Sexuelle Revolution

     

Männer sollen Frauen nicht schlagen dürfen - soll das eine "sexuelle Revolution" sein? Blättert man in Mona Eltahawys Buch, dann kann tatsächlich der Eindruck entstehen, da ginge es um Banales. "Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt" - das ist weder ein wissenschaftliches noch ein literarisches Werk. Aber es ist informativ und gleichzeitig radikal subjektiv. Wer das Buch liest, wird sehen, dass die "sexuelle Revolution" der Autorin tiefer reicht als bloss gesetzliche Reformen und auch im aufgeklärten Westen noch keine Selbstverständlichkeit ist. 

     

Zwischen den Welten

Übers. Ursula Held. Piper, 2015

Mona Eltahawy ist 1967 in Port Said, Ägypten, geboren. 1974 zog sie mit ihren Eltern, beide Ärzte, nach Großbritannien und 1983 nach Saudi-Arabien. Später studierte Mona Eltahawy Journalismus an der American University in Kairo. Seither arbeitet sie als Journalistin, sie war sechs Jahre Korrespondentin für Reuters in Kairo und Jerusalem. 

   

Seit 2000 wohnt Eltahawy in den USA und hält sich auch öfter im arabischen Raum auf. 2005 interviewte sie in Ägypten den damaligen Führer der Muslimbruderschaft, Mohammed Mahdi Akef. Ihre Artikel erscheinen in der Washington Post, The New York Times, International Herald Tribune, in The Guardian und Christian Science Monitor. Am Aufstand in Ägypten 2011 war sie direkt beteiligt und eine gefragte Interviewpartnerin in den westlichen Medien. Im November 2011 wurde sie auf dem Tahrir-Platz von der ägyptischen Polizei verhaftet und misshandelt, ein Tweet aus dem Gefängnis führte zu grosser Empörung, so dass sie innert 12 Stunden wieder freikam.

  

Mona Eltahawy zog 1983 das Kopftuch an und legte es 1993 wieder ab - beides als Versuch, sich als feministische Muslimin zu verstehen. "Wer bin ich?" Das Stück Stoff allein klärt diese Frage nicht, die Suche nach dem eigenen Weg ging weiter. Schliesslich brachte Eltahawy 2015 ihre Standortbestimmung zu Papier, zuerst auf Englisch (Headscarves and Hymens. Why the middle east needs a sexual revolution. Faber, 2015), danach in deutscher Übersetzung.

   

Das Buch ist übersichtlich gegliedert und nahe an der Realität in den arabischen Ländern, soweit sie der Autorin aus Studien und eigener Anschauung bekannt ist. Von den sieben Kapiteln spricht eines vom Kopftuch und anderen Verschleierungen, ein anderes vom "Gott der Jungfräulichkeit", eines von sexuellen Übergriffen in der Öffentlichkeit, eines von der häuslichen Gewalt. Wer Ägypten liebt, erfährt zum Beispiel mit Trauer, dass das Land im Global Gender Gap Report 2014 auf Platz 129 (von 142 erfassten Staaten) steht, was Gesundheit, Bildung, Arbeit und Politik angeht. Oder dass laut einer UNO-Erhebung von 2013 99,3% der Frauen in Ägypten angeben, schon mindestens einmal sexuell belästigt worden zu sein. 

    
Bündnis zwischen Staat und Strasse 

Vieles wissen wir bereits aus den Tagesmedien. Interessant und ergreifend wird es, wo sich die Autorin als US-ägyptische Muslimin selber ins Spiel bringt. Sie sieht sich in den USA konfrontiert mit einer "islamophoben und xenophoben" Rechten, die gerne applaudiert, wenn es gegen die rückständischen muslimischen Männer geht. "Wir müssen uns beiden entgegenstellen und uns nicht mit einer der Seiten verbünden, um die andere zu bekämpfen", schreibt die Autorin. "Am wirkungsvollsten geschieht dies, indem man den Stimmen von Frauen Gehör schenkt, die innerhalb ihrer Kultur danach streben, Frauenfeindlichkeit zu demontieren." Dies ist nicht nur auf den arabisch-islamischen Raum gemünzt. 

