Im Gespräch: Mo

    

Mein drittes Gespräch über Ägypten führte ich mit Mo, der von Beruf Menschen rettet und dieses Wissen und Können auch nach Ägypten tragen will.

      

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Foto: Sylvia Scalabrino

  

Ein Macher ist er, und vielleicht auch ein Visionär. Mal nachdenklich, mal leidenschaftlich: Mo, 38 Jahre, ägyptische Eltern, in Deutschland geboren und teilweise in Ägypten aufgewachsen, Rettungssanitäter mit vielen Jahren Berufserfahrung als Retter und als Ausbilder, verheiratet, drei Kinder und wohnhaft in einem Dorf in der Nähe von Bern. Mo braucht oft das Wort "spannend" und beschreibt damit seine eigene Weltsicht: Überall warten Gelegenheiten, Neues anzupacken, man muss sie nur ergreifen.

  

   

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Februar 2011: Nie habe ich mich mehr als Ägypter gefühlt

 

  

 

 

 

150-bild3Ein Rotkreuz-Einsatz im Zivildienst hat mich inspiriert 

 

  

 

 

 

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Als "Ägypter-Schwabe" bin ich ein idealer Vermittler
  

   

 

 

 

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Ich arbeite seit 17 Jahren im Rettungswesen 

  

  

 

 

 

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Übernahme eines repatriierten Patienten aus einem REGA-Jet

     

   

 

 

 

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Gebirgseinsatz für einen gestürztem Mountainbike-Fahrer

 

  

Heute vor 5 Jahren, am 25. Januar 2011, begann der Aufstand in Ägypten, der zum Sturz Mubaraks führte. Wo warst du damals, und wie hast du diese 18 Tage erlebt?
 
Ich war in meinem Dorf bei Bern und habe als einer der ersten gemerkt, dass hier etwas Gewaltiges im Tun ist. In den Medien war noch nichts, aber die Internet-Foren überquollen von Aufrufen, Diskussionen, Berichten. Ich rief meinen Stiefvater in Ismailiya an und riet ihm und seiner Familie zur Vorsicht, aber er meinte, da seien nur harmlose kleine Demonstrationen. Er hat sich getäuscht. Am Anfang dachte ich: spannend! Dann wurde ich von den Ereignissen ergriffen und aufgewühlt und verbrachte Tage und Nächte vor dem Computer und dem Fernseher. Ich fühlte, das war ein Meilenstein, nicht nur für Ägypten. Nie habe ich mich mehr als Ägypter gefühlt als in diesen Tagen!
 
Du bist in Deutschland geboren und im Alter von 14 Jahren für 5 Jahre mit deiner Familie nach Kairo gezogen. War das dein Wunsch?
 
Es war ein Entscheid der Familie, wieder ins ägyptische Leben einzutauchen. Ich fand das spannend und habe mitgemacht. In der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo habe ich dann meine Frau kennengelernt.
 
Wie bist du zum Beruf des Rettungssanitäters gekommen?
 
Nach dem Abitur - zurück in Deutschland - wollte ich nicht ins Militär und wählte daher den Zivildienst. Dort suchte ich mir Beschäftigungen bei Organisationen wie Greenpeace und bin schliesslich durch Zufall beim Roten Kreuz gelandet. Dort war ein Platz im Rettungsdienst. Das hat mich inspiriert: Ich liess mich zum Rettungssanitäter ausbilden, und später auch zum Ausbilder.
 
Nun hast du in der Schweiz einen guten Job als Rettungsanitäter. Warum träumst du gleichzeitig davon, dich auch in Ägypten zu engagieren?
 
Als der Aufstand in Ägypten begann, habe ich alle Entwicklungen beobachtet und mich auf Facebook intensiv an Diskussionen beteiligt und Informationen weitergetragen. Aber ich wollte auch etwas Praktisches für Ägypten tun. Ich sagte mir: In der Schweiz habe ich eine gute Arbeit, aber es gibt andere gute Fachleute. In Ägypten hingegen liegt bei den Rettungsdiensten vieles im argen, und es fehlen Fachleute. Hier sehe ich für mich eine spannende Aufgabe: Ich arbeite seit 17 Jahren im Rettungswesen und webe seit 10 Jahren an einem internationalen Netzwerk von Rettungssanitätern aller Nationen. Nicht zuletzt bin ich als "Ägypter-Schwabe" ein idealer Vermittler.

  

Ich bin davon überzeugt, dass Entwicklungshilfe vor Ort nachhaltig und substanziell sein muss. Sie muss den Menschen Perspektiven eröffnen und sie auch vor allem im Bereich der Bildung und des Know-How weiterentwickeln. "Hilfe zur Selbsthilfe" sollte im Fokus stehen. Ein schönes Beispiel hierfür ist das von Francis aus Deinem ersten Gespräch, davon muss es mehr geben. Letzten Endes bin ich davon überzeugt, dass nur solche Unterstützung zur Weiterentwicklung in vielen Belangen dienen kann. Ich sehe hier einen elementaren Zusammenhang mit der aktuellen Flüchtlingsproblematik, mit der sich Europa zur Zeit und wohl auch in Zukunft auseinandersetzen muss. 
 
