Im Gespräch: Hoda

     

2016 eröffne ich mit einer kleinen Serie von Gesprächen mit Menschen, die in der Schweiz leben und ihr Herz auch in Ägypten haben. Das zweite Gespräch führte mich zu Hoda, die in einem aargauischen Dorf lebt und in Basel einiges in Bewegung setzt.

    

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Fotos: Sylvia Scalabrino

  

Wenn Hoda lacht, wackeln die Wände. Wenn sie innehält, einen mit ihren dunklen Augen fixiert und ihre Hände jedes Wort einzeln in der Luft festnageln, dann sitzt man da und begreift: Diese Frau hat eine Mission. Soziales Engagement, interkultureller Austausch, Kultur, Lebensfreude vermitteln und teilen. Und das von einem kleinen Kaff im Aargau aus, in dem sie seit zehn Jahren mit ihrem britischen Mann und ihrer 10-jährigen Tochter lebt. Die 48-jährige Ägypterin - Vater aus Kairo, Mutter Nubierin - baut in Basel am "Arab Swiss House", das mehrere Teilprojekte unter einem Dach vereinen will. Sie ist zwar Ägypterin, ihre Heimat ist aber schon lange das kleine Dorf im Aargau. Dort ist sie zu Hause, dort würde sie niemand mehr wegbringen: "I looooove this village!" Ich wollte von Hoda wissen, weshalb sie sich für die ägyptische und arabische Exilgemeinde engagiert und wie sie die Zukunft Ägyptens einschätzt.

   

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Mein Mann behauptet, ich hätte schon Feuer gespien.

   

      

00p1020024"Arab Swiss House" mit drei Säulen.

  

 

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Hoda beim Arabischunterricht.  

    

       

0p1010955Heimweh habe ich nach dem Dorf.  

  

    

00p1010993... dann bin ich plötzlich die "Schweizerin".  

  

    

0p1020072Bei "2011" läuft es mir kalt den Rücken runter.

  

 

00p1010989Die  Unpünktlichkeit nervt! 

 

 

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Die Ägypter lachen gerne!        

 

  

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2011 hat Hoda die ägyptische Fahne gehisst. Zur Zeit hängt sie nicht, aber hoffentlich bald wieder...

    

Hoda, wenn du ein Tier wärst, welches?

 

Ein Drache! Mein Mann behauptet, ich hätte schon Feuer gespien.

  

Du bist an vielen Orten engagiert, auch mit Schweizern?

  

Natürlich! Ich habe 11 Jahre in Basel gelebt, bis ich den ersten Araber getroffen habe. Unter meinen Bekannten und Freunden sind viele Schweizer. Im Dorf geht meine Tochter zur Schule, ich organisiere da mit Schweizer Müttern einen Mittagstisch, und auch in Basel arbeiten Schweizer in meinen Projekten mit.

 

Wenn du nicht mit Arabern zusammen bist, sprichst du meistens Englisch. Geht das?

 

Wenn es nötig ist, spreche ich auch Deutsch, zum Beispiel hier im Dorf.

 

Du hattest in der ersten Zeit in der Schweiz wenig Bezug zur arabischen Welt, heute bist du eine treibende Kraft beim Projekt "Arab Swiss House".

    

Damals besuchte ich das Moscheezentrum am Dreispitz [Basler Aussenquartier], mit dessen Imam ich noch heute befreundet bin. Ausgehend von den Aktivitäten in der Moschee sind wir dann auf die Idee des "Arab Swiss House" gekommen. Uns schweben drei Bereiche vor, die wir unterdessen begonnen haben - nun fehlt noch ein eigenes Dach.

 

Das Projekt "Arab Swiss House" möchte drei Teilprojekte unter einem Dach vereinen: ein Kunstgalerie-Café, ein Kulturzentrum und ein Schulungszentrum mit Bibliothek.

     

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Ein Bereich ist die Kunst, wir möchten Künstlern/innen - arabischen und schweizerischen - die Möglichkeit geben, mit ihren Werken Öffentlichkeit zu finden. Der zweite Bereich ist Kultur im weiteren Sinne. Seit einem Jahr sendet "ArabX" wöchentlich eine Stunde in Deutsch und Arabisch internationale und regionale Nachrichten sowie Kulturinformationen aus der Regio Basel. Der dritte Bereich ist die Schulung. Wir bieten schon jetzt Arabischunterricht und andere Kurse in einem gemieteten Raum. Unser Ziel ist diesen Bereich auszubauen und zusammen mit einer Bibliothek und den anderen zwei Bereichen zusammen in einem Haus unterzubringen - eben dem "Arab Swiss House"! Ob am Mikrophon für "ArabX" oder an der Wandtafel im Arabischunterricht - ich beteilige mich an allen Aktivitäten unserer Gruppe.    

