Ungehobener Schatz

       
Heliopolis (griechisch "Sonnenstadt") ist ein grosses Gebiet im Norden Kairos. Dort wechseln sich Eleganz und Müll, Verkehrsinferno und ruhige Seitenstrassen, Reich und Arm ab. Das historische Heliopolis ist ein ganz kleiner Teil davon, es befindet sich im heutigen Quartier Matareyya. Dort stand ein Tempel des Pharaos Sesostris I., und seither hat dieser kleine, inzwischen dichtbesiedelte Flecken eine frühchristliche, eine muslimische und eine bürgerliche Geschichte durchlaufen. Bei einem neuerlichen Besuch des Matareyya-Projekts (s. Blog "Luftige Perspektive") durfte ich diesen wunderschönen Stadtteil besichtigen, ein ungehobener Schatz unter den malerischen Orten Ägyptens. Ein photographischer Rundgang.

      

 

Vom Tahrir-Platz sind es einige Kilometer nach Heliopolis-Matareyya (Luftbild)

     

Matareyya erreicht man schnell und (manchmal) bequem mit der Metro. Unserer Ortsbegehung geht ein Frühstück auf der Terrasse mit einigen Mitarbeitern/innen des Matareyya-Projekts voraus. Dabei erfahre ich, dass der Name Matareyya von "Mater" abgeleitet sein und auf die frühchristliche Zeit zurückgehen soll, als die Gottesmutter Maria auf der Flucht nach Ägypten am Ort Halt machte. Heute ist die reiche Vergangenheit Matareyyas noch zu spüren, aber es sind noch viele Anstrengungen nötig, um eine gute Balance zwischen dem quirligen Volksquartier und seinem historischen Erbe herzustellen.

  

 

Die Metrostattion von El-Matareyya 

Kräftiges Frühstück vor dem Rundgang

         

 

Spaziergang in El-Matareyya 

Weder Minarett- noch Kirchturm-Verbot...

     

Matareyya: pharaonische Vergangenheit

Altes Bild -
Photographieren verboten!

In der pharaonischen Mythologie ist Heliopolis der Urhügel, der als erster aus der Urflut auftauchte. Auf diesem Hügel entstand ein mächtiger Tempelbezirk, der schliesslich einen Quadratkilometer umfasste. Mehrere der Obelisken in London, Rom und New York stammen von hier, und Pythagoras, Platon und andere Griechen sollen hier studiert haben.

   

Von all dieser Pracht ist heute fast nur noch der Obelisk des Pharaos Sesostris I. (20. Jahrhundert v. Chr.) zu sehen: Die ganze Umgebung ist voll von Häusern, Strassen und lärmigem Treiben. Auch der unmittelbare Bezirk des Obelisks wurde seither überbaut.

    

Als wir unseren Rundgang beginnen, sehen wir schon weit vor dem Obelisk Abschrankungen und mehrere Sicherheitsleute. Photographieren streng verboten, sogar den Obelisk aus 200 Metern Distanz. Die Tourismusbehörden wollen den Ort wieder herrichten.

       

Ein interessantes Detail, das wahrscheinlich das Photographierverbot miterklärt: Während wir mit den Sicherheitsleuten diskutieren, sind zwei Bagger oben auf dem Dach eines 15-stöckigen Hochhauses daran, die Mauern einzudrücken und das Gebäude Stockwerk um Stockwerk dem Erdboden gleichzumachen. Von all den illegal erstellten Bauwerken stellte dieses wohl den unverschämtesten Gesetzesbruch dar, deshalb sahen sich die Behörden gezwungen, ein Exempel zu statuieren: Sie verfügten den Abriss des beinahe fertigen Rohbaus. Warum die Behörden so lange zugeschaut haben und jetzt gleich einen Abbrauch verfügen: keine Antwort.

  

Matareyya: frühchristliche Vergangenheit

Nach dieser Besichtigung gehen wir weiter zur Gedenkstätte der Heiligen Familie. Maria soll unter dem Baum geruht haben, der heute als "Marienbaum" sowohl christliche wie muslimische Besucher anzieht. Ein Schock: Der uralte Baum wurde vor kurzem zersägt! Vor einigen Monaten ist er auf eine Mauer gekippt. Darauf haben ihn Angestellte kurzerhand mit der Motorsäge verstümmelt und einige Äste aus unerfindlichen Gründen in Plastik eingepackt.

