Im Gespräch: Francis

   

2016 eröffne ich mit einer kleinen Serie von Gesprächen mit Menschen, die in der Schweiz leben und ihr Herz auch in Ägypten haben. Das erste Gespräch führte ich mit Francis, dem Schreiner.

 

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Foto: Sylvia Scalabrino

    

Francis fällt auf: ein baumlanger Mann mit wildem Haarschopf und ebenso wildem Bart, einem wettergegerbten Gesicht und bernsteinfarbenen, hellwachen Augen. Bei unserem letzten Besuch in Ägypten haben sich Passanten nach ihm umgedreht und ihn mit "Hello!" fröhlich begrüsst. Er kommt mit Menschen leicht ins Gespräch, und sogar die Zöllner, die ihn bei der Ein- und der Ausreise besonders gründlich gecheckt haben, waren freundlich. Francis ist Schreiner. Er betreut seit gut zwei Jahren mit gelegentlichen Besuchen die Sekem-Schreinerei in Belbeis, von der hier schon mehrfach die Rede war (s. "Nächste Ausfahrt Beruf"). Francis ist 58 Jahre alt, hat drei erwachsene Kinder, hat 20 Jahre lang eine eigene Schreinerei mit 14 Angestellten geführt, einige preisgekrönte Designermöbel entwickelt, sich danach als freier Schreiner betätigt und als Werkstattleiter bei "Terra Vecchia" der Förderung von sozial randständigen Jugendlichen gewidmet. Das Gespräch fand in Basel statt.

   

      

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Francis in seiner Welt: ein Nussbaumtisch für einen Schweizer Kunden

  

 

  

 

   

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Francis' Welt in Kairo: Das Kaufmannshaus "Siheimi" mit seinen Holzgitterfenstern

  

   

   

   

 

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Gespräch mit den Chefs der Ausbildung Schreinerei und Mechanik

 

   

    

   

 

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Eine der Neuerungen von Francis: Zeichnen am Reissbrett

  

  

   

  

 

  

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Francis mitten unter den Schreinerei-Angestellten

  

   

  

   

 

 

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Verweilen in der Sinai-Wüste (wenn auch nicht 40 Tage...)

  

   

 

   

   

 

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Bei einem Coiffeur in Kairo

   

     

Francis, du arbeitest seit über 30 Jahren als Schreiner. Hast du nie von etwas ganz Anderem geträumt?

  

Nein, überhaupt nicht. Holz hat mich schon früh fasziniert. Der Werkstoff und das Handwerk bieten unendlich viele Möglichkeiten. Es ist eine Herausforderung, das Holz seiner Natur und seiner Würde entsprechend zu bearbeiten. Ich musste erst 40 werden, um das rein Handwerkliche zu beherrschen, und erst danach habe ich mich auf die Gestaltung, das Design verlegt. Noch heute empfinde ich Ehrfurcht vor der Sinnlichkeit des Holzes.

  

Vor zweieinhalb Jahren hast du die Aufgabe übernommen, 10 Wochen lang in Ägypten die Sekem-Schreinerei in Belbeis zu betreuen. Du kanntest das Land kaum, du sprichst nicht Arabisch, du hast dich in eine fremde Welt begeben. Du wolltest einfach etwas tun, das auf der "Herzebene" stimmt. Was meintest du damit?

   

Ich habe in meinem bisherigen Berufsleben immer mit Holz gearbeitet und war damit in meinem Element. Als Geschäftsinhaber war ich aber täglich in der Verantwortung für meine Angestellten und Lehrlinge. Wirtschaftlich kalkulieren, ein guter Patron sein, hochwertige Produkte herstellen und dafür Absatzkanäle schaffen - eine spannende Herausforderung, der ich mich 20 Jahre gestellt habe, die aber auch verschleisst.

  

Danach habe ich wieder als freier Schreiner gearbeitet und als Werkstattleiter für soziale Projekte wie "Terra Vecchia". Jetzt bin ich wieder nahe beim Holz und kann gleichzeitig mein Wissen weitergeben, ohne den ständigen Druck der Rentabilität. Das meine ich mit "Herzebene": Ich bin emotional wieder näher an meiner eigentlichen Berufung.   

   

Die Möglichkeit, einen Beitrag für die Schreinerei in Ägypten zu leisten, kam mir damals sehr gelegen. Eine Werkstatt neu ausrichten, die Lehrpläne überdenken, neue Produkte und Absatzmärkte ausprobieren, mit Lehrlingen und Angestellten aus einem ganz anderen Kulturkreis arbeiten - es war verlockend, mein ganzes Wissen und Können eine Zeitlang in einer völlig neuen Welt einzubringen.

  

Und ist deine Rechnung aufgegangen?

  

Naja, am Anfang war da ein Kommunikationsproblem. Ich spreche kein Arabisch, und in der Schreinerei kann niemand - ich inklusive! - wirklich gut Englisch. Zuerst musste ich eine Deutsch-Ägypterin auf der Sekem-Farm dazu bringen, mir einige Tage als Dolmetscherin zur Seite zu stehen. Aber vor allem habe ich einfach begonnen, im Betrieb mitzuarbeiten, um ein Gespür für die Abläufe und die Zusammenarbeit zu kriegen. Nach einem langen Spaziergang durch die Sekem-Farm ist mir dann die Einsicht gekommen: Die Hände sind dem Menschen am nächsten. Von da an habe ich mich mit den Händen geredet, mit den Händen vorgemacht, Skizzen gezeichnet - und so kam ich mit wenig sprachlichen Mitteln ziemlich weit.

