Im Gespräch: Susanne

Mein fünftes Gespräch führte ich mit Susanne. Es handelt von Weltreisen in den Büchern, von Traumabewältigung in der Literatur und von Aufenthalten in einem Ägypten im Umbruch.

Foto: Sylvia Scalabrino

Irgendwann hat sich Susanne aufgemacht, die nahöstliche Welt kennenzulernen. Vielleicht schon als Kind, als ihr Vater ihr die Schwänke von Nasreddin erzählte, vielleicht als Jugendliche, als sie Berichte von Orientreisenden las. Heute - sie ist eben 27 geworden - schreibt sie an einer Master-Arbeit über Traumabewältigung in der syrischen Literatur, arbeitet als Protokollführerin bei Flüchtlingsbefragungen, hilft da und dort mit bei Aktivitäten von arabischen Migranten/innen in der Schweiz. Susanne mag keine umfassenden Weltdeutungen formulieren, sich auf keine endgültigen Ziele festlegen, sie ist noch auf der Suche. Aber eines scheint ihr gewiss: Sie wird auch beruflich auf dem eingeschlagenen Weg bleiben.

 

 

 

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in fast dörflicher Umgebung aufgewachsen

  

  

  

  

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zuerst in den Büchern in die orientalische Welt eingetaucht

   

    

 

  

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viele Elemente des späteren syrischen Bürgerkriegs waren vorgezeichnet

  

 

  

 

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Interview für Radio "ArabX" mit der Politikwissen-

schaftlerin Elham Manea

 

 

 

 

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in der Weissen Wüste

 

 

 

 

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Moscheebesuch

 

 

 

 

 

Ägypten heute bereisen? Jede und jeder muss selber entscheiden 

 

 

Susanne, du hast in den letzten Jahren mehrmals Ägypten und andere orientalische Länder bereist. Eine Familientradition? 

 

Nein, gar nicht. Ich bin in fast dörflicher Umgebung im Raum Bern aufgewachsen, und wir sind als Familie nicht viel gereist. Dafür war ich schon früh in der Welt der Bücher unterwegs. Dies verdanke ich meinen Eltern, sie sind beide Lehrer und grosse Bücherfreunde. Als ich Kind war, liebte ich es, wenn mein Vater von den Streichen und Ansichten des Nasreddin erzählte. Später habe viele Bücher über die orientalische Welt verschlungen: Erfahrungsberichte von westlichen Frauen, wie "Nicht ohne meine Tochter", Romane aus Afghanistan wie "Drachenläufer" oder aus Ägypten wie "Die Midaq-Gasse", islamkritische Texte wie "Ich klage an" von Ayaan Hirsi Ali. Als Maturarbeit habe ich dann eine kleine Studie über palästinensische Selbstmordattentäterinnen geschrieben. So bin ich in die orientalische Welt eingetaucht, bevor ich sie bereist habe.

 

Warum bist du gerade an diesen Themen hängengeblieben?

 

Mich haben die vielfältigen Geschichten der Menschen fasziniert, und die Gewalt in den Geschichten hat mich erschüttert: die sowjetische Invasion in Afghanistan und ihre Folgen, der ungelöste Palästinakonflikt, der oft unversöhnliche Streit um den Islam. Warum all diese Gewalt, all dieser Hass? Ich habe gute Texte gelesen und auch viel Schund, entsprechend waren meine ersten Vorstellungen naiv und undifferenziert. Aber ich bin auf den Weg gekommen und erfahre auf diesem immer neue Aspekte. Mein Bild von der arabischen Welt ist heute differenzierter als früher.

  

Die Nahoststudien waren Schwerpunkt deines Studiums, du hast eine Bachelor-Arbeit geschrieben über die Lage der Frauen in Afghanistan in der Taliban-Ära und danach. Wieviel davon war Feldforschung, und was hast du dabei herausbekommen?

  

Feldforschung lag bei einer Bachelorarbeit nicht drin. Ich habe mich auf Literatur gestützt: wissenschaftliche Artikel, Medienberichte, Bücher. Alles im Westen publiziert, wobei oft durch afghanische Forscher/innen. Herausgekommen ist dabei, dass die westliche Formel "Bombardieren, danach Frauen befreien" wenig reflektiert war. Unter den Taliban waren die Frauen beispielsweise in ihrer Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt, sie durften das Haus nur begrenzt und mit Erlaubnis des Ehemanns verlassen. Die unvermittelte Befreiung von diesem Zwang hat dann aber zu grosser Unsicherheit geführt. Die Gewalt gegen Frauen nahm vielerorts zu: auf der Strasse war die Frau Freiwild, zu Hause Opfer eines Ehemannes, der mit den neuen Rollenbildern nicht klarkam. Die erhoffte Freiheit ist also kaum eingetroffen. 

 

Was hätte man denn anders machen können?

 

Wenn ich das wüsste! Sicher ist, dass man mit der Frage des Wandels in Afghanistan schon viel früher hätte einsetzen müssen und nicht einfach mit Bombardementen.

 

An deiner Master-Arbeit schreibst du noch. Bald fertig?

