Einfache Wahrheiten

    

Die Hosenträger sind sein Markenzeichen, die Predigt sein Ton: Ibrahim Eissa, der wohl bekannteste ägyptische Fernseh- und Printjournalist. Am 8. Mai sprach Eissa in "al-Qahira wa l-nas" ("Kairo und die Leute") zum Thema Vorurteile gegenüber dem Westen. Eine kleine Schelte an seine Landsleute, und ein Zeichen, dass die Verrohung der politischen Kultur nicht ungebremst fortschreitet.

  

Wie viele ägyptische Persönlichkeiten stammt Ibrahim Eissa aus dem Distrikt Menufia im Nildelta. 1965 geboren, gab er mit 11 Jahren das Magazin "al-Haqiqa" ("Die Wahrheit") heraus, und seither ist er durch die ganze turbulente Geschichte Ägyptens immer zuvorderst an der Medienfront gewesen. Oft laut und kämpferisch, öfter mal von einem Chefsessel vertrieben, dank guten Gespür für das Mögliche aber immer wieder vor der Kamera, immer im Hemd und mit breiten Hosenträgern. Das jetzige Regime hat er zu Beginn vorsichtig unterstützt, heute schweigt er dazu vorsichtig, was auch viel aussagt. Eissa in seiner Lieblingsrolle als säkularer Prediger: Am 8. Mai sprach er in "al-Qahira wa l-nas" ("Kairo und die Leute") einfache Wahrheiten aus: Dem Westen die Schuld an allem geben, das bringt nichts! Natürlich hat der Westen im Nahen Osten einiges Unheil angerichtet, und er tut es noch heute. Aber Ägypten kommt nur aus der Sackgasse, wenn im Osten wie im Westen jeder erst mal die eigene Stube auskehrt. 

 

Kann das der Regierung gefallen? Sicher nicht. Die Regierung ist angewiesen auf nationalistische Borniertheit. Präsident al-Sisi fährt auch oft auf dieser Schiene, wenn er gegenüber seinem Land und dem Ausland immer wieder betont, die gewaltige Repression sei nötig, weil "dunkle Mächte" (aus dem Westen, versteht sich) an der Destabilisierung seines Landes arbeiteten. Aber Ibrahim Eissa ist vorsichtig in seinen Worten, und er ist so populär, dass eine Massnahme gegen ihn die ohnehin angezählte Regierung nur noch weiter diskreditieren würde. So wird er wohl weiter seine einfachen Wahrheiten unters Volk bringen.

 

Das Video: https://www.youtube.com/watch?v=WJtQGHrxAgY&feature=em-subs_digest

 

Empfehlung für alle, die trotz geringen Arabischkenntnissen einige Wörter verstehen wollen: zuerst die deutsche Übersetzung lesen, danach den Film einige Male anschauen (3,5’) und gleichzeitig auf die englischen Untertitel achten.

 

Stellen wir uns die folgende Frage: Sind wir wirklich bereit, unsere schematischen und unredlichen Argumente zu hinterfragen - Argumente, die in der arabischen und ägyptischen Kultur in den vergangenen Jahren immer und immer wieder vorgebracht wurden? 

 

Eines dieser Argumente, die durch islamistische Strömungen - oder genauer: den politischen Islam - in unsere Köpfe gepflanzt wurden: Der Westen ist dem Islam gegenüber feindlich eingestellt! Dabei wissen wir doch, dass im Westen täglich neue Minarette errichtet werden, im Westen leben Millionen von Muslimen, und die Menschen, die vor Bürgerkriegen in ihren Ländern flüchten, auch die Muslime, sie alle drängen westwärts und suchen im Westen Schutz. Und der Westen baut für sie Empfangslager und versorgt sie mit Geld, Essen und Trinken. Er baut Häuser und Schulen für die muslimischen Flüchtlinge. Trotz alledem dominiert in unseren Köpfen das Bild vom feindseligen Westen.

 

Die Idee ist also, dass der Muslim gegen den Westen wehrt, weil dieser ihn bekämpft. Es sind nicht der IS, nicht die Jabhat al-Nusra oder die Muslimbrüder, die dem Islam gegenüber feindlich eingestellt sind, nicht all jene, die unser Land und unser Volk hineinreissen in religiöse Dispute und Sektierertum, die den Graben zwischen Sunniten und Schiiten aufreissen, einen Keil treiben zwischen säkularen und religiösen Menschen, die zu Gewalt und Totschlag aufrufen. Nein, es ist der Westen, der feindselig ist!

 

Der Westen hat natürlich seine eigenen Interessen, die er zu verwirklichen sucht. Der Westen schaut gut zu sich selber. Aber wenn Sie schauen, wie der Westen die muslimischen Mitbürger behandelt… Kürzlich siegte ein britischer Muslim in den Wahlen und wurde Bürgermeister von London, der Hautstadt des Vereinigten Königreichs. Die Londoner Bürger wählten einen muslimischen Kandidaten von der Labour-Partei zum Bürgermeister! Was für ein Gegensatz zu den Einwohnern (der ägyptischen Kleinstadt Qena), die (2011) die Eisenbahnschienen blockierten, weil ein christlicher Gouverneur eingesetzt worden war! Sie wollten keinen christlichen Gouverneur! Es gibt in Ägypten keinen einzigen christlichen Distrikts-Gouverneur! Welches ist nun das gewaltbereite Land, welches respektiert die Glaubensfreiheit? Welche Land schaut auf die Fähigkeiten und nicht auf den Glauben? Wir??? 

 

Das ist genau der Unterschied zwischen einem Scheinstaat und einem echten. Der echte Staat kümmert sich um seine Bürger, er beurteilt sie nach ihren Fähigkeiten, er schaut für Gleichheit, für Gerechtigkeit. Er schaut nicht auf die (islamische) Rechtsschule und die Glaubenszugehörigkeit.

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