  

Du bist in der Schweiz glücklich, sagst du. Du reist gleichzeitig öfter nach Ägypten.

 

Das stimmt. Wenn ich Heimweh habe, dann hier nach dem Dorf im Aargau. Und wenn ich nach Ägypten reise, dann vor allem wegen der Ferien und um Verwandte und Freunde zu sehen. Ich liebe es zwar, in Ägypten zu sein, aber nach ein, zwei Wochen kehre ich auch gerne in die Schweiz zurück. Hier bin ich in 20 Minuten in Basel, in Kairo brauche ich im Taxi von Dokki nach Heliopolis zwei Stunden, obwohl die Distanz kürzer ist. Aber noch mehr als der Verkehr oder der Abfall stört mich, dass ich mir in Ägypten manchmal wie eine Ausserirdische vorkomme. Wenn ich über Menschen-, Frauen- oder Kinderrechte rede, dann treffe ich manchmal auf wenig Verständnis, dann bin ich plötzlich die "Schweizerin". Trotzdem zieht es mich immer wieder nach Ägypten. Zudem liebt mein Ehemann Ägypten, er hat fünf Jahre dort gelebt und kommt immer gerne mit.

 

Was verbindet dich denn noch mit Ägypten?

 

Ägypten ist Hoffnung! Ich erinnere mich an den Aufstand Anfang 2011. Ab 25. Januar 2011 lief bei uns "Al Jazeera" unten in der Stube, im Obergeschoss "BBC", und ich am Computer auf "Facebook" und "Twitter". Ich habe Stunde um Stunde mitgefiebert, es läuft mir kalt den Rücken hinunter, wenn ich an diese Tage zurückdenke.

   

Der Aufstand von 2011 ist vorerst gescheitert. Es sind viele der damaligen Aktivisten im Gefängnis, die Revolution wurde von der Armee, dann von den Islamisten, dann wieder von der Armee in Beschlag genommen. Es fehlte einfach eine Führungsfigur. Es muss doch unter den 90 Millionen Ägyptern eine Person geben, die das Land führen kann! Aber es werden wieder andere Zeiten kommen.

         

Was ist für dich der schönste Ort in Ägypten?

 

Das Hotel "Marriot" auf Zamalek [Insel mitten in Kairo]! Ein Prunkpalast, er wurde vor der Eröffnung des Suez-Kanals - des ersten (lacht) - für Napoleons Frau Eugénie gebaut - wusstest du das? Ich war dort als Flugbegleiterin einer saudischen Fluglinie, um meine weitere Karriere vorzubereiten. Dann habe ich meinen Mann kennengelernt, und wir haben schliesslich im "Marriot" unser Hochzeitsfest ausgerichtet. Darauf habe ich meine Berufstätigkeit geändert, sonst wäre ich vielleicht heute noch täglich in der Luft.

  

Wo siehst du das grösste Laster der Ägypter/innen?

 

Die Zeitvergessenheit! Die Ägypter können - wie die meisten Araber - einfach nicht mit ihrer Zeit umgehen, sie lassen sie oft ungenutzt verstreichen. Besonders nervig ist das, wenn es um die Pünktlichkeit geht! Das hat allerdings viel zu tun mit den Mühen des Alltags, zum Beispiel mit dem unglaublich wuchernden Verkehr. In der Schweiz lebende Ägypter gestalten ihre Zeit durchaus bewusst.

  

Und die grösste Tugend?

  

Der Humor! Die Ägypter und Ägypterinnen lachen gerne. Die Situation kann noch so schlimm sein, sie finden und erfinden immer einen Witz, um sich durch Lachen zu befreien.

  

Wo siehst du Ägypten in 10 Jahren?

   

Die Probleme sind heute nicht gelöst. Wenn die Regierung keine Perspektiven bieten kann, dann wird es wieder zu Unruhen kommen, vielleicht schneller als wir denken. Ich hoffe, dass wir in 10 Jahren eine echte Zivilregierung haben werden, die Perspektiven bietet und das Vertrauen der Bevölkerung geniesst.
 

Hoda, vielen Dank für das Gespräch, und viel Erfolg für "Arab Swiss House"!

 


Bisher erschienen:

Im Gespräch: Francis
 

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