Es kommt zum Disput: Dürfen die Romanfiguren das Recht des Schriftstellers auf sein Werk in Frage stellen? Sie tun es einfach: Sie geben dem Schriftsteller Ratschläge für den Roman - und dann entschwinden sie so schnell, wie sie aufgetaucht sind.

 

Aswanis Romanfiguren sind reine Dichtung, und doch sind sie in gewisser Weise wahrer als das wirkliche Leben. Oder besser: Das wirkliche Leben kommt in ihnen reiner, unverstellter zur Geltung. Am Anfang steht die Auseinandersetzung des Schriftstellers mit seiner Lebenswelt, darauf folgt der schöpferische Prozess der Erfindung von Romanfiguren, die diese Lebenswelt repräsentieren, und schliesslich erhalten diese Figuren so viel Eigendynamik, dass sich ihre Entwicklung wie eigengesetzlich vollzieht und der Schriftsteller wie ein Chronist diese Entwicklung nachzeichnen kann.

 

So liest sich der Roman "Automobilclub" einerseits als fiktive, in sich vollständige Geschichte. Gleichzeitig vermittelt er ein Bild Ägyptens kurz vor der Revolution von 1952. Und schliesslich ist es auch immer wieder ein Schlüssel zum Verständnis der Vorgänge der letzten Jahre. Dass Aswani den Roman erst 2013 fertiggestellt hat, spürt man an vielen Passagen, die aus der packenden Geschichte heraus bis in die Gegenwart weisen. Nachdem im Automobilclub einige Mutige den Aufstand gewagt haben, rächt sich der Chef Kô, und die verängstigten Diener sehnen sich nach der "guten alten Zeit" zurück und wandten sich gegen Abdûn und seine aufmüpfigen Kumpane:

 

"Damals hatte der Kô sie zwar verprügeln lassen, wenn sie einen Fehler gemacht hatten, aber sie genossen Schutz und Sicherheit. Es gab Gewissheiten, Regeln. Diese waren zwar ungerecht, aber jedenfalls besser als dieses Chaos. Ihr Leben war vorhersehbar gewesen, geordnet und stabil, bis plötzlich... Ja, was war eigentlich geschehen? Abdûn und seine Kumpane hatten aufbegeht und rebelliert, und das hatte die Tore zur Hölle geöffnet."

 

Das ist zwischen den Zeilen auch eine Beschreibung der Jahre 2011 bis heute. Nachdem einige Hunderttausend Mutige 2011 für einen Moment ganz Ägypten hinter sich hatten und Mubarak abgedankt hatte, begann sich das alte System von Armee und Staat wieder zu formieren. Nach vielen, meist provozierten Zwischenfällen und der unglücklichen Episode mit dem islamistischen Präsidenten Mursi waren viele Ägypter derart verunsichert und verängstigt, dass sie die Rückkehr zu den alten Verhältnissen herbeisehnten und der Regierung mit Denunziationen sogar halfen, die (hauptsächlich säkularen) Aktivisten von 2011 hinter Gitter zu setzen. Dabei halfen auch die Medien, sowohl die staatlichen wie die privaten. Wer ausschert, kommt hinter Gitter: So wurde kürzlich ein Ägypter zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil der in Facebook Präsident Sisi mit Mickymouse-Ohren dargestellt hatte. Eine ähnliche Passage findet sich im Roman, wo die gesamte Presse sich aufregt, weil ein unvorteilhaftes Bild des Königs in Umlauf geraten war:

  

"Es gibt Pro-Palast-Zeitungen, die monatliche Zahlungen einstreichen, und sogar bei den unabhängigen Blättern hält man die Veröffentlichung des Bildes für ein schändliches Verbrechen gegen den König." 

  

Der Autor

Alaa al-Aswany ist in diesem Blog bereits mit zwei Artikeln zu Wort gekommen. Im ersten Artikel vom Juni 2013 ("Sich in Gefahr begeben") ruft der Politaktivist Aswani zum Protest gegen den islamistischen Präsidenten Mursi auf: begeistert, mitreissend, überbordend optimistisch. Im zweiten vom Februar 2014 ("Vater gesucht") warnt der Schriftsteller Aswani vor zuviel Autoritätsgläubigkeit: nachdenklich, mitfühlend, skeptisch. Er kennt "seine" Ägypter und befürchtet, dass sie nach dem Sturz von Mursi vom Regen in die Traufe kommen könnten - was sich ja leider bewahrheitet hat.

     

1957 geboren, ist Alaa al-Aswani der bekannteste lebende ägyptische Schriftsteller. Nach dem Studium der Zahnmedizin in Kairo und Chicago arbeitete er als Zahnarzt in Kairo. Al-Aswani war in den 90er Jahren Wortführer der ägyptischen Oppositionsbewegung "Kifaya" ("Es ist genug"). Weltweit berühmt wurde er durch seinen Roman "Der Jakubijan-Bau". Politisch ist Aswani kein Mann der leisen Töne: Seit Jahren vertritt er in ägyptischen Zeitungen und in der "New York Times" flammend die Sache der Demokratie. Er war unter Druck zu Mubaraks Zeiten, dann unter Mursi, und jetzt unter Präsident Sisi. Trotz allem lebt er noch in Kairo und arbeitet weiterhin auch als Zahnarzt.

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