 

Leider nicht, ich kann noch nicht einmal eine klare Hypothese formulieren. Es geht um Traumabewältigung in der neueren syrischen Literatur. Wer beispielsweise "madih al-karahiya" (Lob des Hasses) von Khaled Khalifa oder "huras al-Hawa" (Wächter der Lüfte) von Rosa Yassin Hassan liest, der findet in diesen Romanen von 2008 und 2009 schon viele Elemente des späteren syrischen Bürgerkriegs vorgezeichnet. Bis jetzt gehe ich davon aus, dass es schon lange so etwas wie ein kollektives Trauma gibt, das sich in der Literatur niederschlägt. Ich möchte also wissen: Wie gehen Literaten mit der politischen Repression, mit der sozialen Fragmentierung und mit den persönliche Verlusten um? Vorerst muss ich mit Hilfe der bestehenden Theorietexte die Fragestellung weiter präzisieren und die literarische Textauswahl reduzieren, das wird noch viel Arbeit geben.  

  

Eine grosse Hürde ist dabei die arabische Sprache. Natürlich habe ich gut Arabisch gelernt. Aber literarische Texte kann ich nicht einfach bücherweise verschlingen. Ich mache von den wichtigsten Texten zudem Übersetzungen, um sie wirklich zu verstehen und damit ich Textstellen auf Deutsch zitieren kann. 

 

Neben deiner Master-Arbeit bist du noch Protokollführerin bei Flüchtlingsbefragungen und auch sonst in verschiedenen Bereichen aktiv. Wie bringst du das unter einen Hut?

 

Leider gar nicht! Aber ich habe bereits begonnen, Ballast abzuwerfen. An den Flüchtlingsbefragungen nehme ich weiterhin teil, nicht zuletzt weil ich extrem viele Geschichten höre. Meine Mitarbeit bei Radio "ArabX" habe ich aber ganz auf Eis gelegt. Beim Aufbau dieser wöchentlichen Sendung war ich noch aktiv dabei, bei der Programmgestaltung und am Mikrophon, jetzt aber konzentriere ich mich ganz auf meine Master-Arbeit. Ich muss generell schauen, dass ich klare Prioritäten setze!

 

Reden wir von Ägypten! In den Augen ägyptischer Männer dürftest du der Inbegriff einer westlichen Frau sein. Hat dies dein Verhalten beeinflusst?

  

Am Anfang habe ich mich ganz unbefangen und furchtlos in die neue Kultur gestürzt. Dass ich aufgefallen bin, habe ich natürlich schon bemerkt. Ich habe mich unwillkürlich angepasst, aber dabei nicht verbogen oder verstellt. Wichtig scheint mir, Arroganz zu vermeiden und dabei bestimmt und selbstbewusst aufzutreten: wenn ich zum Beispiel ein Taxi anhalte.

  

Sprachkenntnisse helfen übrigens sehr! Jemand wie der Schreiner Francis (s. "Im Gespräch: Francis"), der über sein Handwerk mit den Menschen kommunizieren kann, braucht das vielleicht weniger, ich aber schon!

 

Du warst im Sommer 2011 zum ersten Mal für längere Zeit in Ägypten. Hatte das etwas mit dem "Arabischen Frühling" zu tun?

 

In gewisser Hinsicht schon. Wir - einige Studierende - wollten damals nach Damaskus, um unsere Arabischkenntnisse zu erweitern. Da war aber in Syrien bereits der Bürgerkrieg am Horizont, und so wichen wir auf Kairo aus. Die Monate in Kairo waren sehr intensiv. Die Ägypter/innen, mit denen ich mich angefreundet hatte, setzten sich voller Hoffnung für die Erneuerung Ägyptens nach dem Sturz von Hosni Mubarak ein. Ich hatte schon von der Schweiz aus die Ereignisse mitverfolgt und war nun mitten in der bewegten Jugend Kairos.

           

Was ist aus diesen Freundschaften geworden?

 

Mit einigen habe ich über alle weiteren Ägyptenbesuche hinweg Kontakt behalten und habe erlebt, wie die grossen Hoffnungen in bittere Enttäuschung gekippt sind. Heute sind viele müde, sie mögen nicht mehr über Politik reden. Wer konnte, hat sich nach Europa abgesetzt, und das sind etliche.

 

Würdest du heute angesichts der krassen Menschenrechtsverletzungen in Ägypten überhaupt noch raten, nach Ägypten zu reisen?

  

Als ich im Sommer 2013 nach dem Militärputsch in Ägypten war, wurden gerade Hunderte von Muslimbrüdern - Männer, Frauen und Kinder - von den Sicherheitskräften umgebracht. Damals fühle ich mich richtig schlecht: Ich konnte ausreisen, andere hatten die Wahl nicht und mussten bleiben. Daraus könnte ich aber keine Verhaltensregel ableiten. Da muss jede und jeder für sich selber entscheiden.

 

Du wirst Inscha'allah deine Master-Arbeit bald beenden. Was kommt dann: eine Dissertation?

 

Kaum. Ich sehe mich nicht ausgesprochen als Theoretikerin. Hoffentlich werde ich nächstes Jahr in einem Feldforschungsprojekt im Nahen Osten mitwirken können, in dem es um syrische Flüchtlinge und ihr Leben in der arabischen Diaspora geht. Danach möchte ich mich in die praktische Arbeit stürzen. Nicht an einem Schreibpult beim Bund, sondern vielleicht bei einer grossen NGO wie dem IKRK oder dann im Bereich Migration und Integration in der Schweiz.

 

Susanne, auf dass deine Wünsche wahr werden - alles Gute auf deinem Weg!

   

 


Bisher erschienen:

Im Gespräch: Mohamed

Im Gespräch: Mo

Im Gespräch: Hoda

Im Gespräch: Francis
 


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