    

Ohne das Wort "Zivilgesellschaft" zu verwenden, weist Eltahawy auf das fatale "Bündnis zwischen Staat und Strasse" hin. Ein konservativer Staat hat ein Interesse, eine noch konservativere Zivilgesellschaft zu haben, der gegenüber er sich als relativ "progressiv" profilieren kann. Dass die Rechnung auch international aufgeht, belegt Eltahawy mehrfach: Für "Newsweek" 2011 gehörte beispielsweise der damalige König von Saudi-Arabien zu den 11 "besten Staatschefs", weil er Reformen für Frauen in Aussicht stellte [nun sind tatsächlich im Dezember 2015 einige Frauen in saudische Gemeinderäte gewählt worden und dürfen dort mitbestimmen, sofern sie von Männern hingefahren werden...]. 
     

Gerade in Saudi-Arabien wird der Zusammenhang zwischen der staatlich geförderten Trennung der Geschlechter und der erschreckenden Rückständigkeit vieler Männer sichtbar. 86,5% der saudischen Männer sollen das Hauptproblem der Übergriffe auf Frauen in deren "übertriebenem Make-up" sehen. Die Gesellschaft ist derart über-sexualisiert, dass sogar das aus dem Niqab herausschimmernde Make-up wüstesten Phantasien Auftrieb gibt. In der ursprünglichen traditionellen Gesellschaft haben die Menschen kurz nach Beginn der Pubertät geheiratet und damit einen Rahmen für ihre Sexualität erhalten - heute kann ein Mann froh sein, wenn er diesen "Rahmen" mit 25 Jahren erhält.

   

Sinnsuche mit und ohne Kopftuch

Mit 20 versuchte Eltahawy ihr Kopftuch als muslimisch-feministisches Manifest zu verstehen. Es gab in Ägypten zwar eine Tradition der - auch theologisch begründeten - Ablehnung des Kopftuchs, die 1923 in der öffentlichen Ablegung des Kopftuchs durch die Frauenrechtlerin Hoda Shaarawy mündete. Das Kopftuch war aber auch ein traditionelles Bollwerk gegen die kolonialistische Einflussnahme, vor allem seit Evelyn Baring (1883–1907 britischer Generalkonsul in Ägypten) die ägyptischen Frauen vom Kopftuch "befreien" wollte.

   

Einen Ausschlag, das Kopftuch abzulegen, gab nach Eltahawy ein Gespäch im Frauen-Waggon der Kairoer Metro Anfang der 90er Jahre. Ein Frau mit Niqab (Gesichtsschleier mit Sehschlitz, Import aus Saudi-Arabien) fragte sie, warum sie keinen Niqab (sondern nur ein Kopftuch) trage. Und weiter: "Wenn du ein Bonbon essen möchtest, nimmst du dann lieber ein eingewickeltes oder ein ausgepacktes?" Worauf Eltahawy antwortete: "Ich bin eine Frau, kein Bonbon." Und auch das Kopftuch ablegte...


Frage der Macht

Übergriff, November 2011

Es ist eine bekannte Tatsache, dass das Mubarak-Regime (das hat sich bis heute nicht geändert) sexuelle Übergriffe durch Polizisten und durch Zivile wohlwollend geduldet hat, wenn sie der Einschüchterung von Frauen dienten. Um 2005 erschienen erste drastische Berichte und Bilder in den Blogs: "Die Kommentarspalten waren voller Reaktionen von schockierten Männern. Wie konnte das geschehen? Wann fing das an? Wieder antworteten Frauen: 'Wo lebt ihr? Fragt eure Frau, eure Mutter, Schwester und eure Freundinnen. So etwas passiert ständig.'" Auch Eltahawy selber wurde 2011 Opfer eines Übergriffs der Sicherheitskräfte.

