Ägypten im Dolendeckel

  

Wer in Deutschland etwas über Ägypten erfahren will, geht üblicherweise ins Ägyptische Museum in Berlin. Man kann auch ganz zufällig auf Ägypten stossen, zum Beispiel wie ich über einen Dolendeckel in Coburg stolpern. Eine Sommerepisode.

  

Ägypten im Dolendeckel

Gerade bin ich von einer Radreise durch Deutschland zurück. Eine Station war Coburg, wo ich vor dem Denkmal von Albert von Sachsen-Coburg und Gotha ein Bier trank, dem Prinzgemahl der Königin Victoria, dessen Dynastie heute in England als Haus Windsor weiterlebt. Beim Spaziergang durch die Stadt fiel mir dann auf, dass auf allen Dolendeckeln ein Schwarzer abgebildet war. Nach etwas Fragen und Recherchieren wusste ich, dass ein Zusammenhang mit Ägypten und mit der Schweiz besteht. 

 

Der Schwarze stellt einen Ägypter dar, Mauritius. Da er aus dem fernen Afrika stammte, verpassten ihm die Künstler gleich ein schwarzes Gesicht, Kraushaar und einen grossen Ohrring. Wahrscheinlich ist alles falsch. Aber das folgende scheint zu stimmen.

 

Mauritius lebte im 3. Jahrhundert in der Region Theben in Oberägypten, das Teil des Römischen Reichs war. Er war wie viele seiner Landsleute Christ, von Beruf Militäroffizier. Als 285 im heutigen Frankreich ein grosser Aufstand ausbrach, bot der römische Kaiser Maximilian auch die kampferprobte Thebaische Legion auf, die unter Mauritius' Kommando in Schiffen, zu Ross und zu Fuss in die heutige Schweiz aufbrach. 

 

Die Abtei Saint-Maurice im Wallis/Schweiz

Dort angekommen, sollten an einem grossen Feldgottesdienst "heidnische" Götter verehrt werden, worauf die christliche Thebaische Legion meuterte. Nach einer anderen Lesart soll die Legion gemeutert haben, weil sie gegen christliche Gegner kämpfen musste. Der Kommandant Mauritius wurde darauf als Rädelsführer enthauptet. In der ebenfalls christlichen Südschweiz erhielt Mauritius ein Grab und eine Kirche und wurde als Märtyrer und Heiliger verehrt. Noch erinnert die Abtei Saint-Maurice im Wallis an Mauritius/Moritz.

 

Wie nun kam Moritz nach Coburg? Im frühen "Heiligen Römischen Reich" in Deutschland (10./11. Jahrhundert) war die Betonung der christlichen Kultur und Geschichte ein wichtiges Element der kollektiven Identität, weshalb man Heilige und Märtyrer "ausgrub" und verehrte. Besonders beliebt war Moritz/Moriz, es enstanden zahlreiche Morizkirchen, auch in Coburg, und das (frei erfundene) Gesicht von Mauritius gelangte auf viele religiöse und weltliche Wappen. 

 

Mauritius ist heute Schutzpatron von Coburg, an Mauern und eben auf den Dolendeckeln zu sehen. 1380 soll der "Coburger Mohr" erstmals auf einer Münze erschienen sein, danach verdrängte er nach und nach den üblichen Meissner Löwen: exotischer, origineller! Nur kurze Zeit, während Coburg stramm nationalsozialistisch war, musste Mauritius sein Amt als Stadtpatron abgeben. 

   

          

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