Ohne Diskussion: Atef

  

Es ist unglaublich, wie gedankenlos die ägyptischen Behörden gegen die Interessen ihres Landes handeln können! Der ägyptisch-deutsche Literaturwissenschafter Atef Boutros, von dem in diesem Blog indirekt schon die Rede war, ist am Kairoer Flughafen an der Einreise gehindert und nach 24 Stunden Haft und Verhören wieder nach Deutschland zurückgeschafft worden - ohne Diskussion. Überhaupt ist die Diskussion über die demokratische Entwicklung in Ägypten fast völlig verstummt. Ein Versuch, das Unverständliche zu verstehen.

 

Atef Boutros (Christ) mit dem Türsteher (Muslim) der Metrawy-Moschee in Matareyya, November 2015

   

Vor zwei Stunden hat Atef Boutros auf Facebook mitgeteilt:

 

"Mir geht es gut, und ich danke allen, die mich unterstützt haben. Ich habe das Land verlassen, nachdem ich mehr als 24 Stunden in Gewahrsam war und von den Sicherheitskräften verhört wurde. Mir wurde die Einreise verweigert und meine sofortige Ausschaffung verfügt. Ich werde später im Detail berichten. Im Moment bin ich nur müde, ich habe seit mehr als 48 Stunden nicht geschlafen."

   

Atef Boutros habe ich durch Facebook kennengelernt, einerseits als arabischen Kafka-Kenner, andererseits als führenden Kopf eines Quartierprojekts in Matareyya im Norden von Kairo (s. Blog "Luftige Perspektive"). Seine letzten Jahre waren geprägt durch die Dualität von Forschung und politischem und sozialem Engagement. Persönlich habe ich Atef letzten November getroffen. Er war es, der eine kleine Gruppe von Interessierten durch Matareyya - das antike Heliopolis - geführt hat (s. Blog "Ungehobener Schatz").

 

Man kann nur mutmassen, warum die ägyptischen Behörden diesen Landsmann nicht haben wollen und ihn ohne Diskussion ausgeschafft haben. Sicher hat mitgespielt, dass er letzten Sommer anlässlich des Besuchs des ägyptischen Staatspräsidenten Sisi in Deutschland sowohl el-Sisi als auch Deutschland in deutlichen Worten kritisiert hat. Damit war er aber nicht allein. Sogar die renommierte Carnegie-Stiftung hat kein Blatt vor den Mund genommen, um die kurzsichtige Interessenpolitik Deutschlands zu kritisieren (s. Blog "Deutsche Kurzsichtigkeit"). Die Carnegie-Stiftung hat, wie Atef und viele andere, den diskussionslosen Seitenwechsel der deutschen Regierung kritisiert: von demokratischen Forderungen gegenüber Ägypten (Parlament, Menschenrechte) zum Staatsempfang für den Präsidenten, der ebendiese Forderungen in keiner Weise umgesetzt hat (unterdessen ist ein Parlament gewählt, allerdings unter rechtsstaatlich äusserst bedenklichen Bedingungen, dementsprechend hat sich das neue Parlament noch nicht als legislative Kraft profiliert).

 

Dazu kommt, dass er in Berlin die Organisation "Mayadin al-Tahrir" gegründet hat, die einerseits das Matareyya-Projekt unterstützt, andererseits regelmässig mit Filmen, Bücherlesungen und anderen politisch-kulturellen Aktivitäten an die Öffentlichkeit tritt. Es gibt in Deutschland lautstarke ägyptische Anhänger eines "starken Mannes", die sicher auch das Ihre beigetragen haben, um die ägyptische Botschaft mit Negativnachrichten über Atef Boutros zu versorgen.

  

Kein Einzelfall, leider! Es ist ein weiteres - vergleichsweise harmloses - Beispiel für eine Politik der Ausgrenzung. Die vor zwei Jahren verfügte Gleichung "Muslimbruder = Terrorist" hatte hauptsächlich den Zweck, die Gleichung auch nach links zu erweitern und noch gefährliche Gegner eines autokratischen Regimes zu verfolgen: "Demokraten = Muslimbrüder = Terroristen". So erklärt sich, dass auch das christliche Glaubensbekenntnis völlig irrelevant wird, sobald der Christ Kritik an der Regierung übt.

  

Hier ein kurzer Artikel des ägyptischen Journalisten Walid Elscheich (übersetzt aus dem Arabischen), der nach Atefs Festnahme sofort zum Flughafen geeilt ist und Atef begleitet hat. Es ist sozusagen ein Abschiedsgruss an Atef. Ein Abschied sicher nicht für immer!
 

Walid Elscheich, 30. Januar 2016
  
"Atef Boutros hat 2000 den Master in deutscher Literatur an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf absolviert. Seine Masterarbeit drehte sich um das jüdische Erbe in Kafkas Literatur.

 

Im Jahr 2006 erhielt er den Doktortitel der Universität Leipzig für seine Dissertation 'Kafka - ein jüdischer Schriftsteller aus arabischer Sicht'.

  

Seit 2007 und bis heute lehrt und forscht er an der Universität Marburg an der Abteilung für Nahoststudien, er untersucht schwerpunktmässig die zeitgenössische arabische Literatur und ihre Ideengeschichte.

   

In renommierten Fachzeitschriften hat er sich auch mit den politischen Umwälzungen in der arabischen Welt befasst, und nicht zuletzt mit dem Zusammenspiel von Sakralität, Säkularismus und Gewalt im arabischen Roman.
   
Das ist Atef Boutros, gegen den ein lebenslanges Einreiseverbot verhängt wurde!"

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