Überhaupt: Ich mag die Herzlichkeit, den Humor in Ägypten. Kein Volk kann so laut lachen! Ich war einige Male mit Freunden aus der Schweiz im Nildelta bei Bauern zu Besuch, wir haben bei dieser Gelegenheit auch Kleider mitgebracht. Unvorstellbar, diese Gastfreundschaft, diese Fröhlichkeit in den einfachen Lehmhütten! Andererseits konnten meine Freunde kaum glauben, dass die Bauern für das Gastmahl wahrscheinlich ihr halbes Monatseinkommen geopfert hatten. Ich war vor Jahren in Syrien, die Menschen dort empfand ich als ernster, verschlossener.
 
Was genau schwebt dir denn vor?
 
Ich möchte - ausgehend von einer Region - das Rettungswesen in Ägypten verbessern helfen. Dieses ist hauptsächlich staatlich, daneben gibt es Angebote von privaten Spitälern. Wer Geld hat, wird auf die privaten Angebote zurückgreifen, weil der Staat zu wenig investiert. Daher sehe ich einen Ausgangspunkt im Tourismus, wo der Staat ein besonderes Interesse an einem funktionierenden Rettungswesen hat: Gelingt es beispielsweise, an einem Ferienort wie Hurghada ein notfallmedizinisches Kompetenzzentrum zu schaffen, dann kann auch die ägyptische Bevölkerung davon profitieren. Ein solches Beispiel kann Impulse über die Region hinaus erzeugen.
 
Hast du denn vor Ort Partner, mit denen du eine Zusammenarbeit aufbauen kannst?
 
Nun, ich kenne am Roten Meer hohe Beamte und auch den Leiter des staatlichen Rettungsdiensts. Da in Ägypten alles von oben nach unten verläuft, bleibt mir nichts anderes übrig, als gute "decision makers" zu suchen, die etwas in Bewegung setzen können. Es hängt letztlich alles davon ab, dass der Staat Grundlagen schafft, die die Arbeit erleichtern. Das ist ein langwieriger Prozess: Die Sanitäter sind schlecht ausgebildet, haben keine Kompetenzen und sind schlecht entlöhnt. Oft beschränken sie sich auf den Transport der Verunfallten ins Spital und nutzen die Möglichkeiten der Ersten Hilfe im Ambulanzfahrzeug nicht. Es wird ein langer Weg sein, auch an der Basis eine gute Zusammenarbeit aufzubauen.
 
Du hast einige Jahre auf Facebook auf verschiedenen Foren mitgestritten, so habe ich dich kennengelernt. Du hast den rabiaten Befürwortern des jetzigen Regimes ebenso rabiat entgegengehalten, sie wollten nur die Regierung reinwaschen, sie seien gleichgültig gegenüber den vielen Todesopfern, sie seien naiv zu glauben, dass das jetzige Regime Gutes bringen werde. Nun willst du dich selber auf ein Top-down-Projekt eingelassen. Hast du deine politische Meinung geändert?
 
Nein, ich glaube auch weiterhin nicht, dass wir vom jetzigen Regime etwas erwarten können. Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen und bin auch bereit, etwas dafür zu tun. Ich sehe, dass die Regierung enorm unter Druck ist. Sie muss Erfolge vorweisen, und dazu braucht sie die Mitarbeit der Bevölkerung. So erkläre ich mir Regierungsprojekte wie "Tahiya Masr", das mit privaten Geldern vor allem der Industrie Initiativen unterstützt und ihnen die zahlreichen bürokratischen Hindernisse aus dem Weg räumen will. Da entsteht etwas Spielraum, den ich zusammen mit Freunden in Ägypten und mit meinem Netzwerk von Rettungsfachleuten nutzen will. Es gibt so viel zu kritisieren in Ägypten, aber klagen allein reicht nicht. Da muss man auch einmal die Ärmel hochkrempeln und das tun, was eben möglich ist. Mit ungewissem Ausgang, das ist mir klar.
 
Wenn du drei Wünsche für Ägypten frei hättest, was würdest du wünschen?
 
Ein menschenwürdiges Leben für alle Ägypterinnen und Ägypter. Dann mehr Selbstkritik, kulturell und religiös, einfach mehr Bescheidenheit. Und als drittes: mehr Respekt vor dem Leben!
 
Mo, ich danke dir für das Gespräch und hoffe, dass du bald Erfreuliches über das Rettungswesen in Ägypten erzählen kannst!

 

 

 


Bisher erschienen:

Im Gespräch: Hoda

Im Gespräch: Francis
 

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