Im Gespräch: Mohamed

    

Mein viertes Gespräch über Ägypten führte mich nach Zürich in "Moudi's Lecker Café" nahe beim Hauptbahnhof, wo Mohammed als Küchenchef libanesische Spezialitäten zubereitet.

  

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Foto: Fausi Marti

  

Umtriebig ist er, aber auch mitten im hektischen Geschehen immer freundlich, immer zugewandt. Mohammed, 36 Jahre, ist vor 13 Jahren frischverheiratet aus Ägypten in die Schweiz gezogen. Heute hat er zwei Töchter und ist ein erfahrener Küchenchef. Zudem ist er als Präsident des "Vereins der Ägypter in der Schweiz (M@SRY)" eine unverzichtbare Bezugsperson für die Ägypterinnen und Ägypter im Raum Zürich. Er ist der Mann, der alle kennt und den alle kennen. Als wir nach dem Mittagsansturm zum Gespräch sitzen, kommt eben der ägyptische Konsul für ein Schwätzchen vorbei, und Mohamed wechselt zwanglos von Deutsch auf Arabisch. Seit vier Jahren hält er seinen Verein trotz der turbulenten Entwicklungen in Ägypten auf Kurs.

 

 

  

Mohamed, der libanesische Mezze-Teller war wirklich köstlich! Allerdings weniger deftig, als ich die orientalische Küche kenne.

  

Wir nennen das "Fusion". Die Grundlage ist libanesisch, aber ich nehme auch Zutaten aus anderen Ländern, beispielsweise Avocados aus Lateinamerika. Dann verwende ich keinen Knoblauch, und trotzdem soll das Essen lecker sein. Ich achte insgesamt auf gesunde, leichte und abwechslungsreiche Kost, zum Beispiel reich an Omega-3-Säuren und möglichst gluten- und laktosefrei. Das kommt an, du siehst, das Restaurant ist voll.

  

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Wie bist du auf den Kochberuf gekommen?

 

Als ich in die Schweiz kam, habe ich zuerst als Tellerwäscher, dann als Hilfskoch gejobbt. Das gab mir Lust, eine gute Ausbildung zu absolvieren: Ich ging an die Hotelfachschule in Luzern. Danach wurde ich Koch, Sous-chef und schliesslich Küchenchef. Eine Tellerwäscher-Karriere im eigentlichen Sinn! Die Küche ist für mich ein kreativer und gleichzeitig produktiver Raum. Nun habe ich viele Jahre in verschiedenen Hotels gearbeitet, seit kurzem bin ich hier bei "Moudi's" Küchenchef. Allerdings habe ich dazwischen auch einmal als Fahrer und Disponent für COOP gearbeitet, weil ich etwas Abstand von der Hektik in der Küche gewinnen wollte.

   

Du leitest den "Verein der Ägypter in der Schweiz", der eigentlich auf den Raum Zürich konzentriert ist.

 

Der Verein existiert schon seit 1982. Ich habe mich vor 4 Jahren als Präsident zur Verfügung gestellt. Nun sind zwei Amtsperioden vorbei, eine schöne, aber auch anstrengende Zeit, und ich möchte das Amt an eine andere Person weitergeben.

 

Ich erinnere mich an euer Opferfest im Oktober 2014, mit dem wunderbaren Essen, den vielen Gesprächen, den Spielen für die Kinder (s. Bildserie unten). Sind diese Feste das Hauptziel deines Vereins?

 

Das ist auf jeden Fall ein wichtiges Ziel. Wir sind eine Anlaufstelle, damit die Ägypter/innen in der Schweiz ihren Alltag in der Schweiz erfolgreich gestalten können. Dazu gehört ein guter Zusammenhalt, und deshalb feiern wir die die ägyptischen Feste auch hier in Zürich: das Opferfest oder das Weihnachtsfest. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Jungen: Bei den Festen gibt es immer auch ein Kinderprogramm, und kürzlich haben wir einen Arabischkurs eingerichtet, damit die zweite Generation auch ihre Herkunftssprache behält. Ein anderes wichtiges Ziel: Wir helfen bei Fragen, die direkt Ägypten betreffen, und dazu haben wir enge Kontakte mit der Botschaft in Bern.

 

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Vor fünf Tagen waren Ägypter aus der ganzen Schweiz in Bern, und der Botschafter hat einige Stunden ihre Anliegen aufgenommen: Ich habe zum Beispiel vorgebracht, dass es sehr umständlich ist, verstorbene Ägyptern/innen schnell nach Kairo zu fliegen. Viele vermissen auch die Egypt-Air-Flüge vom Samstag. Der Botschafter hat alle Anliegen aufgenommen und versprochen, sich darum zu kümmern.