  

 

Der Marienbaum vor ... 

... und nach seiner Verstümmelung

    

Die Erhaltung und Restauration des Ortes ist überhaupt ein grossen Problem. Augenscheinlich wird dies auch an den "Mashrabiyat" (Fenster aus Holz, die sowohl die Blicke wie die Hitze von aussen abhalten). Kaum 20 Jahre alt sollen sie sein, aber bereits verformt und aus dem Rahmen gesprungen: billiges Nadelholz und pfuschige Herstellung. Im Vergleich dazu sind die Masharabiyat im berühmten Kaufmannshaus "Beit al-Siheimi" in Kairo auch nach Jahrhunderten noch in gutem Zustand und wonötig sorgfältig restauriert.

  

 

Marienbrunnen 

Holzfenster, die Jahrhunderte halten sollten...

   

Matareyya: islamisch-sufische Vergangenheit

An der pulsierenden Strasse al-Metrawy liegt die Moschee mit dem Schrein des Sufi-Gelehrten und "Gotteskenners" (Arif Billah) Ahmed al-Metrawy, der im 11. Jahrhundert in diesen Ort gekommen ist und deswegen "der von Matareyya" (al-Metrawi) genannt wurde. Der Sufismus (islamische Mystik) wird vom offiziellen sunnitischen Islam in Ägypten nicht gerne gesehen, trotzdem ist er sehr verbreitet, und es sind auch viele Moscheen Sufi-Gelehrten gewidmet. Um die Mittagszeit sind nur gerade ein Betender, der Türsteher und der Imam anwesend. Ruhe inmitten des hektischen Treibens.

 

 

Die Moschee des Sufi-Gelehrten al-Metrawy 

Ruhe im Gebetsraum der Moschee

     

 

Der Schrein des Sufi-Gelehrten al-Metrawy 

Der Moschee-Diener

 

Matareyya: elegante Wohnkultur im 19. Jahrhundert

Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Matareyya eine stattliche Anzahl von vornehmen Wohngebäuden. Ein letzter von diesen damaligen Prachtsbauten beherbert nun auf seinem Dach das Matareyya-Projekt, von dem in diesem Blog zum Jahresbeginn die Rede war. Dieses Gebäude liegt einige Gehminuten von der Metro-Station entfernt. Während es zerfällt, wachsen ringsum legal und illegal errichtete Hochhäuser in den Himmel.

  

 

Hier arbeitet das Matareyya-Projekt

Verblichene Eleganz, umzingelt von Neubauten

  

Schwierige Synthese

Matareyya ist ein pulsierendes Quartier und vor allem für seine Bewohner/innen da, nicht für den Tourismus. Wenn aber die Bewohner unter geordneten Verhältnissen leben, dann ist es möglich und sehr lohnend, auch den Tourismus einzufügen: Die Touristen fahren auf den selben Strassen, geniessen die selben Märkte und Gaststätten, und es können echte Kontakte zwischen Reisenden und Einheimischen entstehen. Die spezifische touristische Infrastruktur kann sich dann zwanglos in das Gesamtbild einfügen.

    

 

Die allgegenwärtigen "Tuk-Tuks"

Marktstände an allen Ecken

        

Leider ist Matareyya noch weit von diesem Zustand entfernt. Die Behörden haben beschlossen, das Areal um den Obelisk wieder tourismustauglich zu machen. Wahrscheinlich gibt es nicht einmal einen Plan, wie man dieses Projekt mit einem Verkehrs- und einem Bau-Masterplan verknüpfen könnte. Es wird einfach alles Störende beiseite geräumt oder sogar abgerissen. Später könnten dann weitere Elemente in das Tourismusprojekt eingefügt werden: das Areal des Marienbaums, die Metrawy-Moschee. Aber alles ohne Mitsprache und ohne Einbezug der Bevölkerung. Immerhin, das Matareyya-Projekt zeigt, dass es durchaus einen Boden für so etwas wie örtliche gelebte Demokratie gibt. Die Zukunft ist offen!

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