  

In Ägypten ist mir wieder bewusst geworden, dass ich auf einem guten Weg bin. Die Angestellten und Lehrlinge in Ägypten sind - mehr noch als in der Schweiz - darauf konzentriert, überhaupt eine Arbeit und ein Auskommen zu haben, die Sinnlichkeit des Schreinerberufs bleibt da zunächst im Hintergrund. Aber meine Begeisterung für den Werkstoff Holz und meine handwerkliche Erfahrung ist schon nach Wochen auf sie übergesprungen. Den Wohlgeruch des Holzes kann man unabhängig von der Kultur wahrnehmen! Es gibt natürlich die Barriere, dass das Handwerk in einem Land wie Ägypten traditionell keinen so hohen Stellenwert hat wie in der Schweiz. Es ist mir aber gelungen, die Angestellten und Lehrlinge für das Schöne zu sensibilisieren.

   

Würdest du sagen, dass ägyptische Lehrlinge gleich gut zu schulen sind wie schweizerische?

   

Grundsätzlich schon. Es fehlt ihnen etwas die "Komfortzone", die Möglichkeit, nach Lust und Neigung zu wählen - es ist nicht so einfach, überhaupt eine Ausbildungsmöglichkeit zu finden. Zudem hat Arbeit mit den Händen gegenüber der Arbeit mit dem Kopf wie gesagt einen noch tieferen Stellenwert als in der Schweiz. Aber das ändert nichts daran, dass man die Lehrlinge gut abholen kann und sie dann mit grosser Motivation ihre Augen und Hände entwickeln. Ich empfinde eine grosse Dankbarkeit, dass ich mich in der Schweiz und auch in Ägypten der Förderung dieses Potentials widmen kann.

   

Die Angestellten der Sekem-Schreinerei schreiben mir regelmässig: "Wann kommt Mr. Francis wieder?" Wie machst du es, dass du bei Angestellten und Lehrlingen so beliebt bist?

   

Ich versuche, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, für sie bin ich ein Berufskumpan. Das fällt mir im übrigen nicht schwer, da ich von ihnen gleich viel profitiere wie sie von mir. Auch wenn Ägypten kein Holzland ist, so gibt es doch interessante hergebrachte Techniken, und vor allem lerne ich sehr viel von der anderen Intuition und Denkweise, die ich unter den Angestellen vorfinde.

  

Du bist nicht nur ein Kumpel, sondern auch eine Autorität und hast einiges in Bewegung gesetzt: die bessere Abstimmung zwischen Produktions- und Lehrbetrieb sowie der Schule, die Entwicklung von Prototypen für eine künftige Vermarktung von Schreinerei-Produkten von Sekem, die Schulung im Skizzieren und Zeichnen. Worauf bist du besonders stolz?

   

Was mich wirklich gefreut hat: Ich konnte ihnen den Wert von "Ordnung" vermitteln – ganz "schweizerisch"!. Sie haben erkannt, dass eine gute Ordnung in der Werkstatt einen wichtigen Mehrwert bringt. Früher lagen Teile jahrelang unbeachtet herum, jetzt sind sie weg. Aufräumen heisst ja auch: Raum schaffen und sich frei machen für neues Schaffen. Unterdessen ist das zu einer selbstverständlichen  Einstellung geworden in der Werkstatt, die weiterwirkt, auch wenn ich wieder in der Schweiz zurück bin.
  

Faszinierend finde ich den wachsenden Berufsstolz, der mit der besseren Qualität der Schreinereiprodukte einhergeht. Ein Stuhl ist weiterhin zum Sitzen da, aber er soll auch schön gestaltet, perfekt verputzt, zweckmässig und dauerhaft sein.

   

Stolz bin ich auch darauf, dass das Bewusstsein gewachsen ist, dass die Schreinerei zur besseren Selbstfinanzierung mehr Produkte auf den Markt bringen muss. Mir schwebt vor, ganze Schulen zu möblieren, das gäbe der Schreinerei einen nachhaltigen Absatzmarkt.

   

Ist der ägyptische Möbel-Geschmack mit dem schweizerischen vergleichbar?

  

Einen einheitlichen "ägyptischen Stil" habe ich weder in Haushalten noch in Möbelläden gesehen. Grundsätzlich gefällt das schlichte Design, das in der Schweiz viele Abnehmer hat, in Ägypten weniger. Möbel müssen etwas hermachen, präsentieren, glänzen, dekoriert sein. Nicht mein Geschmack, aber auch nicht mein Problem: Die Aufgabe des Möbel-Designers ist nicht, den Kunden einen bestimmten Stil aufzudrängen, sondern ihnen zu helfen, sich auch durch ihre Möblierung auszudrücken - und das in ausgezeichneter Qualität.

   

Wo siehst du das grösste Laster der Ägypterinnen und Ägypter?

    

Beim Abfall! Als ich 1983 durch Indien reiste, gab es kein Plastik, heute ist die ganze Welt davon überschwemmt - auch Ägypten. Überall schmeissen die Ägypter Plastiktüten und anderen Müll einfach auf die Strasse oder in die Felder, der Recycling-Gedanke ist noch in weiter Ferne.

  

Und die grösste Tugend?
   
Ich erlebe sie als aufrichtig, herzlich, gastfreundlich. Wenn ihnen etwas nicht passt, dann raffen sie sich meist zu einer Kritik auf, aber auch dies auf eine freundliche Art. Trotz aller Probleme strahlen sie eine grosse Lebensfreude aus!

 

Vielen Dank, Francis, für das Gespräch. Auf einen nächsten Besuch bei der Sekem-Schreinerei in Belbeis!

   

Das Interview mit Francis auf Holländisch! http://www.sekemvrienden.nl/Francis%20de%20timmerman

 

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