  

Und wie funktioniert die Kommunikation unter den Vereinsmitgliedern?

  

Seit meiner Amtszeit gibt es eine Facebook-Seite, und das hat sich sehr bewährt. Ich kann sofort mit Meldungen an die Mitglieder gelangen, und diese haben auch die Möglichkeit, selber Informationen hineinzusetzen. Und dann bieten natürlich die Feste eine Gelegenheit, sich auszutauschen.

  

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Du kennst unzählige Ägypter in der Schweiz. Weisst du, wieviele insgesamt in der Schweiz leben?

 

3'200. In der ägyptischen Botschaft in Bern sind 1'300 registriert. Insgesamt aber, das habe ich dort gehört, sind es 3'200.

 

Wo gibt es in der Schweiz Ägypter, und wie sind sie organisiert?

 

Ägypter gibt es überall. Gut organisiert sind sie in Genf und Zürich, an anderen Orten nur ganz locker oder gar nicht. Nun haben wir - das war vor einem Monat - einen gesamtschweizerischen Verein gegründet.

 

  

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Die Ägyptervereine beim 
Botschafter, 31.1.2016

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Ein Thema: Rückführungen
von Verstorbenen

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In der ägyptischen Presse:
Mohamed und der Konsul

  

Nun sind deine Beziehungen zur Botschaft sicher nicht einfach. Einige Ägypter sind klare Befürworter des jetzigen Regimes, andere halten dieses für mitverantwortlich für das derzeitige Chaos. In der Botschaft dürfte man einen schweren Stand haben, wenn man zur zweiten Gruppe gehört.

 

Auch in der Botschaft denken nicht alle gleich, auch wenn sie ihre Meinung nicht so laut sagen. Grundsätzlich ist die Botschaft neutral: Jedem Bürger wird geholfen, auch wenn er zum Beispiel Muslimbruder ist. Wir profitieren in vielen praktischen Fragen vom guten Einvernehmen mit der Botschaft.

 

Hat also ein regimekritischer Ägypter nichts zu befürchten, wenn er nach Ägypten reist, wie das kürzlich mit einem Ägypter aus Deutschland geschehen ist (s. "Ohne Diskussion: Atef")?

 

Man muss natürlich etwas tun gegen die Muslimbrüder. Sie schaden Ägypten.

 

Aber beim Fall in Deutschland ging es um einen christlichen Regimekritiker. Und der berühmte Showmaster Bassem Youssef musste Ägypten verlassen, obwohl er keineswegs Muslimbruder ist. Und der beliebte Karikaturist Islam Gawish wurde kürzlich verhaftet.

  

Youssef ist selber gegangen, und Gawish wurde nach einem Tag wieder freigelassen und darf jetzt wieder zeichnen. Aber es geht gar nicht um diese Frage. Wir wollen einfach die Ägyptern/innen in der Schweiz zusammenführen, nicht spalten. Und dazu vermeiden wir politische Diskussionen, die nur in endlose Debatten ausmünden und den Zusammenhalt schwächen. Auf der Facebook-Seite ist es eine klare Regel, dass niemand über Politik oder über Religion diskutieren darf. Vielleicht kommen wieder Zeiten, wo man in Ruhe über politische Fragen diskutieren kann, ohne dass es in Streit ausartet.

 

Damit nimmst du eine deutlich andere Haltung an als andere Ägypter, die ich kenne.

 

Sicher. Hoda zum Beispiel (s. "Im Gespräch: Hoda") habe ich in der Zeit des Aufstands von 2011 kennengelernt. Zu Beginn waren wir einer Meinung. Nach dem Sommer 2013 gingen aber unsere Sichtweisen weit auseinander. Hoda ist gegenüber dem jetzigen Regime sehr kritisch, ich hingegen habe mehr Verständnis. Das hindert uns aber nicht daran, immer wieder zusammenzuarbeiten.

 

Ich hoffe, du wirst deinem Verein auch nach deiner Amtsübergabe verbunden bleiben. Danke für das Gespräch und danke für das wundervolle Essen, und bis zum nächsten Fest des Vereins! 

 

 


Bisher erschienen:

Im Gespräch: Mo

Im Gespräch: Hoda

Im Gespräch: Francis
 

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