Dieser wohlfeilen Ahnungslosigkeit entsprechen auch Erfahrungen Eltahawys nach dem Aufstand von 2011. Der revolutionäre Grossmut war bald verflogen, und es gab einzelne Übergriffe auch durch "revolutionäre" Männer. Diese durften aber - um der "grossen Sache" nicht zu schaden - nicht publik werden. Laut ägyptischen Menschenrechtsorganisationen habe es zwischen November 2012 und Januar 2014 250 Übergriffe auf Frauen in der Umgebung des Tahrirplatzes gegeben - ein Bündnis zwischen dem Staat (Mursi, dann Sisi) und der männerdominierten Strasse.

   

Wie wenig es um Religion und wie sehr es um Macht geht, zeigt Eltahawy an vielen Beispielen. Die konservativen Muslime legen die Scharia so aus, wie es ihrer Macht über die Frauen dient. Der Prophet Mohammed hat die Mehr-Ehe zugelassen, das ist nun in Stein gemeisselt. Dass er nach islamischer Überlieferung nie eine Frau geschlagen hat, hindert viele Prediger nicht daran, das Dreinschlagen als Recht des "starken Mannes" zu sehen. Dass Mohammed vor allem ältere Frauen heiratete, hindert sie nicht daran, für die Aufhebung des Ehe-Mindestalters einzustehen. So fragt Eltahawy rhetorisch:
    
"Wieso kann die Scharia überwunden werden, wenn es um Diebstahl geht [Handabhacken], nicht aber, wenn es um Frauenrechte (...) geht?"
  
In Ägypten hat sich mit der Machtübernahme des Islamistenfressers Sisi für die Frauen kaum etwas geändert. Und auch die Kopten tun sich sehr schwer mit den Frauenrechten. Als der US-Aussenminister Kerry 2013 Saudi-Arabien besuchte, verfolgten die Behörden gerade Frauen, die sich verbotenerweise ans Autosteuer gesetzt hatten. Auf deren Forderungen angesprochen, meinte er, "Saudi-Arabien" habe das Recht, sich die ihm passende Gesellschaftsordnung selber auszusuchen... Es geht also - da hat Mona Eltahawy recht - um die patriarchale Macht.

 

Sprich für dich

Das packendste Kapitel ist das letzte, in dem die Autorin in grosser Offenheit für sich und von sich spricht - das, was ihrer Ansicht nach alle Frauen tun sollten.
    
Sie erzählt davon, wie lange sie gebraucht habe, bis sie jenseits der feministischen Schlagworte ihren eigenen Weg gefunden hat. "Ich hatte die Terminologie des sexpositiven Feminismus gelernt (...), ich verwendete den Ausdruck Sexarbeiterin als Alternative zu Prostituierte, doch nichts an diesem neuen Vokabular hatte mit meinem eigenen Leben zu tun. (So) wurde mir auf einmal bewusst, dass ich mich hinter diesen Worten versteckte, so wie früher unter dem Hidschab, und dass ich mein Privatleben sorgfältig von meinem politischen Engagement abgetrennt hatte."
  
Ihr privates Leben, das ist wesentlich das Ringen um den eigenen Körper. Eltahawy erzählt, sie hätte bis 28 keinen Sex gehabt, und auch danach um ein positives, schuldfreies Verhältnis zur Sexualität kämpfen müssen. "Ich bin inzwischen 48 Jahre alt und habe die vergangenen 18 Jahre gegen sexuelle Schuldgefühle angekämpft. (...) Aber das hier ist meine Revolution. Auf diese Weise bringe ich endlich mein politisches und privates Leben zusammen, und ich benutze endlich auch in den kompliziertesten und intimsten Bereichen meines Lebens meine Worte als Waffe."
 

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